05. September 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

2020 versus 2010: Was zehn
Jahre so verändern

Weniger Bier, mehr Alkoholfreies, mehr Zeit mit dem Smartphone und mehr als zwanzigmal so viele Veganer: Was zehn Jahre in Deutschlands Bevölkerung so bewirkt haben.

Berlin: Die Startseite der Corona-Warn-App in der Entwickler Version ist im Display eines Smartphone zu sehen. Mithilfe der App werden Bürger benachrichtigt, sollten Sie sich in der Nähe eines am Corona-Virus erkrankten aufgehalten haben. Aktuell nutzen 76 Prozent der Bundesbürger ab 16 Jahren ein internetfähiges Mobiltelefon. Foto: dpa

Von Gregor Tholl
Berlin (dpa) – Zurzeit bestimmt die Corona-Krise fast alles. Da ist ein Blick zehn Jahre zurück fast soetwas wie ein Ausflug in eine andere Welt. Wenn es um das Alltagsleben in Deutschland geht, zeigen einige Zahlen einen rasanten Wandel – etwa beim Trinken, Essen, Rauchen und bei der Mediennutzung. Ein paar Beispiele:

HANDY: Aktuell nutzen 76 Prozent der Bundesbürger ab 16 Jahren ein internetfähiges Mobiltelefon. Das entspricht 53 Millionen Menschen, wie es vom IT-Branchenverband Bitkom heißt. 2015 waren es 65 Prozent und 2012 erst 36 Prozent. Der Siegeszug der sogenannten Smartphones begann aber auch erst 2007 mit der Einführung des iPhones von Apple.

BIER: Vor zehn Jahren lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier bei rund 107 Litern, wie es vom Deutschen Brauerbund heißt. 2019 soll jeder in Deutschland nur noch etwa 102 Liter getrunken haben. Rekordjahr soll in Westdeutschland 1976 mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 151 Litern gewesen sein. Der Marktanteil von alkoholfreiem Bier stieg von etwa 3 Prozent vor zehn Jahren auf inzwischen 7 Prozent.

GETRÄNKE: Bei alkoholfreien Erfrischungsgetränken haben die Verbraucher in Deutschland 2019 einen Pro-Kopf-Verbrauch von fast 124 Litern hingelegt, wie es von der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg) in Berlin heißt. Innerhalb der Kategorie setzte sich die Verschiebung hin zu kalorienreduzierten und kalorienfreien Getränken wie Cola light fort. 2010 wurden 118 Liter Cola und Limonaden, Fruchtsaftgetränke und Schorlen, Brausen, Tee-, Bitter- und Energiegetränke zu sich genommen.

FLEISCH: In Deutschland ernähren sich rund 8 Millionen Menschen vegetarisch und 1,3 Millionen vegan, heißt es vom Interessenverband ProVeg. Täglich kommen demnach laut Schätzungen etwa 2000 Vegetarier sowie 200 Veganer hinzu. 2011 ging der damals noch Vegetarierbund (VEBU) genannte Verein von 6 Millionen Vegetariern aus – sowie von etwa 60 000 Veganern.

MEDIEN: Die tägliche Bewegtbildnutzung der Menschen ab 14 Jahren lag 2019 bei 5 Stunden und 10 Minuten, wie aus der VAUNET-Mediennutzungsanalyse hervorgeht. Laut Arbeitsgemeinschaft (AGF) Videoforschung lag die Fernseh-Sehdauer 2019 bei 211 Minuten, 2010 waren es noch 223 Minuten. Je nach Alter war die Dauer vor dem Fernseher 2019 aber sehr unterschiedlich: Erwachsene über 50 schauten mehr als fünf Stunden, 14- bis 29-Jährige keine anderthalb Stunden. Die Corona-Krise beflügelte ein gewisses Comeback des linearen TV.

RAUCHEN: Verschiedenen Studien zufolge, auf die sich unter anderem der aktuelle Suchtbericht der Bundesregierung bezieht, ging der Anteil rauchender Jugendlicher bis 15 Jahren in den vergangenen zehn um zwei Drittel zurück. Bei Erwachsenen sank der Raucheranteil seit 2003 bei Männern von etwa 40 auf etwa 25 Prozent und bei Frauen von etwa 30 auf 20 Prozent. Im Bundesländervergleich zeigt sich nach wie vor, dass im Norden und in Großstädten mehr geraucht wird.

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Sport

Die Tour de France in Zeiten von Corona: Radsport-Feeling auf dem Mülleimer

Die große Maschine Tour de France hat sich in Bewegung gesetzt, der Grand Départ in Nizza geht unter besonderen Umständen vonstatten. Alles in kleineren Dimensionen als gewohnt – und der Sport zum Anfassen schottet sich ab

Tour de France, 2. Etappe (186 Kilometer): Wout Van Aert (l vorne) aus Belgien vom Team Jumbo-Visma auf der Strecke. Foto: dpa

Von Tom Mustroph und Stefan Tabeling
Nizza (dpa) – Das Startvillage auf dem Platz Massena im Herzen von Nizza war mit einer schwarzen, drei Meter hohen Wand abgetrennt. «Acces interdit» – Zutritt strengstens verboten. Auch auf der berühmten Promenade des Anglais ging 150 Meter vor der Ziellinie nichts mehr. Der Radsport schottet sich ab – notgedrungen. Einige hartgesottene Fans stiegen auf die Mülleimer einer Fast-Food-Kette, um einen Blick vom Geschehen zu erhaschen. Natürlich mit Maske, sonst sind 135 Euro Strafe fällig. So sieht es aus, wenn die Tour de France in Zeiten von Corona durch das Land rollt.

Der Sport zum Anfassen geht auf Distanz, lebt in seiner eigenen Blase. Das sind die Bedingungen, wenn der Tross irgendwie in drei Wochen Paris erreichen will. Vieles ist provisorisch. Natürlich gab es auch Lücken. Auch die schwarze Wand reichte nicht aus, um den kompletten Wagenpark der 22 Teams zu umhüllen. Und so standen die Fans dann auch keinen Meter entfernt vom Bora-hansgrohe-Bus. Aufgehalten waren sie zwar von einer Barriere, der Atem aus ihren Mündern konnte aber frei ins Fahrerlager herüberwehen.

An den Athleten selbst lag es nun, nicht zur den Zuschauern zugewandten Seite ihrer Fahrzeuge zu kommen. Das beherzigten sie auch. Keine Autogramme wurden gegeben, keine Selfies inszeniert, keine Basecaps und andere Goodies herausgegeben. Die Blase blieb an dieser Stelle dicht.

Die Stadtväter von Nizza und auch Tour-Organisator ASO hatten seit Tagen die Bevölkerung auf diese Verhaltensweise eingeschworen. Immer wieder traf man auf Piktogramme, die an das Kontaktverbot mit der 660 Menschen umfassenden Teamblase erinnerten. Auch bei Stürzen, von denen es reichlich gab, sollen die Fans auf ihre Hilfsbereitschaft verzichten. Die Massenerziehung trug Früchte. Die Distanz blieb selbst dort gewahrt, wo die Absperrelemente nicht mehr ausreichten. «Wir wollen der Welt ein Beispiel geben. Wir wollen zeigen, dass auch unter den Bedingungen der Pandemie solche Veranstaltungen möglich sind», erklärte Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi.

Zehn Jahre lang hatte er bei der ASO um einen Grand Depart geworben. Als er ihn hatte, kam die Pandemie – und zerstörte alle Träume von einem touristischen Boom. Jetzt ist der Bürgermeister auch mit Peanuts zufrieden. «Unsere Hoteliers haben durch die Tour eine etwas verlängerte Saison. 13 000 Übernachtungen bis Montag gibt es allein durch die Tour», sagte er der lokalen Tageszeitung «Nice Matin».

In Zeiten, in denen nur wenig normal scheint, in Zeiten auch, in denen die Infektionszahlen weiter nach oben schnellen, sind das für die lokale Ökonomie kleine erleichternde Signale. Allerdings musste auch die Tour auf die sich verschärfende Situation regieren. Die Besucherströme an Start und Ziel und auch an den Bergwertungen wurden weiter reduziert. Das hatte Einfluss auf die Stimmung. Frenetische Anfeuerungen waren nicht zu hören. Auch die klassischen Klatschpappen und Trillerpfeifen fehlten. Die Werbekarawane fuhr zwar wie gewohnt dem Peloton voran. Aber nur wenige hatten die Erlaubnis, Geschenke zu verteilen. Es war ein gedrückter, ein nachdenklicher Auftakt.

Auf politischen Druck musste die ASO auch wieder die Regelung verschärfen, wonach eine Mannschaft ausgeschlossen wird, wenn im gesamten Team inklusive Umfeld innerhalb von sieben Tagen zwei Positivfälle auftreten. Ursprünglich sollte dies nur die Fahrer betreffen.

Und was passiert, wenn die Pandemie in Frankreich weiter ausufert? «Wir müssen uns immer der Situation anpassen und entsprechend Entscheidungen treffen», sagte der auch für den Sport zuständige Minister Jean-Michel Blanquer bei seinem Kurzbesuch. Momentan sei die Hypothese eines Tour-Abbruchs «sehr schwach», sagte Blanquer und schob nach: «Aber es ist immer alles möglich.» Die frühe Lockdown-Metapher «auf Sicht fahren» wird bei diesem rollenden Radevent wieder ganz aktuell.

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Feuilleton

Kostbarkeiten der Film- und Kinogeschichte erhalten neues Zuhause

Blick auf das Filmmuseum in Potsdam, Brandenburg.
Foto: Monika Skolimowska/dpa

Potsdam (dpa) – Die Sammlungen des Filmmuseums Potsdam wachsen seit etwa dreißig Jahren an – nun sollen die Kulturgüter in einem neuen Gebäude untergebracht werden. Am Montag wurde der Grundstein für den Archiv-Neubau gelegt, in dem die umfangreichen Bestände der Film- und Kinogeschichte ihren Platz haben sollen.

Derzeit sind die Sammlungen nach Angaben des brandenburgischen Kulturministeriums noch beengt auf 3000 Quadratmetern in Potsdam-Bornstedt untergebracht. In dem Neubau soll die Nutzfläche auf 6300 Quadratmeter verdoppelt werden. Zudem befindet sich das Domizil direkt gegenüber der Filmuniversität mit ihrem Forschungs- und Lehrprofil Film.

Kulturministerin Manja Schüle (SPD) erklärte, der Neubau habe nun «endlich die versprochenen modernen Räumlichkeiten». So erhalte das Filmmuseum mit dem Archiv-Neubau dringend benötigte klimatisierte Magazine sowie Werkstätten und Bearbeitungsräume zur Konservierung. Zudem soll ein öffentlich zugängliches Schaudepot Einblick in das Archiv bieten. Das Gebäude bietet außerdem Platz für Seminarräume und eine Bibliothek mit Lesesaal. Der Bau soll in den kommenden zwei Jahren errichtet werden.

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Gesundheit

Bitte kein Bacon: Was ein gesundes Frühstück ausmacht

Wer Brot zum Frühstück essen will, sollte ein Vollkornprodukt wählen.  Foto Christin Klose/dpaa

Hamburg/Bonn (dpa) -„Mit leerem Magen gehe ich nicht aus dem Haus“ oder „Morgens kriege ich nichts runter“ – beim Thema Frühstück scheiden sich die Geister. Feststeht: Wenn man frühstückt, dann bitte richtig.

Die einen schmieren sich ein Brötchen, die anderen mischen sich Müsli. Manche mögen es englisch und braten Bacon und Würstchen. Und in asiatischen Ländern gibt es morgens oft warme Reisgerichte.

Die Vorlieben und Gewohnheiten beim Frühstück sind nahezu endlos. Aber aus ernährungsmedizinischer Sicht sind die verschiedenen Varianten bei weitem nicht ähnlich gesund.

Grundsätzlich gilt für das Frühstück das gleiche wie für alle Hauptmahlzeiten: Es sollte idealerweise gesund und ausgewogen sein. Dabei spielt auch der Zeitpunkt eine Rolle: Astrid Donalies von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät, in den ersten zwei Stunden nach dem Aufstehen etwas zu essen und zu trinken. „Das ist auch für Frühstücksmuffel zu schaffen“, sagt sie.

Energiespeicher auffüllen
Der Sinn des Frühstücks liegt der Expertin zufolge darin, die Energiespeicher des Körpers wieder aufzufüllen. „Das ist besonders für Kinder und Jugendliche wichtig.“

Mit Blick auf junge Menschen sowie Diabetiker, Schwangere und stillende Frauen teilt Ernährungsmediziner und Diabetologe Matthias Riedl diese Ansicht. Für alle anderen sei das Essen am Morgen jedoch kein Muss. Man könne auch nur ungesüßten Tee oder Kaffee und natürlich Wasser trinken, sagt er.

Dabei besteht allerdings eine Gefahr: „Wer nicht reichhaltig frühstückt, snackt morgens in der Regel mehr“, ergänzt Riedl. Und das sollte man möglichst vermeiden – unter anderem, weil es nicht gut für die Zahngesundheit, das Gewicht und den Stoffwechsel ist.

Aber wie sieht ein gutes Frühstück aus? Laut DGE-Expertin Astrid Donalies besteht es idealerweise aus vier Bausteinen:

  • Getränke, also Wasser, Tee oder auch Kaffee.
  • Getreide in Form von Brot, Müsli oder Getreideflocken.
  • Gemüse und Obst, zum Beispiel Apfel, Beeren oder Banane sowie Tomate, Gurke, Paprika oder auch mal knackige Salatblätter.
  • Milch beziehungsweise fettarme Milchprodukte, etwa Joghurt, Quark oder Käse.

    Für Ernährungsmediziner Riedl dürfen es ruhig weniger Kohlenhydrate sein. Er empfiehlt vor allem Eiweiß, am besten pflanzliches, wie es zum Beispiel in Nüssen und Haferflocken enthalten ist.

    Ruhig mehr Käse und weniger Brot
    Aber auch Milchprodukte dürfen aus seiner Sicht am Morgen auf den Tisch kommen. Wer Brot isst, sollte ein Vollkornprodukt wählen. „Man braucht relativ wenig Kohlenhydrate, wenn man nicht körperlich aktiv ist“, sagt Riedl. Was daraus folgt, dürfte viele freuen: „Man kann das Brot ruhig dünner und den eiweißhaltigen Belag dicker machen. Also ruhig mehr Käse nehmen.“

    Beim Zucker sollten es täglich zwischen 25 und 50 Gramm sein. „Die sind schnell erreicht.“ Toast mit Marmelade oder Nuss-Nougat-Creme sowie Fertig-Cerealien und Fertig-Fruchtjoghurts sind für Riedl deshalb No-Gos auf dem Frühstückstisch.

    Ein anderes Lebensmittel sollte man dagegen essen, wann immer es geht, so Riedl: „Nüsse haben einen Mehrfacheffekt.“ Deren Eiweiß mache satt, die Fette verzögerten die Verdauung, und die Ballaststoffe sorgten dafür, dass die Sättigung bis zum Mittag vorhalte.

    Kleine Lichtblicke im englischen Frühstück
    Machen die Briten mit ihrer Art des Frühstücks also alles falsch? Nicht unbedingt. Am klassischen englischen Frühstück mit Baked Beans, also weißen Bohnen in Tomatensoße, Spiegelei, Würstchen, Bacon, Tomate und Toast seien die Bohnen und die Eier durchaus gute Bestandteile, sagt Riedl. Auch das häufig zum Frühstück angebotene Porridge, ein Getreidebrei, könne man guten Gewissens essen.

    Beim Bacon und den Würstchen tappt man hingegen in zwei Fallen gleichzeitig: Zum einen ist beides sehr fetthaltig, so dass man rasch die empfohlene Tagesenergiemenge erreicht. Zum anderen ist Donalies zufolge das empfohlene Wochenpensum von 300 bis maximal 600 Gramm Fleisch und Fleischprodukten dadurch schnell überschritten.

    Kindern tut Frühstücken gut
    Entscheidend ist nicht nur, was auf den Tisch kommt, sondern auch, dass überhaupt etwas auf den Tisch kommt. „Gerade für Kinder ist eine Frühstückskultur in der Familie wichtig“, betont Donalies. Kinder, die morgens frühstücken, haben ein geringeres Risiko für Übergewicht und können sich in der Schule besser konzentrieren.

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Reise

Zugreisen: Mit der Bahn durch Osteuropa

Betagt und plüschig: Im Speisewagen des Zuges von Winnyzja nach Balti.          
Foto: Bernd Kubisch/dpa
                

Von Bernd Kubisch
Krakau/Odessa (dpa) – In zwei Wochen von der Ostsee oder Spree mit der Bahn gemächlich ans Schwarze Meer rollen – für viele klingt das verrückt, für andere ist es ein Reisetraum, Stressabbau pur.

Die Route, die Bahnhöfe und Dauer der Zwischenaufenthalte: All dies ist frei wählbar. Bekanntes wie Krakau lässt sich mit eher Unbekanntem wie Balti und Tiraspol kombinieren. Eine Zugreise durch Osteuropa steht so in keinem Reiseführer.

In die meisten polnischen Städte kommt man mit dem Zug ohnehin ohne Probleme. Auch Tickets für viele kleine Strecken lassen sich online kaufen. Wer seine Fahrkarte unterwegs am Bahnhof ersteht, lernt viel – und kann aus Neugier auch mal ganz spontan von der Ersten in die Dritte Klasse wechseln.

Von Krakau über die Grenze in die Ukraine
Die Schienen führen auf dieser Reise über Breslau (Wroclaw) mit seiner berühmter Altstadt sowie Krakau mit Hauptmarkt, Burg und Touristenmassen nach Lemberg und Winnyzja im Westen der Ukraine. Die Züge rollen weiter nach Balti und Chisinau in Moldawien, nach Tiraspol in Transnistrien und Odessa in der Ukraine.

Der Zug aus Krakau (Krakow) fährt in Przemysl ein, eine Stadt im Südosten Polens mit tausendjähriger Geschichte. Viele Fahrgäste gehen mit ihrem Gepäck durch die Unterführung in den anderen Bahnhofsteil. Der lange Triebwagen-Zug nach Lwiw (Lemberg) steht bereit.

Hier im Südostzipfel Polens endet die Europäische Union. Die Grenze beginnt im Zug. Nicht jeder, der hier aus der Ukraine ankommt, darf einfach aussteigen. Polnische Kontrolleure prüfen die Papiere einer fünfköpfigen Familie und monieren fehlende Dokumente. Die Familie muss im selben Zug zurück. Der kleine Sohn weint, die Mutter tröstet.

Die Erste Klasse ist mit blauen Polstersitzen ausgestattet. Alles ist modern und geräumig. Gut 15 Minuten hält der Zug im Grenzort in der Ukraine. Der Uniformierte prüft den deutschen Ausweis und nickt. Kein Rumpeln, kein Ächzen, nur ein leichtes Klack-klack. Angenehme Fahrt, nicht zu schnell. Da lohnen sich die Panoramafenster. Draußen gleiten Felder, kleine Wälder und Ortschaften vorbei. Buchstaben und Schriftzüge in Kyrillisch an Bahnhöfen, Läden und Fabriken machen klar: Das war früher ein Teil der Sowjetunion.

Lemberg ist eine Pracht
Kirchtürme ragen aus einer flachen Landschaft in den Himmel. Lviv, das frühere Lemberg, wird sichtbar. Im Herzen der Stadt auf dem Rynok-Platz erschallt Musik. Paare tanzen im Freien zwischen Rathaus, Brunnen, Museum und Restaurants. Die jahrhundertealten Gebäude der Altstadt haben den Krieg überstanden. «Florenz des Ostens» nannten Bewunderer die Stadt, Schmelztiegel vieler Ethnien und Religionen. Hier finden sich verschiedenste Architekturstile nebeneinander.

In einer kleinen Schankstube am Rynok fließt der Obstwein in Strömen, palavern und trinken Jung und Alt auf dem Bürgersteig. Die quietschende Tram fährt wegen der vielen Menschen ganz langsam.

Restaurants, Biergärten, Cafés und Bars werben um Gäste. Im «Korolivska Pyvovarnya» mit Hausbrauerei serviert die Kellnerin einen Liter frisch gezapftes Bock. Die Maß kostet umgerechnet 2,50 Euro. Internet-Schlaumeier kennen in der Nähe noch billigeres Bier.

Der Spaziergang führt durch verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster. Hinterhöfe haben morbiden Charme. Restaurants locken mit originellen Namen zur Einkehr: «Doctor Faust», «Bruderschaft» und «Mafia». Viele sind auf mehr Touristen und den erhofften EU-Beitritt vorbereitet.

Noch ist Zeit für eine zweistündige Stadtrundfahrt mit dem Bus für fünf Euro. Das Stadtbild ist reizvoll, die Erklärungen des Audioguides sind dagegen schrecklich. Runter mit dem Kopfhörer – Zeit zum Schauen, Träumen und Entschleunigen.

Nächste Station nach viereinhalb Stunden gemütlicher Bahnfahrt Erster Klasse ist Winnyzja (oder auch Vinnytsia). Die Stadt hat 380 000 Einwohner und kaum Touristen. Der freundliche ältere Herr am Empfang des Hotels «Aristocrat» sagt lächelnd in der Sprache seiner Gäste: «Wir haben selten Urlauber aus Deutschland.»

Heute geht es ohne Vorbereitung und Karte zum Stadtbummel. Kirchtürme und Kuppeln geben Orientierung. Hinter Brücke und Fluss beginnt das Zentrum. Es überrascht mit einer kleinen Altstadt, Fußgängerzone und einem rostroten, gemauerten Wasserturm. Eine Lehrerin erklärt ihrer Klasse die Bedeutung der Helden-Statuen im Park.

Im Bahnhof rollt der Schnellzug aus Moskau ein. Der «D 47MZ» ist die lahmste Ente auf dieser insgesamt etwa 1700 Kilometer langen Bahnfahrt. Die graublauen Wagen haben Jahrzehnte auf dem Buckel, stammen aus sowjetischen Zeiten. «1. Klasse» steht auf dem Ticket – die gibt es aber nicht. Der Schaffner führt den überraschten Gast in ein leeres, muffiges Abteil mit zwei Doppelstockbetten. Erst mal raus und ins Bistro, wo sonst keine anderen Gäste anzutreffen sind.

Weiter geht‘s nach Moldawien. Bauern bestellen ihre Äcker, Wäldchen wechseln sich mit Brachland ab. Hin und wieder tauchen Dörfer und Kuppeln orthodoxer Kirchen auf. Die Sonne geht unter. Der Zug ist pünktlich, er benötigt ins moldawische Balti für etwa 290 Kilometer gut acht Stunden einschließlich Grenzkontrollen.

Balti ist eine kleine Industriestadt. Lateinische Buchstaben stehen neben kyrillischen. Straßennamen und anderes sind wieder verständlicher für westliche Besucher. Rumänisch ist offiziell Amtssprache in Moldawien, russisch die zweite.

Im Zentrum liegen Bummel- und Parade-Boulevard, Panzerdenkmal und Einkaufszentrum. Frauen am Eingang verkaufen Einkaufstaschen, um ihr schmales Einkommen aufzubessern. Auf dem Markt sind Tomaten, Gurken, Melonen, Kartoffeln aus der Region aufgetürmt.

Einmal Schummeln ist erlaubt. Die Rezeptionistin im Hotel «Elite» empfiehlt ein Taxi für die 135 Kilometer von Balti nach Chisinau für umgerechnet 35 Euro. «Das ist viel, viel schneller als ihr Zug», sagt sie auf Englisch. Wer kann da ablehnen?

Das Auto ist komfortabel, der Fahrer freundlich. Er redet über Land, Leute und den Wein. Moldawien gehört zu den ärmsten Ländern Europas, ist aber reich an guten Tropfen. Reizvolle Weingüter und riesige Lager mit Flaschen und Fässern locken zu Ausflügen.

Moldawiens Hauptstadt ist weitläufig. Keine Schönheit, kein Overtourismus. Tägliche Szenen des Alltags sind die Attraktionen. Teenager hüpfen in einem Park im Zentrum vollständig angezogen in einen Springbrunnen mit Fontäne. Keiner meckert.

Junge Leute nippen im «Havana Mama» an Mojito und Margarita. Die Chefin hofft auf mehr ausländische Gäste, wie sie bei einem kurzen Plausch erzählt. Familien treffen sich im «Pizzamania». Auf einem Tisch stehen neben Wasser auch ein Flasche Wodka für umgerechnet etwa 5,50 Euro und eine Flasche Merlot Rose für 4,80 Euro. Spaghetti, Pizza, Paella kosten zwischen 3,20 bis 4,60 Euro.

Das Bahnhofsgelände in Chisinau bietet schöne Fotomotive, auch eine ausrangierte Dampflok. Der Wunsch des Kunden am Ticketschalter ist ungewöhnlich: Einmal Dritte Klasse nach Tiraspol und von dort Erste Klasse drei Tage später nach Odessa. Die Dame nickt. Kein Problem. Die Karten kosten zwei und 13 Euro.

Warum nicht mal 80 Kilometer die Dritte Klasse testen? Die Sitze sind etwas hart, aber alles ist modern, frisch geputzt, und der Kaffee im Plastikbecher für 0,50 Euro ist heiß und stark.

Kaum einer steigt aus in Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Der schmale Landstrich hat sich nach dem Zerfall der Sowjetunion schnell vom jungen Moldawien losgesagt, wird aber international nicht anerkannt. Der Mangel an Touristenattraktionen sowie die innige Liebe zu Russland, Putin, Lenin und Marx ziehen kaum Ausländer an.

Die meisten bleiben im Zug nach Odessa, verpassen aber eines der letzten Geheimnisse Europas. Die Menschen in Tiraspol sind zurückhaltend, freundlich und hilfsbereit. Die Verständigung klappt meist über die Gestik, im Hotel auch mit dem Übersetzer im Handy. Im Freiluftmuseum Tiraspol scheint die Sowjetunion weiterzuleben.

Der riesige Suworow-Platz ist umsäumt von Grünanlagen, Fahnen, Verwaltungsgebäuden, Monumenten und Denkmälern. In der Nähe klettern Kinder auf einen sowjetischen T-34 Panzer, Teil der Gedenkstätte für gefallene Soldaten. Eine Straße trägt den Namen Rosa Luxemburg, eine andere heißt Karl Marx. Büsten und Statuen von Lenin und anderen Helden des Kommunismus sind allgegenwärtig.

Auch in Tiraspol überrascht die vielfältige Gastronomie: Pizza, Blini, Lachs, Schnitzel, Grillteller, Schokoladentorte, Säfte, Bier, Wodka. Alles sehr preiswert für Deutsche.

Doch viele Einheimische können sich kein Restaurant leisten. Im «Borodino» in der Strada Karl Liebknecht plätschert ein Brunnen zwischen blühenden Büschen. Familien speisen in schmucken Pavillons. Der Kellner probiert mutig seine Englisch-Brocken und präsentiert schließlich erleichtert auch die englische Speisekarte.

Odessa ist ein würdiger Abschluss der Reise
Zwei beschauliche Stunden im Zug führen zum Bahnhof von Odessa, der wohl schönste der Reise. Das historische Hauptgebäude hat eine mächtige Kuppel. Vieles wurde nach dem Krieg restauriert.

Ein zwei Kilometer langer Bummel vom Bahnhof führt zur historischen Oper und einer berühmten Treppe. Auf dem Weg machen das Kloster Panteleimon, die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, die Or-Sameach-Synagoge und die Al-Salam-Moschee neugierig.

Hunderte Besucher steigen täglich über die berühmten 192 Stufen der Potemkinschen Treppe. Der Blick auf Hafen und Meer Odessas ist spektakulär, die Geschichte noch mehr. Im Stummfilm «Panzerkreuzer Potemkin» von Sergei Eisenstein (1925) ist die Treppe Schauplatz für die blutige Niederschlagung eines Putsches gegen die Zaren-Armee.

Die dramatische Szene bleibt unvergesslich: In dem Chaos rollt ein Kinderwagen die Stufen herunter. Dieser Moment fasziniert bis heute, taucht als Hommage auch in Hollywood-Filmen auf.

Das Ende dieser entspannten Reise naht. Und keine Verspätung! Wer mehr Historie mag, bucht den Rückflug von Odessa mit sieben Stunden Stopp in Kiew. Das ist Zeit genug, um den berühmten Maidan-Platz und das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt zu sehen.

Info-Kasten: Bahnreise von Krakau nach Odessa
Tickets und Preise:

Viele Fahrkarten lassen sich auf der Webseite der Deutschen oder Polnischen Bahn buchen, alternativ unterwegs an den Bahnhöfen entlang der Route. Die Kosten für die hier vorgestellte Reise ab Berlin lagen bei rund 140 bis 150 Euro, überwiegend in der Ersten Klasse. Hotels und Privatquartiere in den Städten lassen sich bequem über das Internet buchen, ob für 20 oder 250 Euro die Nacht. Für die Reise benötigt man einen Reisepass.

Geld: Auf einer Zugreise von Deutschland über Polen bis ans Schwarze Meer werden verschiedene Währungen benötigt, die an Bankautomaten oder in Wechselstuben beschafft werden kann – oft gleich bei Ankunft im Bahnhof. In Polen wird mit dem Zloty gezahlt, in der Ukraine mit Hrywnja (Griwna), in Moldawien mit dem Leu.

Redaktioneller
Hinweis

Bei diesem Korrespondentenbericht handelt es sich um eine zeitlose Destinationsgeschichte. Solche Beiträge bietet der dpa-Themendienst weiterhin an, auch wenn aufgrund der aktuellen Coronavirus-Situation das Reisen gerade sehr erschwert und in großen Teilen sogar unmöglich ist. Diese Texte und Fotos sollen helfen, Leserinnen und Lesern jetzt Inspiration zu bieten für die Zeit, wenn das Reisen wieder möglich ist.

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Die Schuhtrends für den Herbst

Auch Overknee-Stiefel bleiben weiter angesagt, hier ein Beispiel von Mascaró.
Foto: Mascaró/dpaa

Von Andrea Abrell
Offenbach (dpa) – Wenn der Sommer vorübergeht, ist das für viele oftmals auch mit etwas Wehmut verbunden. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Designer bieten dann ihre Herbst- und Winter-Kollektionen an.

Das bedeutet: Es gibt endlich wieder neue Schuhe! In dieser Saison ist die Auswahl so vielfältig, dass man leicht einen neuen Lieblingsschuh finden kann. „Im Mittelpunkt steht dabei klar der Stiefel“, erklärt Claudia Schulz vom Deutschen Schuhinstitut in Offenbach. „Genauer gesagt: die kniehohe Variante mit Röhrenschaft.“ Doch die Mode macht am Knie noch längst nicht Halt. Auch Overknee-Stiefel liegen in Herbst und Winter 2020 wieder im Trend. Das habe, erklärt Schulz, damit zu tun, dass die Mode auch wieder verstärkt Miniröcke präsentiere. Dazu passen Overknee-Varianten besonders gut, während zu den aktuell trendigen knielangen Röcken und Kleidern Langschaftstiefel am besten aussehen.

Auch Alexander Radermacher, Fashion Director bei der Igedo Düsseldorf, sieht den Langschaftstiefel als Favoriten der Schuhmode im Herbst. „Die gibt es in vielen, ganz unterschiedlichen Varianten, darunter auch in der sogenannten Slouch-Optik.“ Darunter versteht man Stiefel-Varianten, deren breiter Schaft um die Waden herum Falten schlägt. Die englische Übersetzung für „slouch“ ist passenderweise auch „lümmeln“ – lässig sind diese Stiefel auf jeden Fall.

„Diese Stiefel sieht man in der kommenden Saison oftmals mit einer viereckigen Spitze“, nennt Radermacher einen weiteren Schuhtrend, den man auch schon im Sommer bei Sandalen oder Pumps beobachten konnte. Das hat auch Schulz beobachtet und bezeichnet die sogenannte Carree-Form als wichtiges Stilmittel im Herbst.

Doch natürlich dreht sich im Herbst nicht alles nur um Stiefel. „Es gibt auch eine Vielzahl von anderen Schuhformen, die bestens zu Hosen in allen Varianten passen“, erklärt Designerin und Trendexpertin Ritchie Karkowski aus Timmendorf.

Dazu gehören unter anderem sportliche Modelle mit Elementen aus dem Wandern. In der Tat sind solche Hybride – also die Kombination aus verschiedenen Schuh-Typen – ein großes Thema in der kommenden Saison.

„Light-Trekking“ nenne sich dieser Trend, bei dem beispielsweise Sneaker mit Details wie Ösen oder Knöchelpolster aufgewertet werden, die den Wanderschuhen entliehen wurden, erklärt Schulz.

Ebenfalls ein großes Thema, so Radermacher, bleiben Ankle-Boots. Das ist kein Wunder: Diese Stiefeletten kann man nämlich quasi zu allem tragen – sie sehen zum Rock gut aus und geben jeder Jeans einen edlen Twist. Beim Thema Stiefeletten liegen die Trend-Neuheiten allerdings eher im Detail.

So hat Schulz etliche Modelle gesehen, die mit Neon-Elementen, beispielsweise Ziernähten oder Riegeln, aufgepeppt wurden. Karkowski dagegen erkennt einen Trend zu kostbaren Brokaten und Samt bei Stiefeletten. „Auch Tierprints, hier vor allem der Klassiker Leopard, aber auch Kroko-Varianten, sind im Herbst gefragt“, erklärt sie.

Allzeit-Klassiker, die auch in der kalten Jahreszeit nicht verschwinden, sind Sneaker, wie Schulz erklärt. Von der Form her präsentieren sich die lässigen Turnschuhe wie auch im Sommer mit dicker Sohle. Das ist im Winter besonders praktisch, weil es die Füße schön warm und trocken hält.

Darüber hinaus dürfen sich modebewusste Frauen auf Loafer, Pumps mit Kitten Heels oder Mary Janes freuen. Dieser Spangenschuh feiert übrigens bereits seit den 1920er-Jahren immer wieder ein Comeback. In diesem Jahr wird er gern mit einem Blockabsatz getragen.

Allzeit-Klassiker, die auch in der kalten Jahreszeit nicht verschwinden, sind Sneaker, wie Schulz erklärt. Von der Form her präsentieren sich die lässigen Turnschuhe wie auch im Sommer mit dicker Sohle. Das ist im Winter besonders praktisch, weil es die Füße schön warm und trocken hält.

Darüber hinaus dürfen sich modebewusste Frauen auf Loafer, Pumps mit Kitten Heels oder Mary Janes freuen. Dieser Spangenschuh feiert übrigens bereits seit den 1920er-Jahren immer wieder ein Comeback.

Apropos Farben: Klarer Favorit ist Braun. Die Palette reiche dabei von einem tiefen Schokoton bis zu Cognac. Und auch die klassischen Herbstfarben Orange und Rot findet man in den aktuellen Kollektionen.

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Aus Allen Staaten

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Skatende Pastoren wollen Kirchengewohnheiten brechen

Mit lila Haaren, Tattoos, Basecaps und witzigen Videos mischen zwei junge Pastoren eine Gemeinde in Bremerhaven auf, die in einem sozialen Brennpunkt liegt. Nach ihren Gottesdiensten werden schon mal spontan Kircheneintrittswünsche geäußert.

Bremerhaven: Maximilian Bode (l) und Christopher Schlicht sind Pfarrer der evangelischen Emmaus-Gemeinde. Beide teilen sich die Stelle und stehen hier mit ihren Skateboards vor der Kirche. Foto: dpa

Von Janet Binder
Bremerhaven (dpa) – Maximilian Bode (29) hat lila Haare, Christopher Schlicht (31) ein auffälliges Tattoo am linken Arm, beide tragen gerne Basecap, fahren Skateboard und hören auch mal Techno und Metal. Kurz gesagt: Sie sind ganz normale junge Menschen – oder doch nicht? Die beiden Freunde sind Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde in Bremerhaven, im Sommer übernahmen sie nach Theologiestudium und Vikariat die Leitung der Emmausgemeinde in Grünhöfe – das Quartier gilt als sozialer Brennpunkt mit hoher Kinderarmut in der Nordsee-Stadt. Die Stelle war seit über einem Jahr unbesetzt, nun teilen sich die beiden die Arbeit. Und bringen dabei viel frischen Wind in den Kirchenalltag.

«Wir passen in den Stadtteil», sagt Christopher Schlicht. In den Gottesdiensten tragen die beiden Jeans statt Talar. Nur das Kollarhemd mit dem weißen Kragen weist daraufhin, dass sie Geistliche sind. Nach dem Gottesdienst lässt Christopher Schlicht sich gerne die neuesten Tattoos der Besucher zeigen, Maximilian Bode tauscht schon mal Tipps für Haarfärbemittel aus. Doch den beiden geht es nicht nur um Äußerlichkeiten.

Beide predigen vor dem Altar, die Kanzel haben sie noch nie betreten. «Wir wollen nicht von oben herabkommen», sagt Max Bode. Im Gottesdienst ist selten eine Bachkantate von der Orgel, häufig aber christliche Live-Popmusik von der «Social Soulband» zu hören. Planungen für Gottesdienste mit Techno- und Metalmusik laufen bereits. «Wir wollen mit Kirchengewohnheiten brechen», sagt Maximilian Bode, der sich Pastor Max nennt und nicht: Pastor Bode.

Auch im Internet sind die beiden aktiv, übertragen ihre Gottesdienste live, chatten, laden Filmchen mit dem Titel «Frag die Captains» hoch. Darin erklären sie auf witzige Art zum Beispiel, wie man einen Schoko-Erdnuss-Brotaufstrich selber macht (Spoiler: Schokoerdnussriegel in der Sonne liegenlassen). Gerade in Coronazeiten sei es wichtig, die Kirche zu den Menschen zu bringen, dafür haben die beiden den Slogan #Zuhausekirche kreiert.

Ihre Art kommt in der 2700 Mitglieder zählenden Gemeinde gut an. Die Pastoren werden beim Einkaufen angesprochen oder im Dönerladen, ihr «Dienstfahrzeug» ist das Skateboard. «Das Skateboard öffnet die Herzen und die Neugier», sagt Christopher Schlicht. In die Gottesdienste dürfen coronabedingt zurzeit nicht mehr als 40 Besucher. Weil die inzwischen locker erreicht werden, müssen Stühle in den Flur gestellt werden. Die Besucher kommen mit Jogginghose und Kappe auf dem Kopf, Kinder laufen herum. «Wenn man ein Wort nicht hören wird bei uns, dann ist es ‘psst’», sagt Pastor Chris. «Gottesdienste sollen gefühlvoll und lustig sein.»

Das Skateboard lassen die Pastoren beim Gottesdienst vor der Tür. Damit zum Altar zu fahren, wäre dann doch zu sehr eine «Max- und Chris-Show», sagen sie. Das machen sie nur fürs Foto. Stolz sind sie darauf, dass sie in ihrer kurzen Dienstzeit schon zwei Neumitglieder gewinnen konnten. Die Bilanz des letzten Monats: Ein Austritt, zwei Eintritte.

Normalerweise sehen die Zahlen in der Evangelischen und der Katholischen anders aus: 2019 traten etwa 270 000 Menschen aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus, 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu kommt, dass sich bei den Protestanten laut Religionssoziologe Detlef Pollack 70 Prozent der Mitglieder nicht am kirchlichen Leben beteiligen. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm betonte bei der Vorstellung der Zahlen im Juni: «Die Kirche will sich verändern und tut dies jetzt schon.»

Pastor Max und Pastor Chris gehören zu diesem Wandel. Ihr buntes Auftreten ändere aber nichts daran, dass sie ihren Job sehr ernst nähmen. «Ich liebe es, von Gott zu erzählen», sagt Christopher Schlicht. «Die Botschaft bleibt dieselbe, nur die Form ist anders.»

Die Freunde lernten sich im Studium kennen – ihre Idee war es, sich im dreijährigen Probedienst eine Pastorenstelle zu teilen. «Halbes Geld, aber voller Bock», sagt Pastor Max dazu. Im Team zu arbeiten bedeute weniger Stress. «Das ist es uns wert.» Schlicht wohnt im Pfarrhaus, Bode hat sich eine Wohnung in einem der Häuserblocks gemietet.

Pastor Benjamin Simon-Hinkelmann, Sprecher der Landeskirche Hannover, sagt, die beiden seien perfekt für die Gemeinde. «Die beiden wollten Kirche ganz neu denken», sagt er. Und das könnten sie. «Es gibt dort keine klassische Kirchenklientel. Man muss neue Wege gehen.» Die beiden Pastoren gehen diese mit dem Skateboard.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Basecaps – baseball caps
Brennpunkt – focal point
Gottesdiensten – worship services
spontan – spontaneous
Kircheneintrittswünsche – requests for church membership
auffälliges – noticeable
Vikariat – pre-pastoral internship
Kinderarmut – children’s poverty
Stelle – position
unbesetzt – vacant
passen – fit
Stadtteil – neighborhood
Talar – robe
Kollarhemd – clerical collar
Geistliche – clergy
Äußerlichkeiten – superficialities
Kanzel – pulpit
Kirchengewohnheiten – church rituals
brechen – break
übertragen – broadcast
laden hoch – upload
Brotaufstrich – bread spread
Riegel – candy bar
kriert – create
Art – style
Dienstfahrzeug – service vehicle
Neugier – curiosity
coronabedingt – Corona requirement
Ratsvorsitzende – head of the advisory board
Wandel – change
Botschaft – mission
voller Bock – fully engaged
Gemeinde – congregation

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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