06. März 2021 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Neue «Miss Germany» tritt Amt an – Mutter aus Thüringen gekürt

Es soll bei «Miss Germany» nicht mehr um Schönheit gehen, sondern um Authentizität und Persönlichkeit: In diesem Setting setzt sich eine 33 Jahre alte zweifache Mutter gegen ihre Mitstreiterinnen durch. Doch das neue Misswahl-Konzept weist auch Widersprüche auf

Rust: Anja Kallenbach, Miss Germany 2021, steht kurz nach ihrer Wahl auf der Bühne. 16 Kandidatinnen aus allen Bundesländern stellten sich der vorwiegend weiblichen Jury zur Wahl der Miss Germany 2021. Das Motto lautete #EmpoweringAuthenticWomen. Bei dem Wettbewerb sollte es laut Veranstaltern nicht mehr vorrangig um Schönheit gehen, sondern um die Fähigkeit, andere zu motivieren und eine individuelle Botschaft zu senden. Foto: dpa

Von Violetta Heise
Rust (dpa) – Sie setzte sich gegen viele Frauen mit besonderen Geschichten durch: Die Thüringerin Anja Kallenbach ist die neue «Miss Germany». Die 33-Jährige aus Tiefenort in Bad Salzungen im Wartburgkreis wurde am Samstagabend im Europa-Park im badischen Rust gekürt und bekam von ihrer Vorgängerin Leonie von Hase die Schärpe umgehängt. Erfolg sei für sie «nicht zu denken, sondern einfach zu machen – mit viel Humor und Leidenschaft», sagte Kallenbach kurz vor ihrem Sieg.

Die zweifache Mutter hatte nach eigenen Angaben eine schwierige Schulzeit, absolvierte schließlich aber doch ein Studium. Sie war Geschäftsführerin in einem Einzelhandelsunter-nehmen und fährt Mountainbike.

Kallenbach ist eine von 16 Kandidatinnen aus allen Bundesländern, die es ins Finale geschafft haben. Mit dabei waren auch eine Aktivistin, die gegen die Diskriminierung dicker Menschen kämpft, eine Überlebende sexueller Gewalt, eine Zeugen-Jehovas-Aussteigerin und eine Frau mit künstlichem Darmausgang. Die Teilnehmerinnen mussten sich in verschiedenen Runden präsentieren und ihre Botschaft deutlich machen.

«Miss Germany» kommt seit vergangenem Jahr mit einem überarbeiteten Konzept daher: Nach viel Kritik von Feministinnen soll es nicht mehr vorrangig ums Aussehen gehen, sondern darum, authentische und inspirierende Frauen zu fördern. Knigge-Trainings vor dem Finale, Schaulaufen im Bikini vor einer männlich dominierten Jury und Teilnahme-Verbote für Mütter gehören der Vergangenheit an.

Schon kurz vor dem Finale betonten mehrere Teilnehmerinnen, dass sie nur wegen des neuen Konzepts teilgenommen hätten. «Bei einem Schönheitswettbewerb hätte ich nicht mitgemacht», sagte etwa Cynthia Junghanns, die «Miss Hessen». «Wer braucht das denn, dass da jemand im Bikini langläuft?» Vielen jungen Frauen tue das herrschende Schönheitsideal ohnehin nicht gut.

Die «Miss Hamburg», Julia Kremer, sagte vor der Show, bei einer normalen Misswahl hätte sie als dickere Frau wohl sowieso keine Chance gehabt. Dicke Menschen würden immer noch stark diskriminiert: Als sie sich beispielsweise bei einer Moderatorenschule beworben habe, sei ihr gesagt worden, dass sie nur einen Job finden würde, wenn sie drastisch abnehme. «Jetzt gehe ich meinen eigenen Weg. Nennt mich fett, nennt mich dick – das sind für mich keine Waffen mehr, um mich kleinzumachen.» Isabelle Stoppel, die «Miss Niedersachsen», sagte, die Teilnehmerinnen seien zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, um Konkurrenz gehe es für sie gar nicht. «Ich habe hier Freundinnen fürs Leben gefunden.»

Auch auf der Bühne herrschte dann auch ein Klima des intensiven Bestärkens. So mussten die Top vier eine Lobeshymne auf die jeweils anderen halten. Der Satz: «Du kannst so stolz auf dich sein», fiel diverse Male. Die Ausgeschiedenen mussten nicht hinter der Bühne verschwinden, sondern nahmen Platz in einer «Support-her-Lounge», («Unterstütze-sie-Lounge»). Und «Miss Baden-Württemberg» Weihua Wang sagte sogar, sie und die anderen Teilnehmerinnen hätten im Vorbereitungs-Camp vorgelebt, dass Einheit in Vielfalt erreichbar sei.

Doch ganz ohne Widersprüche ist das Konzept nicht. Das Aussehen soll keine Rolle mehr spielen, trotzdem treten die Frauen in verschiedenen Outfits auf. Es soll darum gehen, Klischees aufzubrechen. Doch die Kategorien, in denen sich die Frauen präsentieren, klingen zumindest zum Teil doch noch ziemlich nach Klischee-Weiblichkeit: Zum Beispiel «Family & Home» («Familie & Zuhause») oder «Beauty & Care» («Schönheit & Pflege»). Zwar betonen die Veranstalter stets, dass Frauen in der Gesellschaft an einem Strang ziehen sollen und es bei «Miss Germany» darum gehe, sich gegenseitig zu unterstützen. Trotzdem fliegt eine nach der anderen raus, und nur eine kann am Ende gewinnen. Daran ändert auch nichts, dass das Moderatoren-Team immer wieder betont, dass hier alle Gewinnerinnen seien.

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Sport

«Felsbrocken vom Herzen»: Skisprung-Mixed erobert überraschend Gold

28.02.2021, Bayern, Oberstdorf: Ski nordisch: Weltmeisterschaft, Skispringen – Teamspringen Mixed, Mixed, 2. Durchgang. Deutschlands Erstplatzierte Karl Geiger, Anna Rupprecht, Markus Eisenbichler und Katharina Althaus (l-r) feiern nach dem Sprung. Foto: dpa

Von Patrick Reichardt und Thomas Eßer
Oberstdorf (dpa) – Komplette Gefühlsexplosion nach der Erfüllung eines Kindheitstraumes: Das deutsche Skisprung-Mixed-Team um die Oberstdorfer Katharina Althaus und Karl Geiger hat mit Gold bei der Heim-WM im Allgäu für eine Riesen-Überraschung gesorgt und sogar die Favoriten Norwegen und Österreich hinter sich gelassen. «Das ist schon extrem überraschend. Wir haben gehofft, um eine Medaille mitspringen zu können. Dass wir Gold gewinnen, ist fantastisch», sagte Männer-Bundestrainer Stefan Horngacher. Frauencoach Andreas Bauer fügte in der ARD an: «Ich bin megastolz auf die Mädels. Mir ist ein Felsbrocken vom Herzen gefallen.»

Im Auslauf der Schattenbergschanze herzten sich Geiger, Althaus,  Markus Eisenbichler und Anna Rupprecht nach dem Triumph, den so keiner erwartet hätte. «Für uns gab es nur etwas zum Gewinnen, das haben wir gemacht», sagte Horngacher. Die komplett glückliche Althaus hüpfte in ihrem Heimatort wie ein Flummi durch den Auslauf, für Silber-Gewinner Geiger war es der nächste Riesentriumph in seinem coronabedingt zuschauerleeren Heimstadion. «Einfach fantastisch» nannte Althaus den Coup.

Auch Geiger und Eisenbichler, die in ihren Karrieren schon einige  Erfolge erlebt haben, waren außer sich. «Es ist wirklich unbeschreiblich. Wir haben uns wirklich alle zusammengerissen, es war unglaublich», sagte Geiger. Das komplette Quartett habe einen «brutalen Job» gemacht. Eisenbichler, der Deutschland gar als «brutalen Außenseiter» sah, berichtete von einer kleinen Motivationsrede, die er vor dem Wettbewerb an die beiden zuvor bei der WM schwächelnden Teamkolleginnen Althaus und Rupprecht gehalten hatte.

Für Deutschland hielt damit zum Abschluss der ersten WM-Woche eine bemerkenswerte Siegesserie im Mixed-Team, bei dem je zwei Frauen und zwei Männer von der Schanze springen. 2015 im schwedischen Falun, 2017 im finnischen Lahti und 2019 im österreichischen Seefeld hatte es ebenfalls jeweils den WM-Titel gegeben. Eisenbichler (2017 und 2019) sowie Althaus (2015 und 2019) waren zuvor je zweimal beim Titel dabei, Geiger vor zwei Jahren in Tirol. Für Rupprecht ist es der erste WM-Titel. «Die Medaille tut extrem gut», sagte Eisenbichler, der für den Ruhetag am Montag nichts geplant hat: «Entspannen. Ausschlafen.»

Wie für Kollege Geiger erfüllte sich auch für Althaus ein Traum im eigenen Ort mit gerade einmal 10 000 Einwohnern. «Niemand hätte mit uns gerechnet. Wir hatten so eine Außenseiterrolle. Dass es so läuft, packe ich gar nicht. Daheim eine Medaille zu holen, toppt so viel», sagte die 24-Jährige. Althaus stellte ein «Gläschen Sekt oder Bier» in Aussicht

Sie hatte pünktlich zum Mixed-Wettbewerb nach mäßigen Leistungen in dieser Woche plötzlich ihre Topform wieder gefunden und dem deutschen Quartett mit Sprüngen auf 104 und 99,5 Meter jede Menge Sicherheit verliehen. Auch Eisenbichler (100 und 98,5 Meter) sowie Rupprecht (92,5 und 98,5 Meter) steigerten sich nach mäßigen Vorleistungen auf der Normalschanze. «Da ist heut irgendwas drin. Ich weiß gerade nicht, was ich sagen und was ich denken soll. Ich bin dankbar an die Trainer, dass sie mir das Vertrauen gegeben haben», sagte «Eisei».

Geiger hingegen hielt sein hohes Niveau vom Vortag, als er mit 103,5 und 102 Metern Silber im Einzel holte. Diesmal sprang der Allgäuer zweimal 99,5 Meter und sicherte im letzten von acht Durchgängen die Goldmedaille. Norwegen blieb trotz Dominator Halvor Egner Granerud und Olympiasiegerin Maren Lundby nur der zweite Platz. Bei Österreich konnten vor allem die beiden Männer nicht mit dem deutschen Duo mithalten. Als Geiger den Sieg über die Ziellinie brachte, herrschte auch ohne Publikum Freude pur.

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Feuilleton

Vorbereitung für Oberammergauer Passion 2022

Der Jesus-Darsteller bei den Passionsspielen Oberammergau wird während
einer Probe 2020 an einem Kreuz hochgezogen. Foto: Lino Mirgeler/dpa

Oberammergau (dpa) – Trotz teils schleppender Impfungen und Sorgen wegen neuer Corona-Varianten sieht Oberammergau die Passionsspiele im nächsten Jahr bisher nicht gefährdet. «Wir sind optimistisch, dass 2022 die Passionsspiele wie geplant stattfinden können», sagte der Pressesprecher und Jesus-Darsteller Frederik Mayet. «Natürlich wird die Gemeinde Oberammergau Ende 2021 die Lage neu bewerten.» Das Laienspiel vom Leben, Sterben und von der Auferstehung Jesu war wegen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr abgesagt worden. Nun soll es im nächsten Jahr auf die Bühne kommen. Rund 450 000 Zuschauer aus aller Welt werden erwartet. Seit Aschermittwoch müssen sich fast alle Darsteller der Tradition folgend Haare und Bart wachsen lassen. Im Dezember sollen die Proben für die Schauspieler neu starten. Für die Musiker geht es schon im Oktober los. Premiere soll im Mai nächsten Jahres sein.

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Gesundheit

Wasser mit Aroma schmeckt besser

Klein geschnittenes Gemüse oder Obst gibt Wasser einen Geschmackskick. Foto: dpa

Berlin (dpa) – Und schon wieder nicht genug getrunken: Selbst wer sich vornimmt, jeden Tag zwei bis drei Liter Wasser zu trinken, erreicht dieses Ziel nicht immer. Etwas motivierender kann es sein, Wasser mit Obst, Gemüse und Gewürzen zu aromatisieren. Folgende Kombinationen sind einen Geschmackstest wert, schlägt die Stiftung Warentest vor:

  • Extra frisch: Ein Stiel frische Minze und drei oder vier gefrorene Himbeeren ins Glas oder eine Kanne geben. Wer es scharf mag, kann auch noch ein walnussgroßes Stück Ingwerknolle in dünne Scheiben schneiden und hinzufügen.
  • Grün mit Zitrus: Ein Viertel von einer Salatgurke und eine halbe unbehandelte Zitrone in dünne Scheiben schneiden.
  • Leicht scharf: Ein bis zwei kleine getrocknete Chilischoten ins Wasser geben. Lecker schmeckt dazu ein Viertel einer der Länge nach geteilten Vanilleschote sowie zwei Teelöffel getrocknete Gojibeeren.
  • mit Apfelgeschmack: Einen kleinen Zweig Rosmarin zusammen mit dem Kerngehäuse und der Schale eines gut gewaschenen Bioapfels ins Wasser geben.

    Noch ein Tipp: Damit nichts verdirbt müssen die Mischungen gut gekühlt und innerhalb eines halben Tages ausgetrunken werden.

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Reise

Studie: Lohnt sich eine Nachtzug-Verbindung nach Spanien?

Nachtzug: Wie ausgelastet wäre eine Verbindung nach Spanien?                      
Foto: Christian Beutler/dpa

                

Heidelberg (dpa) -In Frankfurt, Heidelberg oder Karlsruhe in den Zug einsteigen, einschlafen und in Barcelona wieder aufwachen, wenn der Frühstückskaffee duftet, das wäre was. «Warum nicht mal ausrechnen, ob es sich lohnt?», hat sich eine französische Initiative gefragt, mächtig die Werbetrommel gerührt und eine Machbarkeitsstudie zur Nachtzugstrecke zwischen Main, Neckar, Rheintal und Spanien erstellt. Denn nicht nur die Corona-Krise hat das Reiseverhalten der Menschen verändert. Auch die Debatte über den Klimawandel hat die Renaissance des Bahnfahrens beschleunigt.

Die Studie des französischen Nachtzug-Vereins «Association Objectif Train de Nuit» wurde nun in Heidelberg vorgestellt. Laut Studie könnte sich die Investition in die Verbindung zwischen Katalonien und der Rhein-Main-Metropole durchaus lohnen. Es könne mit rund 164.000 Reisenden im Jahr gerechnet werden, heißt es darin. Außerdem soll eine Kombination aus Personen- und Güterwaggons mit dem stauintensiven Lkw-Verkehr auf der langen Strecke zwischen Spanien und Deutschland konkurrieren.

Beim Trend zur Nacht auf der Schiene ist die Deutsche Bahn bislang noch etwas außen vor. Sie hatte ihre Schlafwagen Ende 2016 mit Verweis auf die geringe Nachfrage ausrangiert. Nachbarländer wie die Schweiz und Österreich setzen dagegen auf Nachtzüge. Bahnunternehmen der Alpenländer betreiben bereits ein dichtes Netz von Nachtzügen, die die Schweiz zum Beispiel über Nacht mit knapp einem Dutzend europäischer Metropolen verbinden. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben dagegen die Lücke in Deutschland gefüllt und bieten Nachtzugverbindungen auch nach Italien, in die Schweiz, die Niederlande oder nach Osteuropa an. In Deutschland betreiben die ÖBB den Nightjet unter anderem auf den Strecken von Hamburg nach München und Zürich sowie von Berlin nach Zürich, die DB ist Vertriebspartner.

Auch sie will sich wieder stärker am Geschäft mit den Nachtzügen beteiligen. Gemeinsam mit der ÖBB, der Schweizerischen Bundesbahn (SBB) sowie dem französischen Staatskonzern SNCF will sie in den kommenden Jahren die Nachtzugverbindungen in Europa ausbauen. Schon im kommenden Dezember soll es möglich sein, per Nachtzug von Zürich über Köln nach Amsterdam zu fahren sowie von Wien über München nach Paris. Wiederum ein Jahr später soll von Zürich aus ein Nachtzug bis nach Rom fahren. Für Dezember 2023 sieht der Plan dann die Wiedereinrichtung einer besonders symbolträchtigen Verbindung vor: von Berlin bis nach Paris.

Auch die Franzosen wollen nicht zuletzt wegen ihrer sehr guten geografischen Lage das Potenzial von Nachtzügen stärker nutzen. Der Vorteil: die Investitionen sind vergleichsweise gering, da Schienen und Logistik bereits vorhanden sind. Deshalb beteiligt sich die SNCF auch an der jüngsten französischen Machbarkeitsstudie, wie die offizielle Unterstützerin, die Heidelberger Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Brantner, mitteilt. Die Regionalregierungen von Okzitanien und Grand Est in Frankreich sowie die katalanische Eisenbahngesellschaft Ferrocarril Català (FGC) sind ebenfalls mit dabei.

In der Studie sollten vor allem die wirtschaftlichen und technischen Details der Nachtzugstrecke geprüft werden, die von Barcelona über Montpellier, Avignon, Lyon, Straßburg, Karlsruhe, Heidelberg und Mannheim nach Frankfurt führen könnte. Nach Angaben des Vereins rechnen die Franzosen mit 200 Reisenden pro Tag.

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Migranten: Wie viel Deutsch braucht die Schule?

Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Schulen steigt

Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Schulen steigt. Viele von ihnen sprechen schlecht Deutsch – eine Herausforderung für Lehrer und Mitschüler. Foto: Arno Burgi/dp

Von Anja Sokolow
Berlin (dpa) – Philipp Möller kann sich noch gut an den Schulbeginn seiner Tochter erinnern: «Wir haben genau gesehen, wie Klara, die anfangs mit einer Riesenfreude in die Schule ging, jeden Tag ein bisschen frustrierter zurückkam», sagt der Berliner. Der Grund: «Das Sprach- und dadurch das Lernniveau waren so brachial gering, dass die Lehrerin es schwer hatte, da überhaupt Unterricht zu machen. Es gab nur vier oder fünf andere Kinder ohne Migrationshintergrund in der Klasse», erzählt Möller. Viele Mitschüler hätten ein sehr verknapptes Deutsch gesprochen. «Klara wusste teilweise gar nicht, wovon da geredet wird.»

Er selbst weiß aus seiner zweijährigen Arbeit als Vertretungslehrer, wie es ist es, wenn Schüler und Lehrer nicht dieselbe Sprache sprechen, und hat seine Erfahrungen in dem Buch «Isch geh Schulhof» (2012) veröffentlicht. 

Auch die Lehrerin Tanja R. (Name geändert) kennt das Problem. An ihrer Schule liegt der Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache, wie es im Verwaltungsdeutsch heißt, bei 80 Prozent. «Schon zu Beginn eines jeden Schuljahres ist klar, dass der Lehrplan nicht zu schaffen ist», sagt sie.  

Und das Problem geht über die Grundschulzeit hinaus: «Sprachliche Defizite werden nicht in den ersten vier Jahren ausgeglichen», weiß Bildungsforscherin Nele McElvany, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund. Ihr Institut leitet die IGLU-Studie zu Lesekompetenzen bei Grundschülern in Deutschland. Die Untersuchungen zeigten, dass auch nach vier Jahren substanzielle Unterschiede in den Lesekompetenzen zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund bestünden.

Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an allgemeinen und berufsbildenden Schulen liege bundesweit laut Mikrozensus derzeit bei durchschnittlich etwa 37 Prozent, so McElvany. «Wir gehen davon aus, dass er künftig noch ansteigen wird.» Die regionale Verteilung der Schüler sei sehr unterschiedlich. «90 Prozent leben in Berlin oder den westdeutschen Bundesländern.»

Philipp Möller zog nach sechs Wochen die Reißleine. «Wir sind an den Stadtrand gezogen. Es war auch eine Flucht», erinnert er sich. Doch was, wenn eine Flucht nicht möglich ist? Was muss an Schulen passieren, damit ein effektiver Unterricht möglich ist? Wäre es hilfreich, eine bessere Mischung mit Quoten zu forcieren? Oder Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse von der Grundschule zurückzustellen, wie es der CDU-Politiker Carsten Linnemann 2019 forderte?  

McElvany lehnt Quoten ab. Sie hält es für «wenig sinnvoll, eine künstliche Zahl festzulegen». Entscheidender als die Herkunft seien die Sprachkenntnisse, und die seien stark abhängig vom sozioökonomischen Hintergrund. «Ich könnte ja zum Beispiel eine Klasse haben, wo bei jedem Kind ein Elternteil im Ausland geboren ist, aber alles Akademiker sind, mit Deutsch als Familiensprache, und die Kinder schon lesen können, wenn sie in die Schule kommen. Da wird super gelernt werden», so McElvany.

Aus ihrer Sicht muss bereits vor der Schule angesetzt werden. «Man muss die systematische sprachliche Förderung im Elementarbereich  ausbauen, damit die Kinder überhaupt eine Chance haben, wenn sie in die Schule kommen», so die Forscherin. Und was, wenn Kinder nicht in die Kita gehen? «Sie sind dann deutlich im Nachteil. Die Berührung mit der deutschen Sprache ist ein Schlüssel», sagt McElvany. Es sei nicht nötig, zu Hause auf die eigene Muttersprache zu verzichten, aber: «Eltern sollten ihren Kindern Berührungspunkte mit der deutschen Sprache bieten. Es kann zum Beispiel eine Maßnahme sein, deutschsprachige Fernsehprogramme zu sehen.» 

«Man muss fördern, aber auch fordern», ist Philipp Möller überzeugt. «Man muss auch auf Familien zugehen, damit sie daran mitwirken, dass das Kind die Sprache dieses Landes erlernt. Und wenn es die Eltern nicht können, sollten Angebote gemacht werden, die auch genutzt werden sollten.»

Doch wer stellt wann fest, wie gut ein Kind Deutsch spricht und wie stark es gefördert werden muss? Hier gebe es bundesweit keine einheitliche Linie, sagt McElvany. «Die Länder haben zwar ihre Standards festgelegt, was in der Schule erreicht sein sollte. Die Frage ist aber, wie das erreicht werden soll.» 

Sie wünscht sich einheitliche Standards, die festlegen, welche Sprachkompetenzen Kinder in einem bestimmten Alter haben sollten. Außerdem seien einheitliche diagnostische Testverfahren nötig – auch für Kitas. Daraus könnten dann laut McElvany einheitliche Schlüsse darüber gezogen werden, wo Förderung notwendig ist und wie sie umgesetzt werden kann. 

Allerdings sei der Forschungsbedarf noch immer groß, das Thema Sprachförderung sehr komplex. Obwohl Kinder mit anderer Muttersprache an deutschen Schulen kein neues Phänomen seien, sei nur wenig darüber bekannt, welche Art der Förderung wirklich helfe. «Es gibt grundsätzliche Erkenntnisse, aber nicht dieses EINE Förderprogramm.»

Stefan Düll vom Vorstand des Deutschen Philologenverbands hält es für sinnvoll, auch bei der Lehrerschaft anzusetzen: «Es könnten mehr Menschen mit Migrationshintergrund in unserem Beruf sein», sagt er. «Es gibt Versuche, den Anteil zu fördern, aber der Beruf ist anscheinend noch nicht so spannend für diese Gruppe.»

Zudem könnten auch Lehrer ohne Migrationshintergrund stärker sensibilisiert werden: «Es ist sicherlich hilfreich, in Lehrerfortbildungen darüber aufzuklären, welche Besonderheiten es in verschiedenen Kulturen gibt. So kann man besser verstehen, warum es zu gewissen Missverständnissen oder zu völligem Unverständnis kommt, was Konzepte und Werte betrifft», ist Düll überzeugt.

Aus Sicht der Experten kommt es nicht nur den Schülern zugute, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen und entsprechend erfolgreich in der Schule sind. «Wenn man effektiv fördern würde, könnte man nicht nur dem einzelnen Individuum helfen, sondern auch der ganzen Gesellschaft, da diese Potenziale dann nicht verloren gehen», sagt McElvany. Es sei für die Gesellschaft teuer, wenn Kinder Grundkompetenzen nicht erwerben, die sie später in Ausbildung und Beruf benötigen. Die Berliner Lehrerin Tanja R. dachte bereits ans Aufgeben. «Ich hätte meinen Job fast an den Nagel gehängt», sagt sie. Doch inzwischen unterrichtet sie Willkommensklassen, die zumeist aus Flüchtlingskindern ohne Deutschkenntnisse bestehen, und ist zufrieden. «Es ist ein Schonraum. Hier kann ich die Kinder so auf die Grundschule vorbereiten, dass sie nicht gleich als Problemkinder in der ersten Klasse starten», sagt sie. Und: «Ich muss nicht durch den Lehrplan rauschen, den ich sowieso nicht erfüllen kann. Die Kinder lernen gerne, sind aufnahmefähig und stolz darauf, was sie gelernt haben.»

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST-Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

Die Gefahr von oben: Russland kämpft gegen Schnee und Eis auf Dächern

Jedes Jahr sterben in Russland Menschen durch Eiszapfen, die sich von Hausfassaden lösen. Oder durch Schnee, der von Dächern fällt. Und Gefahr droht nicht nur Passanten unten auf der Straße – sondern auch denen, die in luftiger Höhe aufräumen.

Moskau: Spaziergänger gehen an Schneebergen am Roten Platz in Moskau vorbei. In den vergangenen Wochen hat es in Russland immer wieder ergiebige Schneefälle und strengen Frost gegeben Foto: dpa

Von Hannah Wagner und Christian Thiele
Moskau (dpa) – Die Häuser schneebedeckt, die Dächer mit Eiszapfen verziert: Ausgerechnet dann, wenn Russlands Städte aussehen wie gemalt, kann es für Fußgänger richtig gefährlich werden. Jedes Jahr sterben auf den Gehwegen Menschen, weil sich über ihren Köpfen Zapfen aus gefrorenem Wasser lösen und – mitunter meterlang und spitz wie ein Speer – in die Tiefe stürzen. Erst jüngst wurde ein Zwölfjähriger in der Nähe von Moskau von einem riesigen Eisstück getroffen. Der Junge hatte Glück im Unglück: Er überlebte und wurde mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus gebracht. In Kasan an der Wolga erlitt ein 17-Jähriger nach einem ähnlichen Vorfall eine Gehirnerschütterung.

Doch nicht nur Eis, auch Schnee kann zur Gefahr von oben werden, erst recht nach den zuletzt massiven Schneefällen in Teilen des Landes. Rutschen Schneemassen nach unten, können sie Menschen lebendig begraben. Werden sie zu schwer, können sie Hausdächer zum Einsturz bringen. Um das zu verhindern, verpflichtet das russische Gesetz Hauseigentümer, Schnee nicht nur auf den Straßen wegzuräumen, sondern auch auf den Dächern – Eiszapfen inklusive. Und so sieht man nach jedem Schneefall Menschen in dicker orangener Arbeitskleidung auf Dächern um die Wette schaufeln.

Doch nicht überall werden die Vorschriften konsequent umgesetzt – oder zumindest nicht rechtzeitig: Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen oder Menschen landen im Krankenhaus. Im Süden Sibiriens etwa wurden vor wenigen Tagen acht Menschen von Schneemassen verschüttet, die sich vom Dach eines Getreidespeichers lösten. Vier von ihnen starben.

Strenge Regeln gelten etwa in der Hauptstadt Moskau: Hier schreibt die Verwaltung tagsüber unverzügliches Schneeschippen auf Dächern vor, wenn sich dort mehr als fünf Zentimeter Schnee angesammelt haben. Erst 2018 wurden die Strafen für Hauseigentümer erhöht, die es mit dem unter Umständen lebensrettenden Winterdienst nicht so genau nehmen. Vor zwei Jahren wurden in Europas größter Metropole Bußgelder von insgesamt umgerechnet mehr als 380 000 Euro verhängt.

Wenn die Schneedecke auf einem Dach zu sehr nach oben oder ein Eiszapfen bedrohlich weit nach unten wächst, kann die Stadt außerdem auf eigene Faust Dächer reinigen lassen – und dies dem Eigentümer in Rechnung stellen. Das übernehmen in der Regel private Spezialfirmen, die den Kampf gegen die Witterung längst als lukratives Geschäftsmodell entdeckt haben.

Russlandweit bieten zahlreiche Unternehmen den Service in luftiger Höhe an. Einige werben auch damit, dass sie selbstständig regelmäßig aufs Dach klettern und die Schneehöhe kontrollieren, ohne vorher mit dem Hausherrn auch nur telefoniert zu haben.

«Die Nachfrage ist hoch, aber saisonabhängig», sagt Industriekletterer Dschabrail Kulbuldin dem Portal «aif.ru». «Es kommt oft vor, dass die Bewohner selbst zur Schaufel greifen und aufs Dach klettern und dann herunterfallen», erzählt der Experte, der im Winter Schnee schaufelt und im Sommer Fassaden reinigt. «Man braucht nicht nur Seile und Karabiner als Sicherung, sondern auch das Wissen, wie man geeignete Stellen findet und wie man sich befestigt.»

Doch ein solches Equipment ist nicht nur bei Privat-Schauflern eher eine Seltenheit. Auch die oft aus Zentralasien stammenden Gastarbeiter bewegen sich oft ungesichert auf Moskaus Dächern. Ein falscher Schritt – etwa auf einem sechsstöckigen Mehrfamilienhaus im Zentrum der Hauptstadt – und der Arbeitseinsatz könnte tödlich enden. Nur ein Gitter an der Dachrinne bietet Schutz, falls jemand ins Rutschen kommt.

Nach einem Rekordschneefall steht der Winterdienst in der Hauptstadt derzeit übrigens vor einer besonders großen Herausforderung. Mit fast 60 Zentimetern war die Schneedecke vor rund einer Woche so hoch wie seit 65 Jahren nicht mehr, die Stadt forderte vorübergehend Tausende zusätzliche Helfer zum Wegräumen an. Doch auch hier kam für manche jede Hilfe zu spät: In und um Moskau starben zwei Menschen durch einstürzende Gebäudedächer. Und ein Ende des russischen Winters ist noch lange nicht in Sicht.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Eiszapfen – icicles
verziert – ornamented
Gehwegen – sidewalks
lösen – break loose
Speer – spear
stürzen – plunge
überlebte – survived
Gehirnschütterung – concussion
rutschen – slide
lebendig begraben – bury alive
Einsturz – collapse
wegräumen – clear away
Dächern – roofs
um die Wette – compete
verschüttet – buried
Getreidespeichers – grain elevator
schreibt vor – stipulates
unverzügliches – prompt
tagsüber – during the day
Schneeschippen – (snow) shoveling
angesammelt – collected
Bußgelder – fines
verhängt – penalized
Witterung – weather
Geschäftsmodell – business model
Nachfrage – demand
saisonabhängig – depending on the season
klettern – climb
reinigt – cleans
Seile – ropes
ungesichert – unsecured
Schritt – step
Arbeitseinsatz – work assignment
tödlich enden – end in death
Gitter – grating
Dachrinne – eaves trough
vorübergehend – temporarily
zusätzliche – extra
starben – died

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

*Note: Previous selections can be found in the Archives section of the site.*