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Die Einsamkeit der alten Priester

Von Christoph Driessen

Elf Priester haben in einem offenen Brief eine "Bunkermentalitaet" in der katholischen Kirche angeprangert. Besonders leiden sie unter dem Zoelibat. Gerade im Alter greife die Einsamkeit um sich "wie ein schleichendes Gift".

Koeln (dpa) - Pfarrer Franz Decker redet zehn Minuten lang darueber, wen er im Laufe der Zeit alles in seinem Pfarrhaus aufgenommen hat. Fluechtlinge aus Bosnien waren dabei, Iraner, eine Frau aus Sri Lanka, seine Schwester und seine Cousine, eine Bekannte mit drei Kindern kam, ein 17-Jaehriger, der seine Eltern verloren hatte... "Ich fand es wichtig, dass ich nicht allein lebte." Aber die Frau, die er sich eigentlich gewuenscht haette, die fehlte ihm doch.

Es kommt selten vor, dass ein katholischer Priester offen ueber seine Probleme mit dem Zoelibat spricht. Die Kirche begruendet die vorgeschriebene Ehelosigkeit damit, dass sich der Priester so mit ganzer Kraft fuer seine spirituelle und seelsorgerische Arbeit einsetzen koenne. Ein Argument, das Franz Decker, nunmehr 73 Jahre alt, nie ueberzeugt hat: "Ich meine, ich haette das auch gekonnt, wenn ich verheiratet gewesen waere."

Priester Franz Decker spricht am 24.01.2017 im Wohnzimmer seines Hauses in Koeln (Nordrhein-Westfalen). Foto: dpa

Decker, ein hagerer, asketischer Typ, dabei aber von rheinischer Froehlichkeit, ist einer von elf Priestern, die in diesem Monat in einem offenen Brief gegen den Zoelibat Stellung bezogen haben. "Als alternde Ehelose" bekaemen sie die Einsamkeit jetzt oft deutlich zu spueren, klagen sie. Das "Modell alleinstehender Mann" hat sie nicht ueberzeugt. Sie haben es auf sich genommen, weil sie es mussten. Und jetzt leiden zumindest einige von ihnen noch einmal besonders darunter, weil sie nicht mehr berufstaetig sind und damit die vielen Kontakte in der Gemeinde wegfallen. Haeufig ziehen Pfarrer nach der Pensionierung sogar weg, weil sie ihrem Nachfolger nicht im Weg stehen wollen. Das Pfarrhaus muessen sie sowieso raeumen.

Mitunterzeichner Wolfgang Bretschneider (75) - ein renommierter Kirchenmusiker - berichtet, mehrere aus ihrem Kreis haetten gemerkt, dass es schwierig sei, "die Einsamkeit nicht wie ein schleichendes Gift auf sich zukommen zu lassen". Decker wurde mit einem Mal klar: "Alles, was du jetzt tust, musst Du selber organisieren. Keiner kommt mehr. Es haengt jetzt von dir ab, ob du dazugehoert. Wenn du dich nicht meldest, dann meldet sich auch niemand. Du bist nicht mehr wichtig."

Die Unterzeichner des Briefes sind seit Ewigkeiten Freunde. Alle wurden 1967 zum Priester geweiht. Seitdem haben sie sich jeden Monat getroffen, immer reihum, all die Jahre. Nun, nach 50 Jahren, haben sie gemeinsam den Brief verfasst. Dabei geht es ihnen um mehr als den Zoelibat: Sie beklagen eine "Bunkermentalitaet" in der katholischen Kirche. Der Reformgeist des Zweiten Vatikanischen Konzils, der waehrend ihrer Ausbildung in den 60er Jahren so lebendig gewesen sei, habe sich verfluechtigt. Gleichzeitig seien die Kirchen immer leerer geworden.

Der Brief hat ein unerwartet starkes Echo gefunden. "Ich habe nur positive Rueckmeldungen bekommen, und das zum Teil von Leuten, von denen ich es nicht erwartet haette", sagt Bretschneider. Selbst konservative Katholiken haetten ihm gesagt: "Gut, dass es endlich mal ausgesprochen wurde. Wir bedanken uns fuer Ihren Mut!" Von ihrem Bischof, dem Koelner Kardinal Rainer Woelki, haben sie zwar noch nichts gehoert, aber Generalvikar Dominik Meiering hat im Domradio gesagt, man muesse "mit Respekt wahrnehmen, dass da Menschen sind, die sich Gedanken und Sorgen um die Kirche machen".

Viel erhoffen sich die alten Priester von Papst Franziskus. Der setze nicht auf theologische Reden, sondern auf Gesten, die jeder verstehe, sagt Bretschneider. "Ich bete jeden Tag zweimal dafuer, dass er noch viele Jahre lebt."

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