09. Oktober 2021 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Merkel, die Papageien und das Kleid – der etwas andere Rückblick

16 Jahre mit Angela Merkel, das war auch immer wieder Thema in der Rubrik Kultur und Klatsch. Auf den letzten Metern ihrer Kanzlerschaft wird die Rubrik Tiere aktuell. Es wird flauschig.

23.09.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Marlow: Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin, füttert australische Loris im Vogelpark Marlow und wird dabei gebissen. Foto: dpa

Von Caroline Bock
Berlin (dpa) – Gerade hat sie in einem Vogelpark in Mecklenburg-Vorpommern australische Loris gefüttert. Sie wird gezwickt, einer der Papageien darf ihr sogar auf den Kopf fliegen, es sieht lustig aus. Die Leute sind begeistert. «Ein Bild für die Ewigkeit», lautet ein Kommentar bei Instagram. Darüber steht: «Ich glaube, Frau Merkel ist privat so’ne richtig Nette.» Auf den letzten Metern ihrer 16 Jahre langen Kanzlerschaft wird es für Angela Merkel flauschig. Zeit für einen Rückblick abseits der Politik, wobei ein gewisses Abendkleid nicht fehlt.

«Deshalb ist sie schön»
Es fing an mit viel Spott für ihre Helm-Friseur, bis diese einen Relaunch bekam. Udo Walz fand den Schnitt «genial». Das war Selbstlob. Merkel war Kundin des im vergangenen Jahr verstorbenen Berliner Promi-Coiffeurs. Wo sie sich jetzt die Haare schneiden lässt, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass Walz ihretwegen in die CDU eingetreten ist.

Die erste Frau im Kanzleramt, heute 67 Jahre alt, bekam Komplimente und Kritik, Modetipps und Ferndiagnosen. Anfangs als Helmut Kohls «Mädchen» und für ihre Frisur belächelt, sahen sie später auch viele, die nicht CDU wählten, als Weltpolitikerin, die sich im Männerzirkus behauptete. «Ich finde sie sehr sympathisch. Sie hat meinen hohen Respekt dafür, wie sie mit diesen patriarchalischen Strukturen und auch zum Teil persönlichen Beleidigungen so souverän umgeht», sagte die Köchin und Grünen-Politikerin Sarah Wiener. Herbert Grönemeyer attestierte der Physikerin eine «uneitle Klugheit».

Der Schriftsteller Martin Walser ging in einem Essay für den «Spiegel» noch weiter. Merkel sei nicht nur klug, sondern auch schön. «Die meisten Politiker spulen ab, was sie draufhaben. Das kommt auch daher, dass sie mehr sagen müssen, als sie wissen. Bei Frau Merkel werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden, und eben deshalb ist sie schön», schrieb Walser 2018.

Was ihre Garderobe und ihr Aussehen angeht, gab es wohl so viel Presse und Debatten wie bei keinem ihrer Vorgänger. Klar, Gerhard Schröder war wegen der teuren Anzüge der «Brioni-Kanzler». Helmut Kohl bekam wegen seiner Pfunde und seiner Figur den Spitznamen «Birne» verpasst.

Das Kleid von Oslo
Aber das ist kein Vergleich zum Echo bei Merkel, etwa als sie 2008 bei einem Opernbesuch in Oslo ein Abendkleid mit Ausschnitt trug und Busen zeigte. Das wurde als mittelschwere Sensation gehandelt. Es war sogar Thema in der Bundespressekonferenz. «Dass dieses Abendkleid, eine Neukomposition, ein Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin, für eine solche Furore gesorgt hat (…), lag nicht in der Absicht der Bundeskanzlerin», sagte der damalige Vize-Regierungssprecher Thomas Steg.

Bilder von Merkel wie aus Oslo gab es nie wieder. Die Kanzlerin gewöhnte sich einen einheitlichen Stil aus Hosen und Blazern an. Für Fotos fand sie die Geste der Raute – gerade kopiert von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz auf dem Titel des «SZ-Magazins». Der italienische Designer Giorgio Armani konnte Merkels Mode durchaus etwas abgewinnen. «Ich fand ihren Stil immer interessant, ihre maßgeschneiderten Jacketts mit dazu passenden Hosen.» Der Stil strahle ruhige Selbstsicherheit aus, sagte Armani dem «Zeitmagazin».

Weniger gnädig fiel seinerzeit das Urteil von Karl Lagerfeld aus. «Frau Merkel müsste so etwas für ihre speziellen Proportionen maßanfertigen lassen», sagte der Modeschöpfer 2013 dem «Focus». «Aber sie will ja keine Ratschläge, habe ich gehört.» Mit Merkels Flüchtlingspolitik ging Lagerfeld später hart ins Gericht. «Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, Millionen Juden töten, um danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen», sagte er 2017 in einem in Frankreich heftig diskutierten Interview im Fernsehen.

«Die Zeit der Cohibas ist vorbei»
In der Kulturwelt gibt es einige Menschen, die Merkel persönlich kennen und mögen. So wie der Schauspieler Ulrich Matthes, der sie auch als Theater-Kritikerin schätzt. «Die Gespräche mit Angela Merkel sind immer besonders ausführlich. Sie nimmt sich manchmal nach der Vorstellung lange Zeit und unterhält sich mit mir alleine eine Stunde nur über das Stück», erzählte Matthes dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer sieht im Leben und im Erfolg von Merkel «Feminismus pur». Was nach dem Ende der Ära Merkel für die Gleichberechtigung bleibt, beschrieb Schwarzer im «Spiegel»-Interview so: «Wir gehen wie immer zwei Schritte vor, einen zurück. Sie hat eine Zäsur markiert auf eine Art und Weise, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Die Männer können ihn nicht mehr so raushängen lassen, wenn ich das so sagen darf. Die Zeit der Cohibas ist vorbei.» Mit Letzterem spielte Schwarzer auf Zigarren rauchende Politiker wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder an.

Den Spitznamen «Mutti» für Merkel findet Schwarzer falsch. «Wenn eine keine Mutti ist, dann sie.» Sie sei «eine Mischung aus Mädchen und Kamerad». Merkels Mix sei ein interessanter Weg, weil er jenseits der Klischees verlaufe. «Sie spielt weder das devote Weibchen in High Heels noch den Kerl. Das würde auch nichts nutzen, der echte Mann ist immer der bessere Mann. Irgendwann machen die Jungs wettpissen, und dann kommt frau zu kurz. Von Merkels Stil könnten Frauen also lernen.»

Zäh am Berg und noch mehr Vögel
Bergsteigerlegende Reinhold Messner kennt die Kanzlerin und ihren Mann Joachim Sauer vom Wandern. In der «Welt am Sonntag» erzählte er: «Angela Merkel ist zäh, nicht nur am Berg, auch im politischen Betrieb um sie herum. Man wird sie nicht so leicht kleinkriegen. Sie bleibt länger wach im Kopf, klarer als andere.»

Nochmal zum Thema Flausch und Tiere – der chinesische Künstler Ai Weiwei hatte bereits Ideen für Merkel als Seniorin: «Ich wünsche ihr, wenn sie in den Ruhestand geht, dass sie ein angenehmes Leben hat. Ich hoffe, dass sie in den Berliner Zoo geht und sich die Pandas dort anschaut.»
Im Vogelpark Marlow fraßen die knallbunten Papageien Merkel aus der Hand. Auch die Wellensittiche waren zutraulich und ließen sich von der scheidenden Regierungschefin mit Hirse füttern. Nur beim Uhu war Merkel zurückhaltend: Die etwa 60 Zentimeter große Eule mit den großen Augen wollte sie dann doch nicht halten. «Ne, ne. Ich habe das bei den Sittichen gut gemacht.»

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Sport

Siegen und scherzen: Zvere

Wellbrock schwimmt sich ein: 1500-Meter-Sieg und viel Arbeit

Florian Wellbrock ist zurück im internationalen Schwimm-Geschäft und auf dem Siegerpodest. Der Olympiasieger gewinnt in Berlin auf seiner Paradestrecke und ist schon weiter, als es sein Trainer erwartet hat.

Berlin: Schwimmen: Weltcup, Kurzbahn: Florian Wellbrock fasst sich nach seinem Rennen über 400 Meter Freistil an die Nase. Foto: dpa

Von Gerald Fritsche
Berlin (dpa) – Florian Wellbrock wirkte erleichtert. Der Freiwasser-Olympiasieger hat sein Becken-Comeback beim Kurzbahn-Schwimmweltcup in Berlin im Rahmen seiner Erwartungen gegeben. Herausragend: Sein Sieg auf seiner Paradestrecke über 1500 Meter Freistil. Über 400 Meter verpasste der Olympia-Dritte von Tokio über die lange Distanz mit Platz vier den anvisierten Podestplatz knapp. Schließlich kam Wellbrock am Sonntag über 200 Meter Freistil – wie schon selbst prophezeit – nicht ins Finale.

«Das Tempo fühlt sich schon ganz gut an, aber wirklich noch mal einen draufzusetzen, fällt schwer», sagte Wellbrock. Der 24-Jährige ist erst seit gut drei Wochen wieder im Training und absolvierte in Berlin seine ersten Becken-Wettbewerbe. Vor einer Woche war er noch über 10 Kilometer im Freiwasser in Barcelona siegreich, nun musste er sich direkt auf die Kurzbahn mit den vielen Wenden umstellen.

Das Training war auch nicht direkt auf den Weltcup ausgerichtet. «Wir haben viele technische Elemente gemacht, das funktioniert auch schon gut. Solche Sachen wie richtige Race-Pace-Geschichten haben wir aber überhaupt noch nicht gemacht. Deshalb ist das in Ordnung, was gerade passiert ist», sagte der Magdeburger. Er verwies auch darauf, dass er den Weltcup unter Trainingsaspekten bestritten hat. «Die anderen Jungs waren rasiert, haben sich richtig vorbereitet. Im Gegensatz zu mir», meinte der Olympiasieger augenzwinkernd.

Dass er die Tempohärte aber nicht verloren hat, zeigte er über 1500 Meter. Da wurde er vom Russen Kirill Martinischew stark unter Druck gesetzt, hielt aber sehr gut dagegen und hatte auf den letzten 200 Metern noch etwas zuzusetzen. «Ihm ist die Umstellung vom Freiwasser auf die Kurzbahn alles andere als leicht gefallen. Im Training hatten wir bislang hauptsächlich an technischen Dingen gearbeitet, daher ist insbesondere die 1500-Meter-Zeit deutlich besser ausgefallen und näher an der Bestzeit, als wir beide das erwartet haben», sagte Bundestrainer Bernd Berkhahn.

Das Vorlauf-Aus über 200 Meter war erwartet, da ging es in erster Linie um das Tempogefühl. «Das war insgesamt ein gelungener Einstieg in die neue Saison. Das gibt Schwung für den Saisonverlauf», resümierte Berkhahn. «Nächste Woche wird Florian sich in Budapest noch einmal auf denselben Strecken austoben.»

Das Team des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) konnte in Berlin neben dem Erfolg von Wellbrock fünf weitere Siege feiern. Überragender DSV-Athlet war dabei der Potsdamer Christian Diener, der alle drei Rücken-Distanzen über 50, 100 und 200 Meter für sich entschied und auch mit der 4×50-Meter-Lagen-Staffel nicht zu schlagen war. Dabei standen Fabian Schwingenschlögl, Angelina Köhler und Annika Bruhn an seiner Seite. Den einzigen Erfolg für die Frauen verbuchte Isabel Gose (Magdeburg) über 400 Meter Freistil für sich. Das deutsche Team freute sich zudem über sechs zweite und drei dritte Plätze.

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Feuilleton

Vom Maler zum Mythos – 450 Jahre Caravaggio

Ein Besucher der Gemäldegalerie betrachtet das Gemälde «Amor als Sieger» von Michelangelo Merisi da Caravaggio. Sein Leben war kurz, aber turbulent, seine Bilder machten ihn unsterblich. Vor 450 Jahren kam der italienische Barockmaler Caravaggio zur Welt. Foto: Annette Riedl/dpa

Rom (dpa) – Manche seiner Gemälde schockieren mit ihrer zur Schau gestellten Gewalt, andere bezaubern mit ihrer Anmut. Gemeinsam ist allen eine außergewöhnlich realistische Darstellung des menschlichen Körpers und ein unvergleichliches Spiel mit Licht und Schatten. Die Rede ist von Caravaggio, einem Begründer der römischen Barockmalerei, der die Kunst seiner Zeit revolutionierte und Generationen von Malern beeinflusste. Vor 450 Jahren wurde er geboren.

Seine Werke hängen heute in Rom und Neapel, New York und Cleveland, Paris, Madrid, Wien oder Berlin. Das Licht der Welt erblickte Michelangelo Merisi am 28. September (nach anderen Angaben am 29.) 1571 in Mailand. Nach dem Herkunftsort seiner Eltern in der Lombardei nannte man ihn Caravaggio, und unter diesem Namen wurde er weltberühmt. In Mailand lernte er das Malerhandwerk. Mit 21 zog er 1592 nach Rom, wo er Auftraggeber und Förderer fand, seinen typischen Stil entwickelte, die meisten seiner Schaffensjahre verbrachte und wo sich auch heute noch die meisten seiner Werke wiederfinden.

Um in der ewigen Stadt einen echten Caravaggio zu sehen, braucht man nicht einmal ein Museumsticket zu kaufen, es geht auch gratis in mehreren Kirchen. So zum Beispiel in Santa Maria del Popolo an der Piazza del Popolo am Nordrand der Altstadt, wo Caravaggio die Kreuzigung des Apostels Petrus und die Bekehrung des Paulus malte. In der Gemäldegalerie Palazzo Barberini ist das Werk «Judith und Holofernes» zu sehen, die Darstellung der Enthauptung des assyrischen Feldherrn durch die jüdische Witwe Judith, wo das Blut fast aus dem Bild zu spritzen scheint.

Ebenfalls in Rom malte Caravaggio «Amor als Sieger», das heute in der Berliner Gemäldegalerie hängt und einen geflügelten Knaben splitternackt zeigt.

«Caravaggio führt in die sakrale Kunst einen Realismus ein, der deren Kanon erschüttert», schreibt der römische Publizist Corrado Augias in seinem Buch «Die Geheimnisse Roms». Kennzeichnend für Caravaggios Stil sind auch das «Chiaroscuro», die Hell-Dunkel-Malerei, und die Verschmelzung von Profanem und Sakralem in seiner Kunst.

Die Stadt der Päpste, so Augias, war damals ein heruntergekommener Ort mit gerade mal 100 000 Einwohnern – und 13 000 Prostituierten, die sich von der großen Zahl kirchlicher Würdenträger ein Auskommen am Tiber versprachen. Von Caravaggio heißt es, dass ihm Prostituierte für biblische Frauengestalten Modell standen. Straßenkriminalität und öffentliche Hinrichtungen wiederum mögen ihn bei seinen blutigen Gewaltdarstellungen inspiriert haben, glaubt Augias: «Er malt, was er erlebt und sieht, seine Gemälde spiegeln die Gewalt Roms wider.»

Viel ist von frühen Biografen über den gewaltbereiten und lüsternen Charakter des Malers geschrieben worden, das meiste davon gilt heute als übertrieben. Tatsache ist, dass Caravaggio 1606 in einen Totschlag verwickelt war, aus Rom verbannt wurde und mit dem «bando capitale» belegt, also für vogelfrei erklärt wurde. Damit begann der letzte Abschnitt im Leben des genialen Künstlers mit dem üblen Ruf.

Caravaggio zog südwärts ins damals spanische Königreich Neapel und hatte dort ebenfalls großen Erfolg. Er malte unter anderem «Die Geißelung Christi», die im Nationalmuseum Capodimonte hoch über der Stadt am Vesuv zu bestaunen ist. Von Neapel setzte der Künstler nach Malta über und wurde dort 1608 Ritter des Malteserordens. Sein Hauptwerk auf der Mittelmeerinsel ist «Die Enthauptung Johannes des Täufers» im Oratorium der St. John’s Co-Cathedral in Valletta. Mit 316 mal 520 Zentimetern ist es das größte aller Caravaggio-Werke.

Auf Malta wird Caravaggio abermals in einen Streit verwickelt, landet im Gefängnis, bricht aus und flieht nach Sizilien. Aus dem Malteserorden wird er ausgeschlossen. Auch auf Sizilien malt er einige Werke. Nun sieht er die Chance auf eine Begnadigung in Rom kommen. Er landet in Porto Ercole an der toskanischen Küste nördlich von Rom. Dort stirbt er am 18. Juli 1610 im Alter von nur 38 Jahren. Die genaue Todesursache ist unbekannt.

Schon hundert Jahre nach seinem Tod war Caravaggio vergessen und wurde erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Sein Einfluss auf andere Künstler war aber groß, von Rembrandt und Peter Paul Rubens bis Jan Vermeer, Diego Velázquez oder Francisco de Zurbarán.

Auch heute noch bewegt der italienische Künstler die Gemüter. 2014 forderten in Berlin die Autoren eines offenen Briefes im Zuge der Diskussion um Pädophilie und Kinderpornografie, den nackten Amor von der Wand zu nehmen. Die Gemäldegalerie entschied im Sinne der Kunstfreiheit, und der kleine Gott der großen Liebe blieb hängen.

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Gesundheit

Kleiner Piks, große Wirkung:

Warum Grippeschutz jetzt wichtig ist

Jetzt steht die nächste Massenimpfung an. Was man nun über den Grippeschutz wissen muss. Foto: Jens Kalaene/dpa

Von Ulrike von Leszczynski und Christiane Oelrich
Berlin (dpa) – Bald ist es wieder soweit: Von Anfang Oktober bis Mitte Mai, wenn es kühl ist und sich das Leben meist drinnen abspielt, zirkulieren Grippeviren besonders häufig. Die vergangene Influenza-Saison ist in der Corona-Pandemie nun aber fast ausgeblieben. Was bedeutet das? Und soll man sich gleichzeitig gegen Grippe und Corona impfen lassen?

Was ist in diesem Jahr ungewöhnlich in Sachen Grippe?
Die vergangene Grippesaison ist in Deutschland das erste Mal seit Jahrzehnten nahezu ausgefallen. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) spricht mit Blick auf typische Atemwegsinfekte von einem «vorher nie erreichten, niedrigen Niveau in den Wintermonaten». Das lag vor allem an den Corona-Schutzmaßnahmen vom Maskentragen bis hin zum langen Lockdown. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO war das ein weltweites Phänomen. Die Rate positiv gemeldeter Influenza-Proben sei zwischen September 2020 and Januar 2021 auf 0,2 Prozent gesunken – im Vergleich zu 17 Prozent zwischen 2017 und 2020 im gleichen Zeitraum.

Was bedeutet das für den Grippe-Impfstoff für die anstehende Saison?
Daten zu den zuletzt zirkulierenden Virus-Varianten sind die Grundlage dafür, wie genau der Grippeimpfstoff für die kommende Saison zusammengesetzt ist. Produktionsstart ist meist schon im Februar – um für Herbst und Winter ausreichend Impfstoff zu haben. Da die letzte Grippewelle weltweit nahezu ausgefallen ist, ist die Datenbasis zu den Erregertypen nun geringer. Trotzdem hat die WHO keine Zweifel an der Effektivität des aktuellen Vakzins. Wenn auch auf sehr niedrigem Niveau habe es ja Grippeviren-Aktivität gegeben, teilte die Organisation auf Anfrage mit. Die globale Influenza-Aktivität wird nach WHO-Prognosen auch niedrig bleiben. Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), hält Sorgen über weniger Schutzwirkung ebenfalls für unbegründet. Für Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), ist die Datenbasis aber eben längst nicht so gut wie in den Vorjahren. Die Wirksamkeit lasse sich daher kaum abschätzen, sagte er jüngst auf einem Kongress.

Für wen ist es sinnvoll, sich gegen Grippe impfen zu lassen?
Bei gesunden Kindern und Erwachsenen unter 60 Jahren verläuft eine Influenza in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen. Deshalb gibt es für sie auch keine Impfempfehlung – ihnen wird aber auch nicht davon abgeraten. Ältere Menschen kann der Piks dagegen vor schweren Grippeverläufen bis hin zu tödlichen Lungenentzündungen schützen. Für das RKI gibt es auch zunehmend Hinweise darauf, dass Grippe ein Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle ist. Als günstigster Termin für die Impfung gilt die Zeitspanne zwischen Oktober und Mitte Dezember, weil sich eine Grippewelle meist Anfang des Jahres aufbaut. Die Stiko empfiehlt sie generell Menschen ab 60 Jahren, seit neuestem mit einem Hochdosis-Impfstoff.

Dazu kommen Empfehlungen für Schwangere und Menschen mit chronischen Krankheiten. Geimpft werden sollte laut Stiko aber auch bei einem erhöhten beruflichen Ansteckungsrisiko, zum Beispiel bei medizinischem Personal und in allen Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr. Darüber hinaus gilt die Impfempfehlung für Menschen, die Risikogruppen anstecken könnten, also zum Beispiel für pflegende Angehörige.

Warum sollten sich Risikogruppen gerade in der Pandemie gegen Grippe impfen lassen?
Die Gruppen, die einen schweren Krankheitsverlauf zu befürchten haben, sind bei Influenza und Covid-19 sehr ähnlich. Es besteht sogar die Möglichkeit, sich mit beidem zu infizieren und dadurch die Krankheitsschwere zu potenzieren. Für Kliniken ist in der Pandemie eine hohe Influenza-Impfquote nützlich, um Engpässe bei Intensivbetten und Beatmungsplätzen zu vermeiden.

Kann man sich gleichzeitig gegen Grippe und Covid-19 impfen lassen?
Stiko-Chef Thomas Mertens sah dabei in einem MDR-Interview jüngst kein Problem. Eine generelle Empfehlung gibt es laut RKI dazu aber noch nicht, eine schriftliche Äußerung der Stiko dazu solle im Laufe des Septembers folgen. Der Hausärzteverband steht einer Doppel-Impfung offen gegenüber. Es sprächen zwei klare Vorteile dafür, sagte der Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt der Deutschen Presse-Agentur. Zum einen bestünde die Gefahr, dass manche Patientinnen und Patienten nur eine der beiden Impfungen wahrnähmen, weil sie nicht zu mehreren Impfterminen hintereinander erscheinen möchten. «Außerdem würde sich gleichzeitig das mögliche Ansteckungsrisiko durch die Vermeidung eines zusätzlichen Impftermins reduzieren», ergänzte er. Einzelne Praxen sehen das aber durchaus anders. Für sie gilt die Regel von einer Impfung pro Tag – und beim Grippe- oder Coronaschutz die nächste erst 14 Tage später.

Wie hoch sind die Grippe-Impfquoten in Deutschland?
In den Risikogruppen sind sie seit Jahren zu niedrig und zeigen ein deutliches Ost-West Gefälle – jedoch ganz anders als bei Corona: In der Saison 2019/20 ließ sich nach RKI-Angaben in westlichen Bundesländern im Schnitt nur ein Drittel der Senioren impfen (34,8 Prozent), in den östlichen Bundesländern war es dagegen mehr als die Hälfte (57,1 Prozent). Bei Ärzten liegt die Impfquote mit 79,3 Prozent am höchsten, in der Pflege waren es 46,7 Prozent. Grippeimpfstoff ist in Deutschland bisher generell noch nicht knapp geworden, lokale Engpässe sind aber mitunter möglich. Zur Verfügung stehen in jeder Saison mehr als 20 Millionen Dosen.

Wie hoch ist die Wirksamkeit von Grippe-Impfstoff?
Das kann unabhängig von der Corona-Pandemie in den einzelnen Saisons sehr unterschiedlich sein. Die Zusammensetzung des Impfstoffes wird zwar jährlich aktualisiert. Es sei trotzdem möglich, dass in der folgenden Saison Influenzaviren nicht so gut mit den im Impfstoff enthaltenden Virusstämmen übereinstimmten, heißt es beim RKI. Grund sei zum Beispiel, dass sich während der Produktionszeit des Vakzins andere Stämme durchgesetzt hätten. Bei einer sehr guten Übereinstimmung der zirkulierenden Influenzaviren mit dem Impfstoff wurde bei jungen Erwachsenen laut RKI eine Schutzwirkung von bis zu 80 Prozent beobachtet. Die Trefferquote kann je nach Saison und Entwicklung aber auch deutlich niedriger liegen. Ältere Menschen haben beim Grippeimpfstoff oft eine reduzierte Immunantwort. Dennoch könne sich auch ihr Risiko, an Influenza zu erkranken, durch die Impfung im Durchschnitt etwa halbieren, heißt es beim RKI. Aufgrund der Häufigkeit von Influenza könnten in Deutschland trotz der bescheidenen Impfquoten bisher pro Jahr rund 400 000 Grippefälle bei Senioren verhindert werden.

Wie viele Todesfälle durch Grippe gibt es jedes Jahr in Deutschland?
Diese Zahl kann nur geschätzt werden. Denn zum einen wird längst nicht bei jeder Atemwegserkrankung auf Influenza getestet. Zum zweiten sterben viele Menschen nach einer Influenza-Infektion an einer Lungenentzündung als Komplikation. Grippeviren sind dann aber oft schon nicht mehr nachweisbar. Deshalb wird die Zahl der Toten als Differenz berechnet. Sie ergibt sich, wenn von der Zahl aller Todesfälle während der Influenzawelle die Todesfallzahl abgezogen wird, die es ohne diese Welle gegeben hätte. Das Schätz-Ergebnis wird als «Übersterblichkeit» bezeichnet. Die Zahl der Toten kann bei Grippewellen in Deutschland stark schwanken, von mehreren Hundert bis über 20 000. Bisher gab es auch drei Grippe-Pandemien. 1918/19 starben dabei nach RKI-Angaben 426 600 Menschen im damaligen Deutschen Reich. 1957/58 gab es geschätzte 29 100 Todesfälle in Deutschland, zwischen 1968 und 1970 waren es geschätzte 46 900 Grippetote. Zum Vergleich: Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sind in absoluten Zahlen bisher rund 92 800 Menschen in Deutschland gestorben.

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Reise

Mit der Postkutsche durch Sachsen

Kutscher Siegfried Händler fährt mit seiner historischen Postkutsche und einem seiner neun Mitreisenden, der auf dem Kutschbock neben ihm Platz genommen hat, auf einer Leipziger Straße Richtung Dresden.  Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Leipzig (dpa) – Mit der Postkutsche von Leipzig nach Dresden fahren? Das ging vor 150 Jahren – und geht auch heute noch. Schneller ist die Kutsche nicht geworden. Aber um Eile geht es den Reisenden auch gar nicht.

Was klingt wie eine Szene aus einem Historienfilm, ist keine. Die gelbe Kutsche kommt an diesem sonnigen Septembermorgen wirklich und die Reisenden werden damit vier Tage nach Dresden unterwegs sein. Es ist ein ausgefallenes Angebot, das ein Kutschunternehmen aus Bad Düben geduldigen Reisenden macht. Die Postkutsche ziehen auf dieser Reise die Kaltblüter Arbeitspferde „Evi“ und „Frau Krause“. Die historisch anmutende Kutsche ist ein Nachbau nach originalen Zeichnungen von 1830. Die Kutsche transportiert insgesamt neun Fahrgäste und ihr Gepäck von Leipzig nach Dresden
http://www.kutsche-kremser-co.de/

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Auf der Suche nach der Klima-Kartoffel

Pater Benedikt Resch steht in der Bibliothek des Klosters Seitenstetten
in Österreich. Foto: Mattias Röder/dpa

Seitenstetten/Wien (dpa) – Es ist ein schlichtes Rezept von historischem Gewicht. «So kannst du Salat aus diesem herstellen: Nimm diese Bacaras oder Papas, sauber und weichgekocht, schneide sie in Scheibchen, füge Öl, Essig, Pfeffer, Salz oder Zucker hinzu und genieße.» Was der Abt Kaspar Plautz aus dem Benediktinerkloster Seitenstetten in Österreich vor 400 Jahren empfahl, gilt als erstes bekanntes Rezept für Kartoffelsalat. Es taucht in einem 104-seitigen Buch über eine fiktive Reise des Abts mit dem Entdecker Christoph Kolumbus auf. «Das Buch dürfte einige Verbreitung erfahren haben», sagt Pater Benedikt Resch. Der ursprünglich aus den Anden stammenden Kartoffel, mit der Entdeckung der Neuen Welt nach Europa gelangt, verhalf es aber nicht zum sofortigen Durchbruch. Das dauerte noch einige Generationen.

Heute ist die Kartoffel neben Weizen, Reis und Mais eine der wichtigsten Nutzpflanzen der Menschheit – doch der Klimawandel beeinflusst auch ihre Erträge. «Die Pflanze hat vor allem Probleme mit den hohen Temperaturen während der Nacht», sagt der Pflanzenbiologe Markus Teige von der Universität Wien. Und auch zu viel Wasser auf dem Acker nach Starkregen lässt das Nachtschattengewächs binnen weniger Tage absterben. Deshalb koordiniert Teige seit einem Jahr ein von der EU mit fünf Millionen Euro gefördertes Projekt, das eine besonders stressresistente Knolle finden soll. Bei der Züchtung von Kartoffelsorten habe in der Vergangenheit eher der Ertrag als die Widerstandskraft gegen Umwelteinflüsse im Mittelpunkt gestanden, sagt Teige.

Der Ansatz der Forscher: Sie wollen im Detail verstehen, warum manche Sorten besser mit Stress umgehen als andere. Gerade bei der genetisch sehr komplexen Kartoffel gleiche das der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. «Und wir kennen noch nicht einmal die Nadel», sagt Teige. Die Wissenschaftler schauen sich im Feldversuch wie im Gewächshaus Sorten wie Désirée, Agata, Hansa, Henrietta, Gloria und Erika ganz genau an. «Henrietta und Erika sind erfahrungsgemäß toleranter bei Umweltstress, aber wir wissen noch nicht, warum», so der Pflanzenbiologe. Dass das Problem drängt, zeige auch eine Umfrage unter Landwirten, von denen eine große Mehrheit über Ernteausfälle wegen Trockenheit klage. «In den letzten Jahren wird es nicht nur in Südeuropa, sondern auch im Norden wie zum Beispiel in Niedersachsen oder Brandenburg ohne Beregnung schon sehr oft kritisch», so der Forscher.

Der Detektivarbeit im Labor, wo nach Gen-Abschnitten gesucht wird, die vorteilhafte Pflanzen-Eigenschaften auslösen, wird die klassische Züchtung folgen. «Wir suchen dann in den vorhandenen Gen-Pools nach gleichen Abschnitten und kreuzen die Sorten», sagt Österreichs einzige hauptberufliche Kartoffelzüchterin, Susanne Kirchmaier von der Niederösterreichischen Saatbaugenossenschaft (NÖS). Wichtig wären Merkmale wie geringe Verdunstung übers Blattwerk oder auch ein größeres Wurzelsystem, das mit langen Dürre-Perioden besser zurechtkäme. Die Auswahl an vorhandenen Sorten ist riesig. Allein in Europa gebe es 1000 davon, von denen es aber nur eine Handvoll auf den Markt geschafft habe, sagt Kirchmaier.

Ohnehin sei die Nachfrage zumindest des Handels immer noch sehr von der Optik geprägt, sagt die Expertin. In Österreich und Bayern müsse die Salatkartoffel schlank, festkochend, mit gelblichem Fleisch sein. In Ungarn und Russland würden rotschalige Kartoffeln bevorzugt.

Der eigentliche Feldversuch mit Probe-Züchtungen sei wohl 2023 zu erwarten, so Kirchmaier. Die Favoritin der Fachfrau ist aktuell die Sorte Valdivia, die sehr gut mit Trockenheit zurechtkomme und unter diesen Bedingungen einen überdurchschnittlichen Ertrag habe. «Sie ist in Österreich zuletzt mehrfach als „Goldener Erdapfel“ ausgezeichnet worden, spielt aber in Europa kaum eine Rolle», sagt Kirchmaier. 

Für den Abt Plautz war der Siegeszug der Kartoffel gerade auch auf deutschen Tellern – jeder Deutsche isst statistisch fast 60 Kilogramm im Jahr – noch schwer vorstellbar. Im 17. Jahrhundert bereicherte die noch exotische Knolle, deren oberirdische Bestandteile so giftig sind, dass sie tödlich wirken können, erst einmal Kloster- und Kräutergärten. Aber das Potenzial wurde schon erkannt. «Erdäpfel-Salat macht unwahrscheinlich satt», sagt Resch, der zusammen mit 25 anderen Mönchen in Seitenstetten lebt. Plautz schrieb 1621: «Oder wenn du magere Menschen oder Tuberkulose-Schwindsüchtige heilen oder fettmachen willst, koche diese Papas, gesäubert, mit dem Fleisch von Kapaunen, Hühnern oder Hammeln. Trank und Brühe daraus liefern ein sehr bekömmliches und heilsames Nahrungsmittel.» 

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Aus Allen Staaten

St. Lorenz’s German Service – Oktober 10th

On Sunday, October 10th, St. Lorenz’s monthly German worship service will be held at 11:00 am in the Church – 1030 W. Tuscola Rd., Frankenmuth. October is the anniversary month of the Reformation and will be our focus. We celebrate God’s gifts “to” and “through” Martin Luther. We seek to recognize and use Luther’s legacy in our faith quest to be those through whom God’s gifts reach others today, tomorrow and beyond. The service features German liturgy and an English sermon by Pastor Bill Hoesman entitled “Rooted in the Reformation” based on Eph. 2:8-10. Jordan Maurer will sing a solo “Vater unser im Himmelreich” (Our Father, Thou in Heaven Above) and the congregation will join in singing favorite hymns: „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“(Come Holy Ghost), “Ein feste Burg is unser Gott” (A Mighty Fortress is Our God) and „ All Ehr und Lob soll Gottes sein“ (All Glory Be to God Alone).

The service will also be broadcast on Charter cable channel 191, on the St. Lorenz app., and livestreamed (and stored) on the St. Lorenz website at http://stlorenz.org/stream. At ‘Traditional Services” (on the left side), select the German service. Broadcast can also be accessed on your Smart TV (Roku, Apple TV, etc.) by typing in “St. Lorenz Church and School” and adding the channel or on Facebook on the Frankenmuth-Gunzenhausen Sister Cities page. Prior German worship services can be viewed at https://vimeo.com/showcase/stlorenz-german. The next German worship service will be November 14th, 2021. Please join us as we praise our Lord and Savior and celebrate the fact “das Reich muß uns doch bleiben” (the Kingdom’s ours forever!).

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WOCHENPOST-Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

Hitzewelle mal sieben – Mehr Extremwetter im Leben junger Generation

Ein Kind, das 2021 geboren wird, wird viel mehr Überschwemmungen, Hitzewellen und Waldbrände erleben als seine Großeltern. Mit einer düsteren Prognose erinnern Wissenschaftler einen Tag nach der Bundestagswahl an Nachholbedarf in der globalen Klimapolitik.

ARCHIV – 02.09.2021, USA, New York: Fußgänger suchen in der Nähe des Columbus Circle Schutz, während der Hurrikan «Ida» weiterhin mit großer Kraft an der Ostküste entlang zieht. Extreme Unwetter nach Hurrikan «Ida» haben in der Millionenmetropole New York nie da gewesene Überschwemmungen ausgelöst und auch anderswo im Nordosten der USA Verwüstungen angerichtet. Ein heute geborenes Kind wird in seinem Leben aufgrund des Klimawandels im Schnitt viel mehr Extremwetter erleben als ein 1960 geborener Erdenbürger durchmachen muss: In seine Lebenszeit werden laut einer Prognose doppelt so viele Waldbrände, drei Mal so viele Überschwemmungen und Ernteausfälle, sieben Mal so viele Hitzewellen fallen. Foto: dpa

Potsdam (dpa) – Ein heute geborenes Kind wird in seinem Leben aufgrund des Klimawandels im Schnitt viel mehr Extremwetter erleben als ein 1960 geborener Erdenbürger durchmachen muss: In seine Lebenszeit werden laut einer Prognose doppelt so viele Waldbrände, drei Mal so viele Überschwemmungen und Ernteausfälle, sieben Mal so viele Hitzewellen fallen – in einem Szenario, in dem die Länder ihre derzeitigen Strategien zur Reduzierung von Treibhausgasen beibehalten.
Das geht aus einer Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams hervor, die am Montag in der Fachzeitschrift «Science» veröffentlicht wurde. Das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen könne einen großen Unterschied machen.

Die Wissenschaftler legten vorhandene Daten zu globalen Temperaturverläufen und Projektionen für Extremwetterereignisse mit Bevölkerungsdaten und Lebenserwartungszahlen übereinander. Dabei betrachteten sie unterschiedliche Szenarien, was die Erhöhung der weltweiten Durchschnittstemperatur angeht.

Ein Beispiel: Eine 1960 geborene Person erlebt der Rechnung zufolge im Schnitt etwa zwei bis sechs Hitzewellen. In die Lebenszeit eines 2020 geborenes Kindes fallen dagegen durchschnittlich 10 bis 26 Hitzewellen, wenn der globale Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt wird. 15 bis 29 Hitzewellen sind es bei einem Anstieg von 2,0 Grad – und 21 bis 39 Hitzewellen, wenn die derzeitigen Klimastrategien der Regierungen beibehalten werden.

Einen Anstieg gibt es demnach auch bei anderen Extremwetterereignissen, zum Beispiel Waldbränden. Menschen, die heute jünger als 40 Jahre sind, würden «ein bisher nie dagewesenes Leben» führen, was Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen und Ernteausfälle angehe, sagte Hauptautor Wim Thiery von der Freien Universität Brüssel. Die Ergebnisse zeigten eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit der jungen Generationen und legten drastische Emissionsreduzierungen nahe.

Besonders stark wird der Anstieg von Extremwetter-Ereignissen demnach für derzeit junge Menschen im Nahen Osten und in Nordafrika. Grundsätzlich werden junge Generationen in Ländern mit geringem Durchschnittseinkommen laut der Prognose stärker betroffen sein als in reicheren Ländern. Zwischen 2016 und 2020 im Afrika südlich der Sahara geborene Kinder werden fünfeinhalb bis sechs Mal mehr Extremwetter erleben. Aber auch Europa wird es demnach treffen: Hier werden für heutige Kleinkinder etwa vier Mal mehr Extremwetter-Ereignisse prognostiziert. Die Zahlen auf Deutschland herunterzubrechen ist laut den Studienautoren schwierig. Belastbar seien die Durchschnittswerte, wenn man sie auf kontinentaler Ebene oder für sehr große Länder betrachte.

«Die gute Nachricht ist: Wir können tatsächlich einen Großteil der Klimabelastung von den Schultern unserer Kinder nehmen, wenn wir die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen, indem wir aus der Nutzung fossiler Brennstoffe aussteigen», sagte Mitautorin Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Global könne das für die junge Generation 24 Prozent weniger Extremwetterereignisse bedeuten als wenn die Staaten bei ihren derzeitigen Zusagen zur Emissionsreduzierung bleiben. Für Europa wäre es ein Minus von 28 Prozent.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Hitzewelle – heat wave
Überschwemmungen – flooding
düsteren – gloomy
n.b. Bundestag – house of parliament directly elected by German citizens
Bundestagswahl – parliamentary election
Nachholbedarf – backlog
Erdenbürger – citizen of the world
durchmachen – get through
Ernteausfälle – harvest failures
Treibhausgasen – greenhouse gases
beibehalten – retain
geht aus hervor – follows from
Fachzeitschrift – academic journal
vorhandene – available
ereignisse – events
Bevölkerungsdaten – population statistics
Lebeserwartungszahlen – life expectancy figures
übereinander – on top of one another
betrachteten – look at
erlebt – experience
Rechnung – calculation
zufolge – according to
auf begrenzt – limited to
Anstieg – increase
bisher – until now
nie dagewesenes – haven’t yet existed
Dürren – droughts
ernsthafte – serious
geringem – low
herunterzubrechen – break down
belastbar – resistant to strain
Nutzung – use
Brennstoffe – fuel
aussteigen – pull away from
Zusagen – agreement

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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