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"Bei Notwehr auch ein Backstein" - Wie Deutschland sich bewaffnet

Von Larissa Schwedes

"Alles, was legal ist" - im Schaufenster von Markus Rummer stehen Langwaffen zwischen Pfefferspray und Jagdfolklore. Viele seiner Kunden sind Jaeger. Und dann sind da noch die, die sich fuerchten.

Karlsruhe (DPA) - Augen schliessen sich krampfartig, Atemwege blockieren, alles juckt. Trifft Reizgas aus der Gaspistole Walther P88 in ein Gesicht, ist die normale Reaktion: Flucht. Fuer immer mehr Menschen bedeutet diese Reaktion gefuehlte Sicherheit. Eine Sicherheit vor Ueueberfaellen und Angriffen zum Mitnehmen in der Handtasche.

"Die Leute haben Angst", sagt Markus Rummer. Sein Waffengeschaeft in der Karlsruher Suedweststadt hat er von seinen Eltern uebernommen. Fuer die Rummers ist Angst ein Geschaeft. "Immer wenn in einem Stadtteil etwas passiert ist, kommen von dort besonders viele Kunden zu mir."

Karlsruhe: Im Waffengeschaeft "Waffen Rummer" werden verschiedene Schreckschusswaffen und Schreckschusspatronen gezeigt. In ganz Deutschland sind aktuell mehr als 587 000 kleine Waffenscheine registriert, das sind mehr als doppelt so viele als noch Ende 2015. Auch im Suedwesten hat sich die Zahl der registrierten Scheine in den vergangenen vier Jahren fast verdoppelt. Foto: dpa

Wer Waffen mit sich tragen will, braucht in Deutschland einen sogenannten Kleinen Waffenschein - nicht nur fuer Schreckschusswaffen, sondern auch fuer ein kleines Chlorgas-Spray. Die Nachfrage nach der Lizenz steigt seit Jahren. In der Bundesrepublik sind aktuell mehr als 587 000 Kleine Waffenscheine registriert - mehr als doppelt so viele wie noch Ende 2015.

Vor allem zum Jahresbeginn 2016 stiegen die Zahlen vielerorts. "Nach den Vorfaellen an Silvester in Koeln gab es einen richtigen Schub", sagt Rummer. Der Verband Deutscher Buechsenmacher und Waffenfachhaendler spricht fuer diesen Zeitraum von einer Verdopplung bei den Verkaeufen von Schreckschusswaffen und Lieferengpaessen bei den Herstellern.

Rummer ist der Ansicht, die Gesellschaft nehme Kriminalitaet zurzeit einfach staerker wahr, verstaerkt durch die Medien. "Das subjektive Sicherheitsgefuehl ist schlechter als die Sicherheitslage", bestaetigt der Landesvorsitzende Erwin Hetger von der Opferschutzorganisation Weisser Ring in Baden-Wuerttemberg. "Das ist kein neues Phaenomen. Aber die juengsten spektakulaeren Faelle haben die Tendenz verstaerkt, dass das Sicherheitsgefuehl in der Bevoelkerung immer schlechter wird."

Der Weisse Ring sieht den Wunsch nach Bewaffnung kritisch. "Wir raten davon ab", sagt Hetger, der frueher Landespolizeipraesident war. Oft wuerden Taeter durch Gegenwehr noch aggressiver und gewalttaetiger. "Wir setzen auf Praevention: Was kann ich tun, um zu vermeiden, erneut Opfer zu werden?" Sicheres Auftreten, eine klare Koerpersprache und die Wahl eines sicheren Heimwegs seien entscheidend.

Im Ladenlokal des Karlsruher Waffengeschaefts stapeln sich hinter Gewehren und Klappmessern bis zur Decke Boxen mit Gaspistolen und Munition. Dazwischen Wanderschuhe, Dirndl und Kaffeegeschirr mit Hirschen. Viele Kunden sind Jaeger - aber laengst nicht alle. "Ich habe hier alles an Kunden, vom Profi bis zur Grundschullehrerin", erzaehlt Rummer. "Manche haben ihre Schreckschusspistole sogar beim Joggen dabei oder im Kinderwagen versteckt."

Waehrend Teleskop-Schlagstoecke oder Elektroschocker eher von Security-Mitarbeitern gekauft werden, sind Sprays oder Schreckschusspistolen auch bei Frauen und Senioren beliebt. Pfefferspray ist offiziell nur zur Tierabwehr erlaubt. Aber: "Bei Notwehr duerfen Sie jemandem auch einen Backstein ueber den Kopf ziehen. Es muss aber verhaeltnismaessig sein", sagt Rummer.

Dass man mit dem Sortiment in seinem Laden gewaltigen Schaden anrichten kann, verursacht Rummer keine Bauchschmerzen. "Es wird ja alles von den Behoerden geprueft", sagt er. Die Verantwortung fuer seine Ware gibt er an der Ladentheke ab.

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