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Zu viel Englisch,
zu viel Fernsehen, zu wenig Lesefreude: Laut einer Umfrage fürchten Alt und
Jung, dass ihre Muttersprache verkommt. Mit der Realität hat das wenig zu
tun.
Von
Julia Walker
Berlin (dpa) - Die deutsche Sprache
droht immer mehr zu verkommen" - so sehen das 65 Prozent der Deutschen. Das
ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Institut für Demoskopie Allensbach
durchgeführt hat. 1.820 Personen ab 16 Jahren wurden gefragt, wie sie über
ihre Muttersprache und über Fremdsprachen denken.
Herausgekommen sind gefühlte Wahrnehmungen, die von Tatsachen weit entfernt
seien, sagte Rudolf Hoberg, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche
Sprache. Diese hatte zusammen mit dem Deutschen Sprachrat die Umfrage in
Auftrag gegeben. Schon seit den alten Ägyptern klagt die Generation der
Erwachsenen darüber, dass alles schlechter geworden ist", relativierte
Hoberg die jüngsten Umfrageergebnisse. Vor allem Ältere sorgen sich über
einen Verfall der deutschen Sprache, so der Projektleiter im
Allensbach-Institut, Rüdiger Schulz: Interessant dabei ist, dass auch die
Jungen dasselbe Gefühl haben."
Zweifel an diesen Pauschalurteilen kommen auf, wenn man die
Rechtschreibkenntnisse der Bevölkerung anschaut: Die Rechtschreibdefizite
der Jüngeren sind heute nicht größer als auch schon vor zwanzig Jahren, und
das trotz der Explosion der höheren Bildungsabschlüsse. Wörter wie Rhythmus"
oder Satellit" schreibt damals wie heute nur jeder Zweite korrekt, wie ein
kleiner Rechtschreibtest während der Umfrage beweist. Gleichzeitig gibt die
Mehrheit an, von der Rechtschreibreform verunsichert zu sein.
Für den wahrgenommenen Sprachverfall geben die Befragten vielfältige
Ursachen an: dass heute weniger gelesen und mehr ferngesehen wird; dass der
Einfluss anderer Sprachen auf die deutsche Sprache stark zunimmt und dass
schon im Elternhaus, in der Schule oder in den Medien weniger Wert auf eine
gute Ausdrucksweise gelegt wird. Mit Blick auf Anglizismen klaffen die
Aussagen älterer Menschen und die der jüngeren stark auseinander. An den
englischen Ausdrücken wie Kids", Event", Meeting" oder E-Mail" stören sich
überwiegend die Älteren. Gleichzeitig empfehlen fast alle Befragten,
Englisch als Fremdsprache an der Schule zu lernen.
Was soll die Umfrage bringen? Zunächst wollen wir genau wissen, was wir
schon erahnt hatten", sagte der Auftraggeber der Umfrage, Hoberg. Mit den
repräsentativen Ergebnissen könne man, ohne nationalistisch zu sein, darauf
dringen, die deutsche Sprache in Europa zu kräftigen. Sie werde zwar von den
meisten Menschen in der Europäischen Union gesprochen, spiele aber bei
weitem nicht die gleiche Rolle in Brüssel wie Englisch oder Französisch.
Laut Umfrage fordert die große Mehrheit eine stärkere Verwendung der
deutschen Sprache in der EU. Auch junge Deutsche sind davon überzeugt, dass
die Vielfalt der Sprachen zur kulturellen Vielfalt Europas gehört", betonte
Rüdiger Schulz. Irgendwann wollen wir so etwas werden wie eine ,académie
allemande'", sagte Hoberg. Die Deutschen sollten sich ebenso wie Franzosen
darüber klar werden, dass sie etwas für ihre Sprache und überhaupt für ein
vielsprachiges Europa tun müssen. |