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von Ernst Mettendorf
Von allen Tätigkeiten, mit denen man sich im Laufe seines Lebens beschäftigt,
bleiben oft solche am besten in Erinnerung, wo nur wenig Geld verdient wird,
dafür aber bleibende Lebenserfahrungen erworben werden. Für mich war es 1951
mein beinahe erster Job nach der Ankunft in Kanada beim alten "Nordwesten".
Diese Zeitung wurde im ganzen Lande gelesen und war damals Kanadas älteste
deutsche Wochenzeitung. Ein Jahresabonnement kostete zu dieser Zeit vier
kanadische Dollar. Eine ganze Anzahl von jungen Leuten arbeitete für den
Nordwesten, wodurch das Blatt zu neuem Leben erweckt wurde. Es kam
hauptsächlich darauf an, neue Leser zu werben. Weil ich später noch ein
deutsches Radioprogramm betrieb, so gelang es mir recht schnell, etwa 500
neue Abonnenten zu finden. Es können auch 800 gewesen sein. Gezählt habe ich
diese nicht. Besonders für Familien mit schulpflichtigen Kindern war es
beinahe selbstverständlich, dass sie eine der deutschsprachigen Zeitungen
abonnierten.
Unter den Deutschen die schon lange vor dem Kriege nach Kanada gekommen
waren, trafen wir hauptsächlich auf die Mennoniten. Diese interessierten
sich ebenfalls für den Nordwesten, abonnierten aber meistens die
Mennonitische Post. Nach der gängigen Ansicht galt diese noch heute
bestehende Zeitung als Kirchenblatt. Wer aber durch die Seiten blätterte,
musste annehmen, die Mennoniten seien ein Volk von Abenteurern und
Weltreisenden. Die Leserbriefe kamen aus Saskatchewan, Manitoba, den USA,
Südamerika und Mexiko. Viele der Schreiber waren ältere Leute, die aus den
weit entfernten mennonitischen Kolonien zurückgekommen waren und nun Briefe
schrieben, damit ihre damaligen Nachbarn von ihnen hören. So schrieben zum
Beispiel Peter und Elisabeth Neustädter in Seminole (Texas) per Leserbrief
an die Schwester Margarete Friesen in Paraguay und Abraham und Maria Friesen
in der Kolonie Del Norte" in Bolivien: Wir sehnen uns nach Euch allen dort
in so weiter Ferne. Auch Klaas und Katharina Neufeld in Yacuiba (Bolivien)
geht es gut, wie geht es Euch?"
Aus der Kolonie Sommerfeld in Paraguay schrieb Anna Thiessen: Jetzt im März
fängt hier der [südamerikanische] Herbst an. Die Tage werden kürzer und
danach lässt die Hitze etwas nach. Es ist nun Dreschzeit und auch wir sind
sehr beschäftigt. Wir sind dankbar für diese Ernte, trotzdem es im ganzen
Lande keine Dankbarkeit gibt, denn das Volk ist unruhig." Aus Belize (Britisch
Honduras) kamen meistens schlechte Nachrichten. Haben nur wenig Regen gehabt",
schrieb Gerhard Koop. Die Weiden sind braun und die Wasserbehälter werden
leer. Die Siedler haben Flusswasser auf ihr Land geleitet, um zumindest die
Obstbäume und den Garten zu bewässern. Manche Wohnhäuser werden bei uns auf
Pfähle gebaut. Dadurch hat man Platz unter dem Haus, wo Fahrzeuge
aufgestellt werden. Frau Rempel hatte diesen Raum benutzt, um Nähunterricht
zu erteilen. Während ein Bauer seine Herde vorbei trieb, gelangte eine der
Kühe in den Kreis der Frauen und verursachte einige Aufregung."
Isaak Wieler beschrieb seine Farm in der Kolonie El Tinto" in Bolivien. Er
meinte, seine Verwandten könnten ihn ruhig einmal besuchen: Mit der Bahn
sind es nur vier Stunden, aber einen gesunden Körper muss man dafür
mitbringen. Der Zug schaukelt so sehr, dass man von einer Seite zur anderen
geworfen wird, je nachdem wie die Schienen liegen." Isaak Hildebrandt aus
der Kolonie Bergthal in Paraguay berichtete, dass gerade Soja gedroschen
wird: Von einem Hektar bekommt man 2500 bis 3000 Kilo und an einigen Stellen
noch mehr. Es wird diese Bauern wieder etwas aus ihren Schulden helfen."
Aus der Kolonie El Temporal" auf der Yucatán- Halbinsel schrieb Johann
Neufeld: Das Wetter ist morgens angenehm kühl. Am Nachmittag wird es
drückend heiß, so dass das Thermometer wieder auf 42 Grad Celsius steigt.
Gegen Abend wird es trübe und blau von dem Rauch der Feuer, mit denen man
den Wald rodet." Heinrich Penner berichtete aus Spanish Lookout (Belize): Es
ist jetzt 42 Jahre her, als wir von Chihuahua hierher gekommen sind. Wir
waren elf Tage unterwegs. Wo wir damals mit der Machete eine Linie durch den
Urwald geschlagen hatten, ist heute Asphalt mit dem Schild 55 mph."
Es
war auch im damaligen Kanada nichts ungewöhnliches, wenn uns die Mennoniten
über ihre Erlebnisse in Paraguay, Argentinien oder Mexiko erzählten und beim
nächsten Zusammentreffen von ihrer russischen Geburtsheimat sprachen. Als
sie 1916 in ihren kanadischen Schulen nicht mehr deutsch sprechen durften,
hatten viele von ihnen Manitoba verlassen und waren nach Mexiko und
Südamerika gegangen. (Über diese Umsiedlung
der Mennoniten nach Mexiko siehe auch Wochenpost vom 11. Juni 2005.)
Die Mennoniten sprechen und schreiben recht gut Deutsch, halten sich aber
wenig an Grammatik und Orthographie. Manche Gemeinden lehnen Elektrizität ab,
andere nur Radio und TV. Auch Computer kommen nicht in Frage, aber in den
Schulen mancher Gemeinden sieht man sie schon. Als die La Salle- Universität
in Chihuahua kürzlich ein Symposium der protestantischen Bekenntnisse
abhielt, war dazu auch ein mennonitischer Prediger eingeladen. Er hatte
seinen Vortrag mit einer manuellen Schreibmaschine geschrieben, wo der
Buchstabe B" fehlte. Diesen hatte er nachträglich mit Tinte eingesetzt.
Weil die Nachrichtenübermittlung aus Deutschland in den fünfziger Jahren nur
langsam voran kam, so bediente sich der Nordwesten hauptsächlich aus dem
Vorkriegsarchiv. Dazu wurden kleine lokale Geschichten geschrieben, wenn man
solche finden konnte. Als beste Geschichtenerzähler erwiesen sich die
Mennoniten. Jakob Knelsen und Gerhard Penner waren lange vor dem Kriege
eingewandert und nannten sich Deutsch-Mennoniten, trotzdem sie niemals in
ihrem Leben deutschen Boden betreten hatten. Weil englisch orientierte
Zungen die Buchstaben Kn" am Wortanfang nicht hintereinander aussprechen
können, wurde Knelsen meistens Mr. Nelsen" genannt, aber niemals ohne seinen
Einspruch. Knelsen", verbesserte er dann, nicht Nelsen und auch nicht
Kanelsen".
Josef Friesen kam aus Brasilien und ihn habe ich später wieder getroffen, wo
wir beide als Werkzeugmacher gearbeitet haben. Friesen hatte in Brasilien
seine eigene Werkstatt betrieben und trug während der Arbeit stets eine
Krawatte, auch bei der größten Hitze. Er erklärte uns, dass man sich in
Südamerika überhaupt nicht ohne Schlips in der Öffentlichkeit sehen lässt.
Wäre er in Brasilien in Arbeitskleidung zur Bank gegangen, so sagte er,
hätte er wahrscheinlich kein Konto eröffnen können. Überhaupt sollte man es
dort vermeiden, selbst körperliche Arbeit zu verrichten, weil Arbeitskräfte
für wenig Geld beschäftigt werden können. Nur als Unternehmer und Dienstherr
lässt sich dort ein geregeltes Auskommen finanzieren, so erklärte er.
Der beste Geschichtenerzähler von allen war Gerhard Penner. Er hatte von
1924 bis 1926 in der Roten Armee dienen müssen und konnte uns viel darüber
erzählen. Immer wieder rieten ihm seine Zuhörer, diese Erinnerungen
niederzuschreiben. Als er wirklich ein solches Buch von 112 Seiten zustande
brachte, war es bereits 1975 und ich hatte Kanada längst verlassen, doch war
ich brieflich noch immer mit ihm in Verbindung. Penner gehörte zum
Geburtsjahrgang 1902. Er war einer von hundert Mennoniten, die 1924 nach
Kiew zur Roten Armee eingezogen wurden. Am 22. Oktober musste er sich in der
Kreisstadt Cherson zum Dienstantritt melden. Von dort ging es mit Fuhrwerken
zum Bahnhof und weiter im geschlossenen Viehwagen nach Kiew. In der Mitte
des Waggons stand ein winziger eiserner Ofen. Schnee lag schon auf den
Geleisen und der zugeteilte kleine Haufen Kohle reichte nicht ganz für die
dreitägige Fahrt.
Bei der Ankunft regnete es. Fuhrwerke des Regiments transportierten die
Koffer der Rekruten, während sie selber über die morastigen Straßen zur
Kaserne marschierten. Manche hatten nur Holzpantoffeln an den Füßen, die
dann und wann im Dreck stecken blieben. Ein Unteroffizier holte diese Männer
mit den Schlorren" heraus und placierte sie an das Ende der Kolonne,
woraufhin es etwas zügiger voranging. Nach Ankunft auf dem Kasernenhof
erfolgte im strömendem Regen der Empfang mit der Glorifizierung der
siegreichen Roten Armee. Mit ihren Koffern gingen sie zu den angewiesenen
Wohnräumen und anschließend zum Essen. Es war eine faulriechende Gemüsesuppe
von gelben Rüben, sauren Gurken und Bohnen, die sie hier löffelten. Das 134.
Infanterie- Regiment der 45. Wolynischen Division, bei der sie sich befanden,
war schlecht ausgerüstet. Während der Revolution hatte die Bevölkerung die
Kasernen ausgeplündert. Alle Möbel einschließlich der Betten waren
verschwunden. Geschlafen wurde darum auf rohen Holzpritschen mit je zwei
Mann auf einer solchen Liege. Penners Bettgefährte war ein Russe, von dem er
sofort mit Läusen und Wanzen verseucht wurde.
Mennoniten waren vom Dienst mit der Waffe befreit. Sie hatten darüber eine
Bescheinigung ihres zuständigen Volksgerichts, doch immer wieder versuchte
man, sie zum Waffendienst zu überreden oder als Feiglinge zu verhöhnen.
Gerhard Penner wurde mit noch zwei anderen Mennoniten zur Regimentsschule
geschickt. Dorthin kamen solche Leute, die ihre Volksschule beendet" hatten
und darum Unterführer werden konnten. Nach endlosen Versuchen, sie mit einem
Gewehr auszurüsten, schickte man Penner und noch 37 andere Glaubensbrüder
zum Militärhospital als Krankenpfleger. Vor dem Abmarsch dorthin mussten sie
zuerst die Uniformen, Schuhe und Ausrüstungsgegenstände abgeben. Die
Bevölkerung betrachtete darum den in Zivil und zum Teil in Holzpantoffeln
abrückenden Zug als Sträflingskolonne, denn die Bürger von Kiew trugen
ordentliche Schuhe an den Füßen.
Das erste im Hospital war ein heißes Dampfbad, wo auch die Kleidungsstücke
zur Entlausung abgegeben
wurden. Im Gegensatz zur vorherigen Unterkunft hatte Penner nun ein
richtiges Bett. Auch das Essen war bedeutend besser. Mit einem anderen
Mennoniten, Jakob Reimer, wurde er als Gehilfe zur Apotheke geschickt. Dort
hatten sie immer genügend heißes Wasser und Seife, so dass sie regelmäßig
ihre Wäsche waschen konnten und frei von Läusen blieben. Fünfmal in der
Woche gab es politischen Unterricht durch den Politruk oder Kommissar, doch
sonst waren sie mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie wurden sogar belobigt von
den Apothekern und Ärzten. Inzwischen gab es genügend Neider, die ihnen
diese Stellung nicht gönnten. Wieder kam der Befehl zur Versetzung und zur
Abgabe der Uniformen. Jetzt im März war es eigentlich zu kalt, um in der
dünnen Zivilkleidung zu marschieren. Die Leute mit den Holzpantoffeln
fragten, ob sie zumindest ihre Schuhe behalten dürften, aber das wurde auf
der Bekleidungskammer von dem Starschina (Feldwebel) abgelehnt.
Beim Stab der Division stritten sich die Vertreter der Regimenter, weil
niemand die Mennoniten haben wollte. Nur Fritz Ferdinand Friedrich, der
deutschstämmige Kommandeur des 45. Artillerieregiments sagte: "Gebt mir
diese Mennoniten. Ich werde schon mit ihnen fertig werden." Als sie bei
seinem Regiment eintrafen, hielt ihnen der Stellvertreter eine recht
unfreundliche Begrüßungsansprache. Man habe schon gehört, was für ein
unkultiviertes und religiöses Volk die Mennoniten seien, sagte er, aber hier
würden jetzt andere Menschen aus ihnen gemacht. Als Penner mit einigen
seiner Glaubensbrüder zum Depot geschickt wurde, um dort Kanonen zu reinigen,
verweigerten sie diese Arbeit und erklärten dem Kommandanten warum. Als
Ersatz mussten sie nun die Werkstatt ausfegen.
Gerhard Penner erhielt nach einigen Tagen seine Funktion als Fuhrmann und
musste täglich das Futter für die 240 Pferde der Batterien heranschaffen.
Hiermit beschäftigte er sich bis zum Ende seiner zweijährigen Dienstzeit.
Politischer Unterricht wurde auch hier bei der Artillerie regelmäßig erteilt.
Immer wieder erklärte ihnen der Politruk, dass Religion Unsinn sei und
versuchte, sie für den Waffendienst zu gewinnen. Er erklärte ihnen die
Organisation MOPR, die regelmäßig unter den Soldaten Geld sammelte, um den
Kommunismus auf der Welt zu verbreiten. Penner erinnerte sich daran, wie er
sagte: Ich möchte gern noch die Tage erleben, wenn unsere Armee in Amerika
einmarschiert und die Rotarmisten ihre Wollust an den amerikanischen Frauen
ausüben."
Im
Sommer 1926 erhielt Penner von seinem Vater ein Telegramm. Er bat ihn, zu
einem Abschiedsbesuch nach Hause zu kommen, weil alle Familienmitglieder
einschließlich der Geschwister die Erlaubnis zum Auswandern nach Kanada
bekommen hatten. Nach mehreren Versuchen erhielt er endlich die Gelegenheit,
dem Regimentskommandeur Fritz Friedrich seine Bitte für einen kurzen Urlaub
vorzutragen. Dieser willigte nicht nur ein, sondern gab ihm den Rat, auch
selber nach Ablauf der Dienstzeit nach Kanada zu gehen. Wenn Du dort
angekommen bist, so schreibe mir bitte einen Brief", sagte er. Am 14.
Oktober 1926 erfolgte die Entlassung und zwei Jahre später reiste er mit
seiner Familie nach Kanada. Den Brief an den Genossen Regimentskommandeur
hat er nicht geschrieben, um ihm keine Schwierigkeiten zu machen. Fritz
Friedrich war immer der Schutzengel der Mennoniten gewesen, wie er meinte.
Von seinen mennonitischen Kameraden sind außer ihm noch sechs andere nach
Kanada ausgewandert. Von denen die in Russland zurückgeblieben sind, starben
die meisten während des zweiten Weltkriegs in der sibirischen Verbannung. |