10. Oktober 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

2020 versus 1990: Deutschlands starker Wandel seit der Einheit

Alltag, Freizeit, Lebensstil und Verhalten der Deutschen haben sich in den drei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung stark verändert – ein Vergleich und Überblick zum 30. Jahrestag der Einheit.

ARCHIV – 31.08.1990, —: Rechtzeitig zum 3. Oktober 1990 haben eine Privatbrauerei aus Nagold und ein Hamburger Getränkehersteller ein Bier zum Tag der Deutschen Einheit auf den Markt gebracht. Alltag, Freizeit, Lebensstil und Verhalten der Deutschen haben sich in den drei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung stark verändert. Foto: dpa

Von Gregor Tholl
Berlin (dpa) – Drei Dekaden sind eine Ewigkeit, meinen die Jungen, drei Jahrzehnte vergehen wie im Flug, denken dagegen viele Ältere. Seit der Deutschen Einheit vom 3. Oktober 1990 hat sich vieles im Alltag verändert. Eine Übersicht in Sachen deutscher Lifestyle:

LEBENSERWARTUNG: Die aktuelle Lebenserwartung für Mädchen liegt laut Statistischem Bundesamt heute bei mehr als 83 Jahren und für Jungen bei fast 79 Jahren. 1990 betrug die Lebenserwartung eines in der Bundesrepublik geborenen Mädchens 79 Jahre, die eines Jungen etwa 73 Jahre. Für die neuen Länder und Ost-Berlin lagen die Vergleichszahlen von 1989 für Mädchen bei etwa 76 und für Jungen bei 70 Jahren.

BIER: Aktuell liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier laut Deutschem Brauerbund bei etwa 100 Litern. Vor 30 Jahren soll demnach jeder in Deutschland noch rund 143 Liter getrunken haben. Rekordjahr soll in Westdeutschland 1976 gewesen sein – mit gut 151 Litern.

FUSSBALL: 2020 fiel die Fußball-EM wegen Corona aus, 1990 war ein WM-Jahr und Deutschland wurde zum dritten Mal Weltmeister – in Rom und mit Franz Beckenbauer als Bundestrainer. Deutscher Meister wurde damals ebenso wie dieses Jahr der FC Bayern München. Damals war es der elfte, in diesem Jahr schon der 29. Titel. Die letzte DDR-Fußball-Oberliga, beendet im Mai 1991, gewann Hansa Rostock.

GLAUBE: Zurzeit sind Kirchenangaben zufolge gut 50 Prozent der deutschen Bevölkerung evangelisch oder römisch-katholisch. Vor 30 Jahren waren es noch 72 Prozent. In der DDR waren allerdings 1990 rund 70 Prozent ohne konfessionelle Bindung. Der Anteil der Muslime stieg zwischen 1990 und 2020 von geschätzt 3,7 auf gut 5 Prozent. Die Anzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland lag vergangenes Jahr bei etwa 95 000, vor 30 Jahren bei nicht mal 30 000.

RAUCHEN: Nach neuesten verfügbaren Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums unter Berufung auf den Mikrozensus sind heute 22 Prozent der Menschen über 15 Jahren in Deutschland Raucher – vor 30 Jahren waren es fast 30 Prozent. Der Raucheranteil bei Männern sank von 37 auf 26 Prozent, bei Frauen von 22 auf 18 Prozent.

FLEISCH: In Deutschland ernähren sich heute rund 8 Millionen Menschen vegetarisch und 1,3 Millionen vegan, heißt es vom Interessenverband ProVeg. Vor 30 Jahren war Schätzungen zufolge erst etwa ein Prozent der damaligen Bevölkerung Vegetarier, also etwa 800 000.

SONNTAG: Etwa 4 Millionen Fernsehzuschauer – und damit mehr als die durchschnittlichen 2 Millionen zuletzt – hatte im März 2020 die letzte Folge der «Lindenstraße»; vor 30 Jahren war die Sonntagsserie noch ein Straßenfeger mit um die 9 Millionen Zuschauern, nachdem es in den Anfangsjahren 1985 bis ‘88 sogar über zehn Millionen waren.

FERNSEHEN: 211 Minuten (also 3 Stunden und 30 Minuten) betrug die tägliche Sehdauer vor dem Fernseher in Deutschland vergangenes Jahr. 1990 waren es im Schnitt 147 Minuten (etwa zweieinhalb Stunden), wobei sich das nur auf Westdeutsche bezieht. Gesamtdeutsche Zahlen gibt es laut AGF Videoforschung erst ab 1992 (158 Minuten).

URLAUB: Bevor Corona-Reisewarnungen die Tourismuswirtschaft durcheinanderwirbelten, waren die Deutschen letztes Jahr sehr reisefreudig. 2019 führten 74 Prozent aller Urlaubsreisen ins Ausland – laut Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) so viele wie noch nie. Der Anteil der Fernreisen lag bei 8,4 Prozent. Klarer Spitzenreiter war Spanien mit 12,7 Prozent Marktanteil, gefolgt von Italien, der Türkei, Österreich und Griechenland. Auch 1990 war schon Spanien vor Italien das populärste Ausland.

INLANDSURLAUB: Laut FUR-Studie ist innerhalb Deutschlands das Ostsee-Bundesland Mecklenburg-Vorpommern das beliebteste Reiseland – vor Bayern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Baden-Württemberg. 1990 verzeichneten Statistiker nach dem Mauerfall eine enorme Reisefreudigkeit der Ostdeutschen. Die Zahl der Wessi-Reisen in die neuen Bundesländer blieb damals dagegen unter den Erwartungen.

BERLIN: Deutschlands Hauptstadt ist neben London und Paris zu einem der Top-3-Reiseziele in Europa geworden. Vor dem Corona-Einbruch wurden letztes Jahr fast 14 Millionen Gäste registriert mit gut 34 Millionen Übernachtungen. Anfang der 90er waren es laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg lediglich 3 Millionen Gäste pro Jahr.

TOURISMUS: Laut Deutscher Zentrale für Tourismus gab es 2019 etwa 90 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste in Deutschland. Das waren etwa dreimal so viele wie 30 Jahre vorher.

FRAUEN: Seit 15 Jahren steht eine Frau an der Spitze der Bundesregierung. 1990 schien das weit weg, es gab sowohl in der BRD als auch in der DDR nur Männer an der Staatsspitze. Der Frauenanteil im aktuellen Bundestag liegt bei gut 30 Prozent, nachdem er in der vorherigen Wahlperiode schon bei fast 40 Prozent lag. Im ersten gesamtdeutschen Bundestag Ende 1990 saßen 20 Prozent Frauen.

LESBEN UND SCHWULE: Heute dürfen in Deutschland auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Vor 30 Jahren war es noch recht homophob im Land, die Berichterstattung über den im Sommer 1990 getöteten schwulen Schauspieler Walter Sedlmayr war reißerisch und der Fernsehkuss zweier Männer in der «Lindenstraße» erregte viel Aufsehen. Bis 1994 gab es im Westen ein höheres Schutzalter für Schwule als im Osten, weil die konservative BRD noch jahrelang am diskriminierenden Paragrafen 175 festhielt.

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Sport

«Verkalkuliert»: Vereinigung mit Sport – «Wunderland DDR» vor 30 Jahren

Die Vereinigung des Sports vor 30 Jahren weckte hohe Erwartungen. Doch dass aus einer erfolgreichen und einer sehr erfolgreichen Nation die Nummer eins in der Sport-Welt werden würde, erfüllte sich nicht.

ARCHIV – 01.09.1990, Kroatien, Split: Arm in Arm ziehen die Fahnenträger Gabriele Lippe aus der Bundesrepublik und Ulf Timmermann aus der DDR am 01.09.1990 während der Schlußfeier der Leichtathletik-Europameisterschaft im jugoslawischen Split in das Stadion ein.

Von Andreas Schirmer
Frankfurt/Main (dpa) – Es war eine Szene für die Geschichtsbücher. Arm in Arm marschierten der Kugelstoßer Ulf Timmermann und Hürdenläuferin Gabriele Lippe mit ihren Landesfahnen bei der Schlussfeier der Leichtathletik-EM 1990 in Split in das Stadion. Die Geste des DDR-Athleten und der Sportlerin aus der Bundesrepublik nur Wochen nach dem Fall der Mauer hatte Symbolkraft, die nicht nur die damals auf der Tribüne sitzende Heide Rosendahl-Ecker rührte. «Da hatte ich Tränen in den Augen», sagt die Doppel-Olympiasiegerin im Weitsprung und mit der Sprint-Staffel von 1972 in München.

Für Alfons Hörmann nahmen die Leichtathleten aus Ost und West vorweg, was offiziell folgte. «Die Botschaft der Sportler war klar: Wir sind ein Land und wir sind ein Team», erklärt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ganz so einfach war die vor 30 Jahren mit großen Erwartungen verknüpfte Vereinigung der unterschiedlichen Sportsysteme der DDR und der Bundesrepublik nicht.

Die kühne Prognose von Franz Beckenbauer nach dem WM-Triumph 1990 in Rom, dass Deutschland mit Fußball-Größen der DDR wie Matthias Sammer oder Ulf Kirsten «unschlagbar» werde, bewahrheitete sich ebenso wenig wie die Formel: Aus zwei erfolgreichen Sportnationen entsteht die erfolgreichste der Welt. Das sei «von Anfang an eine Milchmädchenrechnung» gewesen, sagt Hörmann. Auch für Walther Tröger war es eine Gleichung, die nicht aufgehen konnte. «Man konnte nicht einfach alles zusammenwürfeln. Die Sportler im Osten hatten ein funktionierendes System verloren», erklärt der 91-Jährige, der von 1992 bis 2002 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees war.

«Der Spitzensport war ein regelrechter Sonderfall der deutschen Einheit», meint die Historikerin Jutta Braun. Bundesdeutsche Sportpolitiker und Verbände hätten anfangs zu erkunden gehofft, «was denn die Geheimnisse hinter dem Sport im Wunderland DDR waren und welche Bausteine man imitieren oder übernehmen» könne. Denn die DDR war bei den olympischen Kräftemessen seit Mexiko 1968 besser gewesen als die Bundesrepublik – «und das hatte sich dauerhaft festgesetzt», so Braun. Zumal die DDR zwischen 1968 und 1988 über 500 Olympia-Medaillen gewann, die Bundesrepublik nicht mal die Hälfte.

Zunächst schien die Rechnung aufzugehen: Bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville eroberte das vereinte Deutschland Platz eins im Medaillenspiegel und bei den Sommerspielen in Barcelona lief es Monate später mit vereinten Kräften auch noch verheißungsvoll. «Der Spitzensport schien ein “Vereinigungsgewinn”. Da hatte man sich aber verkalkuliert», betont Braun, die im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig ist.

Denn die Strukturen und Entscheidungen im DDR-Sport seien in einer Demokratie nicht möglich gewesen: «Das fängt beim staatlichen Dopingsystem an.» Dazu gehörte aber auch die Stasi-Überwachung von Athleten und Trainern oder eine zwangsweise Talentauslese an Schulen sowie eine Heerschar von rund 10 000 hauptamtlichen Trainern und Mitarbeitern für die «Diplomaten im Trainingsanzug» der DDR in Zeiten des Kalten Krieges. «Alles wurde dem Ziel, den sportlichen Triumph über den Klassenfeind feiern zu können, untergeordnet», sagt Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag.

Mit der Einheit seien auch die Machenschaften verantwortungsloser Ärzte und Trainer im Westen ans Licht gekommen. «Werte des Sports wurden ebenso mit Füßen getreten, schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen billigend in Kauf genommen – hüben wie drüben», urteilt sie. «Die viel beschworenen Selbstreinigungskräfte des Sports standen nach meiner Wahrnehmung zu keinem Zeitpunkt an der Spitze der Bewegung.» Zu groß sei die Euphorie im wiedervereinigten Sport gewesen, «mit einem Schlag in der ersten Reihe der Medaillensammler stehen zu können», was sich «schnell als Irrglaube» erwiesen habe.

«Von einer bloßen Addition im Medaillenspiegel auszugehen, wäre doch sehr naiv gewesen», meint Jürgen Kessing, Präsident der deutschen Leichtathleten. «Wo vorher je 2×3-Startberechtigungen vorlagen, gab es plötzlich nur noch 1×3-Startplätze je Disziplin, was zu einer Reduzierung der Medaillenchancen führte.» In Sachen deutsche Einheit hält er die Integration in seiner Sportart für gelungen, wenn auch nicht alles richtig gemacht worden sei. «So ist es bis heute nicht gelungen in der Rekorddiskussion neue Wege zu gehen», sagt er mit Blick auf die irrwitzigen Bestmarken aus Hochzeiten des Dopings.

Die Aufarbeitung der Doping-Vergehen in den vom Molekularbiologen Werner Franke initiierten Prozessen in den 1990er Jahren ist laut Jutta Braun einzigartig gewesen: «Es ist eine enorme Leistung, nicht nur auf die Mauerschützen an der Grenze geblickt zu haben, sondern dass auch Vergehen im Sport juristisch hinterfragt wurden.»

Außerdem hält die Historikerin in der Bilanz der Sport-Einheit nicht den Spitzen- sondern den Breitensport für «das Allerwichtigste». Aktuell sind rund 27 Millionen Mitglieder in etwa 90 000 Vereinen organisiert. In der DDR gab es kein freies Vereinswesen, sondern einen staatlich gelenkten Betriebssport. Das musste neu geschaffen werden.

«Insofern kann man für den Breitensport sagen: Es ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Es war die Rückkehr der Zivilgesellschaft in den Sportalltag», urteilt Braun. Für sie lässt sich daraus eine generelle Lehre aus dem DDR-Sport ziehen: «Die Anzahl an Medaillen, die ein Staat erbringt, ist kein zuverlässiger Indikator für das Ausmaß an Freiheit, Gerechtigkeit, Zufriedenheit und Wohlstand in einer Gesellschaft.»

Der vielfältige Breitensport hat für Hörmann «genauso viel Strahlkraft wie die andere Seite der Medaille, die großen Vorbilder an der Spitze». Das deutsche Team kämpfe weiter um Medaillen, aber im Mittelpunkt stehe das Wie: «Ist der Erfolg sauber und fair errungen», betont der DOSB-Chef.

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Feuilleton

«Walküre» in Berlin – Sänger und Orchester ohne Einschränkungen

Nina Stemme (als Brünnhilde) steht bei der Fotoprobe zu der Oper „Die Walküre“ von Richard Wagner in der Deutschen Oper in Berlin auf der Bühne.
Foto: Britta Pedersen/dpa

Berlin (dpa) – Mit Richard Wagners «Die Walküre» hat die Deutsche Oper Berlin am Sonntag ihre erste große Premiere in Corona-Zeiten gefeiert. In dem angesichts der Abstandsregeln nur zum Teil besetzen Haus startete damit an der Deutschen Oper «Der Ring des Nibelungen» in der Regie des Norwegers Stefan Herheim. Den eigentlichen Auftakt zum Zyklus der vier Opern, «Das Rheingold», hat das Opernhaus auf Juni 2021 verschoben.

Herheim lässt den Kampf der Nibelungen vor einer Landschaft hunderter Koffer spielen, die die Bühnenbildnerin Uta Heiseke immer wieder zu neuen Formen verändern lässt. Zentrales Motiv der Inszenierung sei die Flucht, auch als Anspielung auf Richard Wagners Flucht aus Dresden bei der Revolution von 1848, hatte Herheim gesagt. «Die Walküre» sei auch eine Erzählung über eine Flucht von Menschen, die ihre metaphysische Heimat verloren hätten.

Für die Neuproduktion unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles standen bekannte Wagner-Interpreten auf der Bühne, allen voran die Schwedin Nina Stemme als Brünnhilde und die Norwegerin Lise Davidsen als Sieglinde. Wie die beiden Frauen bekamen auch John Lundgren als Wotan und Brandon Jovanovich als Siegmund großen Beifall.

Die Deutsche Oper hatte rund 770 der 1860 Plätze im Saal besetzt.

Dank täglicher Corona-Tests während der Probenphase und auch vor den Aufführungen konnten Orchester und Sängerensemble ohne Einschränkungen spielen.

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Umwelt

Vom Lernen zur Wartung:

Meereis der Arktis auf zweitkleinste Fläche geschrumpft

Ein Eisbär steht im Nordpolarmeer auf eine Eisscholle. Das Meereis in der Arktis ist 
auf die zweitniedrigste Ausdehnung seit Beginn der Messungen vor rund 40 Jahren geschrumpft.                                                 Foto: Ulf Mauder/dpa 

Von Christina Horsten
Boulder (dpa) – Das Meereis in der Arktis ist auf die zweitniedrigste Ausdehnung seit Beginn der Messungen vor rund 40 Jahren geschrumpft. Mit 3,74 Millionen Quadratkilometern sei in der vergangenen Woche wahrscheinlich das Minimum für dieses Jahr erreicht worden, teilte das Nationale Schnee- und Eisdatenzentrum (NSIDC) der USA in Boulder im Bundesstaat Colorado am Montag (Ortszeit) mit.

«Es war ein verrücktes Jahr im Norden, mit Meereis in der Nähe eines Rekordtiefs, Hitzewellen mit knapp 40 Grad in Sibirien und massiven Waldbrände», sagte NSIDC-Chef Mark Serreze. «Das Jahr 2020 wird als Ausrufungszeichen in einem Abwärtstrend bei der Ausbreitung des arktischen Meereises stehen. Wir steuern auf einen saisonal eisfreien Arktischen Ozean zu, und dieses Jahr ist ein weiterer Nagel im Sarg.»

Der Negativrekord hatte im Jahr 2012 gelegen. Damals sei die Eisdecke nach Daten der Universität Bremen auf 3,27 Millionen Quadratkilometer geschrumpft, hieß es vom Alfred-Wegener-Institut (AWI). Zu den Ursachen für den starken Eisverlust in diesem Sommer zählt demnach, dass im zurückliegenden Winter in den russischen Randmeeren überwiegend dünnes Meereis gebildet wurde, welches im Frühling rasch schmolz. Zudem habe die Arktis besonders hohe Luft- und Wassertemperaturen verzeichnet, Wärmewellen hätten dem Eis sowohl von oben als auch von unten zugesetzt.

Die Wissenschaftler an Bord des deutschen Forschungseisbrechers «Polarstern» hätten die rapide Eisschmelze in diesem Sommer live miterlebt, hieß es vom AWI auch. «Das Meereis der Arktis hat sich in diesem Jahr atemberaubend weit zurückgezogen», erklärte «Mosaic»-Expeditionsleiter Markus Rex. Beim Erreichen des Nordpols seien weite Bereiche offenen Wassers fast bis zum Pol zu sehen gewesen, umgeben von völlig durchlöchertem Eis. «Das Eis der Arktis schwindet in dramatischer Geschwindigkeit.»

Das Eis schmelze so schnell, dass die Arktis voraussichtlich nicht 2050, sondern schon ab 2035 im Sommer komplett eisfrei sein werde, warnte Sybille Klenzendorf, Arktis-Expertin beim WWF Deutschland.
Folgen dieser «katastrophalen Entwicklung» bekämen auch die Menschen in Deutschland zu spüren. Extremwettereignisse wie Sturmfluten und Trockenperioden würden dadurch in Mitteleuropa begünstigt. Zudem veränderten Fische aufgrund veränderter Meerestemperaturen und Strömungen ihr Wanderverhalten.

Das Schrumpfen des Meereises zeige, «wie massiv die Zerstörung unseres Planeten durch die Klimaerhitzung voranschreitet», kommentierte der Meeresbiologe Christian Bussau von der Naturschutzorganisation Greenpeace. «Wenn die Arktis schmilzt, werden sich die Meere noch stärker erhitzen, das Artensterben wird rasanter zunehmen. Die verheerenden Auswirkungen der Klimakrise können bald nicht mehr aufgehalten werden.» Greenpeace fordert, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meere zu Schutzgebieten erklärt werden.

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Reise

Von der Kutsche zur Concorde:

Wie das Reisen immer schneller wurde

Als Johann Wolfgang Goethe per Kutsche nach Italien reiste, brauchte er vor allem eines: viel Zeit. 234 Jahre später hat sich das dramatisch geändert.

Eine Concorde landet zum letzten Mal in Deutschland auf dem Flughafen Karlsruhe-Baden-Baden.  Foto: Uli Deck/dpa
                

Von Marc Fleischmann
Berlin (dpa) – 1786 brach Johann Wolfgang Goethe nach Italien auf und verfasste Jahre später eine der berühmtesten Reisebeschreibungen der Literaturgeschichte. Was zu Goethes Zeiten nur wenigen vorbehalten war – eine Reise ins Ausland -, ist längst zum Massenphänomen geworden: «75 Prozent der Deutschen über 14 Jahre machen mindestens eine richtige Reise pro Jahr», sagt Hasso Spode, Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus der Technischen Universität Berlin. Zudem hat der technische Fortschritt das Reisetempo dramatisch verändert. Wie reisen die Deutschen heute – und wie schneiden verschiedene moderne Verkehrsmittel auf der Goethe-Strecke ab? Ein Vergleich zum Welttourismustag am 27. September.

KUTSCHE: Goethe ließ es bei seiner Italien-Reise gemütlich angehen. Von Karlsbad bis nach Rom war der deutsche Dichter fast zwei Monate unterwegs. Selbst ohne Unterbrechung hätte er für die gut 1200 Kilometer lange Strecke immer noch rund zwei Wochen gebraucht. Denn laut Deutschem Museum brachten es Kutschen zur damaligen Zeit auf eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von gerade einmal 3,4 Kilometern pro Stunde. «Goethe war der erste große Italien-Reisende», sagt Jochen Golz, Vizepräsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar.

ZU FUSS: Wer die Strecke von Karlsbad nach Rom per pedes zurücklegt, käme gar schneller ans Ziel als Goethe mit der Kutsche – zumindest theoretisch. Denn zwischen 3,6 und 4,3 Stundenkilometer beträgt die Schrittgeschwindigkeit eines Erwachsenen im Durchschnitt. Die Italienerin Vienna Cammarota nahm die Herausforderung im August 2017 tatsächlich an. Ziel der damals 68-Jährigen: Auf Goethes Spuren von Karlsbad bis nach Rom zu wandern, das der Dichter Ende Oktober 1786 erreicht hatte. Zu Fuß war Cammarota nur wenige Tage länger unterwegs.

FAHRRAD: Auch ambitionierte Radler sind solche Strecken gewöhnt – erst recht die Profis. Bei der Tour de France zum Beispiel hat das Gesamtfeld in diesem Jahr eine Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 40 km/h erreicht. Hobbyradler sind davon natürlich weit entfernt: Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club legt ein Durchschnittstempo von 15 bis 17 km/h zugrunde. Auch wenn die «Tour de Goethe» von Karlsbad in die Ewige Stadt kaum jemand am Stück zurücklegen dürfte: Bei einem Schnitt von 15 km/h wäre die Strecke selbst für Amateure in immerhin 80 Stunden zu schaffen.

AUTO: Geht es in den Auslandsurlaub, so ist das Auto hierzulande nach wie vor die Nummer eins. Schon 1988 nutzten es die Deutschen für zwei Drittel ihrer Urlaubsreisen, wie der Deutsche Reisemonitor verrät. Auch drei Jahrzehnte später lag das Auto laut Statistischem Bundesamt 2019 mit 42 Prozent Nutzung weiter vorn, Flugreisen mit 41 Prozent knapp dahinter. 1200 Kilometer mit dem Auto? Laut Routenplaner wäre das in gut 12 Stunden machbar. So manch einer würde da wohl glatt durchfahren.

BAHN: Viele halten sie für das umweltfreundlichste motorisierte Verkehrsmittel. Dennoch verreisten 2019 nur vier Prozent der Deutschen mit der Bahn, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Wer die Goethe-Strecke auf Schienen zurücklegen wollte, wäre nach Angaben der Deutschen Bahn gut 18 Stunden unterwegs – vier Mal Umsteigen inklusive. Dass es aber auch schneller gehen kann, beweist zum Beispiel die Verbindung München-Berlin. Die rund 600 Kilometer schafft der ICE Sprinter mittlerweile in knapp vier Stunden.

FLUGZEUG: Reisegeschwindigkeiten von 800 bis 900 Kilometern pro Stunde. Wer hätte das im 18. Jahrhundert für möglich gehalten? Weniger als zwei Stunden ist unterwegs, wer sich in Prag – knapp 130 Kilometer östlich von Karlsbad – per Düsenjet auf den Weg nach Rom macht. Sogar mit Überschallgeschwindigkeit raste 27 Jahre lang die Concorde um die Welt: Paris-New York in dreieinhalb Stunden. Und Karlsbad-Rom? Bei einem Reisetempo von rund 2180 km/h hätten die Concorde-Passagiere nur eine gute halbe Stunde benötigt. Auch das natürlich graue Theorie. Denn seit 2003 ist die Legende nur noch im Museum zu bewundern.

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Nischen-Job Pfarrhausfrau: Putzfrau und Seelsorgerin

Rita Köppl, Haushälterin, arbeitet in der Pfarrkirche St. Lambert in Teuz, Bayern, an der Tischdecke am Altar. Die Zahl der Pfarrhausfrauen in Deutschland sinkt rapide. Foto: Armin Weigel/dpa

Von Elke Richter
Teunz (dpa) – Es gibt Jobs, die die Neugierde wecken. Jobs, die mit Vorurteilen belegt sind. Und Jobs, die am Aussterben sind. Der Beruf der Pfarrhaushälterin gehört zu allen drei Kategorien. Es ist ein Arbeitsmarkt in der Nische, leben in ganz Deutschland nach aktuellen Schätzungen doch nicht einmal mehr 800 Vollzeit-Pfarrhaushälterinnen mit einem Pfarrer unter einem Dach. In den 1970er Jahren waren es noch rund 8000, wie Petra Leigers vom Bundesverband der Pfarrhaushälterinnen Deutschland berichtet. Und die Tendenz zeigt weiter steil nach unten.

Inzwischen gibt es deutlich häufiger das Modell, dass – zumeist mit ihren Familien zusammenlebende – Frauen in Teilzeit oder im Rahmen eines 450-Euro-Jobs das Regiment im Pfarrhaus übernehmen. Zudem hat ein immer größer werdender Anteil von Pfarrern überhaupt keine Haushälterin im klassischen Sinn mehr – mancher aus Überzeugung, mancher, weil sich keine Kandidatin findet.

«Es ist ein unattraktiver Beruf», findet Mary Anne Eder, Vize-Vorsitzende des Bundesverbands aus Regensburg. «Der Priesterberuf als solches ist ja schon unattraktiv, und wenn sich eine Frau findet, die sich bereit erklärt, einen Priesterhaushalt zu führen, gerät sie grundsätzlich in den Generalverdacht, das Flitscherl vom Pfarrer zu sein.»

Neben diesem nicht auszurottenden Vorurteil stehen die Angestellten gerade auf dem Land unter besonderer Beobachtung. «Wo war sie einkaufen, wie schaut der Garten aus, ist das Auto dreckig, was hat sie für Wäsche gewaschen – das interessiert alles», schildert Eder ihre Erfahrungen. Und auch die Arbeitszeiten seien nicht jederfraus Ding: «Wir wohnen am Arbeitsplatz, das heißt, wir sind rund um die Uhr verfügbar» – und zwar für Pfarrer wie Gemeinde gleichermaßen.

Zugleich unterstreichen viele Pfarrhaushälterinnen die schönen Seiten ihres Jobs: «Man ist sein eigener Herr, ist sehr flexibel, kann seine Talente einbringen und den Glauben ausleben», betont etwa Rita Köppl, Pfarrhausfrau im oberpfälzischen Teunz. «Man ist für‘s Pfarrhaus zuständig, und in der Regel für den Garten, und wenn niemand da ist für‘s Telefon und die Haustüre, und oft kommt einfach irgendjemand, der ein Bedürfnis oder eine Sorge hat und darüber reden möchte.» Familienstreitigkeiten, Depressionen oder Alkoholmissbrauch seien häufige Themen.

Viele Pfarrhaushälterinnen übernehmen darüber hinaus Aufgaben in der Gemeinde, etwa im Senioren- oder Gemeinderat oder bei der Ministrantenausbildung. Sie machen Mesnerdienste, kümmern sich um Blumenschmuck und die Kirchenwäsche, spielen Orgel, leiten den Kirchenchor oder Wortgottesdienste. Oder sie pflegen die Angehörigen des Pfarrers, die mit im Pfarrhaus wohnen. Viele versorgen darüber hinaus auch noch einen Kaplan, Diakon oder Alt-Pfarrer mit.

Es gibt Pfarrhaushälterinnen, die verbringen Jahrzehnte mit «ihrem» Pfarrer, fahren gemeinsam mit ihm in den Urlaub und pflegen ihn im Ruhestand – selbst wenn sie selbst schon im Rentenalter sind. «Umgekehrt kenne ich tatsächlich nur einen Fall», schildert Eder.
Generell ist die Absicherung der Pfarrhaushälterinnen dürftig: Stirbt der Pfarrer, bekommen sie maximal ein Übergangsgeld von drei Monatsgehältern. Außerdem müssen sie aus dem Pfarrhaus ausziehen, wo ihnen im Idealfall ein Wohnschlafzimmer und ein eigenes Bad zur Verfügung stehen.

Rücklagen haben die meisten dabei kaum, denn ein Gutteil der Arbeit findet gegen Gottes Lohn statt, wie Betroffene offen berichten. Auch Leigers, die im baden-württembergischen Westerheim wohnt, bestätigt: «Alles, was über einen gewissen Stundensatz hinausgeht, ist Ehrenamt, und das wird natürlich erwartet.» Die bezahlte Arbeit ermöglicht ebenfalls keine großen Sprünge, zumal noch zwischen 450 und 500 Euro für Kost und Logis abgehen. Sie ist deutschlandweit nicht einheitlich geregelt, Untergrenze ist lediglich der Mindestlohn.

In Bayern sei die Situation vergleichsweise komfortabel, berichtet die Vorsitzende der Pfarrhausfrauen in Bayern, Luise Mai. «Wir haben als einzige vom Landesverband für alle Diözesen einen Tarifvertrag mit dem Klerusverband, der wurde 1972 hart erkämpft.» Mantel- und Entgelttarifvertrag liegen dem jeweils privat mit dem Pfarrer als Auftraggeber abgeschlossenen Arbeitsvertrag zugrunde. Und nach diesem verdient eine Pfarrhaushälterin ohne hauswirtschaftliche Erfahrung im ersten Jahr derzeit 2007 Euro brutto, nach 15 Jahren sind es dann 2511 Euro. Ansonsten gibt es nur noch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart einheitliche Regelungen; dort sind die Damen zur Hälfte beim Pfarrer und zur Hälfte bei der Diözese angestellt.

Mit dem weit verbreiteten Vorurteil, dass das Angestelltenverhältnis nur der Deckmantel über einer Liebschaft ist, möchten die Pfarrhaushälterinnen übrigens gerne aufräumen.

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Aus Allen Staaten

German Worship at St. Lorenz Church
Service – Oct. 11th
‘A Forever Fortress’

On Sunday, October 11th, St. Lorenz’s monthly German worship service will be held at 11:00 am in the Church – 1030 W. Tuscola Rd., Frankenmuth. The service focus is on the Festival of the Reformation. Five hundred and three years ago, Martin Luther’s powerful Scripture based witness made a blessed Law/Gospel impact on the society of his time. Today, we face societal change, challenge AND opportunity with the same foundation and power of God’s Word. Praying our individual and collective witness make a blessed impact in our time. The communion service will use our traditional German Service liturgy and Pastor Bill Hoesman will preach the sermon “A Forever Fortress” based on Ps.46:7. Emily Haubenstricker will sing a solo „ Alles ist an Gottes Segen“ (All Depends On Our Possessing) and the congregation will join in singing favorite hymns including; „Ein feste burg ist unser Gott” (A Mighty Fortress is Our God), and „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ (Lord, Keep Us Steadfast in Thy Word).

The service will also be available on Charter cable channel 191, on the St. Lorenz app., and livestreamed on the St. Lorenz website at: http://stlorenz.org where you click on the ‘Media’ tab on the top of the home page and then click on the ‘Traditional Services’ box on the left. Prior German worship services can be viewed on the St. Lorenz website under the ‘Media’ tab either under the ‘Traditional Services’ box or for older services in the file labeled ‘Archive: German Services’ found further down the page on the right. The next German worship service will be November 8th, 2020. We look forward to you joining us for worship. Gottes Segen!

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WOCHENPOST – Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

Verständlich und persönlich: Lokführer-Azubis trainieren Durchsagen

Die Lautstärke muss passen, die Wortwahl angemessen sein und dann natürlich noch der Inhalt stimmen. Gute Durchsagen im Zug zu machen, will gelernt sein. Wie sagt man es dem Fahrgast, wenn sich eine Weiche oder ein Signal nicht stellen lassen?

Björn Hallmann (l), angehender Lokführer, nimmt in einem Zug in der S-Bahn-Werkstatt am Frankfurter Hauptbahnhof an einem Durchsage-Workshop unter Anleitung von Trainer Steffen Popp teil. Um ihre Fahrgäste besser zu informieren, setzt die S-Bahn Rhein-Main seit einigen Monaten auf ein spezielles Training ihrer angehenden Lokführer. Die Auszubildenden und Quereinsteiger sollen lernen, sich nicht hinter Floskeln zu verstecken, sondern präzise Angaben zu machen – und diese möglichst mit einer persönlichen Note zu versehen. Foto: dpa

Von Isabell Scheuplein
Frankfurt/Main (dpa) – «Verzögerungen im Betriebsablauf» – wohl kaum ein Bahnkunde, der auf eine Durchsage mit diesem Inhalt hin nicht resigniert die Schultern hängen lässt. Um ihre Fahrgäste besser zu informieren, setzt die S-Bahn Rhein-Main seit einigen Monaten auf ein spezielles Training ihrer angehenden Lokführer. Die Auszubildenden und Quereinsteiger sollen lernen, sich nicht hinter Floskeln zu verstecken, sondern präzise Angaben zu machen – und diese möglichst mit einer persönlichen Note zu versehen, wie Trainer Steffen Popp erläutert.

Beim Ortstermin wird schnell klar, dass diese Aufgabe alles andere als einfach ist. Acht angehende Lokführer, allesamt Männer und Quereinsteiger, üben in einem geparkten Zug in der S-Bahn-Werkstatt neben dem Frankfurter Hauptbahnhof, was Popp ihnen zuvor theoretisch erläutert hat. Dazu gehören auch ein paar Regeln: Das Mikrofon wird nur bei einem stehenden Zug benutzt. Erlaubt ist sonst alles, was nicht beleidigt und einen Bahn-Inhalt hat. Versprecher sind kein Problem. Auch Humor könne angebracht sein, doch brauche es hier Fingerspitzengefühl, sagt Popp.

«Stellt Euch vor, wie es hier ist, Babys schreien, Leute telefonieren, der Zug rattert, und dann kommt Ihr mit Eurer Durchsage», stimmt er seine Schüler ein. Sie üben an Problemen, die im Alltag jederzeit auftreten können: Signal- und Weichenstörungen oder eine derart angehäufte Verspätung, dass die Bahn ein paar Stationen früher endet als geplant.

Doch wie sagt man es dem Kunden, wenn sich eine Weiche oder ein Signal nicht stellen lassen? Die angehenden Lokführer rätseln, kommen auf «Weiche kaputt» oder «Bahn kann nicht abbiegen». Hauptsache, sie übersetzen das althergebrachte Bahn-Deutsch in verständliche und nachvollziehbare Informationen, sagt der Trainer. Besser sei, die Störung genau zu benennen und – falls möglich – auch die konkreten Folgen.

Wenn dies noch nicht bekannt sei, sollen Lokführer auch dies den Fahrgästen mitteilen und hinzufügen, dass sie sich schlau machen und wieder melden, sobald Informationen vorliegen. «Wenn ich zum Beispiel sage, “Liebe Fahrgäste, hier spricht Ihr Lokführer. Sie kennen das wahrscheinlich von zu Hause, manchmal funktioniert es nicht so reibungslos, wie wir es gerne hätten. Und gerade will die Weiche vor uns weder nach rechts noch nach links”, dann hören mir die Leute auch zu.»

Bei den Auszubildenden kommt der Workshop jedenfalls gut an. «Ich weiß jetzt, dass die persönliche Note wichtig ist, sonst hören die Leute weg», sagt Björn Hallmann. Der 44-Jährige schult gerade um, voraussichtlich ab kommenden Jahr wird er S-Bahnen durch das Rhein-Main-Gebiet steuern.

Es gibt Bahn-Durchsagen, die es zu regelrechter Berühmtheit gebracht haben. Mehrere Plattformen in den sozialen Medien sammeln bemerkenswerte und lustige Durchsagen, darunter der Twitter-Account «Bahnansagen». Hier findet sich etwa der gut nachvollziehbare Rat «Halten Sie jederzeit Mund und Nase bedeckt! Ihre Unterwäsche tragen Sie ja auch nicht nur bis zur Kniekehle».

Zuletzt hatte die auf Twitter geteilte Aufnahme einer anderen Corona-Durchsage für Aufsehen gesorgt, in der ein ICE-Mitarbeiter zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung aufruft und dabei Verschwörungstheoretikern den Tipp gibt, auf diese Weise einer geheimen Speichelentnahme der Bundesregierung zu entgehen, die so Klone herstellen wolle.

Auf ein Durchsage-Training setzen auch andere Verkehrsbetriebe, so S-Bahnen in einigen anderen Bundesländern und die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF). Grundsätzlich sei dies schon immer Bestandteil der Ausbildung für Straßenbahn- und U-Bahnfahrer gewesen, seit vergangenen Mai gibt es auch hier eine Schulung durch den externen Profi Popp.

«Ziel ist es, die Fahrgäste mit individuellen und der Situation angepassten Durchsagen möglichst gut zu informieren. Denn nicht für jede Situation gibt es eine passende Bandansage», erklärt eine VGF-Sprecherin. Der gewünschte Effekt, die Scheu vor dem Mikrofon zu nehmen, sei durchaus zu beobachten.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Lautstärke – volume
angemessen – suitable
Durchsagen – announcements
Weiche – switching point
Verzögerungen – delay
Betriebsablauf – schedule
angehenden – would be
Quereinsteiger – those changing careers
Floskeln – clichés
versehen – provide
erläutert – explained
allesamt – all together
beleidigt – offend
Versprecher – slip of the tongue
angebracht sein – begin
Fingerspitzengefühl – instinct
rattert – clatter
derart – like that
angehäufte – accumulated
rätseln – rack their brains
althergebrachte – traditional
nachvollziehbare – comprehensible
Störung – disruption
mitteilen – inform
hinzufügen – add to that
sich schlau machen – figure it out
melden – notify
vorliegen – exists
reibungslos – smoothly
hören weg – stop paying attention
schult um – re-training
voraussichtlich – expected
Berühmtheit – fame
bemerkenswerte – noteworthy
lustige – amusing
Bahnansagen – train announcements
Kniekehle – hollow of the knee
Verschwörungtheoretikern – conspiracy theorists
entgehen – go to meet
Verkehrsbetriebe – transit authorities
Verkehrsgesellschaft – transportation authority
Bestandteil – component
angepassten – adapted to
Scheu – shyness
durchaus – absolute

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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