|
Von Jens Albes
Mainz
(dpa) - Verblüfft blicken Passanten und Touristen nach oben. Näher, immer
näher kommt der infernalisch laute Hubschrauber. In nur 12 bis 15 Meter
Entfernung umkreist er die Westtürme des Mainzer Domes, immer wieder,
stundenlang. Eine Spezialkamera fertigt 250 Aufnahmen als Grundlage für
exakte Messpläne. Die Dokumentation des Zustandes jedes einzelnen Steines in
diesem Juni ist Bestandteil der 2001 begonnenen großen Dom-Sanierung. 25
Millionen Euro will die katholische Kirche investieren. Zugleich steht schon
nächstes Jahr ein Jubiläum an: 2009 feiert die Kirche die Fertigstellung des
Domes vor 1000 Jahren.
Danach geht die Sanierung weiter. Eigentlich ist es eine ewige Baustelle im
Herzen von Mainz: Wenn wir vielleicht in 20 Jahren fertig sind, müssen wir
wieder von vorne anfangen", sagt Dom-Dekan Heinz Heckwolf. Für eine
Komplettrenovierung binnen weniger Jahre wären die Ausmaße des Domes mit
einem Jahrtausend Baugeschichte und sechs Türmen zu gewaltig: Er ist so lang
wie ein Fußballfeld und so hoch wie ein Mammutbaum.
Das einstige geistige und politische Zentrum des größten Erzbistums des
Abendlandes hat seit den 1970er Jahren wieder wie im Mittelalter eine eigene
Dombauhütte. Mehr als 20 Handwerker kümmern sich hier um die Erhaltung des
Doms und anderer Kirchen des Bistums Mainz.
Den Dom kennen sie in- und auswendig. Wenn man weiß, wie viel Arbeit in den
jahrhundertealten Steinen steckt, ist schon Ehrfurcht da", sagt der junge
Steinmetz Tobias Janz. Die Steinbearbeitung hat sich wenig geändert: Wir
haben zwar heute moderne Hilfsmittel wie Trennschneider und Sägen, aber
Hauptwerkzeuge sind immer noch Hammer und Meißel wie im Mittelalter." Auch
die Maler der Dom-Hütte verwenden wieder selbst gefertigte Kalkfarben. Die
Schreiner versuchen ebenfalls, das Holz so wie früher zu bearbeiten.
Zu
sanieren und umzubauen gab es in der wechselvollen Jahrtausendgeschichte des
Domes immer etwas. Die Historiker berichten von Beschießungen und
Bombardements, von Feuer und Blitzschlag und auch von der Nutzung als Stall
und Soldatenlazarett.
Im
18. und 19. Jahrhundert verwendeten die Baumeister auch brüchige Steine an
teils falschen Stellen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwiesen sich die
Fundament-Eichenpfähle im Untergrund als morsch: 1925 wurde der Dom aus
Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen. Ein Einsturz kann nur knapp
abgewendet werden", heißt es in einer Broschüre über die Dombauhütte. Im
Zweiten Weltkrieg fielen Bomben auf die Bischofskirche. Sie bekam ein
Notdach. Durch die glaslosen Fensteröffnungen wehte Schnee. Der Wiederaufbau
zog sich lange hin. Schon in den 70er Jahren stellten Experten erneut
erhebliche Schäden im Ostbau fest - wieder kam es zu einer umfassenden
Renovierung.
In
der jetzigen dritten langen Sanierungsphase nach dem Zweiten Weltkrieg hat
die Dombauhütte unter anderem die Arbeiten am Ostflügel abgeschlossen.
Spektakulär war die Sanierung des mittleren Vierungsturms", berichtet Dom-Dekan
Heckwolf. Er wurde nicht eingerüstet, sondern es kam eine Spezialfirma mit
Bergsteigerausrüstung." Saniert wurden auch schon der nördliche sogenannte
Obergaden sowie mit Moselschiefer die Dächer des südlichen Langhauses und
des Querriegels.
Derzeit eingerüstet ist das nördliche Querhaus. Da hat die Bauforschung
entdeckt, dass die Säulen ursprünglich auch aus schwarzem Schiefer waren.
Die werden jetzt wieder genauso gefertigt", erklärt Heckwolf. Die Forscher
machten zudem einen Steinbruch zwischen dem nahen Oppenheim und Nierstein
als Ursprungsort für die Kalksteinquader des Domes aus: Da dürfen wir jetzt
wieder abbauen", sagt der Domdekan. In den kommenden Jahren geht die
Sanierung am Langhaus und am Westbau weiter.
Auch innen wird sie fortgesetzt. Schon erneuert worden ist zum Beispiel die
Heizung", berichtet Heckwolf. Sie funktioniert mit Fernwärme und ist
computergesteuert." Dabei geht es weniger um die Jahreszeiten als vielmehr
um die Feuchtigkeit: Wird es im Sommer feucht, springt die Heizung
automatisch an, ist es im Winter trocken, geht sie aus. Da habe ich schon
viele böse Briefe von Besuchern bekommen, die das nicht verstehen." |