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Serrahn/Lobetal
(dpa) - Wenn Uwe Holmer sagt: «Vergebung gehört zu den wichtigsten Dingen im
Leben», nimmt man ihm das ab. Der 80- jährige Pastor im Ruhestand hat vor 20
Jahren ein Stück deutscher Geschichte mitgeschrieben: Holmer gab dem
gestürzten DDR-Staatschef Erich Honecker und seiner Frau Margot vom 30.
Januar 1990 an für zehn Wochen Asyl in Lobetal, einem christlichen Dorf bei
Berlin. «Am meisten hat mich die Reaktion der Öffentlichkeit darauf
erstaunt, sonst war es nur eine Episode in meinem Leben», sagt Holmer, der
heute im mecklenburgischen Serrahn bei Güstrow wohnt.
Seine Lebenserfahrungen hat der rüstige
Pfarrer in dem Buch «Der Mann, bei dem Honecker wohnte» beschrieben. Es
wurde in kurzer Zeit 13 000 Mal verkauft. Damals trafen in Lobetal sehr
verschiedene Lebensläufe aufeinander. Holmer ist bibelfester evangelischer
Mecklenburger und 60 Jahre alt, als er den 17 Jahre älteren gestürzten
DDR-Machthaber aufnimmt. Der Pastor leitet die Hoffnungstaler Anstalten, in
denen rund 650 Beschäftigte mehr als 1000 Behinderte, Senioren und
Suchtkranke betreuen.
Traditionell ist der Leiter der
diakonischen Einrichtung auch Bürgermeister von Lobetal. Der aus dem
Saarland stammende Honecker, 13 Jahre lang DDR-Staatschef, hatte nach einem
Krankenhausaufenthalt keine Bleibe mehr. Die 20 Kilometer entfernte
Wohnsiedlung von SED- Funktionären in Wandlitz wurde am 1. Februar 1990
aufgelöst.
«Damals ließ der Rechtsanwalt Wolfgang
Vogel bei der Kirche anfragen, ob sie ,Erich und Margot' aufnehmen würde»,
erinnert sich der Pastor. «Und warum gerade wir?», sei seine erste Antwort
gewesen. Man dachte, in einem ganzen christlichen Dorf wären die Honeckers
sicherer, hieß es. Holmer stimmte zu: «Wir können nicht im Vaterunser beten
,und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern',
wenn wir das nicht praktizieren.» Da es aber 60 Voranmeldungen in der
Diakonie gab, wollte Holmer wiederum nicht Honecker vorziehen. So brachte er
das Ehepaar in seinem Haus unter. Holmers haben zehn Kinder, 1990 wohnten
nur noch zwei zu Hause.
Bis auf
gelegentliche Proteste blieb es ruhig in Lobetal. Er habe mit dem kranken
SED-Chef Spaziergänge unternommen, berichtet Holmer. «Ich habe ihm gesagt,
dass die deutsche Wiedervereinigung nach 40 Jahren kein Zufall ist.» Eine
solche Zeitspanne nenne auch die Bibel für eine Läuterung.
«Er sagte: ,Nun gut,
wenn Sie das meinen.'» Darauf der Pastor: «Man hat immer nur für eine
begrenzte Zeit die Macht.»
Über
politische Dinge habe Honecker nicht reden wollen. «Nur einmal, als ich
Michail Gorbatschow einen ,fantastischen Menschen' nannte, reagierte
Honecker empört», erinnert sich Holmer.
Er glaube, wie auch
der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, dass sich Honecker mit den
falschen Leute umgeben habe. «Er wollte nur immer das Positive hören, wer
ihm negative Wahrheiten über die DDR sagte, wurde - wie Modrow nach Dresden
- abgeschoben», meint Holmer.
Trotz
negativer Erfahrungen ist für den gebürtigen Wismarer, der sich immer als
«Partisan Gottes» in einem Land mit Atheismus als Staatsreligion fühlte,
nicht alles an der DDR schlecht.
Keines seiner Kinder
durfte an Oberschulen Abitur machen, er erlebte in seiner Bekanntschaft
Enteignungen mit, und acht Leute aus seinem Umfeld berichteten der
Staatssicherheit über ihn. Trotzdem: «In der DDR gab es eine recht gute
Familienförderung.»
Holmers
Familie ist groß. Zu den zehn Kindern, 47 Enkeln und drei Urenkeln kommen
noch die Kinder seiner zweiten Frau. Seine erste Frau Sigrid starb 1995.
Neben der Familie nimmt die Betreuung Alkohol- und Suchtkranker den rüstigen
Mann in Anspruch. So hält er regelmäßig Andachten und biblisch orientierte
Lebenshilfen ab, ist bundesweit zu Tagungen unterwegs.
Zu Margot Honecker in
Chile hat er noch sporadisch Kontakt - meist ein Kartengruß zu Weihnachten. |