05. Dezember 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Weihnachtshäuser erstrahlen wieder –
Lichtblicke in der Coronazeit

Mit unzähligen Lichterketten und leuchtenden Figuren wollen Hausbesitzer für Weihnachtsstimmung sorgen – auch und gerade in der Pandemie. Zum Beginn der Adventszeit erleuchten an vielen Orten in Deutschland die Weihnachtshäuser.

Duisburg: Andreas Krause steht vor seinem festlich geschmückten Weihnachtshaus in der Dunkelheit. Der 58-Jährige Duisburger ist absoluter Weihnachtsfan und lässt jedes Jahr vom 1. Advent bis zum 6. Januar (Heilige drei Könige) sein Haus mit Tausenden LED-Lichtern erstrahlen – 100 000 Einzellichter sind es insgesamt, schätzt er. Foto: dpa

Von Helen Hoffmann, Jens Albes, Petra Albers, Rolf Schraa und Mirjam Uhrich
Balzhausen (dpa) – Die Corona-Pandemie wird auch die Weihnachtszeit in diesem Jahr verändern. Viele Weihnachtsmärkte wurden bereits abgesagt, auch Weihnachtsfeiern müssen ausfallen. Für Weihnachtsstimmung wollen Hausbesitzer mit Tausenden Lichtern sorgen. An vielen Orten erleuchten zur Adventszeit wieder etliche Weihnachtshäuser.

Im Advent verwandelt sich Josef Gloggers Garten im bayerischen BALZHAUSEN bei Günzburg in eine Krippe mit knapp 30 000 Lichtern: Maria und Josef teilen sich einen Stall mit Ochs und Esel, darüber leuchtet der Weihnachtsstern. Engel jubilieren und spielen Posaune. Ein Hirte macht sich mit seinen Schäfchen auf den Weg zur Krippe und von der Ferne nähern sich schon die Heiligen Drei Könige.

«Die beleuchtete Krippe hab ich selbst gebaut», erzählt Josef Glogger. Mit dem Aufbau fange er inzwischen schon im Oktober an. Die Heilige Familie funkle nun mit knapp 2000 Lichtern. «Alles in warmem Weiß, kein Bling-Bling. Buntes Licht würde nicht zu der Krippe passen.» Dafür bemale er die Figuren in verschiedenen Farben.

Bis zu 4000 Besucher bestaunen bis zum 6. Januar normalerweise die Krippe und spenden für ein Kinderhospiz. Nach der Absage der Christkindlmärkte könnten es dieses Jahr noch mehr werden, vermutet Glogger. Sicherheitshalber habe er Masken gekauft, Desinfektionsspender aufgestellt und Plakate mit Hygieneregeln ausgehängt.

Auch das Weihnachtshaus in BAUNACH bei Bamberg wird in diesem Jahr wieder für Weihnachtsstimmung sorgen. Wegen der Pandemie wolle Andrea Müller aber nur zwei oder drei Familien mit Mund-Nasen-Schutz wolle sie in den Garten lassen, in dem bis zum 6. Januar unzählige Rentieren, Schnee- und Weihnachtsmännern leuchten.

Hell erleuchtete bunte Figuren, Weihnachtsbaum, Schneemann, Geschenke und ein Lichtermeer: Das Weihnachtshaus von Josef Johann im Moseldorf KLOTTEN in Rheinland-Pfalz zieht Bewunderer an. «Besonders Kinder haben ihren Spaß und ich auch», sagt der frühere Pflasterer im Straßenbau und Kellner.
«Das mache ich jetzt seit zehn Jahren», berichtet Johann. «Das hat klein angefangen. Im Haus habe ich auch eine Riesenkrippe. Dann fingen wir mit der Fensterbeleuchtung und später mit der Außendeko an.» Im Internet hole er sich Anregungen. Bis 22.00 Uhr lasse er draußen auch Weihnachtsmusik ertönen und bis 24.00 oder 1.00 Uhr die Lichter an.

In MAYEN in der Osteifel sollte sich von diesem Freitagabend an der 34 Meter hohe Goloturm der mittelalterlichen Genovevaburg wieder in eine riesige Adventskerze verwandeln – bereits zum 15. Mal in der Weihnachtszeit, wie Stadtsprecherin Jasmin Alter mitteilt. Laut Alter wird die Riesenkerze an der Genovevaburg, dem Wahrzeichen der Kleinstadt, jeden Tag bis zum 6. Januar von 7.00 bis 8.30 Uhr und von 16.00 bis 23.00 Uhr leuchten.

Im herrschaftlichen Park leuchtet ein riesiger Adventskranz, vom Turm des Anwesens strahlt ein Nikolausgesicht: Unzählige Lampen und Lichtschnüre lassen an einer alten Fabrikantenvilla in EITORF in Nordrhein-Westfalen vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. Seit rund 20 Jahren schmückt die Familie Baumgart mit großem Aufwand rechtzeitig zum Advent ihr Haus – «und es ist jedes Jahr ein bisschen mehr geworden», sagt Barbara Baumgart.

In der gut 20 000-Einwohner-Stadt im Rhein-Sieg-Kreis sei das immer eine kleine Attraktion, viele Bürger erfreuten sich an der Lichterdeko und kämen extra deswegen bei der Villa Boge vorbei, erzählt Barbara Baumgart. «Gerade in diesem Jahr, in dem alles so düster scheint, können wir hoffentlich andere Menschen damit aufheitern.»

20 000 LED-Lichter leuchten an den Fenstern von Andreas Krauses altem Zechenhaus in DUISBURG, 3500 an der Haustür und 5000 am Tannenbaum draußen vor der Tür. Der 58-jährige Duisburger ist absoluter Weihnachtsfan und lässt jedes Jahr vom 1. Advent bis zum 6. Januar (Heilige Drei Könige) sein Haus mit Tausenden LED-Lichtern erstrahlen. 100 000 Einzellichter sind es insgesamt, schätzt er. «Den Leuten draußen ‘ne Freude machen und das Lächeln der Kinder – das ist mein Antrieb», sagt Krause. Mancher kleine Besucher habe schon gefragt, ob das denn das Haus des Weihnachtsmannes sei.

Im ansonsten wenig malerischen Duisburg-Marxloh leuchten, blinken und blitzen die Lampen in vielen Farben: «Ich steuer das über mein Handy und die Fernbedienungen», erzählt er. Für den Lichterglanz greift Krause tief in die Tasche – rund 1000 Euro koste die Beleuchtung in den sechs Wochen. Und 14 Tage Urlaub, um all die Lampen rechtzeitig anzubringen. In diesem Jahr ist er besonders schnell fertig geworden – am Donnerstagabend war fast alles bereit. «Einfach genial», sagt der 58-Jährige, und freut sich besonders über den Stern mit Kometenschweif am Fahnenmast vor dem Haus.

Mit rund 60 000 Lichtern hat Familie Borchart aus DELMENHORST in Niedersachsen ihr Haus geschmückt. «Es gibt nichts, was nicht beleuchtet ist, sagte Sven Borchart, der mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn seit Februar Dekorationen gebastelt und geschmückt hat. «Wir haben dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum, das wir eigentlich ganz groß feiern wollten», erzählt der 50-Jährige, dessen Weihnachtshaus weit über Niedersachsen hinaus bekannt ist. Es sei schade, dass dies wegen der Corona-Pandemie nun nicht möglich sei. «Wir müssen das Beste daraus machen.» Eingeschaltet wird der Lichterglanz am ersten Advent.

Das Angebot von Getränken und Knabbereien ist wegen der Ausbreitung des Coronavirus nun nicht möglich. Anders als in den Vorjahren darf das Grundstück nicht betreten werden. Aber: «Von der Straße und vom Bürgersteig aus kann man alles sehen», so Borchart. Vom kommenden Sonntag an sollen die Lichter täglich zwischen 16 Uhr und 21 Uhr strahlen – bis einschließlich Silvester.

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Sport

«Schrecklich»: Feuer-Unfall schockt Formel 1 – Hamilton gewinnt

Flammen schießen aus dem zerstörten Haas. Auf einmal springt Romain Grosjean aus dem Wrack seines Formel-1-Wagens über die Leitplanke. Ein Feuer-Unfall hat den Grand Prix von Bahrain fast zur Nebensache gemacht. Lewis Hamilton gewinnt im Flutlicht-Durcheinander.

Bahrain, Sakhir: Motorsport: Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Bahrain. Marshalls laufen zur Unfallstelle und löschen das Auto von Romain Grosjean aus Frankreich vom Team Haas. Romain Grosjean war kurz nach dem Start mit seinem Auto in die Leitplanken gekracht. Foto: dpa

Von Von Martin Moravec und Christian Hollmann
Sakhir (dpa) – Für das Feuerwerk nach dem Horror-Crash von Romain Grosjean und dem Wüsten-Chaos von Bahrain hatte Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton keine Augen. Der Mercedes-Pilot dachte nach seinem elften Saisonsieg erstmal an den Haas-Piloten, der einen Feuer-Unfall ersten Untersuchungen zufolge weitgehend unbeschadet überstand.

«Das war ein so schockierendes Bild, das ist schrecklich, wenn man sowas sieht», sagte Hamilton, der sich auch von einer mehr als 80-minütigen Unterbrechung nach dem Flammen-Drama nicht aus der Spur bringen ließ. «Das hätte noch viel schlimmer ausfallen können. Das erinnert uns daran, dass das ein gefährlicher Sport ist.»

Hamilton nahm mit seinem elften Erfolg des Jahres die Bestmarken von Michael Schumacher und Sebastian Vettel in Angriff. Die beiden Deutschen konnten jeweils 13 Mal in einer Saison gewinnen.

Zwei Wochen nach seinem siebten Titelgewinn in der Türkei verwies Hamilton mit einer perfekten Reifen-Strategie in Sakhir Max Verstappen im Red Bull auf den zweiten Platz. Der Brite hat nun wie auch Vettel viermal in der Wüste gewonnen.

Verstappen ist nur noch zwölf Punkte hinter Hamiltons Stallrivale Valtteri Bottas und kann sich damit weiter Hoffnungen auf die Vize-WM machen. «Gott sei Dank ist er okay und kann sich bald wieder erholen», richtete Verstappen seine ersten Worte an Grosjean.

Bei dem Franzosen wurden Verbrennungen an beiden Handrücken, aber keine Brüche festgestellt. Grosjean blieb zur Beobachtung über Nacht im Krankenhaus, wie sein Team mitteilte. Die Formel 1 kündigte eine eingehende Untersuchung des Unfalls an.

Dritter bei dem Flutlicht-Chaos wurde Verstappens Teamkollege Alex Albon. Der Thailänder profitierte drei Runden vor Schluss von einem Motorschaden bei Sergio Perez im Racing Point.

Unter dem Safety Car wurde das chaotische Rennen daraufhin beendet. Vettel erlebte im Ferrari beim drittletzten Grand Prix des Jahres mit Position 13 ein Debakel.

Die Bilder waren schockierend. Schon nach wenigen hundert Metern kam es zu dem fürchterlichen Crash. Grosjean zog aus zunächst unbekannten Gründen mit seinem Haas nach rechts, touchierte dabei Daniil Kwjat von Alpha Tauri und schoss förmlich in die Leitplanke.

Dann schossen Flammen aus dem Wrack. Wie ging es Grosjean? Wo war er? Der Franzose befreite sich aus seinem in zwei Teile gerissenen Wagen. Ein Streckenarzt half dem geschockten Piloten nach wenigen Sekunden, die aber in diesem unglaublichen Szenario wie eine Ewigkeit wirkten, über die Leitplanke. Grosjean saß kurz danach im Auto des Streckenarztes. Er musste gestützt werden, als er anschließend in einen Krankenwagen begleitet wurde.

Rote Flaggen wurden geschwenkt, das drittletzte Saisonrennen schon nach zwei Runden unterbrochen. Dann Entwarnung vom Haas-Team. Grosjean zog sich nur «einige kleinere Verbrennungen an seinen Händen und Knöcheln» zu. Sonst sei er aber okay. Sein Zustand war stabil, er konnte mit einem Helikopter ins Krankenhaus geflogen werden.

In der Garage klatschten Grosjeans Kollegen spontan Beifall, als er offensichtlich ohne größeren Schaden von den Ärzten behandelt wurde. Hamilton schüttelte ungläubig über den Horror-Unfall den Kopf.
«Alle Systeme, die wir entwickelt haben – der Halo, die Barrieren, die Gurte – haben so funktioniert, wie sie sollten», urteilte der Fahrer des Medizinwagens Alan van der Merwe.

«Mir wurde gesagt, er ist geschockt», kommentierte Haas-Teamchef Günther Steiner im TV-Sender Sky die beklemmenden Szenen. «Das war Glück im Unglück, muss man sagen.» In der Zwischenzeit wurde die Unfallstelle sichergestellt und die Leitplanke repariert. Ein Kran transportierte das entzweite Wrack ab.
Nach einer XXL-Unterbrechung wurde der Grand Prix mit einem stehenden Start fortgesetzt. An der Spitze blieb Hamilton, der sich tags zuvor seine 98. Karriere-Pole gesichert hatte.

Ein Überschlag von Racing-Point-Fahrer Lance Stroll nach einer Berührung mit Kwjat sorgte aber für die nächste Unterbrechung. Der Kanadier konnte mit Hilfe eines Streckenpostens aus seinem Auto kriechen. Das Safety Car kam in der dritten Runde auf den Asphalt, der pinke Rennwagen wurde mit einem Kran geborgen. Der Russe Kwjat bekam eine Zehn-Sekunden-Strafe aufgebrummt.

Nach fünf Runden durfte wieder frei gefahren werden – Vettel lag zu diesem Zeitpunkt nur auf dem 15. Platz. «Der Wagen ist unfahrbar», klagte der Ferrari-Pilot, drehte sich prompt und fiel ans Ende des Feldes zurück. Frust pur beim Deutschen, der zwei Wochen nach seinem dritten Platz in Istanbul seinen Aufwärtstrend fortsetzen wollte.

«Wir haben nichts zu verlieren, lasst uns Vollgas geben», forderte Verstappen über Funk. Der Niederländer tat auch, was er konnte und holte sich mit frischen Reifen in der Schlussphase sogar die schnellste Rennrunde. Am erneut weltmeisterlich souveränen Hamilton kam er dennoch nicht mehr vorbei.

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Feuilleton

Schwedische Wohn-Türme erhalten
Internationalen Hochhauspreis

Die Doppel-Türme «Norra Tornen» in Stockholm. Das Wohngebäude erhält den Internationalen Hochhauspreis. Die Jury billigte dem Bau eine zeitlos-wegweisende Architektur zu. Foto: dpa/Anders Bobert

Frankfurt/Main (dpa) – Die Doppel-Türme «Norra Tornen» aus der schwedischen Hauptstadt Stockholm erhalten den Internationalen Hochhauspreis. Die Jury billigte den Wohngebäuden eine zeitlos-wegweisende Architektur zu, wie die Veranstalter jetzt in Frankfurt bekanntgaben. Hervorgehoben wurden die kastenartigen Fertigteilelemente aus Beton, mit denen die Fassaden rings herum bestückt sind. Die bis zu 125 Meter hohen «Nördlichen Türme» leisteten einen Beitrag zu einem stimmigen Stadtgefüge, befand die Jury. Im Finale war auch ein Neubau im Frankfurter Bankenviertel, der «Omniturm». Das Gebäude mit seinem charakteristischen Hüftschwung gehört damit nach Ansicht der Jury zu den fünf besten Wolkenkratzern der Welt. Der Hochhauspreis ist mit 50 000 Euro dotiert und wird seit 2004 alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt, dem Deutschen Architekturmuseum und der DekaBank vergeben.

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Gesundheit

Experten betonen: Masken sind kein Gesundheitsrisiko

Mund-Nasen-Bedeckungen sind ein wichtiger Bestandteil bei der Eindämmung des Coronavirus. Foto: Zacharie Scheurer/dpa

Starnberg (dpa) – Mund-Nasen-Bedeckungen sind ein wichtiger Bestandteil bei der Eindämmung des Coronavirus. Manche glauben aber, ihnen schaden die Masken. Dabei ist – wenn überhaupt – das Gegenteil der Fall. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes birgt nach Einschätzung mehrerer Experten keine gesundheitlichen Risiken. Eher im Gegenteil, sagt der HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing aus Starnberg. Unter der Maske bleibe die Atemluft wärmer. «Im Prinzip pflegt man die Schleimhäute, da man sie vor Austrocknung durch kalte Luft oder Heizungsluft schützt.» Das sei dem Prinzip der feuchten Kammer ähnlich, das bei trockenen Nasenschleimhäuten oder Problemen mit Nasenbluten genutzt wird. Unbegründet sind laut dem HNO-Mediziner auch Sorgen, dass man anfälliger für erneute Ansteckungen sei, weil man Keime durch die Barriere vor dem Mund immer wieder einatmet. «Reinfektionen muss man nicht fürchten.» Das gilt für medizinische Mund-Nasen-Bedeckungen ebenso wie für Alltagsmasken aus Baumwolle.

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Reise

Vom Kamel gefallen

Kamele in Ägypten – wer aufsteigt, tut das auf eigene Gefahr. Foto: dpa
                

München (dpa) – Wer sich auf ein Kamel setzt, muss damit rechnen, dass er herunterfällt – mit dieser Begründung hat das Münchner Amtsgericht die Klage eines Mannes aus Baden-Württemberg abgewiesen.
Der 51-Jährige bei einem Unternehmen in München eine Ägyptenreise mit Nilkreuzfahrt gebucht. Unterwegs nahm er an einem Ausflug inklusive Kamelritt teil. Das Tier stolperte und bäumte sich auf, der Mann fiel herunter und zog sich einen Rippenbruch zu. Dass geht aus einer Mitteilung des Gerichtshervor.

Weil er sich nach eigenen Angaben den restlichen Urlaub über nicht mehr bewegen konnte, verlangte er fast 3400 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz. Der Kameltreiber habe nichts getan, um den Sturz zu verhindern, begründete dies der Kläger.

Die Klage wurde jedoch abgewiesen (Az. 111 C 30051/14). Der Urlauber habe nicht erklärt, was der Kameltreiber hätte tun sollen, um das Aufbäumen seines Tieres zu verhindern. Der Kamelführer und der Veranstalter könnten nichts für den Sturz.

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«Gott im Lockdown» – Was die Kirche aus der Corona-Krise lernen kann

Die Corona-Krise scheint der Debatte um Reformen in der katholischen
Kirche einen neuen Schub zu verpassen. Experten sagen: Die Kirche
erlebt in der Krise schon heute ihre Zukunft. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Von Britta Schultejans
München (dpa) – Weil der Priester im Corona-Lockdown nicht vorbei kam, um die Heilige Messe zu zelebrieren, nahmen die Nonnen die Sache selbst in die Hand: Auf eigene Faust feierten sie den Gottesdienst und teilten Brot und Wein. «Wir haben nicht die Eucharistie gefeiert. Wir kennen die Liturgie durch und durch und wissen, was für uns machbar ist. Aber wir haben getan, was uns möglich ist. Wir sind ja auch Theologinnen, wir sind fromme Frauen», sagt die Münchner Ordensfrau Susanne Schneider von den Missionarinnen Christi über dieses ganz besondere Osterfest im Pandemie-Jahr 2020. Und warum, fragt die 56 Jahre alte Nonne, soll das nicht immer so sein? 

«Wir haben den Eindruck, dass da vor allem die Macht der Kleriker eine große Rolle spielt – und das stößt uns schon endlos auf», sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. «Wir Ordensfrauen, wir waren jetzt lange sehr demütig und haben lange geschwiegen. Wir haben gebetet, wir haben argumentiert. Aber man hat den Eindruck: Die schnallen das einfach nicht. Darum müssen wir jetzt relativ laut schreien.»

Die Corona-Krise gibt der Reformdebatte in der katholischen Kirche einen ganz neuen Schub. Experten sagen: Die Kirche erlebt in der Krise schon heute die eigene Zukunft. «Das ist wie ein Stresstest», sagt Schneider, die zusammen mit den Theologen Paul Zulehner und Benedikt Kranemann zu einer dreiteiligen Vortragsreihe der Domberg-Akademie des Erzbistums München und Freising zum Thema «Gott im Lockdown: Was Pfarreien aus der Krise lernen können» eingeladen wurde.

«Es gibt in der Krise diese Reformimpulse, die auch in die Kirchenentwicklungen einmünden können», sagt der Religions- und Werteforscher Zulehner, emeritierter Theologie-Professor der Universität Wien. «Der Synodale Weg müsste da genau hinschauen.» Der Theologe Kranemann, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt, betont: «Wir müssen noch mehr Kreativität ermöglichen.»

Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage nach den Auswirkungen der Pandemie auf die Kirche gibt es gegenläufige Entwicklungen: Die Einen sehen ein Reformlabor und Raum für mehr Freiheiten, andere wie der entschiedene Kritiker des Reformprozesses Synodaler Weg, der konservative Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, hoffen auf mehr Spiritualität und weniger Kirchenpolitik.

Um diesen Trend zu belegen, hat Voderholzers Bistum eine Studie am Institut für Pastoraltheorie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München in Auftrag gegeben. Dabei geht es nach Angaben des Dekans der Katholisch-Theologischen Fakultät, Andreas Wollbold, vor allem um die Frage, wie Seelsorger während der Zeit Kontakt zur Gemeinde hielten. Außerdem soll ermittelt werden, wie die kirchlichen Mitarbeiter persönlich und geistlich mit der Situation umgingen.

Der Wiener Theologe Zulehner hat im Sommer eine Online-Umfrage in zehn Sprachen zur Corona-Krise ins Netz gestellt, rund 11 353 Fragebögen ausgewertet und die Ergebnisse bereits in seinem Podcast «Corona bewegt uns» veröffentlicht. Eine «enorme Meinungsvielfalt» sieht er, polarisierende Meinungen, unterschiedliche wirtschaftliche Auswirkungen und einen großen Bedarf an «Brückenbauern». «Es kommt eine neue soziale Frage auf uns zu, auf die auch die Kirchen eine Antwort finden müssen», sagt Zulehner.

Und diese Antwort sei dringend, weil die Kirche in der Krise bislang droht, in weiten Bevölkerungsschichten weiter an Bedeutung zu verlieren. «Auch Gott verschwand im Lockdown», heißt seine Podcast-Folge Nummer fünf. «Die längere Unterbrechung von sonntäglichen Zusammenkünften hat Gewohnheitschristen weiter entwöhnt», sagt er darin. «Es werden daher nach der Pandemie weniger Menschen zur Kirche gehen.»

Viele Gläubige hätten den Gottesdienst zu Hause gefeiert und dort gemeinsam mit der Familie das Brot gebrochen und aus dem Kelch getrunken. «Einen ordinierten Priester haben sie dabei nicht vermisst», sagt Zulehner – ebenso wenig wie die Nonnen um Susanne Schneider. «Gläubiges Leben wurde in großer Freiheit ohne Einsicht und Aufsicht durch Kirchenverantwortliche gestaltet.»

Gottesdienste im Fernsehen seien laut seiner Umfrage und trotz von den Kirchen vermeldeter hoher Zugriffszahlen zwar weniger beliebt, Zulehner beobachtet dabei aber etwas, was er «gezappte Ökumene» nennt: «Manche Katholiken wählten sich in gute evangelische Feiern ein.»

Er macht dabei auch eine Gruppe aus, die er «Sofa-Christen» nennt: «Gottesverehrung nicht im Knien, sondern mit hochgelagerten Beinen.» Die hätten sich von einer konkreten Pfarrgemeinde schon länger entfernt und seien durch die Corona-Krise in diesem Weg noch bestätigt worden.

Insgesamt könne man zwischen Formen der Beteiligungskirche und der Dienstleistungskirche unterscheiden, die, da ist der Theologe überzeugt, nur im Zusammenspiel zukunftsfähig seien. «Die Kombination von beiden könnte ein zukunftsfähiges Kirchenmodell ergeben.»

Was es insgesamt bedeute, «dass die Pandemie solche kirchliche Laboratorien eröffnet hat», das sei insgesamt aber noch nicht abzusehen. Aber Zulehner fragt: «Hat etwa die Pandemie für anstehende Themen wie die Rolle der Frau und ihre Ordination unkomplizierte Lösungen aufgezeigt und auch schon erprobt?»

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST – Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

Pflege zwischen Leben und Tod – auf einer Covid-Intensivstation

Auf den Intensivstationen geht es täglich um Leben und Tod. Aber es wird eng dort, wo immer mehr Patienten und Pfleger einen Kampf gegen das grassierende Coronavirus führen. Wie geht eine Krankenschwester um mit dem Stress und dem Tod als täglichem Begleiter? Ein Besuch.

Stuttgart: Ayse Yeter, Krankenschwester und Stationsleitung der Intensivstation für Covid-19 Patienten des Klinikum Stuttgart, lehnt im Zugangsbereich zur Intensivstation an einem Geländer. Foto: dpa

Von Martin Oversohl
Stuttgart (dpa) – Es ist fast still dort, wo es um Leben und Tod geht. Im Zimmer ist nur ein monotones Piepsen zu hören und das rhythmische Pumpen der Maschine, die Luft in den ermatteten Körper des Mannes im Bett presst. Der Mann schläft, tief und fest und frei von Schmerzen, seit sechs Tagen schon. Tag für Tag steht Stationsleiterin Ayse Yeter an seinem Bett im Doppelzimmer der Covid-19-Intensivstation des Stuttgarter Klinikums. Reglos liegt ihr Patient da, während sie ihn ganz vorsichtig rasiert, ihn kämmt und mit ihm spricht. «Wir kümmern uns», sagt die Krankenschwester. «Das ist immer noch ein Mensch, der da im Bett liegt.»

Auch wenn der Körper dieses Menschen mit den mannshohen Maschinen an seinem Bett über Kabel und Schläuche fest verbunden ist. Auch wenn EKG-Elektroden auf seiner Brust kleben. Neben ihm surrt ein Dialysegerät und ein Turm aus Monitoren mit grünen, gelben und roten Linien und Kurven gibt die Werte für Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und Sauerstoffsättigung im Blut wieder.

Vor 15 Tagen kam der 76-Jährige auf Yeters Station, die sich zentral für die drei Häuser des Klinikums Stuttgart auf die Behandlung von schwerstkranken Covid-19-Patienten spezialisiert hat. Wie viele Tausend andere Menschen in Baden-Württemberg trägt er das Coronavirus in sich. «Der Mann war ansprechbar», erinnert sich Yeter. Damals ahnte er wahrscheinlich nicht, wie unnachgiebig ihn das Virus erobern würde. Die Krankheit breitete sich schleichend in seinem Körper aus. Die Viren zerstörten Zelle um Zelle und wanderten tief in die Lunge hinein.

Nach etwas mehr als einer Woche versetzte das Ärzteteam den 76-Jährigen in einen künstlichen Schlaf. Seitdem dämmert der alte Mann auf der Intensivstation vor sich hin. In den anderen Betten der Intensivstation kämpfen 15 weitere Corona-Patienten ihren eigenen Überlebenskampf. Gestern waren es noch 18. Zwei haben ihn in der Nacht verloren.

Nach deutschlandweiten Studien überlebt im Durchschnitt nur einer von zwei beatmeten Covid-19-Patienten den Aufenthalt in der Intensivabteilung. Bundesweit sind nach Zahlen des Robert Koch-Instituts schon mehr als 13 000 Menschen mit oder an dem Virus gestorben. Gegen Sars-Cov-2 helfen Medikamente nur begrenzt. In allen Krankenhäusern der Welt können Ärzte und Schwestern wie Yeter den kranken Körpern nur helfen, die Folgen der Infektion zu bewältigen. «Die ist einfach unberechenbar, diese Krankheit», sagt Yeter, die die Station im ersten Stock der Klinik im Stadtteil Bad Cannstatt leitet.

Unweit des Neckars hat das Klinikum Stuttgart hier eine eigene Schwerpunktabteilung eröffnet, die sich ausschließlich um Covid-19-Patienten kümmert. Der jüngste Infizierte an diesem Morgen ist 48, und sie werden immer jünger. «Corona kennt keine Altersgrenze», sagt Klinikvorstand Jan Steffen Jürgensen. «In der ersten Welle haben wir vor allem die Älteren behandelt, jetzt reicht die Spanne tatsächlich von 18 bis 100.»

Vieles, sehr vieles, aber bei weitem nicht alles kann den Maschinen auf der Station überlassen werden. «So, wir drehen Sie jetzt mal», sagt Yeter zu ihrem schweigenden Schützling im Koma. «Wir sprechen immer mit unseren Patienten», erklärt die 49-Jährige. «Wir wissen nicht, was alles ankommt. Und schaden tut es nicht.»

Jeder Griff sitzt, während sie mit den beiden Krankenschwestern am Bett den Prozess abspricht. Die eine Hand zieht routiniert am Laken, die andere richtet die Schulter aus, eine weitere Schwester nimmt den Oberarm leicht zurück oder hält den Kopf und den Beatmungsschlauch des großen, schweren Mannes fest, bis er endlich flach auf dem Bauch liegt. «Lagern» nennt sich dieses kräftezehrende Manöver. Mehrfach am Tag muss ein Covid-19-Patient bewegt werden, damit sich die Luft in der angegriffenen Lunge verteilen kann.

Der langwierige Verlauf der Krankheit bereitet Yeter, Jürgensen und dem Team des Klinikums Stuttgart die größten Sorgen. Denn wenn die Zahlen, die die Landesgesundheitsämter erfassen, nicht bald zurückgehen, droht vor der Intensivstation ein Stau.

Das Problem: Covid-19-Patienten müssen viel länger auf der Intensivstation behandelt werden als Kranke nach einer Operation oder mit einer schweren bakteriellen Lungenentzündung. Es kommen aber immer neue Kranke nach – und die Betten sind noch belegt.

Die Aufwachstation vor den Stuttgarter OP-Sälen ist für den Notfall schon umgerüstet. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die zehn Betten gebraucht werden. Die Infektionen machen sich auf den Intensivstationen immer erst mit mehreren Tagen Verzögerung bemerkbar. Draußen steigen die Zahlen täglich. Bald wird die Aufwachstation zur Auffangstation.

Auch in anderen Häusern kommt es bereits zu Engpässen. Bundesweit wurde die Zahl der für Covid-Patienten geeigneten Intensivbetten nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft von 20 000 auf rund 30 000 Plätze gesteigert. Zusätzlich steht demnach eine Reserve von 12 700 Betten bereit, die innerhalb einer Woche aktiviert werden kann.

Aber die Stationen füllen sich schnell. Erst vor wenigen Tagen warnte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor einer Verdopplung der Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen noch in diesem Monat. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg fürchtet bereits ethisch schwierige Entscheidungen, wenn das System der Intensivstationen an seine Grenzen stößt. «Wir müssen dringend eine Triage-Situation verhindern, in der wir auswählen müssen, wen wir optimal behandeln können und wen nicht», sagt ihr Vorstand Norbert Metke.

In einigen Häusern wird die Regelversorgung bereits zurückgefahren – nicht wegen der Betten, sondern wegen des Personals. Denn hier droht der eigentliche Engpass, der vermieden werden muss, sagt der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens. Er geht davon aus, dass bereits jetzt bundesweit 3500 bis 4000 Fachkräfte in der Intensivpflege fehlen. Viele der Zusatzbetten könnten gar nicht belegt werden, weil es das Personal nicht gebe, um die Patienten zu versorgen.

Auf Yeters Station betreut jede Krankenschwester und jeder Pfleger schon jetzt pro Schicht drei Covid-19-Patienten. Sie müssen große Perfusorspritzen mit Arzneien aufziehen, die dann über Schläuche verabreicht werden. Sie bedienen Pumpen und Maschinen, dokumentieren, lagern und pflegen. Das alles in kompletter Schutzmontur. Stunden vergehen bis die kleine Zinkglocke am Stützpunkt in der Mitte des Flurs das Team zusammenruft. Danach geht es weiter. Oft mehr als zehn Stunden am Tag.

Wieder klingelt das tragbare Telefon, das Yeter am Revers ihres blauen kurzärmeligen Oberteils festgesteckt hat. Dutzende Male am Tag spielt das Gerät die perlende Melodie, mal ist die Pforte dran, mal die Medizintechnik oder der OP. Sehr oft rufen auch Angehörige an, die wegen des Besuchsverbots nicht auf die Station kommen dürfen. Für sie ist auch ein psychosozialer Betreuer da. Er tröstet, er macht Mut, aber nicht selten muss er auch die bittere Nachricht überbringen, dass die Therapie nun abgesetzt werden muss. Denn bei Sterbenden macht die Klinik Ausnahmen vom Besuchsverbot. Allerdings nur für die engsten Angehörigen.

Durch das Verbot soll auch das Risiko von Infektionen so gering wie möglich gehalten werden. Die Station ist eine abgeschirmte Gesellschaft an vorderster Corona-Front. Aus ihr kommt nichts hinaus, das nicht desinfiziert wurde – das gilt für die weißen Medizinersöckchen und die FFP2-Masken, für Schutzbrillen und Papierblöcke genauso wie für Schläuche, Latexhandschuhe und Hosen, für Plastiklatschen und die grünen Häubchen, die die Haare abdecken. «Man muss immer im Hinterkopf haben, dass das Virus überall anhaften kann», sagt Yeter.

Ihre Hoffnung am Ende des Tages? Der Impfstoff. «An irgendetwas muss man ja glauben», sagt Ayse Yeter. Sie lächelt tapfer und wird dann schlagartig ernst. Nach Stunden am Bett todkranker Menschen, nach der Arbeit zwischen Dienstplänen und Schläuchen, nach dem Anblick kraftloser Körper macht sie vor allem eines wütend: Die Leichtfertigkeit, mit der Zehntausende nach wie vor dem Virus begegnen. «Die Querdenker, die Skeptiker, die Kritiker. Die sollen mal einen Tag kommen und sich anschauen, was sich hier abspielt.»

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

grassierende – prevalent
ermatteten – exhausted
reglos – motionless
Schläuche – hoses
surrt – whirres
Herzfrequenz – heartbeat
Blutdruck – blood pressure
Atmung – breathing
Sauerstoffsättigung – oxygen levels
ansprechbar – conscious
unnachgiebig – unyielding
schliechend – insidiously
dämmert – slips towards twilight
Überlebenskampf – struggle for survival
bewältigen – manage
Schwerpunktabteilung – intensive care unit
ausschließlich – exclusively
schweigenden – silent
Schützling – protegee
abspricht – arranges
Laken – bedsheet
Beatmungsschlauch – breathing tube
kräftezehrende – debilitating weakness
verteilen – distribute
langwierige – protracted
erfassen – is recording
umgerüstet – converted
Verzögerung – delay
Aufwachstation – recovery ward
stößt – pressing
Regelversorgung – routine care
vermieden – avoided
geht davon aus, dass – assumes that
Schicht – shift
Perfusorspritzen – syringe injections
verabreicht – administer
Angehörige – family members
Betreuer – care worker
tröstet – consoles
macht Mut – gives courage
abgesetzt – discontinued
abgeschirmte – shielded
Plastiklatschen – plastic shoes
anhaften – adhere
Impfstoff – vaccine
Leichtfertigkeit – recklessness
begegnen – run into

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

*Note: Previous selections can be found in the Archives section of the site.*