07. November Selected Articles

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Aus Aller Welt

Millionen Fahrgäste bleiben
Bussen und Bahnen wegen Corona fern

Als im Frühjahr das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, traf das auch die Verkehrsunternehmen hart. Bei neuerlichen Corona-Einschränkungen wollen sie ihr Angebot trotzdem möglichst aufrecht erhalten.

Fahrgäste mit Mund-Nasen-Schutz stehen auf dem U-Bahnhof Französische Straße in Berlin-Mitte neben der eingefahrenen U-Bahn. Am 28.10.2020 veröffentlicht das Statistische Bundesamt in Wiesbaden Zahlen zum Personenverkehr mit Bussen und Bahnen im ersten Halbjahr 2020. Foto: dpa

Wiesbaden (dpa) – Die Corona-Pandemie hat die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen drastisch einbrechen lassen. Von April bis Juni waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Mittwoch drei Viertel weniger Personen im Fernverkehr unterwegs als im Vorjahreszeitraum. Der Bahn-Fernverkehr sank um 71 Prozent, der Linienverkehr mit Fernbussen kam mit einem Minus von 96 Prozent fast zum Erliegen. Auch im Nahverkehr fehlte ein Großteil der Fahrgäste.

Das zweite Quartal des Jahres war geprägt von den Corona-Einschränkungen, die ab März verhängt worden waren – Schulen und Kitas mussten schließen, Arbeitnehmer blieben im Homeoffice, auch der Kultur- und Sportbetrieb ruhte vorübergehend. Den zwischenzeitlichen Tiefststand bei den Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr gibt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit nur 20 Prozent des Vorjahresniveaus an. Dennoch hielten die Unternehmen den Verkehr zum großen Teil aufrecht.

Dies sei auch bei erneuten Einschränkungen des öffentlichen Lebens geplant. «Allerdings muss die Aufrechterhaltung eines umfangreichen ÖPNV-Angebotes bei wegbrechenden Fahrgeldeinnahmen auch finanziert werden. Ansonsten ist dies nicht leistbar», erklärte VDV-Präsident Ingo Wortmann am Mittwoch. Die Unternehmen stehen finanziell unter Druck. Bund und Länder hatten deshalb beschlossen, die Einbußen auszugleichen.
Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts nutzten den Eisenbahn-Nahverkehr einschließlich S-Bahnen im zweiten Quartal 59 Prozent weniger Menschen. Im gesamten ersten Halbjahr fuhren demnach 874 Millionen Fahrgäste mit Nahverkehrszügen, das waren mehr als ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die Zahlen zeigen für den Liniennahverkehr mit Bussen für das von Corona besonders betroffene zweite Quartal mindestens ein Minus von 36 Prozent und für Straßenbahnen, zu denen Stadtbahnen, Hoch- und U-Bahnen sowie Schwebebahnen zählen, von mindestens 41 Prozent. Es sei davon auszugehen, dass die Zahlen die tatsächliche Situation nicht vollständig abbildeten – unter anderem, weil viele Pendler Zeitkarten besitzen, deren tatsächliche Nutzung unklar sei, erklärte das Bundesamt in Wiesbaden.
Derzeit liegt die Auslastung der Busse und Bahnen nach VDV-Angaben im Schnitt bei rund 70 Prozent des Vorjahresniveaus. Nach Jahren mit Rekordwerten fehlten neben Berufspendlern weiter Touristen und Gelegenheitskunden, da Messen, Konzerte und Sportereignisse nicht oder nur sehr eingeschränkt stattfänden.

Wann das Vorkrisenniveau wieder erreicht sei, hänge vom Infektionsgeschehen und staatlich verordneten Einschränkungen ab, erklärte VDV-Präsident Wortmann: «Wir rechnen allerdings damit, dass wir die Folgen der Pandemie noch lange über das Jahresende hinaus spüren werden.» Um Fahrgästen die Sorge vor Ansteckung zu nehmen, setzt die Branche derzeit auf eine Aufklärungskampagne. Prominente wie Musiker Wolfgang Niedecken und Ex-Handballer Stefan Kretzschmar rufen dabei zur Nutzung von Bussen und Bahnen auf.

Für den Bahn-Fernverkehr hat das Statistische Bundesamt eine Auswertung anonymisierter Mobilfunk-Daten vorgenommen. Diese zeige, dass die Auslastung der Züge zwar zwischenzeitlich angestiegen sei, seit August aber wieder sinke. Der Trend habe sich im Oktober nochmals verstärkt, so dass die Zahlen mittlerweile wieder bis zu 50 Prozent unter den Vorjahreswerten lägen.

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Sport

Teil-Lockdown trifft Millionen Hobby-Sportler – Unmut in Bundesliga

Zahlreiche Hobby- und Amateur-Sportler müssen sich nun Alternativen suchen. Wegen des von der Politik verordneten Teil-Lockdowns müssen Sportstätten vorübergehend schließen. In den Profiligen gibt es hingegen Unmut, obwohl sie weiter spielen dürfen.

Von Patrick Reichardt
Frankfurt/Main (dpa) – Von diesem Montag an werden sich Millionen  Hobby-Sportler in Deutschland ins Frühjahr zurückversetzt fühlen. Während sich Proficlubs über die Aussperrung ihrer Fans beklagen, muss der Amateursport wegen der Corona-Krise erneut komplett herunterfahren. Anlagen und Plätze werden gesperrt, der Ligen-Betrieb vorübergehend eingestellt, und in Schwimmhallen sowie Fitnessstudios ist bis Ende November körperliche Ertüchtigung verboten. Und während im Frühjahr viele herrliche Sonnentage für einen Lauf-Boom gesorgt hatten, warten auf die Jogger jetzt Kälte, Regen und graues Herbstwetter.

Im Vergleich dazu sind die Einschnitte der Profisportler eher gering. Die Fußballer zum Beispiel dürfen weiter trainieren, ihren dicht getakteten Spielplan abarbeiten und für mehrere Wettbewerbe mit Club und Nationalmannschaft quer durch Europa reisen. Der Beitrag des Profilagers zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie ist nach der Entscheidung von Bundesregierung und Ministerpräsidenten: Publikum in den Stadien ist ab sofort wieder untersagt.

Die millionenschweren Proficlubs, für die der Beschluss der Politik weitere Millionenverluste bedeutet, sind mit dieser Entscheidung nicht alle einverstanden. Vize-Meister Borussia Dortmund schickte einen Offenen Brief an seine Fans, in dem es unter anderem hieß: «Der Profifußball ist nachweislich kein Treiber der Pandemie. Und ehrlich gesagt sieht das auch niemand anders. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen.» 

Die Vereine hatten im Sommer aufwendige Hygienekonzepte für eine Teil-Rückkehr der Zuschauer erstellt. Eine Zeit lang durften auch bis zu 20 Prozent der Anhänger zu Bundesliga-Spielen, bevor die drastisch gestiegenen Infektionszahlen dies schnell wieder unmöglich machten. Der Mainzer Finanzvorstand Jan Lehmann sagte der «Allgemeinen  Zeitung» am Samstag, man beuge sich zwar den Entscheidungen. «Man merkt aber schon, dass der Unmut in der gesamten Bundesliga größer geworden ist.» 

So haderte auch Eintracht Frankfurts Fredi Bobic vor dem 1:1 gegen Bremen mit dem Fanausschluss. Dies sei «unverhältnismäßig», weil es bei den bisherigen Spielen «hervorragend funktioniert» habe. Auch  DFL-Aufsichtsratschef Peter Peters verteidigte die Kritik der Bundesliga-Verantwortlichen. «Der Fußball akzeptiert die Maßnahmen und der Fußball war und ist demütig. Wir müssen aber auch eine faktenorientierte Diskussion zulassen», sagte Peters im «Doppelpass» des TV-Senders Sport1. Auch der Fußball müsse sich Gedanken um seine Zukunft machen.

Doch andere Sport-Profiligen in Deutschland trifft der auf November beschränkte Teil-Lockdown wesentlich härter als den Fußball. In den Hallensportarten Handball, Basketball, Volleyball und Eishockey ist der Anteil der Zuschauereinnahmen am Gesamtetat wesentlich höher als beim Fußball, der viel von seiner TV-Vermarktung profitiert.

In der Basketball-Bundesliga regte Frankfurts Geschäftsführer Gunnar Wöbke eine Verschiebung des für Anfang November geplanten Saisonstarts an, zum Beispiel um vier Wochen. Der Funktionär verfolgt nach eigener Aussage «das Doppelziel», alle BBL-Spiele der kommenden Saison zu absolvieren und dies mit möglichst vielen Zuschauern.

«Daraus leitet sich ab, dass es sinnvoll sein könnte, die Saison nach hinten zu verlegen und dann möglichst komprimiert zu spielen und jetzt so viele Kosten zu reduzieren wie es nur geht», sagte Wöbke der Deutschen Presse-Agentur. 

Der Gesundheitsökonom Florian Kainzinger, der im Frühjahr maßgeblich an mehreren Sport-Hygienekonzepten mitgearbeitet hatte, hält die Maßnahmen für teilweise überzogen. Ihm gehe das vollständige Verbot von Zuschauern zu weit. «Gerade im Outdoor-Bereich. 5000 Menschen im Berliner Olympiastadion sind weder auf den Rängen noch bei der Abreise ein Problem», sagte er im Interview des Online-Portals der «Nürnberger Nachrichten» und «Nürnberger Zeitung». 

In Zeiten einer Pandemie spricht sich Kainzinger dafür aus, «mehr Dinge kontrolliert zu lernen». Die Auswirkungen der Corona-Krise sieht er den Sport und die Gesellschaft noch länger begleiten. «Wir können uns nicht zwei Jahre lang einsperren und nicht alle paar Monate einen Lockdown machen», sagte Kainzinger.

Die Virologin Ulrike Protzer von der TU München hält die Fortführung des Bundesliga-Spielbetriebs für absolut gerechtfertigt. «Der Fußball, unter den Maßnahmen wie wir ihn momentan durchgeführt haben, war kein Treiber der Pandemie», sagte sie dem TV-Sender Sky. Dies liege auch an den Vorsichtsmaßnahmen, die seit dem Neustart im Mai getroffen wurden.

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Feuilleton

Chemnitz ist Kulturhauptstadt 2025

Die sogenannten Majolika-Häuser auf dem Kaßberg gehören zu den Sehenswürdigkeiten in einem der größten Gründerzeit- und Jugendstilviertel Deutschlands. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Berlin (dpa) – Chemnitz soll Deutschland als Europäische Kulturhauptstadt 2025 vertreten. Eine entsprechende Empfehlung für die sächsische Stadt verkündete die europäische Auswahljury am Mittwoch in Berlin. Damit haben Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg – die anderen Städte der Shortlist – das Nachsehen. Zuvor waren im vergangenen Dezember die Mitbewerber Dresden, Gera und Zittau ausgeschieden.
Die Empfehlung der Jury muss von Bund und Ländern in eine formelle Ernennung umgewandelt werden. Die zweite Europäische Kulturhauptstadt 2025 stellt Slowenien, die Entscheidung soll im Dezember verkündet werden. In diesem Jahr können sich Rijeka in Kroatien und Galway in Irland mit dem Titel schmücken.
Jüngste Europäische Kulturhauptstadt aus Deutschland war Essen mit dem Ruhrgebiet (2010). Ausgezeichnet wurden davor auch schon Weimar (1999) und West-Berlin (1988).
In den Bewerberstädten wurden jahrelang Ideen gewälzt, Programme aufgestellt und dicke Bewerbungen geschrieben. Die Kandidaten wurden aufgrund umfangreicher Bewerbungsbücher bewertet. Außerdem gab es zuletzt Stadtbesuche, wegen der Corona-Pandemie allerdings ausschließlich digital.

Chemnitz will «all die Leute und Orte sichtbar machen, die man nicht sieht, und damit auch ein Chemnitz, das in Europa – noch – keiner auf dem Schirm hat», so das Bewerbungsteam. Mit kulturellen Mitteln sollen Gräben überwunden werden.

Chemnitz war vor zwei Jahren tagelang im Ausnahmezustand gewesen, nachdem Daniel H. am Rande des Stadtfests von einem Asylbewerber erstochen worden war. Es folgten Demonstrationen, bei denen auch der Hitlergruß gezeigt wurde. Die Ereignisse des Sommers 2018 wurden genau wie brachliegende Flächen und leerstehende Häuser zunächst als Schwäche in der Bewerbung der drittgrößten Stadt in Sachsen betrachtet. Ob Wende, Strukturwandel oder jetzt die Corona-Pandemie: Mit Macher-Mentalität will Chemnitz aktiv werden.

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Gesundheit

So schaltet man richtig ab

Das tut gut: Eine kurze Auszeit mit einer Tasse Kaffee hilft oft, um wieder in Schwung zu kommen. Foto: dpa

Saarbrücken (dpa) – Arbeit ist Arbeit und Freizeit ist Freizeit – so sollte es sein. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Dabei ist es ungesund, wenn die Gedanken daheim weiter um den Job kreisen. Was hilft?
Einfach mal abschalten nach dem Job: Für viele Menschen ist das leichter gesagt als getan – und das kann zum Problem werden. Denn das Stresshormon Cortisol, das einen während der Arbeit leistungsfähig macht, wird dadurch nicht ausreichend abgebaut, wie Julia Krampitz von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement erklärt.

Es ist auf Dauer nicht gesund, wenn die Gedanken nach Feierabend ständig um die Arbeit kreisen. Nur wer abschaltet, erholt sich. Zum Glück gibt es einige Tricks, die dabei helfen:

  • Symbolischer Ausschalter: Der erste Schritt zur Erholung ist ganz einfach und dürfte manchen trotzdem Überwindung kosten:
  • Computer und Smartphone ausschalten und auch auf eine Beschallung durch Radio oder Fernseher verzichten. Durch dieses Ausschalten lässt sich symbolisch in eine Art Ruhemodus kommen, Körper und Geist werden entlastet.
  • Gleiche Abläufe: Smartphone in die Tasche packen, Unterlagen auf den Stapel legen, Computer herunterfahren, Jacke anziehen, Kollegen verabschieden. Es hilft, den Arbeitstag immer auf die gleiche Art und Weise zu beenden. Und das auch bewusst zu tun. Dieses Ritual gibt dem Geist zu verstehen, dass jetzt wirklich Feierabend ist.
  • Persönliche Genussmomente: Nicht nur der Job strengt an, auch alltägliche Aufgaben wie die Kindererziehung, Putzen oder Amtswege können belastend sein. Umso wichtiger sind kleine Auszeiten, in denen man sich etwas gönnt, was einem wirklich gut tut – eine Tasse seines Lieblingskaffees trinken oder ganz in Ruhe ein Bad nehmen. Denn es braucht auch Selbstfürsorge, um abschalten zu können.

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Reise

Ranking: Deutscher Reisepass ist nicht mehr der mächtigste

Jeder Reisepass bietet je nach Ausstellungsland mehr oder weniger 
Freiheiten beim Reisen.        Foto: dpa
                

Bonn (dpa) – Jeder Reisepass bietet je nach Ausstellungsland mehr oder weniger Freiheiten beim Reisen. Der deutsche Pass befindet sich regelmäßig an der Spitze – jetzt nicht mehr.

Je „mächtiger“ ein Reisepass, desto mehr Freiheiten haben Sie beim Reisen. Zum Beispiel, weil Sie in vielen Ländern kein Visum brauchen oder schon bei der Ankunft eines beantragen und bekommen können. Der deutsche Reisepass hat in Rankings schon in den letzten Jahren oft die Nase vorn gehabt. Doch nun hat sich ein anderer Reisepass an die Spitze gesetzt.

Im aktuellen Global Passport Power Rank belegt der deutsche Reisepass den zweiten Platz: In 128 Länder dürfen Deutsche ohne Visum oder mit „visum on arrival“ einreisen – davon gehören 93 in die Kategorie „Reisen ohne Visum“. In 70 Ländern müssen Besitzer des deutschen Reisepasses vorab ein Visum beantragen. Ebenfalls auf Rang 2 haben sich die Pässe aus Österreich, Luxemburg, Schweiz, Irland, Japan, Südkorea und Australien eingefunden.

Ganz allein auf Platz 1 im Ranking steht hingegen der neuseeländische Reisepass. Mit ihm können Touristen in 129 Länder ohne Visum oder mit „visum on arrival“ einreisen. Für 69 Länder muss hingegen ein Visum beantragt werden. Den dritten Platz mit 127 Ländern, in die ohne Probleme eingereist werden darf, belegen Schweden, Belgien, Frankreich, Finnland, Italien und Spanien.

Ganz hinten im Ranking stehen die Reisepässe aus Afghanistan und Irak.

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Vom Glück mit der Schwiegermutter

Nicht immer ist die Schwiegermutter die beste Freundin. Das muss sie auch nicht sein. Aber es kann sich lohnen, ihr zuzuhören und etwas über den eigenen Partner oder die Partnerin zu erfahren.

Teil einer neuen Sippe: Das Verhältnis zur Schwiegermutter muss nicht angespannt sein – Frauen können sogar von ihr profitieren. Foto: Mijo/Westend61/dpa

Von Bernadette Winter
Nürnberg (dpa) – Das Verhältnis zur Schwiegermutter gilt oft als schwierig und hat nicht gerade den besten Ruf. Doch das muss nicht immer stimmen. Als Partner oder Partnerin lässt sich einiges von der Schwiegermutter lernen.

Valeska Riedel, Familientherapeutin aus Nürnberg, schlägt vor, liebevoll neugierig zu bleiben statt investigativ-fragend aufzutreten – um zu erfahren, was die Schwiegermutter so alles über den eigenen Partner oder die Partnerin weiß.

«Nehmen sie zum Beispiel ein Fotoalbum zur Hand und lassen Sie sich Geschichten erzählen», rät Inez Freund-Braier, Landesvorsitzende Westfalen-Lippe der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.
Fundus an Erinnerungen

In einer solchen Situation sollte der oder die Partnerin auf jeden Fall ebenfalls anwesend sein, ergänzt Prof. Björn Enno Hermans, Diplom-Psychologe und systemischer Therapeut aus Essen. Sonst könnte das als Vertrauensbruch gesehen werden.

Die Schwiegermutter habe einen großen Fundus an Erinnerungen das eigene Kind betreffend. «Und das müssen nicht immer nur die peinlichen Kindheitserlebnisse sein, die jedes Mal bei Familienfeiern ausgepackt werden», sagt Riedel. So lasse sich auch erleben, worauf der Partner empfindlich reagiere oder welche Beziehungsmuster in der Familie existierten. «Dabei geht es nicht um Tricks und Kniffe nach dem Motto how to handle your husband.»

Auch Hermans glaubt nicht, dass wir durch die Schwiegermutter etwas über unsere eigene Partnerschaft lernen. Er ist aber davon überzeugt, dass es durch die Erzählungen möglich werden kann, den eigenen Partner etwas besser einordnen zu können.

Das kann für Verständnis gegenüber dem Partner sorgen, warum er oder sie in manchen Situationen auf eine bestimmte Weise reagiert, wie Freund-Braier ausführt. Vielleicht hat die Frau oder der Mann bestimmte Beziehungsthemen nicht von den Eltern gelernt und muss erst «nachreifen». Es sei wichtig zu sehen, dass die Eltern nur einen bestimmten Ausschnitt ihres Kindes kennen, erklärt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Deshalb könne das ein interessanter Abgleich für den Partner oder die Partnerin sein.

Eine zweite Familie
Am fruchtbarsten wird es für diejenigen, die anerkennen können, dass der Partner oder die Partnerin ein Teil dieser Sippe ist – mit einer ganz eigenen Geschichte sowie Gepflogenheiten und Schlussfolgerungen darüber, wie die Welt ist, erläutert Riedel.

Jeder bringe sein eigenes System mit und werde dadurch geprägt, ergänzt Björn Enno Hermans. «Man bekommt so etwas wie eine zweite Familie geschenkt.» Und die beinhaltet ein ganz anderes Modell von Mutter oder von Familie. Vielleicht finden sich dort Anregungen, die man selbst umsetzen möchte: Wie feiert diese Familie? Wie hat sie Spaß? Aber auch: Wie geht sie mit Problemen um?

Falls es zu Konflikten mit den «Schwiegertigern» komme, könne es sinnvoll sein, zu untersuchen, gegen was man sich auflehne, sagt Riedel. Vielleicht ist es die eigene Mutter? Oder der Partner oder die Partnerin?

Schließlich konfrontieren einen die Schwiegereltern mit einem Anteil des Beziehungsmusters, das man vom eigenen Mann oder der eigenen Frau bereits kennt. «Es lohnt sich zu analysieren, wo man eventuell selbst so verfährt oder sich so verhält wie diejenige, über die man sich gerade aufregt», sagt Riedel.

Der Spiegel-Effekt
Dieser Effekt funktioniert auch andersherum: Die Schwiegermutter sucht ihre eigenen Qualitäten in der (zukünftigen) Schwiegertochter, erklären die Experten. Sie fragt sich: Wird sie genauso fürsorglich sein können wie ich? Wird sie mein Kind gut genug behandeln? Darüber hinaus kann die Schwiegermutter etwas in sich tragen, was sie nicht sieht, aber in der Schwiegertochter erkennt – wie eine Art Spiegel.

«Halten Sie sich immer vor Augen: Hinter allem steckt eine gute Absicht und Fürsorge», sagt Riedel. Das sei ein großer Gewinn für die eigene Liebesbeziehung. «Wenn die Schwiegerkinder das Angebot der Schwiegereltern hören und sehen können und sich ihre Offenheit bewahren, entsteht eine wunderbare Balance von Geben und Nehmen.»

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST – Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

«Wie bitte?» Wie die Alltagsmaske unsere Kommunikation verändert

Mit einer Maske im Gesicht zu kommunizieren, ist deutlich schwieriger – einfach lauter reden hilft da wenig. Ein paar Worte mehr als sonst schon eher.

Luna Mittig erläutert Details zur Mimik und Gestik an einer Videoinstallation im Museum für Kommunikation. Mittig ist ausgebildete Stimm- und Sprechtrainerin und gibt Führungen im Museum für Kommunikation in Nürnberg. Mit Maske sei dies deutlich anstrengender. Für sie selbst, aber auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer. Weil die Stimme gedämpft ist und die Mimik fehlt, fällt ein Teil der Informationen weg, die unbewusst wahrgenommen wird. Foto: dpa

Von Irena Güttel und Elke Richter
Nürnberg/Bamberg (dpa) – Luna Mittig arbeitet mit ihrer Stimme. Eine Maske zu tragen, ist für sie deshalb eine besondere Herausforderung. «Man wird akustisch schlechter verstanden, vor allem, wenn man nicht extrem deutlich oder laut spricht.» Mittig ist ausgebildete Stimm- und Sprechtrainerin und gibt Führungen im Museum für Kommunikation in Nürnberg – was mit Maske deutlich anstrengender ist, wie sie findet. Für sie selbst, aber auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer.

«Das ist wie bei einer Fremdsprache», erläutert Mittig. «Weil die Stimme gedämpft ist und die Mimik fehlt, fällt ein Teil der Informationen weg, die wir unbewusst wahrnehmen.» Deshalb hat sie ihre Kolleginnen und Kollegen im Museum darin geschult, wie sie trotz Maske – und größerem Abstand – besser verstanden werden.

Denn einfach nur lauter reden, bringt es oft nicht – das lässt sich täglich an der Käsetheke oder beim Bäcker beobachten. «Man muss sich selbst disziplinieren, langsamer zu sprechen, kürzere Sätze zu verwenden und mehr Wert auf die Betonungen zu legen», erklärt Mittig. Und mehr gestikulieren: «Das, was man im Gesicht wegen der Maske nicht sieht, muss man mit Händen und Füßen machen.»

Ein Sprechtraining fände auch Birgit Dittmer-Glaubig hilfreich. Die Konrektorin der Mittelschule an der Simmernstraße in München muss seit der Maskenpflicht im Unterricht ständig nachfragen. «Es ist akustisch eine echte Herausforderung, weil man die Schüler sehr, sehr schwer versteht.» Außerdem sei es deutlich schwieriger, anhand des Gesichtsausdruckes zu erkennen, ob die Kinder und Jugendlichen dem Stoff folgen könnten oder noch Fragen hätten.

«Das Gesicht ist deutlich beredter als der Rest des Körpers», erklärt Mimikforscher Stefan Lautenbacher von der Universität Bamberg das Hauptproblem. «Die Mimik besteht grob gesagt aus zwei Bereichen: Das Feld um den Mund herum, das viel signalisiert, und das Feld um die Augen herum, das bis in die Stirn hinein geht: Wir können die Augenbrauen hochziehen, die Stirn runzeln, die Augen eng stellen oder öffnen.»

Bei Erwachsenen sei der Gesichtsausdruck nicht ganz so wichtig, weil sich viel aus dem Kontext erschließe und Erwachsene sich zudem sprachlich sehr gut ausdrücken könnten. «Wir müssen nicht traurig gucken, weil wir sagen können, dass wir traurig sind.» Kinder hingegen bräuchten dieses zweite Signalsystem stärker, auch wenn die Maske die Mimik nicht komplett verdecke, sondern nur reduziere.

Ein weiteres Problem: «Sie erkennen einen Menschen nicht einfach an den Augen oder dem Mund, sondern an der Konfiguration, also den Abständen, der räumlichen Zuordnung der einzelnen Teile eines Gesichtes», erläutert Lautenbachers Kollege Claus-Christian Carbon. «Wir nehmen ein Gesicht grundsätzlich holistisch auf, also ganzheitlich.» Allerdings erst ab einem Alter von etwa zehn, zwölf Jahren – so lange dauert der Lernprozess.

«Wenn uns jetzt aber ein Teil einfach weggeschnitten wird durch die Maske, funktioniert diese holistische Verarbeitung nicht richtig, weil uns entscheidende Informationen fehlen», erläutert Carbon. Andere Menschen ließen sich dadurch schwerer wiedererkennen.

Und es gibt noch ein Problem: «Es gibt einige Emotionen, die wir ganz charakteristisch jeweils mit dem Mund oder den Augen machen: Ekel, Trauer, Wut drücken wir stark mit dem Mund aus, Freude etwa über die Augen.» Wenn jetzt gut die Hälfte des Gesichtes durch eine Maske verdeckt werde, geht zwischenmenschlich leicht was schief, berichtet Carbon. «Ganz viele charakteristische Emotionen werden nicht erkannt und als eher neutral interpretiert, oder fälschlicherweise als eine andere Emotion erkannt.» Beispielsweise werde Ekel häufig als Wut missverstanden.

Das Problem lässt sich mit dem einen oder andere zusätzlichen Wort leicht lösen. «Wir Menschen nördlich der Alpen neigen dazu, eher ein bisschen zu wenig zu reden», findet Carbon. «Aber es schadet uns ja nicht, dass wir manche Sachen etwas explizit machen, auch wenn es etwas mehr Kraftaufwand bedeutet.»

Vor allem in Bereichen, in denen es ums Zwischenmenschliche geht, um Vertrauen und Nähe, kann die Maske wie eine Barriere wirken – erst recht, wenn Menschen sich neu kennenlernen. «Es ist schwieriger, eine Beziehung aufzubauen», sagt die Kommunikationstrainerin Lisa Kuchenmeister.

Doch gerade das ist in der Hospizarbeit wichtig. «Da geht sehr viel über die Mimik», berichtet Hospizbegleiterin Petra Götz. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen vom Hospizverein Main-Spessart im unterfränkischen Karlstadt hat sie bei Kuchenmeister in einem Workshop gelernt, wie sie mehr Gefühl in Stimme und Gestik legen kann. «Danach hat man das Gefühl gehabt, es geht doch», berichtet Götz. Die Maske empfinde sie nun nicht mehr als Hindernis.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

deutlich – clearly
Herausforderung – challenge
ausgebildete – certified
anstrengender – exhausting
dedämpft – muffled
Mimik – facial expression
fehlt – is missing
unbewusst – unconsciously
wahrnehmen – perceive
geschult – instructed
verwenden – employ
Betonungen – emphasis
gestikulieren – gesture
hilfreich – helpful
Konrektorin – assistant principal
ständig – constantly
nachfragen – enquire
anhand – by means of
Gesichtsausdruckes – facial expressions
beredter – eloquent
grob – roughly
Bereichen – areas
Stirn – forehead
Augenbrauen – eyebrows
hochziehen – raise
runzeln – wrinkle
erschließe – develop
gucken – look
verdecke – covers
ganzheitlich – in its entirety
weggeschnitten – cut away
Verarbeitung – processing
entscheidende – decision-making
Ekel – disgust
Trauer – sadness
Wut – anger
geht schief – go wrong
zwischenmenschlich – between people
Kraftaufwand – exertion
Vertrauen – trust
Nähe – proximity
Beziehung – relationship
Hospizarbeit – private hotel with religious management
Gestik – gestures
empfinde – feel

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

*Note: Previous selections can be found in the Archives section of the site.*