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Von Wolfgang Runge
Kiel/Lübeck (dpa) - Johannes Brahms
war schon im 19. Jahrhundert ein Star. Die Musikwelt feiert seinen 175.
Geburtstag - und darf dank norddeutscher Wissenschaftler auf eine neue
Gesamtausgabe der Kompositionen hoffen.
Im
letzten Drittel seines Lebens galt der Komponist, Pianist und Dirigent als
führende Persönlichkeit der internationalen Musikszene. Seine Kompositionen
umfassen neben Orchester-, Gesangs-, Kammermusik-, Klavier- und
Orgelmusikwerken auch Chorgesänge, Duette und Klavierlieder.
Johannes Brahms (1833 - 1897) wurde bewundert, verehrt, und mit
Auszeichnungen überschüttet. Dazu gehörten die Ehrendoktorwürde der
Universität Breslau im Jahr 1879 und 1889 die Ehrenbürgerschaft seiner
Geburtsstadt Hamburg. Nach Dirigententätigkeiten in Detmold und Hamburg war
Brahms 1862 nach Wien gezogen. Als er dort 1897 starb, ordnete der Hamburger
Senat nicht nur für die Hansestadt, sondern auch für die Schiffe im Hafen
Halbmast-Beflaggung an.
Wiege der
Brahms-Pflege" liegt in Schleswig-Holstein
Der gebürtige Hamburger Brahms ist auch ein Sohn Schleswig-Holsteins. Das
meinen jedenfalls viele Musikliebhaber im Norden. Er hatte stets Sehnsucht
nach Heide, denn hier wurde sein Vater geboren", sagt der Vorsitzende der in
der Dithmarscher Kreisstadt ansässigen Brahms-Gesellschaft
Schleswig-Holstein, Prof. Eckart Besch. Wir betrachten uns als eine Wiege
der Brahms-Pflege", betont er. Besch verweist auf die internationale
Bedeutung des weltweit einmaligen Brahms-Preises, mit dem seit 1988
alljährlich Künstler gewürdigt werden, die sich um die Pflege Brahms'scher
Musik und seines künstlerischen Erbes verdient gemacht haben".
Das Zentrum deutscher Brahms-Forschung befindet sich in Kiel. Dort ist am
Musikwissenschaftlichen Institut der Christian-Albrechts-Universität die
Forschungsstelle der Johannes Brahms Gesamtausgabe angesiedelt. Da die alte
Brahms-Gesamtausgabe von 1926/27 unvollständig und wissenschaftlich stark
veraltet ist, arbeiten die Kieler Wissenschaftler in Verbindung mit der
Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an einer Neuausgabe.
Lang
verschollene Handschriften in Lübeck
Dazu werden unter anderem die noch vorhandenen handschriftlichen Manuskripte
und historischen Drucke der Notentexte akribisch miteinander verglichen.
Dabei müssen die Experten immer wieder entscheiden, ob es sich bei
Unterschieden um gewollte Änderungen des Komponisten handelt. Auch die
zeitliche Einordnung der zumeist undatierten Briefe bereitete manche Mühe.
Hilfe bekommen die Kieler Wissenschaftler aus Lübeck. Dort wurde an der
Musikhochschule 1990 mit dem Kauf der weltweit größten privaten Brahms-Sammlung
das Brahms-Institut gegründet. Seitdem wurden die Bestände durch Ankäufe und
Schenkungen von Handschriften, Stichvorlagen, Erst- und Frühdrucken immer
weiter vermehrt. Darunter sind auch das einzige erhaltene Autograph (eigenhändige
Niederschrift des Komponisten) der Brahms-Motette "Es ist das Heil uns
kommen her" (Opus 29, Nr. 1), und das lange verschollen geglaubte Autograph
des Liedes Liebesglut" (Opus 47, Nr. 2).
Heute besitzt Lübeck die weltweit größte Sammlung an Erst- und Frühdrucken
der Werke von Johannes Brahms sowie rund 700 zeitgenössische Fotografien,
Zeichnungen und Gemälde. In den Archiven lagert auch ein großer Teil von
Brahms' persönlicher Fotosamm-lung. Dazu kommen zahllose Pro-grammzettel zu
wichtigen Ur-, Erst- und Folgeaufführungen, die meist aus dem unmittelbaren
Nachlass von Johannes Brahms stammen. |