03 December, 2008

153rd YEAR - THE AMERICAN NEWSPAPER WRITTEN IN THE GERMAN LANGUAGE

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Aus der Welt der Mennoniten

Mitglieder der Wirtschaftsabteilung des 45. russischen Artillerieregiments, zum Teil Mennoniten. Gerhard Penner in der fünften Reihe von oben, ganz links. Aufgenommen in Kiew im Mai 1926. Alle Bilder Privatfotos.

von Ernst Mettendorf

Von allen Tätigkeiten, mit denen man sich im Laufe seines Lebens beschäftigt, bleiben oft solche am besten in Erinnerung, wo nur wenig Geld verdient wird, dafür aber bleibende Lebenserfahrungen erworben werden. Für mich war es 1951 mein beinahe erster Job nach der Ankunft in Kanada beim alten "Nordwesten". Diese Zeitung wurde im ganzen Lande gelesen und war damals Kanadas älteste deutsche Wochenzeitung. Ein Jahresabonnement kostete zu dieser Zeit vier kanadische Dollar. Eine ganze Anzahl von jungen Leuten arbeitete für den Nordwesten, wodurch das Blatt zu neuem Leben erweckt wurde. Es kam hauptsächlich darauf an, neue Leser zu werben. Weil ich später noch ein deutsches Radioprogramm betrieb, so gelang es mir recht schnell, etwa 500 neue Abonnenten zu finden. Es können auch 800 gewesen sein. Gezählt habe ich diese nicht. Besonders für Familien mit schulpflichtigen Kindern war es beinahe selbstverständlich, dass sie eine der deutschsprachigen Zeitungen abonnierten.

Unter den Deutschen die schon lange vor dem Kriege nach Kanada gekommen waren, trafen wir hauptsächlich auf die Mennoniten. Diese interessierten sich ebenfalls für den Nordwesten, abonnierten aber meistens die Mennonitische Post. Nach der gängigen Ansicht galt diese noch heute bestehende Zeitung als Kirchenblatt. Wer aber durch die Seiten blätterte, musste annehmen, die Mennoniten seien ein Volk von Abenteurern und Weltreisenden. Die Leserbriefe kamen aus Saskatchewan, Manitoba, den USA, Südamerika und Mexiko. Viele der Schreiber waren ältere Leute, die aus den weit entfernten mennonitischen Kolonien zurückgekommen waren und nun Briefe schrieben, damit ihre damaligen Nachbarn von ihnen hören. So schrieben zum Beispiel Peter und Elisabeth Neustädter in Seminole (Texas) per Leserbrief an die Schwester Margarete Friesen in Paraguay und Abraham und Maria Friesen in der Kolonie Del Norte" in Bolivien: Wir sehnen uns nach Euch allen dort in so weiter Ferne. Auch Klaas und Katharina Neufeld in Yacuiba (Bolivien) geht es gut, wie geht es Euch?"

Aus der Kolonie Sommerfeld in Paraguay schrieb Anna Thiessen: Jetzt im März fängt hier der [südamerikanische] Herbst an. Die Tage werden kürzer und danach lässt die Hitze etwas nach. Es ist nun Dreschzeit und auch wir sind sehr beschäftigt. Wir sind dankbar für diese Ernte, trotzdem es im ganzen Lande keine Dankbarkeit gibt, denn das Volk ist unruhig." Aus Belize (Britisch Honduras) kamen meistens schlechte Nachrichten. Haben nur wenig Regen gehabt", schrieb Gerhard Koop. Die Weiden sind braun und die Wasserbehälter werden leer. Die Siedler haben Flusswasser auf ihr Land geleitet, um zumindest die Obstbäume und den Garten zu bewässern. Manche Wohnhäuser werden bei uns auf Pfähle gebaut. Dadurch hat man Platz unter dem Haus, wo Fahrzeuge aufgestellt werden. Frau Rempel hatte diesen Raum benutzt, um Nähunterricht zu erteilen. Während ein Bauer seine Herde vorbei trieb, gelangte eine der Kühe in den Kreis der Frauen und verursachte einige Aufregung."

Isaak Wieler beschrieb seine Farm in der Kolonie El Tinto" in Bolivien. Er meinte, seine Verwandten könnten ihn ruhig einmal besuchen: Mit der Bahn sind es nur vier Stunden, aber einen gesunden Körper muss man dafür mitbringen. Der Zug schaukelt so sehr, dass man von einer Seite zur anderen geworfen wird, je nachdem wie die Schienen liegen." Isaak Hildebrandt aus der Kolonie Bergthal in Paraguay berichtete, dass gerade Soja gedroschen wird: Von einem Hektar bekommt man 2500 bis 3000 Kilo und an einigen Stellen noch mehr. Es wird diese Bauern wieder etwas aus ihren Schulden helfen."

Aus der Kolonie El Temporal" auf der Yucatán- Halbinsel schrieb Johann Neufeld: Das Wetter ist morgens angenehm kühl. Am Nachmittag wird es drückend heiß, so dass das Thermometer wieder auf 42 Grad Celsius steigt. Gegen Abend wird es trübe und blau von dem Rauch der Feuer, mit denen man den Wald rodet." Heinrich Penner berichtete aus Spanish Lookout (Belize): Es ist jetzt 42 Jahre her, als wir von Chihuahua hierher gekommen sind. Wir waren elf Tage unterwegs. Wo wir damals mit der Machete eine Linie durch den Urwald geschlagen hatten, ist heute Asphalt mit dem Schild 55 mph."

Es war auch im damaligen Kanada nichts ungewöhnliches, wenn uns die Mennoniten über ihre Erlebnisse in Paraguay, Argentinien oder Mexiko erzählten und beim nächsten Zusammentreffen von ihrer russischen Geburtsheimat sprachen. Als sie 1916 in ihren kanadischen Schulen nicht mehr deutsch sprechen durften, hatten viele von ihnen Manitoba verlassen und waren nach Mexiko und Südamerika gegangen. (Über diese Umsiedlung

der Mennoniten nach Mexiko siehe auch Wochenpost vom 11. Juni 2005.)

Die Mennoniten sprechen und schreiben recht gut Deutsch, halten sich aber wenig an Grammatik und Orthographie. Manche Gemeinden lehnen Elektrizität ab, andere nur Radio und TV. Auch Computer kommen nicht in Frage, aber in den Schulen mancher Gemeinden sieht man sie schon. Als die La Salle- Universität in Chihuahua kürzlich ein Symposium der protestantischen Bekenntnisse abhielt, war dazu auch ein mennonitischer Prediger eingeladen. Er hatte seinen Vortrag mit einer manuellen Schreibmaschine geschrieben, wo der Buchstabe B" fehlte. Diesen hatte er nachträglich mit Tinte eingesetzt.

Weil die Nachrichtenübermittlung aus Deutschland in den fünfziger Jahren nur langsam voran kam, so bediente sich der Nordwesten hauptsächlich aus dem Vorkriegsarchiv. Dazu wurden kleine lokale Geschichten geschrieben, wenn man solche finden konnte. Als beste Geschichtenerzähler erwiesen sich die Mennoniten. Jakob Knelsen und Gerhard Penner waren lange vor dem Kriege eingewandert und nannten sich Deutsch-Mennoniten, trotzdem sie niemals in ihrem Leben deutschen Boden betreten hatten. Weil englisch orientierte Zungen die Buchstaben Kn" am Wortanfang nicht hintereinander aussprechen können, wurde Knelsen meistens Mr. Nelsen" genannt, aber niemals ohne seinen Einspruch. Knelsen", verbesserte er dann, nicht Nelsen und auch nicht Kanelsen".

Josef Friesen kam aus Brasilien und ihn habe ich später wieder getroffen, wo wir beide als Werkzeugmacher gearbeitet haben. Friesen hatte in Brasilien seine eigene Werkstatt betrieben und trug während der Arbeit stets eine Krawatte, auch bei der größten Hitze. Er erklärte uns, dass man sich in Südamerika überhaupt nicht ohne Schlips in der Öffentlichkeit sehen lässt. Wäre er in Brasilien in Arbeitskleidung zur Bank gegangen, so sagte er, hätte er wahrscheinlich kein Konto eröffnen können. Überhaupt sollte man es dort vermeiden, selbst körperliche Arbeit zu verrichten, weil Arbeitskräfte für wenig Geld beschäftigt werden können. Nur als Unternehmer und Dienstherr lässt sich dort ein geregeltes Auskommen finanzieren, so erklärte er.

Der beste Geschichtenerzähler von allen war Gerhard Penner. Er hatte von 1924 bis 1926 in der Roten Armee dienen müssen und konnte uns viel darüber erzählen. Immer wieder rieten ihm seine Zuhörer, diese Erinnerungen niederzuschreiben. Als er wirklich ein solches Buch von 112 Seiten zustande brachte, war es bereits 1975 und ich hatte Kanada längst verlassen, doch war ich brieflich noch immer mit ihm in Verbindung. Penner gehörte zum Geburtsjahrgang 1902. Er war einer von hundert Mennoniten, die 1924 nach Kiew zur Roten Armee eingezogen wurden. Am 22. Oktober musste er sich in der Kreisstadt Cherson zum Dienstantritt melden. Von dort ging es mit Fuhrwerken zum Bahnhof und weiter im geschlossenen Viehwagen nach Kiew. In der Mitte des Waggons stand ein winziger eiserner Ofen. Schnee lag schon auf den Geleisen und der zugeteilte kleine Haufen Kohle reichte nicht ganz für die dreitägige Fahrt.

Bei der Ankunft regnete es. Fuhrwerke des Regiments transportierten die Koffer der Rekruten, während sie selber über die morastigen Straßen zur Kaserne marschierten. Manche hatten nur Holzpantoffeln an den Füßen, die dann und wann im Dreck stecken blieben. Ein Unteroffizier holte diese Männer mit den Schlorren" heraus und placierte sie an das Ende der Kolonne, woraufhin es etwas zügiger voranging. Nach Ankunft auf dem Kasernenhof erfolgte im strömendem Regen der Empfang mit der Glorifizierung der siegreichen Roten Armee. Mit ihren Koffern gingen sie zu den angewiesenen Wohnräumen und anschließend zum Essen. Es war eine faulriechende Gemüsesuppe von gelben Rüben, sauren Gurken und Bohnen, die sie hier löffelten. Das 134. Infanterie- Regiment der 45. Wolynischen Division, bei der sie sich befanden, war schlecht ausgerüstet. Während der Revolution hatte die Bevölkerung die Kasernen ausgeplündert. Alle Möbel einschließlich der Betten waren verschwunden. Geschlafen wurde darum auf rohen Holzpritschen mit je zwei Mann auf einer solchen Liege. Penners Bettgefährte war ein Russe, von dem er sofort mit Läusen und Wanzen verseucht wurde.

Mennoniten waren vom Dienst mit der Waffe befreit. Sie hatten darüber eine Bescheinigung ihres zuständigen Volksgerichts, doch immer wieder versuchte man, sie zum Waffendienst zu überreden oder als Feiglinge zu verhöhnen. Gerhard Penner wurde mit noch zwei anderen Mennoniten zur Regimentsschule geschickt. Dorthin kamen solche Leute, die ihre Volksschule beendet" hatten und darum Unterführer werden konnten. Nach endlosen Versuchen, sie mit einem Gewehr auszurüsten, schickte man Penner und noch 37 andere Glaubensbrüder zum Militärhospital als Krankenpfleger. Vor dem Abmarsch dorthin mussten sie zuerst die Uniformen, Schuhe und Ausrüstungsgegenstände abgeben. Die Bevölkerung betrachtete darum den in Zivil und zum Teil in Holzpantoffeln abrückenden Zug als Sträflingskolonne, denn die Bürger von Kiew trugen ordentliche Schuhe an den Füßen.

Das erste im Hospital war ein heißes Dampfbad, wo auch die Kleidungsstücke zur Entlausung abgegeben

wurden. Im Gegensatz zur vorherigen Unterkunft hatte Penner nun ein richtiges Bett. Auch das Essen war bedeutend besser. Mit einem anderen Mennoniten, Jakob Reimer, wurde er als Gehilfe zur Apotheke geschickt. Dort hatten sie immer genügend heißes Wasser und Seife, so dass sie regelmäßig ihre Wäsche waschen konnten und frei von Läusen blieben. Fünfmal in der Woche gab es politischen Unterricht durch den Politruk oder Kommissar, doch sonst waren sie mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie wurden sogar belobigt von den Apothekern und Ärzten. Inzwischen gab es genügend Neider, die ihnen diese Stellung nicht gönnten. Wieder kam der Befehl zur Versetzung und zur Abgabe der Uniformen. Jetzt im März war es eigentlich zu kalt, um in der dünnen Zivilkleidung zu marschieren. Die Leute mit den Holzpantoffeln fragten, ob sie zumindest ihre Schuhe behalten dürften, aber das wurde auf der Bekleidungskammer von dem Starschina (Feldwebel) abgelehnt.

Beim Stab der Division stritten sich die Vertreter der Regimenter, weil niemand die Mennoniten haben wollte. Nur Fritz Ferdinand Friedrich, der deutschstämmige Kommandeur des 45. Artillerieregiments sagte: "Gebt mir diese Mennoniten. Ich werde schon mit ihnen fertig werden." Als sie bei seinem Regiment eintrafen, hielt ihnen der Stellvertreter eine recht unfreundliche Begrüßungsansprache. Man habe schon gehört, was für ein unkultiviertes und religiöses Volk die Mennoniten seien, sagte er, aber hier würden jetzt andere Menschen aus ihnen gemacht. Als Penner mit einigen seiner Glaubensbrüder zum Depot geschickt wurde, um dort Kanonen zu reinigen, verweigerten sie diese Arbeit und erklärten dem Kommandanten warum. Als Ersatz mussten sie nun die Werkstatt ausfegen.

Gerhard Penner erhielt nach einigen Tagen seine Funktion als Fuhrmann und musste täglich das Futter für die 240 Pferde der Batterien heranschaffen. Hiermit beschäftigte er sich bis zum Ende seiner zweijährigen Dienstzeit. Politischer Unterricht wurde auch hier bei der Artillerie regelmäßig erteilt. Immer wieder erklärte ihnen der Politruk, dass Religion Unsinn sei und versuchte, sie für den Waffendienst zu gewinnen. Er erklärte ihnen die Organisation MOPR, die regelmäßig unter den Soldaten Geld sammelte, um den Kommunismus auf der Welt zu verbreiten. Penner erinnerte sich daran, wie er sagte: Ich möchte gern noch die Tage erleben, wenn unsere Armee in Amerika einmarschiert und die Rotarmisten ihre Wollust an den amerikanischen Frauen ausüben."

Im Sommer 1926 erhielt Penner von seinem Vater ein Telegramm. Er bat ihn, zu einem Abschiedsbesuch nach Hause zu kommen, weil alle Familienmitglieder einschließlich der Geschwister die Erlaubnis zum Auswandern nach Kanada bekommen hatten. Nach mehreren Versuchen erhielt er endlich die Gelegenheit, dem Regimentskommandeur Fritz Friedrich seine Bitte für einen kurzen Urlaub vorzutragen. Dieser willigte nicht nur ein, sondern gab ihm den Rat, auch selber nach Ablauf der Dienstzeit nach Kanada zu gehen. Wenn Du dort angekommen bist, so schreibe mir bitte einen Brief", sagte er. Am 14. Oktober 1926 erfolgte die Entlassung und zwei Jahre später reiste er mit seiner Familie nach Kanada. Den Brief an den Genossen Regimentskommandeur hat er nicht geschrieben, um ihm keine Schwierigkeiten zu machen. Fritz Friedrich war immer der Schutzengel der Mennoniten gewesen, wie er meinte. Von seinen mennonitischen Kameraden sind außer ihm noch sechs andere nach Kanada ausgewandert. Von denen die in Russland zurückgeblieben sind, starben die meisten während des zweiten Weltkriegs in der sibirischen Verbannung.

Der Lehrer Peter Rempel vor der Schultafel in Rosenthal, El Capulín (Chihuahua, Mexiko). Noch immer gilt hier die Sütterlin-Handschrift. Foto von Februar 2000.

Gerhard Penner, der beste Geschichtenerzähler. Penner hatte von 1924 bis 1926 in der Roten Armee gedient. Foto von 1974.

Eine Schulklasse in der Kolonie Chavi in Campeche (Yucatán Halbinsel), Privatfoto von Januar 2000.

Die Mädchenklasse der Kolonie Chavi mit ihrem Lehrer Jacob W. Dyck

 

 

Last modified on:05/19/2008

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