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Heiss und manchmal stuermisch: Das Klima auf der Wiesn

Von Sabine Dobel

Es war ein heisser Sommer, und schon jetzt ist klar: Auch auf dem Muenchner Oktoberfest wird es heiss hergehen - nicht nur von der Stimmung her. Laut einem Meteorologen kann es dort bis zu zehn Grad waermer sein als in der Umgebung.

Muenchen (DPA) - Das Wetter auf der Wiesn - das ist neben dem Bierpreis die zweitwichtigste Frage, die den Muenchner vor dem Oktoberfest bewegt (Anstich am 22. September). Dabei sind die Besucher zumindest fuer die Temperaturen teilweise selbst zustaendig. Viele feiernde Menschen - das heizt die Stimmung an. Und die Atmosphaere auf. Auf der Wiesn kann es bis zu zehn Grad waermer sein als an anderen Stellen in der Stadt, und die Luftfeuchtigkeit ist ein Drittel hoeher, wie der Bonner Meteorologe Karsten Brandt bei Messungen vor ein paar Jahren herausfand.

Bis zu einer halben Million Menschen draengen sich an starken Tagen auf dem rund 34 Hektar grossen Gelaende. Ein Mensch erzeuge 80 Watt - so viel "wie eine grosse alte Gluehbirne", sagt Brandt. Bei gutem Wetter wird die Wiesn so gelegentlich eine Art tropischer Enklave. Zu zwei Dritteln heizten die Besucher das Mikroklima an. "Hier ist es so, dass der Mensch sich sein Klima macht."

ARCHIV - 17.09.2016, Bayern, Muenchen: Oktoberfestbesucher warten im Regen auf den Einlass in ein Festzelt. Auch die vielen Menschen tragen zum Mikroklima auf dem Volksfest bei. Foto: dpa

Lichter, Fahrgeschaefte, Hendl-Bratereien und Kuechen tun ihr uebriges. Der Erdgasverbrauch auf dem Oktoberfest lag im vergangenen Jahr bei 224 000 Kubikmetern und der Stromverbrauch bei 3,25 Millionen Kilowattstunden. Zu Spitzenzeiten braucht die Wiesn so viel Energie wie eine Kleinstadt mit etwa 20 000 Einwohnern.

Die Ergebnisse Brandts decken sich teils mit Erkenntnissen anderer Meteorologen und auch des Deutschen Wetterdienstes (DWD), der das Klima in Staedten bereits seit den 1960er Jahren untersucht. "Es ist generell so, dass Innenstaedte waermer sind als Aussenbereiche", sagt der DWD-Meteorologe Gerhard Lux. "Es ist wie ein lokales Klima." Stadtplaner machen sich inzwischen Gedanken um eine an den Klimawandel angepasste Architektur.

Wegen des waermeren Mikroklimas in der Stadt Muenchen kann der Temperaturunterschied auf dem Land laut Brandt noch mehr als zehn Grad betragen. Wer dort in herbstlicher Kuehle startet, kann auf der Wiesn sommerliche Temperaturen erleben. Kein Wunder, dass Besucher alsbald ueberfluessig scheinende Kleidung ablegen - die sich dann im Fundbuero tuermt.

Und kein Wunder, dass sich mancher die Wiesn-Grippe holt. Nicht nur, dass die Erreger in der Enge der Zelte leicht uebertragen werden. "Man schwitzt, der Koerper ist nass - und gibt ploetzlich in der kalten Umgebung viel zu viel Waerme ab", sagt Brandt. Dieser "Klimaanlageneffekt" sei thermischer Stress - der mit zunehmender Erderwaermung auch eine groessere Rolle spielen koennte.

Wirte und Schausteller sorgen sich ebenfalls um den Klimawandel - aber weniger wegen der Hitze. "Das ist ein Thema - wenn zum Beispiel die Sturmgefahr groesser wird", sagt der zweite Wirtesprecher Christian Schottenhamel. Die Bierzelte werden vom TueV Sued ueberprueft - "aber es bleiben eben Zelte". Bei Sturm muessen etwa die Tueren geschlossen bleiben - einmal war das Dach eines Zeltes teils abgedeckt worden.

Auch schwere Unwetter und starke Regenguesse nehmen zu. Das kann gefaehrlich werden, wenn Dinge umstuerzen oder alle auf einmal zu den Ausgaengen draengen. Mit einer erst 2017 installierten Lautsprecheranlage sollen dann die Massen gelenkt werden. Nasskaltes Wetter vertreibt ohnehin die Gaeste. 2016 hatte neben der Terrorangst mieses Wetter die Zahl auf 5,6 Millionen sinken lassen, weit unter die ueblichen sechs Millionen.

"Mit zu heiss haben wir weniger Probleme - eher damit, dass es abends kuehler wird", sagt Wirt Toni Winklhofer. An den Seiteneingaengen seines Traditionszeltes auf der Oidn Wiesn hat er Luftschleier installiert. Das Geblaese schafft eine Barriere zur Aussenluft. "Das verhindert das Eindringen von kalter Luft und wirkt wie ein Vorhang." In vielen Biergaerten gibt es Waermestrahler.

Ausgerechnet an kuehlen und regnerischen Tagen hilft der Waerme-Effekt auf dem Volksfest wenig. Brandts Untersuchungen zufolge liegen die Unterschiede zur Umgebung dann nur bei zwei bis vier Grad, weil Wind die Waerme wegtreibt und der Regen die Luft abkuehlt.

Bei schlechtem Wetter kam es schon vor, dass auf der Wiesn neben Bier Gluehwein ausgeschenkt wurde. Einmal, so berichtet der Wirt des Loewenbraeu-Zeltes, Ludwig Hagn, habe Schnee auf den Tischen der Biergaerten gelegen. "Wir haben mit dem Gummischaber Tische von Schnee befreit." Gar nicht so selten gibt es zur Wiesnzeit den ersten Bodenfrost. Wenn fruehmorgens der Boden der Biergaerten mit Wasser saubergespritzt werde, koenne sich Glatteis bilden. Gewoehnlich taut es aber schnell - spaetestens wenn die hitzigen Massen das Zelt stuermen.

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