16. November 2019 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Linkswalzer und Handkuss – Einzigartige Ballsaison in Wien

450 Bälle stehen in Wien pro Jahr auf dem Programm. Da ist es gut, wenn speziell zur Ballsaison ab 11.11. die Linksdrehung beim Wiener Walzer klappt – und alte Benimmregeln aufgefrischt werden.

Ein Paar tanzt beim Wiener Opernball. Foto: dpa

Von Albert Otti und Matthias Röder
Wien (dpa) – Die Dame reicht die Hand und hebt sie leicht an, damit sich der Herr nicht zu tief bücken muss. Der Kuss wird nur angedeutet. Der Herr solle der Dame zu Beginn und am Ende in die Augen blicken, schärft der Tanzlehrer seinen Schülern die Grundhaltung beim Handkuss ein. «Wenn Sie die Dame am Ende anstrahlt, dann haben sie es richtig gemacht.» Solche Benimm-Lektionen stehen heute noch auf dem Lehrplan der 100 Jahre alten Tanzschule Elmayer in Wien. Zur Ballsaison, die auch in Österreich ab 11. November startet und mit dem glanzvollen Opernball am 20. Februar 2020 ihren Höhepunkt erreicht, ist die Nachfrage nach Unterrichtsstunden hoch.

Die 16-jährige Isabel Sereny und ihr 17 Jahre alter Tanzpartner Santiago Posada aus dem Anfängerkurs sind voller Vorfreude. «Ich hoffe, meine Fähigkeiten reichen bis dahin aus», sagt der 17-jährige Schüler.

Zum Höhepunkt der Ballsaison gäben sich die Teilnehmer an Privat- und Gruppenstunden die Klinke in die Hand, auch um den obligatorischen Linkswalzer zu üben, sagt Thomas Schäfer-Elmayer. Sehr viele seien aus Deutschland. Der 73-Jährige ist in Österreich auch als jahrelanger Juror beim TV-Format «Dancing Stars» allseits bekannt für Tanz- und Stilfragen – und sieht seine Kurse als umfassende Schule. «Die Menschen lernen soziale Kompetenz. Sie wissen nicht mehr, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen», weist Schäfer-Elmayer auf eine Inkompetenz der eher mit sozialen Medien vertrauten Jugend hin.

Das beginne bei der Unsicherheit, wer wann zu grüßen sei und ende bei der Debatte, ob das Türaufhalten für eine Dame eine inzwischen weiblicherseits unerwünschte Form der männlichen Bevormundung sei. Dabei gehörten höfliches Benehmen und eine gewisse Galanterie dazu – und hätten nichts mit männlichem Auftrumpfen zu tun, kritisiert Schäfer-Elmayer. «Da werde ich echt sauer. Das ist doch Ausdruck der Wertschätzung und des Respekts. Da machen die Frauen einen Riesenfehler», meint der Benimm-Papst.

Die junge Isabel pflichtet ihm bei. «Ich persönlich finde das immer schön, wenn ein Junge oder Mann vor mir die Tür aufmacht», sagt sie.

Santiago fiel auf, dass die Nähe zur Partnerin ein heikles Thema ist. «Mit dem Körperkontakt hatten die Jungs teilweise Probleme», hat der 17-Jährige festgestellt. Manche machten sich Sorgen, dass es respektlos sein könnte, jemandem ein bisschen näher zu kommen. Die #Metoo-Debatte scheint auch in der Tanzschule angekommen zu sein.

Philharmonikerball, Kaffeesiederball, Zuckerbäckerball, der Ball der Atomenergiebehörde IAEA, Piaristenball, Jägerball – wer in Wien übers Parkett schweben will, hat reichlich Gelegenheit dazu. Laut Wien Tourismus laden 450 Bälle pro Jahr zum Tanzen ein – vom eleganten Traditionsball in der Hofburg bis zum eher launigen Faschingsfest.

Dabei ist der Dresscode speziell beim Opernball strikt. Männer müssen Frack tragen. Eine Armbanduhr gilt als Fauxpas. «Korrekt ist eine goldene Taschenuhr mit Kette», klären die Touristiker vorsorglich auf. Der Reiz, in diese fast an Kaisers Zeiten erinnernde Tanzkultur einzutauchen, ist immens. Die Wirtschaftskammer Wien schätzt die Zahl der Ballbesucher in der vergangenen Saison auf 515 000. Etwa 140 Millionen Euro landeten in den Kassen von Veranstaltern, Bekleidungsgeschäften, Friseuren, Restaurants und auch Tanzschulen.

Die Liebe des Wieners zum Ball ist mindestens 250 Jahre alt. Damals wurden unter dem Reformer Joseph II. (1741-1790) Tanzfeste in der kaiserlichen Hofburg auch für die Bürger geöffnet. Dabei schlich sich der wegen seiner bäuerlichen Wurzeln eigentlich als zu keck empfundene Walzer auch in die Adelskreise ein. Dank der Kompositionen der Walzer-Familie Strauss erlebte der Tanz im 19. Jahrhundert einen Boom. Im 20. Jahrhundert Jahr überlebte der Walzer in Wien den Kampf gegen den Kontrahenten Tango. «Hier wurden die Orchester ausgebuht, wenn sie Tango statt Walzer spielten», sagt Elmayer. «Die Wiener sind unglaublich verwöhnt, was Bälle betrifft.»

Zur Freude am Tanz maßgeblich beigetragen hat dessen Standardisierung. Anfang der 1960er Jahre wurde das Welttanzprogramm (WTP) ins Leben gerufen. Die Grundschritte wurden nun global gleich unterrichtet, so dass es kein so großes Problem mehr machte, ob jemand in Tokio, Paris oder Berlin in die Tanzschule ging.

Die Tanzschule von Schäfer-Elmayer ist auch eine Art Castingshow. Für rund 50 Bälle stellen Elmayer und sein Team nach eigenen Worten die feierliche Eröffnungseinlage zusammen, bei der Dutzende Paare möglichst harmonisch die ersten tänzerischen Akzente des Abends setzen. «Ohne das ist ein Wiener Ball undenkbar», so Schäfer-Elmayer. Die Paare sind zwischen 16 und 28 Jahre alt. Eröffnet wird in Wien immer mit einem Linkswalzer. Elmayer sortiert die Paare gern nach Körpergröße. Manchmal, räumt er ein, ist der Einfluss der Eltern aber so groß, dass andere Kriterien zählten. Da herrsche das Prinzip, dass der Nachwuchs der prominentesten Gäste in der ersten Reihe stehe.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Benimmregeln – rules of ettiquette
aufgefrischt – refreshed
bücken – bow
angedeutet – suggested
einschärft – urges
Grundhaltung – starting position
Nachfrage – demand for
Privat- und Gruppenstunden – private and group lessons
umfassende – comprehensive
sollen umgehen mit – should behave towards
hinweist auf – points out
Bevormundung – patronizing
Auftrumpfen – show other up
Papst – pope
beipflichtet – agreed
heikles – tricky; delicate
launigen – witty
strikt – strict
Frack – tuxedo with tails
Reiz – appeal
Wirtschaftskammer – chamber of commerce
Bürger – citizens
einschlich – slips in
Wurzeln – roots
keck – saucy
Adelskreise – aristocratic circle
Kontrahenten – rival
ausgebuht – booed
verwöhnt – spoiled
maßgeblich – substantial, considerable
zusammenstellen – puts together
Eröffnungseinlage – investment in the opening ceremony
herrsche – rules
Nachwuchs – offspring

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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Sport

EM-Trikot für Löws DFB-Elf: «Nadelstreifen» und Deutschland-Ärmel

Im neuen Trikot sollen Serge Gnabry und seine Kollegen das EM-Ticket lösen. Der DFB und sein Partner Adidas präsentieren das Shirt: klassisch in weiß. Die neuen Querstreifen sind ein Hingucker. DFB-Direktor Bierhoff gefallen die Deutschland-Farben an den Ärmeln.

Timo Werner (l-r), Serge Gnabry und Nico Schulz tragen das neue Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. DFB-Sponsor Adidas und der Deutsche Fußball-Bund präsentierten am 11.11.2019 das neue Trikot für die Länderspieljahre 2020 und 2021. Erstmals tragen wird die Auswahl von Bundestrainer Löw das Shirt schon im EM-Qualifikationsspiel am 16.11.2019 in Mönchengladbach gegen Weißrussland. Foto: dpa

Düsseldorf (dpa) – Das Trikot für die Sommer-Mission 2020 ist schon in den Geschäften, das Europameisterschaft-Ticket müssen sich Joachim Löw und sein Team erst noch endgültig sichern. Auch wenn der Bundestrainer zum Qualifikations-Abschluss erneut auf mehr als ein halbes Dutzend seiner EM-Kandidaten von Marco Reus bis Niklas Süle verzichten muss, lässt er keine Zweifel zu. «Meine Vorgabe an die Mannschaft heißt: Wir wollen beide Spiele gewinnen. Wir haben die Qualität und wir haben die Möglichkeiten.»

Zum Ausfall-Sextett schon bei der Berufung haben sich inzwischen noch der Dortmunder Routinier Reus und der große Leverkusener Hoffnungsträger Kai Havertz gesellt. Der Berliner Unglücksrabe Niklas Stark (Nasenbeinbruch) ist vor der Ankunft am Dienstag beim Treffpunkt in Düsseldorf ebenfalls in medizinischer Behandlung.

Eigentlich hatte Löw die Hoffnung, dass er nach dem Absage-Festival im Oktober zumindest mit den damaligen Kader weiterarbeiten kann: «Manche Automatismen können dann besser funktionieren.» Das ist nun ins EM-Jahr verschoben wie auch die endgültige Entscheidung darüber, ob der aussortierte Ex-Weltmeister Mats Hummels angesichts der Abwehrprobleme für das EM-Turnier in zwölf europäischen Städten doch noch reaktiviert wird.

Mit der Präsentation der neuen EM-Trikots mit Nadelstreifen warteten der DFB und sein Partner Adidas nicht mehr so lange, bis das Nationalteam am Samstag gegen Weißrussland oder dann im letzten Spiel drei Tage später gegen Nordirland die EM-Teilnahme perfekt machen kann. Schon in der ersten Partie des letzten Länderspiel-Doppelpacks 2019 in Mönchengladbach treten die Tor-Garanten Serge Gnabry und Co. mit den neuen Shirts an.

Das klassische Weiß mit dünnen, schwarzen Querstreifen in Pinselstrichoptik und den vier WM-Sieger-Sternen soll an die Erfolgszeiten der DFB-Auswahl erinnern. Die alte Leibchen von der blamablem WM 2018 in Russland sind aussortiert. Die auffallenden schwarz-rot-goldenen Ärmelstreifen am Trikot für 2020/21 sieht Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff als «ein schönes Statement, mit dem wir auch dem Wunsch vieler Fans nachkommen». Für Bayern-Profi Gnabry, der beim 3:0 in Estland ausgefallen war, hat das Trikot einfach «Style». Zehn Treffer in elf Partien stehen für Gnabry zu Buche.

Viel wichtiger aber ist für den junge deutschen Kader, nach einem durchwachsenen Länderspieljahr noch einmal positive Signale in Richtung EM zu senden. Die aktuelle Entwicklung der Mannschaft sei schwierig, räumte Bierhoff ein: «Der Prozess hat gut angefangen, im Moment ist es problematisch.» Auch Löw sieht das Team in der derzeitigen Umbruchphase hinter seinem Plan zurück.

Die Motivation bei den Nationalspielern ist hoch, auch wenn der November für viele in ihren Clubs die höchste Belastung mit sich bringt. «Es macht immer wieder Bock, da denkst du nicht daran, dass du kaputt bist, sondern freust dich einfach auf die Zeit bei der Nationalmannschaft, sagte Jonathan Tah. Der Leverkusener hatte zuletzt in der Nationalmannschaft ebenso gefehlt wie Toni Kroos (Madrid), Matthias Ginter (Mönchengladbach), Leon Goretzka (München), Nico Schulz (Dortmund) und Jonas Hector (Köln).

In der Tabelle der Qualifikationsgruppe liegt Deutschland derzeit mit 15 Zählern hinter den punktgleichen Holländern auf Rang zwei, das direkte Duell gegen Oranje ist bereits verloren. Dennoch hoffen Löw und Bierhoff noch auf Platz eins. Der könnte bei der EM-Auslosung am 30. November in Bukarest vermeintlich leichtere Vorrunden-Gegner bringen. «Wenn Holland einen Punkte abgeben sollte, können wir vielleicht noch den Gruppensieg feiern. Für uns heißt es, sich qualifizieren und schauen», sagte der Bundestrainer.

«Es gibt ja auch die Theorie, dass man mit Platz zwei eine leichtere Gruppe bekommen könnte. Ich bin grundsätzlich kein Freund davon, so zu spielen, dass man sich gewisse Dinge ausrechnet, dann kommt‘s anders», entgegnete Bierhoff. Die Nordiren (12 Punkte), die am Samstag zeitgleich zum deutschen Spiel in Belfast die Niederländer empfangen, sind als Dritte noch nicht aus dem Rennen. «Nordirland hat den Holländern und uns bislang das Leben sehr, sehr schwer gemacht. Sie haben sich sehr gut entwickelt», warnte Löw

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Feuilleton

30 Jahre Mauerfall – Rosen, Freude und Momente der Stille

Es ist die Nacht der Nächte für die Menschen in der DDR: Am 9. November 1989 bringen sie die Mauer zum Einsturz. 30 Jahre später feiern Berlin und viele andere Orte in Deutschland. Nach Euphorie und Jubel einst ist nun auch viel Nachdenkliches zu hören.

Zuschauer stehen bei der Feier anlässlich der Festivalwoche “30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall” am Menschen feiern das 30-jährige Jubiläum des Mauer- falls an der Bösebrücke in der Bornholmer Straße. Brandenburger Tor. Foto: dpa

Berlin (dpa) – Das Brandenburger Tor ist in magisches Licht getaucht. Beethovens Schicksalssymphonie erklingt. Zehntausende sind gebannt und viele erinnern sich. An den Mauerfall vor 30 Jahren. Daran, wie sich Menschen in den Armen lagen, auf dem Betonwall tanzten. «An die Nacht der Nächte, nach der nichts mehr war wie zuvor», wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Besuchern der großen Mauerfallparty an diesem historischen Ort zuruft.

Für die 73-jährige Evaluise Schwadke war es die Nacht der Nächte. Sie sei in der Mauerfallnacht dabei gewesen und nun wieder hier, erzählt sie mit Tränen in den Augen. «In diesen Tagen die damaligen Momente Revue passieren zu lassen, geht mir sehr nahe», sagt die Rentnerin, die damals in Ost-Berlin lebte.

Stille legt sich über den Platz, als die einstige DDR-Oppositionelle Marianne Birthler spricht. Sie erinnert an die Menschen, deren Leben durch die SED-Diktatur zerstört wurde oder die starben. Dann schlägt sie den Bogen zum Heute: «Wenn wir unsere Freiheit wertschätzen und verteidigen, dann – egal, wie alt wir sind und woher wir kommen – dann können wir uns alle 89er nennen.»

Die Errungenschaften von 1989 verteidigen – das ist auch das Anliegen Steinmeiers: «Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird», mahnt er. «Einheit, Freiheit, Demokratie – das haben die Mutigen damals erkämpft. Welch ein großartiges, welch ein stolzes Erbe. Machen wir was daraus!»

Dieser trübe Novembertag ist ein Tag der Erinnerung an die friedliche Revolution im Herbst 1989, ein Tag der eher leisen Freude über den Mauerfall vor 30 Jahren – nicht nur in Berlin. Bayern und Thüringen feiern im einst geteilten Grenzdorf Mödlareuth, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen am früheren deutsch-deutschen Grenzübergang Marienborn. Es ist auch ein Tag, der zeigt, dass das geeinte Deutschland normal geworden ist, dass ein großer Jahrestag ohne großes Pathos auskommt.

In die Berliner Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße, wo der Erinnerungstag mit dem offiziellen Gedenken beginnt, sind auch Schüler aus Polen, Tschechien, Ungarn, Norwegen und der Slowakei gekommen. Sie wünschen sich, dass nie mehr Mauern die Menschen trennen. «Wir wollen uns für Europa einsetzen», sagt eine junge Tschechin. Die Schülerin steckt wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Bundespräsident eine Rose in die Hinterlandmauer, die damit symbolisch durchlöchert wird.

Der kleine Theodor aus Berlin hat mit Merkel gesprochen, wie seine Mutter später berichtet. Die Kanzlerin habe ihrem Sohn erzählt, dass einst Menschen hinter einer Mauer eingesperrt waren. «Damit sie nicht weglaufen», sagt der Fünfjährige. Für ihn sind dies Geschichten aus einer anderen Welt. Merkel nimmt sich Zeit für Gespräche, während sie auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße zur Andacht in der Kapelle der Versöhnung geht.

An der Bernauer Straße spielten sich nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 dramatische Szenen ab. Die Häuser gehörten nun zum Osten, der Bürgersteig zum Westen, Menschen versuchten in den ersten Tagen noch, aus den Fenstern in den Westen zu springen. Dann wurde zugemauert.

«Zu viele Menschen wurden Opfer der SED-Diktatur. Wir werden sie nicht vergessen», verspricht Merkel in der Kapelle. Worte, die an Menschen wie Karin Gueffroy gerichtet sind, die Mutter des letzten erschossenen DDR-Flüchtlings Chris Gueffroy. Sie bleibt fast stumm an diesem Gedenktag, sagt nur, sie sei sehr berührt. «Das wird immer so bleiben», meint sie mit traurigem Blick. Ihr 20-jähriger Sohn starb wenige Monate vor dem Mauerfall im Februar 1989 im Kugelhagel – einer von mindestens 140 Toten an der Berliner Mauer.

Trotz des regnerischen Wetters sind neben den Politikern auch etliche Bürger zur Bernauer Straße gekommen. Detlev Puschke und seine Frau Margret reisten extra aus Magdeburg an. Nun stehen sie in Sichtweite des Denkmals «Die Kauernde, sich aufrichtend», wo der Bundespräsident und die Staatsoberhäupter der vier osteuropäischen Staaten Blumen niederlegen.

Puschke hat die Brutalität des SED-Regimes am eigenen Leib erfahren. Er sei in der DDR im Knast geboren worden und im Heim groß geworden, erzählt der Lkw-Fahrer. Inzwischen sei er als Opfer von DDR-Unrecht rehabilitiert worden. «Ich hätte gern mal dem Bundespräsidenten die Hand gegeben – einfach, um mal Danke zu sagen, nicht mehr und nicht weniger.» Doch Puschke steht zu weit weg hinter einer Absperrung.

An Merkel kommen die Zaungäste der offiziellen Gedenkveranstaltung näher heran. Über die Absperrgitter hinweg strecken sie ihr Hände entgegen, zücken Handys für Fotos. Die Kanzlerin im hellbraunen Mantel, die gerade in Ostdeutschland bisweilen niedergebrüllt wird, trifft hier auf Menschen, die klatschen und Bravo rufen. Sie lächelt für Selfies und wechselt mit vielen ein paar Worte.

Doch die Sorge um den Erhalt der Demokratie ist auch zu spüren – nicht nur bei Kanzlerin und Bundespräsident. Ein Besucher aus Hessen fühlt sich angesichts der AfD-Wahlerfolge an die Jahre 1938/39 erinnert. «Die Rechten profitieren auch heute», sagt der 70-Jährige.

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Gesundheit

Machen Scheine und Münzen krank?

Zahlreiche Bakterien sammeln sich auf dem Bargeld. Foto: dpa

Baierbrunn (dpa) – Der Haltegriff in der S-Bahn kann eine Keimschleuder sein – das wissen viele. Für den 5-Euro-Schein in der Tasche gilt das jedoch ebenso. Zum Glück gibt es dagegen ein einfaches Mittel.Scheine und Münzen wechseln häufig den Besitzer. Dadurch sammeln sich zahlreiche Bakterien auf dem Bargeld. Viele davon sind für gesunde Menschen harmlos, heißt es in der „Apotheken Umschau“ (Ausgabe 10B/2019). Die Zeitschrift empfiehlt aber trotzdem regelmäßiges und gründliches Händewaschen. Münzen und Scheine sind den Angaben nach ähnlich keimbelastet wie die Türgriffe öffentlicher Toiletten oder die Haltestangen in Bussen und Bahnen. Meistens löst sich jedoch nur ein Bruchteil der Keime vom Geld ab und bleibt an den Fingern haften. Keime, die etwa durch Verschlucken oder Wunden in den Körper gelangen, können bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine Infektion verursachen.

Problematisch wird es vor allem beim direkten Umgang mit Lebensmitteln: Wenn jemand zum Beispiel erst keimbelastetes Geld und danach Hackfleisch anfasst, können sich die Keime dort vermehren. Daher ist circa 30 Sekunden langes Händewaschen besonders vor und nach dem Essen wichtig.

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Reise

In Sachsen an „spirituellen Orten“ die Seele baumeln lassen

Das Kloster St. Marienthal in Ostritz wurde 1234 gegründet. Foto: Pawel Sosnowski/dpa

Dresden (dpa) – Mal Luft holen und sich eine kleine Auszeit vom Alltagsstress zu gönnen, damit wirbt das Land Sachsen. An spirituellen Orten und auf speziellen Pilgerwegen, da könne auch die Seele Erholung finden, heißt es in einer neuen Broschüre.

Sachsen empfiehlt sich Touristen künftig auch als spirituelles Reiseland. Unter dem Slogan „Sachsens spirituelle Orte. Wo die Seele Urlaub macht“, hat die Tourismus Marketing Gesellschaft des Freistaat (TMGS) eine entsprechende Publikation erarbeitet.

In einer „Zeit voller Höchstleistungen in Höchstgeschwindigkeit“ setze man auf den Wunsch nach Entschleunigung, hieß es. Klöster, Kirchen und Pilgerwege in Sachsen würden ein „passendes Umfeld für Auszeiten zur inneren Einkehr und zum Kraft schöpfen“ bilden. Die entsprechende Broschüre stelle „Oasen der Ruhe“ und Pilgerwege vor. Neben Bayern sei Sachsen das einzige Bundesland, das dieses Thema touristisch vermarktet.

„So üben die Zisterzienserinnen-Klöster St. Marienstern in Panschwitz- Kuckau und St. Marienthal in Ostritz seit ihrer Gründung im 13. Jahrhundert ohne Unterbrechung eine hohe geistliche und kulturelle Strahlkraft aus“, teilte die TMGS weiter mit. Als weitere Orte für den Seelen-Urlaub wurden unter anderem das Benediktiner Kloster in Wechselburg, die Kamenzer Schnitzaltäre im Sakralmuseum St. Annen, die Dorfkirche Cunewalde, der Dom St. Petri in Bautzen, die Evangelische Brüder-Unität Herrnhut, die Zittauer Fastentücher sowie die Pfarrkirche St. Peter und Paul und das Heilige Grab in Görlitz genannt. Pilgern erlebe auch auf den sächsischen Streckenabschnitten eine Renaissance, hieß es.

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Warum klimabewusstes Verhalten so schwer fällt

Ein Flugzeug fliegt am Stuttgarter Flughafen über Sonnenblumen hinweg. Weniger fliegen und Auto fahren: Immer mehr Menschen möchten was gegen die Klimaerwärmung tun. Foto: dpa

Von Vanessa Köneke
Berlin (dpa) – Am Familientisch wird hitzig über Fleischkonsum diskutiert. In der Teeküche streiten sich Kollegen, ob Inlandsflüge noch okay sind. SUV-Fahrer stehen am Pranger. Hunderttausende demonstrieren auf den Straßen. Das Thema Klimaschutz treibt die Menschen in Deutschland so um wie nie. Immer mehr wollen was tun. Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander. Unter Psychologen ist diese Diskrepanz als «Attitude-Behaviour-Gap» (Einstellungs-Verhaltens-Lücke) bekannt. Gleich mehrere psychologische Hürden stehen klimaschonendem Verhalten im Weg.

In einer Ende Mai veröffentlichten Umfrage des Umweltbundesamtes (Uba) stuften zwei von drei Menschen in Deutschland Umwelt- und Klimaschutz als sehr wichtige Herausforderung ein – der Klimaschutz toppte damit Sicherheit, Migration und Arbeitslosigkeit. «Der Stellenwert von Umwelt- und Klimaschutz hat zugenommen», heißt es vom Uba. Die Bevölkerung sei durchaus bereit, eigene Beiträge zu leisten.

Doch der Bereitschaft folgen nicht immer Taten. Die Umfrage des Uba zeigt, dass das grundsätzliche Umweltbewusstsein und das tatsächliche Verhalten recht weit auseinanderliegen. Eine ähnliche Diskrepanz zeigte eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur und der Meinungsforscher von Yougov von Anfang diesen Jahres. Demnach kann sich fast jeder Zweite vorstellen, der Umwelt zuliebe auf eine Flugreise zu verzichten – doch nur jeder Fünfte hat es schon getan.

Schon vor knapp 30 Jahren entwickelte der US-amerikanische Sozialpsychologe Icek Ajzen die sogenannte Theorie des geplanten Verhaltens. Die Theorie nennt Gründe, warum aus einer Einstellung nicht unbedingt das entsprechende Verhalten folgt. Demnach können sogenannte subjektive Normen einen Menschen bremsen. Dabei geht es um erwartete Reaktionen der Umwelt. Halten mich Freunde und Familie für einen Ökofreak, wenn ich verpackungsfrei einkaufe oder ein Lastenrad leihe, um das Auto stehen zu lassen? Solche Gedanken prägen das Verhalten mit.

Ähnlich wichtig ist, wie sich Mitmenschen verhalten. Beispiele dafür liefern Studien des Marketing-Psychologen Robert Cialdini. So warfen Menschen in einem Parkhaus eher Müll auf den Boden, wenn der Boden ohnehin schon zugemüllt war. Ein weiteres Beispiel: Menschen passten ihren Energieverbrauch an, wenn sie den Verbrauch ihrer Nachbarn erfuhren.

Beim Klimaschutz kommt hinzu, dass das Problem so groß erscheint, dass die eigenen Maßnahmen als wirkungslos wahrgenommen werden. Zudem gibt es den Gedanken: «Wenn nur ich mich einschränke und die anderen nicht, bin ich der Dumme.» Allerdings muss auch klar sein: Die Klimaerwärmung kann nur abgemildert werden, wenn jeder einzelne etwas tut – und die Politik entsprechende Vorgaben macht.

Für Psychologen ist auch entscheidend, ob ein Verhalten überhaupt machbar erscheint. In der Theorie des geplanten Verhaltens wird das als wahrgenommene Verhaltenskontrolle bezeichnet. Gibt es in einer Region keinen öffentlichen Nahverkehr und ist man nicht gesund genug zum Radfahren, bleibt manchmal nur das Auto. Dabei gibt es nicht nur objektive Hürden: Wer hat schon die Kraft und das Geld, um immer ein perfekter Umweltschützer zu sein? Nicht zuletzt die Zeit spielt eine große Rolle. Gegenüber dem Umweltbundesamt begründeten die meisten regelmäßigen Autofahrer ihre Fahrten mit Zeitersparnis.

Aber was kann man tun, um den inneren Schweinehund beim Thema Klimaschutz zu überwinden? Marcel Hunecke, Umweltpsychologe an der Fachhochschule Dortmund, empfahl vor einigen Monaten, zunächst kleine Schritte zu machen. «Man muss positive Erfahrungen sammeln. Als reines Verzichtsprogramm wird das nicht funktionieren», sagte Hunecke. Außerdem könnten Motiv-Allianzen helfen. Es mache Sinn, Klimaschutz mit anderen positiven Effekten wie Gesundheit oder Lebensqualität zu verbinden. Warum nicht mal ein Erholungsurlaub in Brandenburg statt eine Safari in Südafrika?

Der Sozialpsychologe Sebastian Bamberg von der FH Bielefeld sagt: «hilfreich ist, sich einen Plan zu machen, was man tut, wenn plötzlich eine Hürde auftaucht und man wieder ins alte Verhalten fallen will.» Ähnlich wie bei einer Suchttherapie. Allerdings sei das enorm aufwendig.

Manchmal sind andere Dinge für Menschen schlicht wichtiger als Klimaschutz. Scheint der Schulweg des Kindes mit dem Rad zu gefährlich, tendieren Eltern eventuell trotz Abgasen zum Auto. Lebt die große Liebe in Übersee, dürfte selbst ein engagierter Klimaschützer in den Flieger steigen. Auch wenn eine Flugreise nach New York laut CO2-Rechner des Uba mit knapp vier Tonnen CO2-Äquivalente zu Buche schlägt. Zum Vergleich: Im Schnitt verursacht ein Mensch in Deutschland 11,6 Tonnen im Jahr. Oft überwiegen kurzfristige Bedürfnisse. «Mit vorausschauendem Denken hatte die Menschheit immer schon Probleme», sagte der Göttinger Psychologe Borwin Bandelow kürzlich der «Neuen Presse». «Das menschliche Hirn konzentriert sich seit Jahrtausenden auf Alles, was uns hier und jetzt bedrohlich erscheint, nicht irgendwann.»

Außerdem erschwert ein Paradox namens «unrealistischer Optimismus» den Umweltschutz. Es besagt, dass Menschen für ihr eigenes Leben optimistischer sind als für andere Menschen. Das schmälert den Handlungsdruck. So hielt in der Uba-Befragung fast jeder Befragte die Umweltqualität weltweit für schlecht. Auch für Deutschland schätzen zwei von fünf Menschen die Qualität als schlecht ein. Doch nur gut halb so viele sahen die Probleme für die eigene Gemeinde.

Hürden für umweltfreundliches Verhalten gibt es noch weit mehr. Der Umweltpsychologe Robert Gifford hat sogar 29 davon ausgemacht. Nicht zuletzt spielt Gewohnheit eine große Rolle, meint er. «Gewohnheiten mögen nicht die glamouröse Hürde sein, aber vielleicht die wichtigste für die Linderung der Klimawandelfolgen.»

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