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Der Traum der Sorben und Wenden vom eigenen Parlament

Die Sorben und Wenden sind eine selbstbewusste nationale Minderheit. Sie wollen auf Augenhoehe mit ihren deutschen Nachbarn verhandeln. Am besten geeignet scheint vielen von ihnen dafuer ein eigenes Parlament.

Bautzen (DPA) - Wo die heimliche Hauptstadt der Sorben liegt, ist hoechst umstritten. Wer sich dem Siedlungsgebiet der slawischen Minderheit von Norden her naehert, bekommt Cottbus als Antwort zu hoeren. In Sachsen gilt Bautzen als Kapitale. Ohnehin pflegen die brandenburgischen Niedersorben (Wenden) und die Obersorben in der saechsischen Oberlausitz eine gewisse Rivalitaet. Wenden wollen nicht als Sorben angesprochen werden. Doch in einem Punkt sind sich viele einig. Es muss eine moeglichst starke und eigene Vertretung geben, um die Belange der Sorben und Wenden in der Lausitz zu vertreten. Aber wie soll sie aussehen?

„Seit der friedlichen Revolution von 1989 leben wir Sorben/Wenden in der Ober- und Niederlausitz in einem seltsamen Schwebezustand. Einerseits haben wir Freiheiten gewonnen, die wir lange Zeit entbehren mussten. Andererseits erkennen wir, dass unsere kulturelle Identitaet dramatisch im Schwinden begriffen ist: Unsere Muttersprache ist bedroht, wir haben kein Instrument fuer unsere politische Selbstbestimmung, und im Konzert der freien Voelker Europas haben wir keine Stimme“, begruenden die Initiatoren ihre Forderung nach einem „Serbski Sejm“, einem Sorbischen Parlament.

Ein Tonkrug mit sorbischen Faehnchen in der „Sorbischen Kulturinformation“ am Bautzener Postplatz. Foto: dpa

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Vor gut sechs Jahren trat die Aktion erstmals an die oeffentlichkeit. Inzwischen verfuegt sie nicht nur ueber einen professionellen Auftritt im Internet, sondern hat ein eigenes Logo: die Frucht der Linde, ein heiliger Baum der slawischen Mythologie. Sie symbolisiert nicht nur das Zentrum der Gemeinschaft, sondern steht auch fuer Freiheit und Glueck. „Wir meinen: Die Zeit der Reife ist gekommen. Die sorbische/ wendische Kultur hat der Welt etwas zu geben, was gerade heute von essenzieller Bedeutung ist: Friedenswillen, Gemeinschaftlichkeit, Verbundenheit mit der Natur“, heisst es von Seiten der Initiative.

Bislang haben mehr als 800 Menschen eine Petition fuer den Sejm unterschrieben. Die Befuerworter stammen nicht nur aus der Lausitz. Selbst in Australien, Kanada oder Haiti gibt es Rueckhalt. Noch wird die Initiative vor allem von Intellektuellen getragen, noch ist sie keine Massenbewegung. Dennoch etablieren sich im Hintergrund schon Strukturen. Anfang Maerz konstituierte sich in Schleife der Sorbische/ Wendische Aeltestenrat (Rada Starostow). Das Gremium setzt sich aus 14 anerkannten Persoenlichkeiten zusammen, versteht sich als Buergerforum und soll den Weg zum Parlament begleiten.

„Die Wende in Ostdeutschland hat grundlegende Probleme der Wenden/ Sorben nicht geloest. Im Mittelpunkt steht noch heute, dass wir als Sorben oder Wenden unsere Angelegenheiten nicht selbst regeln koennen“, sagt Hartmut Leipner, Sprecher des Aeltestenrates. Er erinnert daran, dass im Siedlungsgebiet der Sorben fremde Konzerne Braunkohle abbaggern und neben den doerflichen Strukturen auch die jahrhundertealte Kultur der Sorben vernichten. Leipner zitiert Martin Luther mit den Worten „Wir sind alle Bettler, das ist wahr.“ Der Spruch treffe heute leider auch auf die Sorben und Wenden zu.

Die offizielle Politik haelt sich mit Reaktionen auf die Rufe nach einem „Sorbischen Parlament“ bisher zurueck. Leute wie der saechsische Linke-Politiker Heiko Kosel sind die Ausnahme. Er unterstuetzt die Sejm-Initiative, damit die Minderheit auf Augenhoehe mit Instanzen des Staates verhandeln kann. Der Domowina, dem Bund Lausitzer Sorben, verwehre das deutsche Vereinsrecht die notwendige Alleinvertretungsbefugnis. Bei der Interessenvertretung des sorbischen Volkes gebe es derzeit eine „Demokratieluecke“: „Der einzige Weg um diese zu schliessen, ist eine demokratisch legitimierte Vertretung - der Serbski sejm“, sagt Kosel.

Unlaengst empfingen Fraktionen aus dem Brandenburger Landtag die Sejm- Initiative. Im Kulturministerium in Potsdam sieht man die Initiative eher skeptisch. Nach dem Sorben/Wenden-Gesetz des Landes Brandenburg sei die Domowina als Dachverband anerkannt und somit legitimiert, die Interessenvertretung wahrzunehmen, heisst es. Ausserdem gebe es noch den ehrenamtlichen Rat fuer Angelegenheiten der Sorben/Wenden beim Landtag. Prinzipiell sei jedes demokratische, zivilgesellschaftliche Engagement begruessenswert. In Brandenburg sehe man aber keine Defizite bei der Interessenvertretung der Sorben und Wenden.

Der Verweis auf die Domowina genuegt den Sejm-Leuten nicht. Andreas Kluge, einer der fuehrenden Sejm-Koepfe nimmt kein Blatt vor den Mund. Er sieht in der Domowina in erster Linie einen „Dachverband der Tanzgruppen“ und spricht ihren Vertretern eine demokratische Legitimation ab. Die Mitarbeiter der Domowina wuerden dafuer bezahlt, dass sie als „Berufssorben“ Funktionen ausfuellen - „ohne dass sie sich rechtfertigen muessen, was dabei herauskommt“. „Der Rechnungshof hat das schon vor Jahren kritisch betrachtet, die Diskussion wurde aber unter den Teppich gekehrt“, sagt Kluge.

Die Domowina uebt sich in Diplomatie. Die Sejm-Initiative habe Gelegenheit bekommen, ihre Gedanken dem Domowina-Bundesvorstand vorzutragen: „Dieser konnte sich jedoch, ebenso wie offenbar die Mehrheit der oeffentlichkeit und Politik, nicht fuer ihre Ideen begeistern“, sagt Domowina-Chef David Statnik und spricht von schwierigen Gespraechen: „Besonders, wenn die Position des Gegenuebers von vornherein negiert und durch Vorurteile und Unterstellungen erschwert wird.“ Fast scheint es so, als muessten sich die Sorben/Wenden erst einmal untereinander gruen sein.

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