04. Juli 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

«Eigentlich wären wir jetzt auf Mallorca» – Corona und die Reeperbahn

Der Kiez um die Hamburger Reeperbahn erwacht langsam aus dem Corona-Schlaf. Doch wie vertragen sich die Corona-Regeln mit einem Viertel, das für Sünde und Ekstase steht?

Hamburg: Die meisten der Geschäfte auf der von nur wenigen Touristen besuchten Reeperbahn sind geöffnet. Nach dem Lockdown durch Corona läuft der Unterhaltungsbetrieb auf dem Hamburger Kiez langsam wieder an. Foto: dpa

Von Christopher Hirsch
Hamburg (dpa) – Eigentlich will Lea tanzen. Doch in «Susis Show Bar» am Beatles-Platz zwischen Hamburger Reeperbahn und Großer Freiheit ist nichts mit Show. Statt Tabledance, serviert die groß gewachsene Blondine Getränke – in Dessous und mit Mundschutz. «Natürlich wünscht man sich, auf die Bühne zu gehen», sagt sie. «Deswegen sind wir ja auch eigentlich hier.» Doch mehr als eine kleine Drehung beim Servieren ist gerade nicht drin.

Viele Besucher kommen auf den Kiez, weil sie hier über die Stränge schlagen können. Die coronabedingten Vorsichtsmaßnahmen und Sicherheitsabstände treffen das Viertel deshalb besonders hart. Doch der Kiez kämpft.

«Wir sind der erste Laden auf der Freiheit, und wir müssen natürlich auch ein bisschen Flagge zeigen», sagt Christian Schnell, Geschäftsführer von «Susis Show Bar». Wirtschaftlich rentiere sich die Wiedereröffnung vor rund vier Wochen nicht. Maximal 35 Gäste dürften sich in der Bar aufhalten – ein Drittel der eigentlichen Kapazität. Aber es fehlten ohnehin noch die Gäste, vor allem die Touristen. Etwa ein Fünftel des üblichen Umsatzes mache er. Statt 20 arbeiten aktuell nur fünf Frauen. Es sei ein Kampf, den sie aufgenommen hätten, sagt Schnell. «Und den werden wir auch durchziehen.»

Seitdem Mitte Mai Restaurants und Kneipen unter Auflagen wieder öffnen konnten, kommen zumindest allmählich wieder mehr Menschen und auch Touristen auf den Kiez. Das bestätigt auch die Polizei. Die Besucherzahlen seien aber im Vergleich zur Zeit vor Corona niedriger. Und so schlendern zwar Pärchen und kleinere Gruppen über die Reeperbahn, normalerweise wären die Bürgersteige an einem lauen Sommerabend aber wesentlich voller.

150 Meter weiter befindet sich das «Pink Palace» auf der Reeperbahn. Die 55 Zimmer des Bordells sind seit Mitte März verwaist. Er komme nur vorbei, etwa um die Post durchzugehen, sagt Geschäftsführer Thorsten Eitner. «Momentan ist einfach nur Abwarten.» Zu Anfang habe er die Entwicklung rund um die Corona-Pandemie noch ständig im Fernsehen verfolgt, mittlerweile mache er das aber nicht mehr. Selbst wenn eine Öffnung wieder erlaubt sein sollte, wolle er nichts überstürzen. Zurzeit fehlten ohnehin noch die Club-Gänger und Touristen.

Um die Ecke in der Kultkneipe «Zur Ritze» sitzen Kirsten Markgraf und Andreas Wegenhoff am Tresen. Sie sind für drei Tage in Hamburg und kommen aus dem Ruhrgebiet. «Da darf man zum Beispiel gar nicht am Tresen sitzen», sagt Wegenhoff. Sie seien froh, dass das hier zumindest mit Abstand möglich sei. In dem Lokal hängen signierte Fotos von Kiezgrößen und Prominenten dicht an dicht – neu sind die Absperrungen aus rotem Flatterband und die mit Folie improvisierten Trennwände. Wegenhoff scheint das nicht zu stören. «Sehr, sehr schön», finde er es. «Eigentlich wären wir jetzt auf Mallorca», sagt Kirsten Markgraf. Hamburg sei der Ersatzurlaub.

Im Ersatzurlaub sind auch Frank und Viola Meyer aus der Nähe von Heidelberg. Sie hatten eigentlich nach England reisen wollen. Stattdessen lassen sie sich nun hinter der «Ritze» von Michael Gremliza die Geschichte des Lokals erzählen – früher ein Treffpunkt von Rotlichtgrößen. Gremliza bietet zusammen mit seinem Partner Sven Jakobsen als «Kiezjungs» Touren über die Reeperbahn an. Seine anderen beiden Kunden – Michael Fechtner und Heike Koch aus Essen – wären jetzt eigentlich auf Fuerteventura. Beide seien auch schon vor Corona auf dem Kiez gewesen. Was jetzt anders ist? «Ist total leer», sagt Heike Koch.

Das bekommt auch «Kiezjung» Gremliza zu spüren. «Wenig Gäste, aber die waren zufrieden», sagt er nach der Tour. Statt vier Teilnehmern, hätten die «Kiezjungs» vor Corona auch Touren mit 100 Leuten gehabt. Seit rund vier Wochen sind Stadtführungen in Hamburg wieder erlaubt. Es kämen mehr Anfragen, aber aufholen können man die Verluste nicht mehr. «Das Jahr ist kaputt, völlig», sagt Gremliza. Bei unter zehn Prozent des üblichen Umsatzes seien sie aktuell. Von unter zehn Prozent Umsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat spricht auch Uwe Schindzielorz, Geschäftsführer von «Unser Hamburg», das Stadtführungen in ganz Hamburg anbietet.

Während Bars und Kneipen unter Auflagen wieder geöffnet haben, ist das Tanzen in Clubs weiter untersagt. «Das trifft einen natürlich total ins Mark», sagt Sebastian Rübsam, genannt Baster. Er ist Inhaber der «Komet Musik Bar» in einer Parallelstraße der Reeperbahn, wo er normalerweise auch Platten auflegt. Stattdessen empfängt er mit Mundschutz die Gäste und reicht ihnen Listen für deren Kontaktdaten. Gut ein Dutzend Besucher haben sich auf die Sitzplätze verteilt. Die Tanzfläche ist leer.

Seit Anfang Juni hat der «Komet» mit Barbetrieb wieder geöffnet. Gefragt nach der schwierigsten Corona-Auflage, nennt Baster wie andere Barbetreiber auch, die Regel, dass sich nur Personen zweier Haushalte treffen dürfen. Er hoffe, dass diese Auflage wie zuvor schon in anderen Bundesländern bald auch in Hamburg falle.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Kiez – city neighborhood
Sünde – sins
Reeperbahn – „ropewalk“, i.e. where ropes were once made
R. – Hamburg’s red light and entertainment district
in Dessous – clothed in lingerie
Drehung – twist
über die Stränge schlagen – run wild
Vorsichtsmaßnahmen – precautionary measures
rentiere – worth (the money)
aufgenommen – taken up
Kneipen – pubs
Auflagen – constraints
allmählich – little by little
schlendern – stroll
Bürgersteige – sidewalks
lauen – balmy
wesentlich – considerably
verwaist – deserted
überstürzen – act precipitately
Ritze – gap
am Tresen – behind the bar
signierte – signed
Prominenten – famous people
Flatterband – barrier tape
Trennwände – dividing walls
Ersatzurlaub – substitue vacation destination
stattendessen – instead of that
Fuerteverntura – (one of the Canary Islands)
Anfragen – requests
aufholen – make up
Verluste – financial losses
völlig – totally
Umsatz – sales revenue
treffen ins Mark – hit in the wallet
Inhaber – proprietor
Barbetrieb – bar service
zweier Haushalte – from two households

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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Sport

Etappenziel erreicht: Bundesliga atmet vor langem Corona-Sommer durch

Alle Bundesliga-Spiele bis 30. Juni: Das war stets die Devise von Liga-Boss Christian Seifert. Was zwischenzeitlich utopisch erschien, klappte nun wochenlang erstaunlich reibungslos. DFL und Vereine arbeiten nun am nächsten Neustart im Herbst.

Bundesliga, 34. Spieltag, VfL Wolfsburg – FC Bayern München, in der Volkswagen Arena. Jerome Boateng hält die Meisterschale und jubelt mit Thomas Müller (l-r), Kingsley Coman, Leon Goretzka and Alphonso Davies über den gewonnenen Meistertitel. Foto: dpa

Von Patrick Reichardt
Frankfurt/Main (dpa) – Als Christian Seifert den alten und neuen Fußball-Meister FC Bayern ehrte, lagen die mit Abstand turbulentesten Monate seiner Funktionärskarriere hinter ihm. Nach einer unerwarteten Corona-Vollbremsung und über zwei Monaten Spielpause drohte zwischenzeitlich bis zu 13 Proficlubs die Insolvenz, dazu kam immer lautere Kritik aus der Gesellschaft an den Auswüchsen des Fußballs.  Positive Tests hier, entlarvendes Fehlverhalten da, Quarantäne dort:  Der von der Politik genehmigte Neustart für Mitte Mai schien zwischenzeitlich zudem zu einer Mission impossible zu werden.

Nun – rund sechs Wochen später – sind tatsächlich alle restlichen Spiele vor dem so oft beschworenen 30. Juni absolviert, der Geistermeister reibungslos gekürt und die direkten Absteiger gefunden. «Ja, es sieht anders aus, es sieht hört sich anders an, und es fühlt sich anders an. Aber das war die einzige Bundesliga, die möglich war», sagte Seifert am Samstag in Wolfsburg. Die leise Hoffnung, dass es beim geplanten Saisonstart im September schon wieder halbwegs volle Arenen geben könnte, dämpfte er entschieden: «Die neue Saison wird mindestens zu Beginn noch genauso aussehen.»

Und so hat die Bundesliga auf dem langen Weg zurück in die Normalität mit dem gelungenen Neustart zunächst nur ein Etappenziel erreicht. Das umfangreiche Hygienekonzept und die schnelle Erlaubnis durch die Politik hat die höchste deutsche Spielklasse zu einem internationalen Vorbild werden lassen. Auch die Beteiligten sind stolz. «Jeder hatte eine große Verantwortung, das war eine ganz starke Leistung», betonte Bayerns Meister-Trainer Hansi Flick. Er sprach von Erleichterung dank des schlüssigen Konzepts und von «Stolz, weil die Bundesliga im internationalen Vergleich so vorangegangen ist».

Als in Italien, England und Spanien gerade erst wieder der Ball zu rollen begann, wurde in Deutschland schon wochenlang gespielt – und Seifert und Co. schlossen bereits den nächsten großen TV-Vertrag ab. 4,4 Milliarden Euro gibt es für die vier Spielzeiten 2021/22 bis 2024/25. Das bedeutet zwar im Vergleich zum derzeitigen Zyklus einen Rückgang um rund 240 Millionen Euro, doch DFL und Club-Vertreter werteten das erzielte Ergebnis durchweg positiv und betonten in derart ungewissen Zeiten die mittelfristige Planungssicherheit.

Im bevorstehenden langen Corona-Sommer bis September wird das Durchatmen trotzdem nur ein kurzes sein. Insgesamt fünf Clubs sind im August in den Finalturnieren von Champions und Europa League gefordert. Die DFL wird die Liga-Pause zeitgleich nutzen, um mit den zuständigen Ministerien für weitere Lockerungen und die schrittweise Rückkehr der Fans in die Stadien zu kämpfen.

Dass die Spielzeit eine normale werden könnte, glaubt Seifert nicht. «Die nächste Saison, die im Idealfall wieder geregelt abläuft, wird 2021/22 sein. Das deutet sich jetzt schon an. Dieser Sommer wird für Clubs in Europa ein ganz herausfordernder», warnte er. Besonders spannend dürfte dabei in Corona-Zeiten der Prozess von Geisterspielen zurück zur Normalität werden. Wie viel Prozent der Fans dürfen wieder rein, wie kann deren Sicherheit sowohl im Stadion als auch bei An- und Abreise gewährleistet werden? Diese Fragen dürften den Sommer genauso prägen wie das alljährliche Transferspektakel, bei dem die Summen in diesem Sommer ein wenig sinken dürften.

Doch nicht nur die Vorbereitungen auf den Neustart 2.0. stehen an, sondern auch Imagepflege hat der Profifußball nach den durch die Corona-Krise massiv offengelegten Schwachstellen dringend nötig. Viele Fan-Szenen wollen im Milliardenbusiness kein «Weiter so!» und haben ein Bündnis gegründet, um konkret für eine gleichmäßigere Verteilung der TV-Gelder, die Einführung eines nationalen Financial  Fairplays und die eindeutige Begrenzung von Investoreneinflüssen zu werben.

Die DFL will sich diesem Dialog öffnen, unter anderem mit der  Gründung einer Task Force Zukunft Profifußball ab September. Vor allem Seifert hatte sich in der Krisenphase sehr demütig präsentiert. Bayern-Präsident Herbert Hainer sagte der «Augsburger Allgemeinen», die Kritik an Hygienekonzept und Geisterspielen sei auch heute noch nachvollziehbar. «Doch so, wie alles seit dem Re-Start gelaufen ist, finde ich schon, dass der Fußball stets eine vertretbare Position eingenommen, also auch eine gute Rolle gespielt hat», sagte Hainer.

Sportlich war auch nach der Corona-Pause vieles beim Alten. Sowohl die prognostizierten Torfeste als auch eine Kräfteverschiebung innerhalb der Liga blieben aus. Die Serienmeister aus München sicherten sich souverän und nach der Pause gar ohne Punktverlust den achten Titel am Stück, mit dem tabellarisch abgeschlagenen Aufsteiger Paderborn erwischte es wie so oft in den vergangenen Spielzeiten einen Neuling, an den ersten vier Plätzen änderte sich nach der Pause nichts mehr.

«Das ist ein besonderer Moment. Das ist aber auch ein sehr seltsamer Moment. So eine Saison haben alle noch nicht erlebt. Keine Zuschauer, kein Jubel, keine Pfiffe – das ist eine merkwürdige Atmosphäre», resümierte Seifert. Welche Atmosphäre Fans und Clubs beim möglichen nächsten Saisonstart in rund zweieinhalb Monaten erwartet, ist derzeit noch nicht abzusehen.

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Feuilleton

Schauspieler Claus Biederstaedt
gestorben

Der Schauspieler Claus Biederstaedt  ist tot. Foto: Archiv 02.02.1998/dpa
Foto: Martin Schutt/dpa

München (dpa) – Der Schauspieler und Synchronsprecher Claus Biederstaedt ist tot. Er starb am 18.6. im Alter von 91 Jahren, wie sein Sohn am Sonntag bestätigte. «Wir sind sehr dankbar, dass er friedlich eingeschlafen ist», sagte er. Biederstaedt war in den 1950er Jahren mit Filmen wie «Charleys Tante» an der Seite von Heinz Rühmann berühmt geworden. Für den Film «Feuerwerk» stand er mit der damals 16-jährigen Romy Schneider vor der Kamera. Schon für sein Leinwanddebüt «Die große Versuchung» (1951) war er mit dem Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet worden. Insgesamt war er in rund 60 Spielfilmen zu sehen. In den vergangenen Jahren war es ruhig um Biederstaedt geworden, nachdem er an Zungenkrebs erkrankt war. Ärzte mussten ihm zwei Drittel der Zunge amputieren. Den Krebs habe er aber besiegt, sagte der Sohn

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Gesundheit

Corona-Übertragung:

Wie gefährlich sind öffentliche Toiletten?

Mehrfach schon wurde bei Corona-Studien Virenmaterial in menschlichen Ausscheidungen gefunden. Macht das Toiletten beim Spülen zu Virenschleudern? Ein bestimmtes Detail könnte dafür entscheidend sein.
Mehrfach schon wurde bei Corona-Studien Virenmaterial in menschlichen Ausscheidungen gefunden. Macht das Toiletten beim Spülen zu Virenschleudern?
  Foto: Jens Büttner/dpa

Yangzhou/Seattle (dpa) – Wenn es um Risikoorte für eine Corona-Ansteckung geht, könnten öffentliche Toiletten eine Rolle spielen. Das legt zumindest eine Studie chinesischer Wissenschaftler nahe, deren Ergebnisse im Fachblatt «Physics of Fluids» veröffentlicht wurde. Die Forscher untersuchten, wie sich kleine Schwebeteilchen beim Spülen einer Toi-lette in der Luft verteilen. Es sei möglich, dass Virus-belastete Aerosol-Wolken von anderen Menschen eingeatmet werden könnten, schließen sie. Studien zuvor hatten bereits gezeigt, dass der Stuhl von Infizierten Coronavirus-Material enthalten kann.

Die Physiker der Universität von Yangzhou nutzten detaillierte Computermodelle, um die Wasser- und Luftströmungen nachzuzeichnen, die beim Spülen mit verschiedenen Toilettentypen entstehen. Demnach werden in der Toilette Wirbel erzeugt, die sich in Form von Aerosol-Wolken über der Schüssel fortsetzen – bis auf eine Höhe von knapp einem Meter, wo sie eingeatmet werden oder sich auf Oberflächen absetzen könnten. Aerosole sind ein Gemisch aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen in der Luft. Die wenige Mikrometer kleinen Tröpfchen können über eine Minute in der Luft schweben, wie die Forscher erläutern. Bei Toilettentypen mit zwei Wassereinflüssen flogen die Aerosole noch schneller nach oben.

«Man kann davon ausgehen, dass diese Geschwindigkeit noch höher ist, wenn eine Toilette häufig benutzt wird, so etwa bei einer Familientoilette oder einer öffentlichen Toilette in einem dicht besiedelten Raum», erklärt Ko-Autor Ji-Xiang Wang. Die Lösung sei indes einfach: Klodeckel vor dem Spülen schließen. Allerdings hätten viele Toiletten im öffentlichen Raum vor allem in den USA keinen Deckel – eine Tatsache, auf die auch Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing in einem unabhängigen Kommentar hinweist.

Der Infektiologe erinnert in diesem Zusammenhang an Diskussionen über die Verbreitung des Virus auf Kreuzfahrtschiffen. «Ein derartiges Spreading halte ich nicht für ausgeschlossen.» Zudem gebe es mehr und mehr Studien zur Virenlast im Stuhl von Covid-19-Patienten.

Wendtner selbst hatte zusammen mit dem Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité eine Analyse im Fachblatt «Nature» veröffentlicht, in der der Infektionsverlauf von neun deutschen Patienten rekonstruiert wurde. Dabei wurde gezeigt, dass sich Sars-CoV-2 vermutlich auch im Magen-Darm-Trakt vermehrte. Im Stuhl der Patienten ließen sich indes keine infektiösen Viren dokumentieren. «Das ist allerdings bei Stuhlproben immer schwer, weil E.-coli-Bakterien immer alles andere überwuchern», merkt Wendtner an. «Wir konnten aber keine replikationsfähigen Viren nachweisen.»

Nichtsdestotrotz kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass auch von fäkalen Ausscheidungen ein Infektionsrisiko ausgeht. Das ist zumindest die Warnung von Forschern des US-amerikanischen Swedish Medical Centers, die in einer Metaanalyse 29 Studien zu gastrointestinalen Folgen einer Covid-19-Erkrankung mit 4805 Patienten ausgewertet haben. Wie sie im Fachblatt «JAMA Network Open» berichten, gehörten bei mehr als zehn Prozent aller Infizierten Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen zu den Symptomen.

Unabhängig davon zeigte sich bei 40 Prozent der Erkrankten das Virus im Stuhl. «In unserer Analyse einiger Studien, in denen Sars-CoV-2-RNA aus dem Stuhl isoliert wurde, könnte der fäkal-orale Übertragungsweg eine zusätzliche potenzielle Quelle für die Ausbreitung von Infektionen sein», fassen die Mediziner zusammen. Ein womöglich entscheidendes Detail dabei: Nur eine Studie habe von lebensfähigen Viren im Stuhl berichtet und das auch nur in zwei von 153 Stuhlproben. Über totes Virenmaterial aber ist keine Ansteckung möglich.

Für die Wissenschaftler sind die Magen-Darm-Probleme daher vor allem weitere Symptome, auf die Ärzte im Zuge einer Corona-Infektion achten sollten; und das vor allem auch mit Blick auf entsprechende Tests. Auch Clemens Wendtner merkt an, dass Stuhlproben gerade bei Kindern ein diagnostisches Mittel sein könnten. Mit Blick auf das Ansteckungsrisiko stelle die Toilettenproblematik eher einen Nebenschauplatz dar.

«Es ist ein interessanter Aspekt, wenn es um Toiletten in engen Räumen wie auf Kreuzfahrtschiffen, in Zügen, Flugzeugen, Sammelunterkünften oder Asylheimen geht», so der Chefarzt. Entsprechend solle man sich im öffentlichen Raum nicht auf Toilettenbrillen setzen und gängige Hygieneempfehlungen beachten. Er betont aber auch: «Nachdem die Infektionskette über die Lunge läuft, ist es bestimmt relevanter, Abstandsregeln im öffentlichen Raum einzuhalten und Massenveranstaltungen zu vermeiden.»

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Reise

Auf in den Norden:

Einige Glücksorte in Schleswig-Holstein

Die Menschen im Norden Deutschlands sollen besonders glücklich sein. Und auswärtige Besucher haben alle Gelegenheit dazu: Hier einige Urlaubsorte, die gute Laune machen.

Wie aus dem Bilderbuch: Westerhever ist für seinen rot-weißen Leuchtturm bekannt. 
      Foto: Tanja Weinekötter/nordseetourismus.de/dpa

Von Dörte Nohrden
Dagebüll (dpa) – Das Glück wohnt im Norden. Der Glücksatlas der Deutschen Post ergab 2019 zum siebten Mal in Folge, dass die Nordlichter in Schleswig-Holstein die zufriedensten Deutschen sind.

Kein Wunder, das Bundesland ist meerumschlungen, und die Bewohner versprühen nordischen Charme. Ein «Moin» reicht für eine gute Unterhaltung aus. Also nicht lang‘ schnacken, Koffer packen! Sieben Orte zum Glücklichsein zwischen Nord- und Ostsee.

Auf dem Meeresgrund bis zur Hallig Oland spazieren
Seit elf Jahren gehört das Wattenmeer offiziell zum Weltnaturerbe der Unesco, 10 000 Arten tummeln sich in diesem amphibischen Lebensraum. Doch was ist eigentlich der Unterschied zwischen Sandwatt, Schlickwatt und Mischwatt? Und welche Wesen verbergen sich hinter den «Big Five» und «Small Five» der Nordsee? Es gibt keinen besseren Weg, den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zu erkunden, als auf einer Barfuß-Wattwanderung über den Meeresboden.

Noch schöner ist es, dabei ein festes Ziel im Auge zu haben. Am Festland in Dagebüll, dem Tor zu den nordfriesischen Inseln Amrum und Sylt, starten zum Beispiel regelmäßige, geführte Wanderungen zur Hallig Oland. Auf eigene Faust sollte man niemals los. Unterwegs ist die Kraft der Gezeiten spürbar – genauso wie das Reizklima der Nordsee durch die Verbindung von Sonne, Wind und Salz. Ein Glücksversprechen. Und gesund ist es obendrein.

Salzwiesen, Wasservögel und Wildpferde auf der Geltinger Birk
Nur fünf Kilometer trennt diese Halbinsel an der Mündung der Flensburger Förde vom Nachbarland Dänemark, dem derzeit zweitglücklichsten Land der Welt. Das Naturschutzgebiet Geltinger Birk ist gesäumt von einem weißen Ostseestrand und bevölkert von einer reichen Fauna, darunter Seeadler und Kraniche – und eine Herde frei laufender Koniks. Wie natürliche Rasenmäher pflegen die kleinen Wildpferde die halboffene Weide- und Moorlandschaft.

Auch im Winter leben die Tiere draußen und knabbern an Baumrinde, Schilfwurzeln und Binsenbüscheln. Zwischen Juli und Oktober werden Führungen zu den Wildpferden angeboten. Alternativ wandert man auf eigene Faust entlang des Rundwegs. Oft grasen die Koniks weiter entfernt, so dass ein Fernglas nicht fehlen sollte – auch zur Vogelbeobachtung oder um Schweinswale in der Ostsee zu sichten.

Freiluftmuseum Molfsee: Das Leben wie anno dazumal
In diesem einzigartigen Freilichtmuseum gibt es schleswig-holsteinische Geschichte zum Anfassen. Mit Herzblut und großer Expertise wurden 60 historische Reetdach-Gebäude aus verschiedenen Landesregionen von Sylt bis Fehmarn fachmännisch abgebaut und im Originalzustand wieder errichtet.

Besucher können die Alltags- und Kulturgeschichte vom 16. bis 20. Jahrhundert selbst nacherleben. Sie wandeln durch alte Scheunen und Räucherkaten, durch die typischen niedrigen Wohn- und Schlafbereiche mit ihren enorm kurzen Betten. In den uralten Fachwerkhäusern lassen sich Schmiede und Bäcker, Weber und aktive Korbmacher über die Schulter schauen. Auf dem weitläufigen Museumsgelände mit Gärten, Teichen und Feldern sorgt außerdem ein historischer Jahrmarkt mit Karussells und Schiffsschaukel für ein Leuchten in Kinderaugen. Ein Erlebnis wie aus einem anderen Jahrhundert.

Ratzeburger Seentour im Kreis Herzogtum Lauenburg
Jetzt bitte einmal tief Luft holen: In keinem anderen Landkreis gibt es größere Waldflächen als im Kreis Herzogtum Lauenburg, der zu einem Viertel von dichtem Grün bedeckt ist. Nahe der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern erstreckt sich obendrein der eiszeitlich geschaffene Naturpark Lauenburgische Seen.

Eine besonders schöne Seenlandschaft bilden die Ratzeburger Seen rund um die gleichnamige historische Stadtinsel. Von der Schlosswiese führt ein 26 Kilometer langer Radweg um den großen Ratzeburger See. Auch der Wanderweg rund um den kleineren Küchensee verspricht Ruhe und Naturgenuss. Wenn anschließend der Magen knurrt, ist man im Restaurant «Fischerstube» an der Schlosswiese gut aufgehoben. Auf den Terrassen mit Seeblick gibt‘s geräucherte Forelle.

Die Holmer Sandberge sind die Dune du Pilat des Nordens
Kurz hinter den Toren Hamburgs im Regionalpark Wedeler Au verbirgt sich ein 130 Hektar großes Landschaftsschutzgebiet der besonderen Art: Es sind die größten Binnendünen Schleswig-Holsteins. Sie stammen vom Dünenrand des Urstromtals der Elbe, nachdem gewaltige eiszeitliche Schmelzwasserströme hier Sedimente ablagerten.

Lange eine offene Dünenlandschaft, pflanzten Landwirte der Region vor rund 100 Jahren Waldkiefern und Stieleichen an, um die Sandverwehungen auf die Felder zu stoppen. 2005 begann die Gemeinde, vereinzelte Flächen zu roden, um Teile der Dünen wieder freizulegen und die Heidelandschaft zu erhalten. Es duftet, grünt und sprießt auf einem Spaziergang entlang des Wegenetzes durch Kiefernwald und Dünenlandschaft. Informativ ist die App «Entdeckerrouten».

Die Holmer Sandberge sind längst nicht so gewaltig wie die Dune du Pilat bei Arcachon, doch wer seine Füße in den feinen Sand gräbt und auf die knorrigen, solitären Kiefern inmitten goldgelber Sandfelder blickt, fühlt sich tatsächlich ein wenig wie an der französischen Atlantikküste. Nur ohne Meeresrauschen.

Rot-weiß geringelt: Den Leuchtturm Westerhever erklimmen
Es gibt kaum ein schöneres Symbol des Nordens als den Leuchtturm, Inbegriff von maritimem Urlaubsfeeling. Einer der schönsten und am häufigsten fotografierten Leuchtzeichen ist der rot-weiße Riese in Westerhever, der inmitten der Salzwiesen thront – ein wahrlich gelungenes Nordsee-Panorama.

Das Wahrzeichen der Halbinsel Eiderstedt wurde auf einer Warft (Erdhügel) rund 14 Kilometer nördlich des weitläufigen Strandes von St. Peter-Ording errichtet. Die letzten Kilometer sind nur zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen. Auf dem Weg dorthin liegt Salz in der Luft, und lediglich ein paar blökende Schafe durchbrechen die wohltuende Stille, die einen hier umgibt.

Seit 1908 weist der Leuchtturm Schiffen den Weg und schickt seine Leuchtzeichen nachts bis 50 Kilometer weit aufs Meer hinaus. Wer die 157 Stufen des 40 Meter hohen Turms erklimmt, genießt einen Rundumblick auf Festland und Wattenmeer. Anmeldung erforderlich.

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Ein Frack aus Funktionsstoff: Kampf dem Schweiß

Ein Frack aus Funktionsstoff der Zirndorfer Firma Woolwind: Unter den Achseln ist Meshgewebe eingearbeitet, das für zusätzliche Belüftung sorgt.
                                 Foto: Hans-Martin Issler/dpa

Von Mirjam Uhrich
Bamberg (dpa) – Seine Arbeitskleidung ist ein Frack: Cellist Tobias Tauber trägt eine schwarze Jacke, vorne kurz und hinten lang, darunter eine blütenweiße Weste und ein Hemd mit Stehkragen. Klitschnass ist der Musiker der Bamberger Symphoniker da oft bei Sommerhitze, Scheinwerferlicht und Lampenfieber.

Corona brachte eine Auszeit für große Orchesterauftritte in vollen Sälen. Vorher erlebte der 32-Jährige immer wieder: «Nach einem Konzert bin ich an manchen Stellen komplett durchgeschwitzt.» Doch Spezialkleidung hilft ihm. «Beim Applaus spüre ich den Schweiß schon nicht mehr», meint er.
Denn was niemand sieht: Eigentlich trägt der Künstler nur ein kurzärmliges Hemd. Die Manschetten macht er mit Druckknöpfen innen an den Ärmeln seiner Frackjacke fest – und täuscht so ein langärmliges Hemd vor. Zudem ist sein Frack aus einem speziellen Stoff, der temperaturregulierend sein soll. Ist das gute Stück trotzdem durchgeschwitzt, kommt es nach dem Auftritt in die Waschmaschine.

Die Idee dazu entwickelten drei ehemalige Mitarbeiter eines Sportartikelherstellers bei einem Weiterbildungsprogramm mit den Bamberger Symphonikern. «Die Frage war: Was hat Musik mit Sport zu tun?», sagt Christine Barth-Darkow. Für sie seien klassische Musiker Hochleistungssportler – nur ohne entsprechende Ausstattung. «Jeder kriegt seine Spezialkleidung, aber der Musiker muss sich den Frack von der nächsten Kleiderstange nehmen.»

Mit ihrem Kollegen Mark Heising und der Designerin Ina Franzmann gründete die 57-Jährige kurzerhand die Firma «Woolwind» im mittelfränkischen Zirndorf – eigens für die Produktion von Fräcken aus Funktionsstoff. Nicht einmal ein Jahr später war der erste Prototyp fertig, inzwischen läuft die Patentanmeldung. «Wir wollten eigentlich einen Notstand beenden, weil manche schwitzen wirklich extrem.»

Tatsächlich wird Hitze für Orchester zu einem immer größeren Problem, meint Simon Gaudenz. Der Generalmusikdirektor der Jenaer Philharmonie rechnet damit, dass die spielfreie Zeit im Sommer infolge des Klimawandels länger wird. «Schon ab Anfang Juni wird es oft so heiß, dass es mit dem Sauerstoff schwierig wird.»

Der Einbau einer Klimaanlage sei in vielen historischen Konzertsälen nicht möglich, erklärt Gaudenz. Also verstimmen die Instrumente – Blasinstrumente werden bei Hitze höher, Streichinstrumente und Pauken tiefer – und Musiker rutschen mit den Fingern ab. «Meistens erledigen wir uns dann einer Schicht.» Statt Frack tragen die Musiker aus Jena also schwarze Hemden.

Auch andere Orchester versuchen, ihre Kleidung den Temperaturen anzupassen: Eine eigene Sommerkleiderordnung gilt beispielsweise für die Sächsische Staatskapelle Dresden. Die Musiker tauschen in der Zeit ihren Frack gegen ein schwarzes Hemd und eine silbergraue Fliege. Für die Musikerinnen der Badischen Philharmonie Pforzheim designten Studenten luftige, maßgeschneiderte Orchesterkleidung und bei den Bayreuther Festspielen dürfen die Musiker im Orchestergraben sogar lockere Freizeitkleidung und Sandalen tragen.

Für die meisten Musiker im klassischen Bereich ist das selbst bei hohen Temperaturen unvorstellbar. Denn der Tarifvertrag für die Musiker in Konzert- und Theaterorchestern (TVK) schreibt dunkle Kleidung vor. Nach Paragraf 28 heißt das «bei Musikern schwarzer oder dunkelblauer Anzug», dazu weißes Hemd, Krawatte, schwarze Schuhe und Strümpfe. Musikerinnen tragen demnach ein «schwarzes oder dunkelblaues, mindestens knielanges Kleid», einen Hosenanzug oder ein Kostüm mit schwarzen Schuhen und Strümpfen.

Verstöße gegen die Kleiderordnung können mit einer schriftlichen Verwarnung oder Geldstrafe geahndet werden, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV). Der Tarifvertrag lasse aber individuelle Regelungen zu. «Die früher bundeseinheitlich eher starre Kleiderordnung ist inzwischen also lockerer geworden», betont Mertens.

Ab einer Raumtemperatur von mehr als 26 Grad Celsius empfiehlt die DOV in einem eigenen Klima-Leitfaden «geeignete Maßnahmen». Dazu zähle neben Lüften und bereitgestellten Getränken auch die Lockerung der Kleiderordnung: «luftdurchlässige, lockere und schweißaufnehmende Kleidung, leichtes Schuhwerk, kein Krawattenzwang».

Genau so sollte der Frack aus Franken sein – luftig, dehn- und am besten noch waschbar, erzählt Mark Heising von der Firma «Woolwind». Mit seinen Fingern zieht er den Stoff unter den Achseln des Fracks auseinander. «Da ist ein Gittergewebe eingearbeitet», erklärt der 45-Jährige. «Genauso wie an der Innennaht der Hosenbeine.» So sollen sich die Musiker besser bewegen können und dabei weniger schwitzen.

Die Bamberger Symphoniker hätten eine «wahnsinnig lange Wunschliste» gehabt, meint Barth-Darkow. Sie hätten den Frack ausprobiert, über die Breite der Manschette diskutiert und die Länge des Hosenbeins kritisiert. «Man hat den Musikern richtig angemerkt: Mensch, endlich kümmert sich jemand um uns. Endlich erkennt jemand, wie wir ackern.»

Inzwischen hätten auch Musiker anderer Orchester den Frack bestellt. Aus Wuppertal, Dortmund, Leipzig, München und Regensburg seien Anfragen eingetrudelt, sagt die 57-Jährige. Das Interesse sei trotz der Corona-Krise da, «aber die Kauflust war eher verhalten in Zeiten, in denen Musiker entweder arbeitslos werden oder nicht wissen, wie und wann es weiter geht.» Sie selbst warte schon sehnlichst darauf, dass wieder gespielt werden darf.

Das erste Konzert vor Publikum (das per Video übertragen wird )soll dann am 31. August in Berlin stattfinden. Seinen Frack werde er aber schon im Juli wieder aus dem Schrank holen.

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