19. Dezember 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Weihnachtsmode: Unterm Christbaum
im Ugly-Christmas-Sweater?

Was trage ich zu Weihnachten? Den schicken Anzug, das neue Kostüm – oder doch den ironisch-hässlichen Ugly-Christmas-Sweater? Wir erklären, was erlaubt ist. Und was Sie besser vermeiden sollten.

Ugly-Christmas-Sweater: Pullis mit kitschigen Weihnachtsmotiven werden gern unterm Christbaum getragen. Foto: dpa

Von Benjamin Freund
Köln/Berlin (dpa) – Vom smarten Geschäftslook bis zum betrunkenen Elch auf der Brust: Die Wahl der Weihnachtsmode steht wieder vor der Tür. Und mit ihr die Frage: Schick oder hässlich?
Laut Trendanalyst Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut in Köln fallen in Deutschland zwei entgegensetzte Weihnachtstraditionen zusammen. Eigentlich feiere und beschere man hierzulande abends. «Dementsprechend zieht man sich auch abendlich an», sagt der Experte. Merkt aber an: «Da knallt jetzt eine amerikanische Weihnachtskultur rein.»

Bei der amerikanischen Tradition stünden eher Bequemlichkeit und Intimität im Fokus. «Es gibt da eine gewisse Tendenz zur Pyjamaparty», sagt der Experte. Das äußere sich unter anderem in einer Unisexkleidung, die von Männern wie Frauen getragen werden kann.

Omas gestrickter Pulli wird zum Trend
Rückführen lässt sich die neue Entspanntheit zu Weihnachten in den vergangenen Jahren auch auf selbstgestrickte Pullover, erklärt Modejournalist Patrick Pendiuk vom Magazin «GQ». Er sagt: «In der Folge hatten diese Pullover nicht die besten Looks. Sie sahen altbacken und ulkig aus.»

Daraus habe sich auch auf Social Media eine Art Wettbewerb darum entwickelt, wer den absurdesten Weihnachtspullover trägt. «Was anfangs noch mit lustigen Rentiermotiven angefangen hat, endet heute schon bei Digitalprints von männlichen behaarten Oberkörpern und sexuellen Anspielungen», erklärt Pendiuk weiter.

Ironie ist tot, es lebe das Dilemma
Nur: Wie lässt sich ein solcher Blickfänger kombinieren? Laut dem Modejournalisten David Kurt Karl Roth am besten gar nicht. Roth singt einen Abgesang auf die Hässlichkeit und setzt dem Trend humorvoller Weihnachtsmode verbal ein Ende. «Ironie ist tot! Wenn man sich also für einen Weihnachtspullover entscheidet, dann bitte ausschließlich in der Weihnachtszeit. Und immer mit Haltung tragen, niemals mit Augenzwinkern.» Sowohl Männer als auch Frauen könnten idealerweise zu schlichten Klassikern greifen.

Aber auch beim Klassiker ist Vorsicht geboten: Zwar passt ein Business-Outfit gut zum Weihnachtsschmaus, doch schnell kann sich die Kleiderwahl als Dilemma entpuppen. «Das Hemd an sich ist aber nicht die allerbeste Wahl, vor allem wenn man es sich nach dem Essen auf der Couch gemütlich macht und noch ein paar Gläser Wein trinkt», sagt Pendiuk.

Das richtige Outfit im richtigen Kontext
Für den Ugly-Christmas-Sweater gibt Pendiuk hingegen Entwarnung. «Das ist eine Gefühlssache.» Denn er findet: «Grundsätzlich kann man den immer tragen.»

Das hinge dann aber auch davon ab, in welchem Rahmen man sich bewege. Beim entspannten Essen mit der Familie an Heiligabend oder am Weihnachtstag könne der Sweater angebracht sein – oder eben auch nicht, so Pendiuk. Man bräuchte ein Gespür dafür, wie das eigene Umfeld auf das Kleidungsteil reagiert. «Es kann mitunter auch eine lustige Familientradition sein.»

Es gibt natürlich auch ein «Aber»: «Damit bei einem konservativen Essen aufzukreuzen oder so in die Kirche zu gehen, kann durchaus in die Hose gehen», sagt der Modejournalist.

Was also über die Weihnachtstage tragen?
Für Familienmitglieder, die 2020 noch mit einem ironisch-witzigen Ugly-Sweater unter dem Weihnachtsbaum sitzen, hat Roth derweil eine Geschenkidee: «Ein Mitbringsel aus Setesdal, einen echten Norweger-Pullover mit Selburose, dem berühmten achtzackigen Stern.»

Und was passt dazu? «Man trägt ein Jersey-Shirt und darüber einen gestrickten Pullover, dazu eine gestrickte Hose», rät Tillessen. Und für alle, die sich dann doch lieber in einen unschönen Pullover einmummeln wollen, hat Pendiuk einen Tipp. «Man sollte eine Jacke dazu so schlicht wie möglich tragen – und dem Pullover nicht die Show stehlen.» Außerdem rät er zu dunklen Farben in der Kombination. Das wirke ruhiger.
Das bestätigt auch Tillessen. So könnten Männer wie Frauen an Weihnachten problemlos zu den Farben Grau, Weiß, Rot, Grün und Schwarz greifen. Ergänzend sei auch ein typisches Tartan-Karo-Muster tragbar. Generell gilt: «Das gewebte Material wird bei unserer Kleidung an Weihnachten immer mehr durch das gestrickte Material ersetzt.»

Wer die Wahl hat, hat die Qual
Für alle, die sich zwischen gemütlich und elegant nicht entscheiden wollen, empfiehlt Pendiuk einen Stilmix. «Zum Beispiel ein Rundhalspullover aus Kaschmir oder ein Rollkragenpullover. Die kann man problemlos mit einem Sakko kombinieren.»

Wer ganz auf Schick verzichtet, für den gilt dann untenrum: «Wenn man keinen Anzug trägt, dann ist eine dunkle Jeans ohne Waschung immer eine gute Option.» Auch eine Chino-Hose sei eine Möglichkeit.

Übrigens: Es gibt noch einen guten Grund, die Finger von besonders günstigen Ugly-Christmas-Sweatern zu lassen. So sei der Kauf des hässlichen Oberteils vor allem aus ökologischer Sicht schwer vertretbar, meint Tillessen. «Das ist aus einer ähnlichen Kategorie wie die Einwegmützen, die man auf dem Weihnachtsmarkt kauft, eine Runde dreht und danach wieder wegwirft.»

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Sport

Nach Lochner-Coup: Friedrich im Blindflug zum Sieg – Nolte stark

Jedes Details dreht Perfektionist Friedrich nach Niederlagen um. So auch nach dem verdienten Lochner-Sieg. Umso stärker meldete sich der Rekordchampion zurück. Bei den Frauen endete die Premiere im Monobob mit Rang zwei für Laura Nolte, die dann im größeren Schlitten gewann.

Zweierbob, Herren, 1. Durchgang: Francesco Friedrich und Thorsten Margis aus Deutschland in Aktion. Foto: dpa

Von Frank Kastner
Innsbruck/Igls (dpa) – Diese Niederlage konnte Seriensieger Francesco Friedrich nicht unbeantwortet lassen. Nur 24 Stunden nach der beeindruckenden Siegesfahrt von Teamkollege Johannes Lochner fuhr der Zweierbob-Rekordweltmeister mit zwei Startbestzeiten wieder an dem Berchtesgadener vorbei. Und wie: Wohlwissend um die leicht bessere Endgeschwindigkeit von Lochner auf der sogenannten Starter-Bahn in Innsbruck/Igls zog der Perfektionist aus Sachsen in der Zielkurve den Kopf ins Cockpit ein und raste quasi im Blindflug ins Ziel.

Mit nur 0,16 Sekunden Vorsprung gewann Doppel-Olympiasieger Friedrich mit Anschieber Thorsten Margis am Sonntag und somit das sechste Weltcup-Rennen in diesem Winter, nachdem seine Siegesserie von Lochner (30) tags zuvor gestoppt wurde. Der für Stuttgart startende Berchtesgadener hatte mit Eric Franke den ersten Sieg in diesem Winter eingefahren und musste nun im zweiten Rennen am Patscherkofel mit Anschieber Christian Rasp wieder dem Sachsen vom BSC Oberbärenburg den Vortritt lassen. Dritter wurde erneut der Lette Oskars Kibermanis. Christoph Hafer aus Bad Feilnbach kam mit Christian Hammers auf Rang sieben.

Lochner hatte mit dem Angriff von «Franz» gerechnet: «Das wird morgen auf jeden Fall enger, davon gehe ich ganz stark aus.» Friedrich ärgerte sich trotz des Sieges. «Es waren zu viele kleine Fehler in beiden Läufen, gerade in Ausfahrt neun», sagte der 30-Jährige. Sollte das Wetter und dementsprechend das Eis wieder besser werden, sei in der kommenden Woche sogar Bahnrekord drin, meinte der Ausnahmepilot.

Bei der Premiere für die deutschen Pilotinnen in der (noch) ungeliebten Disziplin Monobob fuhr Laura Nolte auf Rang zwei hinter der Australierin Breeana Walker. Die neue olympische Disziplin für Peking 2022 wurde in diesem Winter erstmals in allen Rennserien des Weltverbandes IBSF integriert. Cheftrainer René Spies will zwischen den Feiertagen intensiv dran arbeiten, auch wenn die Frauen wenig Sympathie für die Einzeldisziplin mitbringen. «Ich muss halt fahren», meinte Olympiasiegerin Mariama Jamanka. Auch Nolte, die beim deutschen Dreifacherfolg im Zweierbob ihren zweiten Saisonsieg einfuhr, favorisiert lieber den Wettkampf im Team statt eines Solostarts. Mit ihrer Anschieberin Deborah Levi verwies sie Kim Kalicki/Ann-Christin Strack und Jamanka/Leonie Fiebig auf die Plätze.

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Feuilleton

Bund gibt Millionen für Sanierung der Passauer Domorgel

Die Orgel im Dom St. Stephan.
Foto: Armin Weigel/dpa

Passau (dpa) – Sie gilt als die größte Kirchenorgel der Welt: Mit einem Zuschuss von 3,2 Millionen Euro unterstützt der Bund die Sanierung der Orgel im Passauer Dom. Das teilte das Bistum am Mittwoch unter Berufung auf Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer mit. Der Haushaltsausschuss des Bundes habe die Förderung beschlossen. Der Zuschuss für den Dom St. Stephan entspreche beinahe der Hälfte der geplanten Renovierungssumme von 6,5 Millionen Euro, sagte Domprobst Michael Bär. Dadurch könnten die Ausfälle durch abgesagte Konzerte während der Corona-Pandemie aufgefangen werden. Denn für die Finanzierung sei das Bistum auf Konzerteinnahmen angewiesen. Brandschutz, Verschmutzung, Schimmel und Holzwurmbefall machen die Sanierung notwendig. Sie soll fünf Jahre dauern.

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Gesundheit

Ein Vollbad ist mehr als nur Entspannung

Viele Menschen genießen die wohlige Wärme eines Schaumbades.  Foto: Christin Klose/dpa

Von Angelika Mayr
Euskirchen/Frankfurt/Main (dpa) – Wenn es draußen kalt, nass und stürmisch ist, nehmen viele gerne ein wohlig-wärmendes Bad. Doch so entspannend die Zeit in der Badewanne ist: Damit auch der Körper profitiert, sollte man es nicht übertreiben.

«Die Regeln lauten: Nicht zu oft, nicht zu heiß, nicht zu lange und nicht zu viel Seife benutzen», sagt die Medizinerin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen.

Wer das beherzigt, kann vom Baden aber gesundheitlich profitieren. «Gerade denjenigen, die unter einer degenerativen Gelenkerkrankung leiden, tut die Wärme gut – solange sie sich nicht gerade in einem entzündlichen Schub befinden», erklärt Hubloher.

Wenn man sich eine Erkältung eingefangen hat, kann man sich ein Vollbad gönnen. Gut tut es auch bei bestimmten Hauterkrankungen. Bei Sportlerinnen und Sportlern relaxt das warme Wasser die Muskeln nach einem anstrengenden Training. «Das Durchwärmen der Muskulatur kann dann sehr angenehm wirken», sagt Dermatologe Uwe Schwichtenberg. Viele empfinden die Wärme generell als entspannend.

Wann die Dusche die bessere Wahl ist

Es gibt aber auch Menschen, für die ein Vollbad gesundheitlich eher nicht förderlich ist: Bei niedrigem Blutdruck und Venenerkrankungen, etwa Krampfadern, sollte man lieber duschen, sagt Hubloher. «Hat man Fieber oder Gelenkerkrankungen, die akut entzündlich sind, würde die Wärme das alles noch verstärken.»

Bei Herz-Kreislauferkrankungen ist Vorsicht angesagt, da während eines Wannenbades die vom Herzen zu pumpende Blutmenge steigt. Das könne bei Herzschwäche ein Problem sein, sagt Schwichtenberg.

Aus dermatologischer Sicht sollten Menschen mit sehr trockener Haut lange, heiße Bäder mit entfettenden Badezusätzen meiden. Das kann man aber genauer mit seinem Hautarzt besprechen.

Was ältere Menschen beim Baden beachten sollten
Grundsätzlich aufpassen sollten bei einem Vollbad auch Senioren. «Nach dem Bad hat man ja oft einen eher niedrigeren Blutdruck», sagt Hubloher. «Deswegen sollten sie danach besonders vorsichtig sein und keine Anstrengungen unternehmen». Lieber ruhen sie sich erstmal aus.

«Hinzu kommt, dass Senioren, die aus der Wanne aussteigen, dann leichter stürzen können», schildert die Verbraucherschützerin und Medizinexpertin. Deswegen sollten sie eher duschen als baden. «Oder eine Begleitung rufen, die einem aus der Wanne helfen kann.»

Tipps zur Badezeit und Wassertemperatur

Und wie oft sollte man ein Vollbad nehmen? «Das hängt vom Eigenfettanteil der Haut ab», sagt Dermatologe Schwichtenberg. «Patienten mit trockener Haut können gegebenenfalls Schwierigkeiten durch die wasserbedingte Entfettung der Haut bekommen.» Das gilt zum Beispiel bei Neurodermitis. Andere Menschen vertragen ein Vollbad durchaus häufiger.

«Aber eine absolute Maximalzahl für alle Menschen gibt es nicht», sagt Schwichtenberg. Denn das hängt auch davon ab, welches Wasser man in die Wanne laufen lässt. «Je heißer das Wasser, desto stärker ist die Entfettung der Haut», sagt Schwichtenberg.

Je nach Hauttyp sollte eine andere, niedrigere Temperatur gewählt werden. «Aber je kälter das Wasser ist, desto geringer ist der Wohlfühleffekt. Dazwischen liegt also der Optimalbereich.»

Bei Badezusätzen genau hinschauen
Bei den Badezusätzen sollte man aufpassen. «Viele enthalten waschaktive Substanzen und sind daher zusätzlich entfettend», erläutert Schwichtenberg. Für Patienten mit trockener Haut gibt es im Handel Badezusätze mit rückfettenden Substanzen. «So kann man dem entfettenden Effekt des Wassers entgegenwirken.» Menschen mit Neurodermitis oder Schuppenflechte finden auch medizinische Badezusätze im Handel, ergänzt Hubloher.

Wer erkältet ist, empfindet ätherische Öle im Wasser womöglich als angenehm. Möchte man allerdings umweltschädigende oder gesundheitlich umstrittene Substanzen wie Silikone oder chemisch-synthetische Farb- und Duftstoffe meiden, könne man auf zertifizierte Naturkosmetik zurückgreifen, erklärt Diplom-Chemikerin Kerstin Etzenbach-Effers, die als Referentin für Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen tätig ist. «Sie verbietet nämlich weitaus mehr Substanzen als die EU-Kosmetik-Verordnung.»

Personen mit einer Allergie sollten aber auch bei zertifizierter Naturkosmetik die Inhaltsstoffe mit ihrem Allergiepass abgleichen.

Sitzen im eigenen Dreck?
Über das Vorurteil, dass man beim Baden im eigenen Dreck sitze, muss Verbraucherschützerin Hubloher lachen: «Das ist doch nur ein Problem, wenn man wirklich extremst dreckig ist. Zum Beispiel, wenn man mit Motorenöl vollgeschmiert ist.»

Dennoch rät sie: Ehe man aus der Wanne steigt, sollte man sich davor noch einmal gründlich von Kopf bis Fuß abduschen. «So werden der Dreck und vor allem der Badezusatz abgespült.»

Das ist ähnlich wie bei der Kneipp-Lehre: «Dort wird auch empfohlen, nach der Wärme noch einmal mit kaltem Wasser nachzuspülen», erläutert sie. Das stellt ein gutes Gegengewicht dar und die Blutgefäße können sich wieder verengen. Allerdings muss jeder für sich testen, ob der eigene Kreislauf diesen Warm-Kalt-Wechsel gut verträgt. Ansonsten braust man sich nach dem Bad halt mit warmen Wasser ab.

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Reise

Rückblick auf ein außergewöhnliches Reisejahr

Corona hat die Welt verändert – für Urlauber ist sie vor allem kleiner geworden. Das Reisejahr 2020 war geprägt von Sorge, Ungläubigkeit, aber auch: Hoffnung. Eine Chronologie:

Zwei einsame Gondoliere Anfang März auf dem Markusplatz: Die Pandemie trifft auch das 
Touristenzentrum Venedig hart.  Foto: Francisco Seco/dpa

                

Berlin (dpa) – Zu Beginn des Jahres 2020 stritt man in Deutschland darüber, ob der Ferienkorridor im Sommer verkürzt werden sollte. Die Tourismusbranche hatte die Pleite von Thomas Cook zu verdauen. Außerdem nahm das Phänomen «Flugscham» viel Platz in der öffentlichen Debatte ein. Weniger fliegen für den Klimaschutz? Darüber wurde teils hitzig diskutiert.

Im Rückblick könnte man also sagen: Im Januar war die Welt des Reisens noch in Ordnung.
Die meisten Bundesbürger waren im traditionell buchungsstärksten Monat des Jahres damit beschäftigt, ihre Urlaubsziele auszuwählen, so wie immer. Zwar gab es Berichte über eine «neue Lungenkrankheit in China», doch die Auswirkungen ahnten wohl die wenigsten. Bis plötzlich alles sehr schnell ging. Das Coronavirus Sars-Cov-2 ging um die Welt – und stürzte den weltweiten Tourismus in seine tiefste Krise.

Februar: Dunkle Wolken am Horizont
Deutsche Veranstalter wie die Tui sagen Reisen nach China ab, doch dort macht im Winter sowieso fast niemand Urlaub. Noch immer scheint es sich eher um ein regionales Problem zu handeln.

Mehr Besorgnis rufen Mitte Februar schon die Bilder der «Diamond Princess» hervor. Nach zahlreichen Corona-Infektionen an Bord haben die japanischen Behörden das Kreuzfahrtschiff in Yokohama unter Quarantäne gestellt, unter den Fahrgästen sind auch Deutsche. «Angst ist jetzt zu viel» – so schildert ein betroffener Pensionär aus München seine Gefühle. Eine treffende Formulierung für die Stimmung, die auch im fernen Deutschland herrscht.

Ein festgesetztes Schiff irgendwo in Asien, das scheint nichts mit den eigenen Reiseplänen zu tun zu haben. Das Virus ist weit weg – bis es scheinbar binnen weniger Tage über Norditalien hereinbricht.

Surreale Szenen sind es, die sich hinter dem Brenner in einem der beliebtesten Reiseländer der Deutschen abspielen: Gemeinden werden zu Sperrzonen, Bars, Restaurants und Geschäfte geschlossen, der Markusplatz in Venedig ist wie leer gefegt.

Mit den verstörenden Bildern zwingt sich der Eindruck auf, dass das Virus nicht mehr aufzuhalten ist. Ende des Monats wird die weltgrößte Tourimusmesse ITB in Berlin abgesagt, wenige Tage vor ihrem Beginn.

März: Das weltweite Reisen kommt abrupt zum Erliegen
Es ist der Monat, der die Welt verändert: Die Pandemie erfasst den Globus. Innerhalb von rund zwei Wochen schließen die meisten Länder ihre Grenzen, der Flugverkehr wird eingestellt, Veranstalter sagen sämtliche Reisen ab, touristische Übernachtungen in Deutschland werden verboten und die Ferieninseln für Urlauber gesperrt. Die Welt im «Shutdown» – und alle Reisepläne sind plötzlich Makulatur.

Von Mexiko bis Thailand hocken Deutsche in Hotelzimmern und bemühen sich um die letzten Rückflüge in die Heimat. Die Bundesregierung startet die größte Rückholaktion in der Geschichte. Das Auswärtige Amt spricht eine weltweite Reisewarnung bis Ende April aus. «Das ist für viele schmerzlich, aber absolut notwendig», stellt Außenminister Heiko Maas (SPD) fest. Sein Appell: «Bleiben Sie zu Hause!»

April: Rückzug in die eigenen vier Wände
Das Frühjahr ist die Zeit der schwindenden Horizonte. Der Osterurlaub: gestrichen. Mallorca, Kreta und Antalya: in weite Ferne gerückt. Von anderen Kontinenten gar nicht zu sprechen. Die weiteste Reise führt in diesen Tagen meist in den Supermarkt um die Ecke.

Zugleich geht für viele Urlauber der Ärger los: Fluggesellschaften und Reiseveranstalter lassen sich mit der Erstattung abgesagter Reisen Zeit, verärgern ihre Kunden. Zeitweise steht zur Debatte, ob Verbraucher Gutscheine statt einer Rückzahlung akzeptieren müssen. Das setzt sich nicht durch. Doch viele warten ewig auf ihr Geld. Die Reisebranche steckt da schon mitten in der Existenzkrise.

Ende April werden die letzten gestrandeten Deutschen heimgeholt, 157 Passagiere aus Kapstadt erreichen Frankfurt. Insgesamt hat die Regierung 240 000 Reisende nach Hause geholt. Wenige Tage später wird die weltweite Reisewarnung bis Mitte Juni verlängert. Banges Hoffen auf den Sommer. Denn viele wollen am liebsten schon wieder los.

Doch dieses Jahr könnte alles anders werden. Von einer Renaissance des Wanderns in heimischen Gefilden ist zum Beispiel die Rede. Fällt Reise-Deutschland zurück in die 1950er Jahre, in eine Zeit vor dem Massentourismus mit Charterflügen ans Mittelmeer?

Mai: Hoffen auf den Sommer
Im schönen Monat Mai wächst ein zartes Pflänzchen Hoffnung: Die Corona-Einschränkungen werden vor Pfingsten gelockert, die ersten Urlaubsgäste zieht es wieder an die Nordsee. Doch über allem steht die Frage: Was wird aus dem Sommer, was wird aus «Malle»?

Ende des Monats dann die frohe Botschaft: Die Reisewarnung für Touristen soll ab 15. Juni für 31 europäische Staaten aufgehoben werden, sofern die Pandemie das zulässt. Plötzlich sieht es so aus, als könnte Corona schon bald hinter uns liegen.

Juni und Juli: Das Virus scheint (fast) vergessen
Mit etwas Verzögerung öffnet auch Spanien wieder seine Grenzen. Manch einer ergreift sofort die Chance und steigt in den Flieger nach Palma oder zu anderen Sonnenzielen rund um das Mittelmeer. Urlauber zieht es nach Griechenland und Kroatien, nach Frankreich und Portugal. Auch im gebeutelten Italien machen wieder viele Menschen Urlaub.

Zwar reisen längst nicht alle, aber doch mehr Menschen, als man noch vor wenigen Wochen hätte vermuten können. Viele bleiben im eigenen Land: Zwischen Hiddensee und Oberstdorf wird es teils krachend voll – die touristische Wiederentdeckung des Heimatlandes.

Der Sommer mit seinen warmen Temperaturen weist das Virus in die Schranken und ermöglicht wieder relativ viel Reisefreiheit. Doch es ist eine Reisesaison unter den Bedingungen einer globalen Pandemie, die lediglich eine Sommerpause eingelegt: Maskenpflicht im Flugzeug, Hygieneregeln in den Hotels, Mallorca ohne Bierkönig.

Die eingefleischten Kreuzfahrt-Fans müssen sich noch gedulden. Ende Juli laufen wieder erste Schiffe aus, zunächst zu Fahrten ohne Landgänge. «Blaue Reisen», nennt Tui Cruises das. Auch der große Traum vom Urlaub in den USA muss warten, das Land lässt weiterhin keine ausländischen Touristen rein. Und für mehr als 160 Länder auf der ganzen Welt gilt weiterhin die Reisewarnung.

Wer in den Sommermonaten ins Ausland reist, nutzt ein Zeitfenster relativer Sorglosigkeit – das sich schon bald wieder schließen wird.

August und September: Die Einschläge kommen näher
Dass die Pandemie nicht einfach überstanden ist, dürfte den meisten klar sein. Experten warnen vor der zweiten Welle im Herbst. Und auch für Urlauber schränken sich die Möglichkeiten langsam wieder ein. Mit Spanien trifft es ausgerechnet das beliebteste Auslandsziel: Ab Mitte August gilt wieder eine Reisewarnung für das ganze Land, mit Ausnahme der Kanarischen Inseln, weil die Infektionszahlen stark steigen. Das ist kein Reiseverbot, aber schreckt bewusst ab.

Ende August wird auch die bestehende Reisewarnung für die Länder außerhalb Europas verlängert, wenige Tage später Anfang September folgt die Reisewarnung für die Kanaren. Auch in anderen Ländern Europas schnellen die Corona-Zahlen wieder hoch. Der Blick auf die Liste der Risikogebiete wird nun obligatorisch. Das Klein-Klein sich schnell ändernder Regelungen trübt die Urlaubslaune.

Schon blicken Urlauber voller Sorge auf den Herbst: War das sommerliche Reisen etwa nur eine kurze, schöne Ausnahme von der trüben Realität der Pandemie? Die Gewissheit folgt rasch.

Oktober und November: Hinein in einen grauen Winter
Als der Herbst anbricht, wird fast allen klar: Die zweite Welle rollt – und mit ihr folgen neuerliche Einschränkungen. Große Teile Europas werden bis Ende Oktober zu Corona-Risikogebieten, schon sehr bald ist eher die Frage, wo man überhaupt noch hinreisen kann.

Auch innerhalb Deutschlands bricht Anfang des Monats Verwirrung aus. Wer aus einem Corona-Risikogebiet anreist, braucht vielerorts den Nachweis über einen negativen Corona-Test, der aber wiederum Geld kostet. Die Bundesländer haben teils uneinheitliche Regeln. Unklar ist auch, ob Urlauber ohne Test das Geld für ihre stornierte Buchung zurückbekommen. Chaos pünktlich zu den Herbstferien.

Es ist ein schwacher Trost, dass die Bundesregierung die Reisewarnung für die Kanaren Ende Oktober wieder aufhebt. Und auch, dass die Warnung für manche Länder außerhalb Europas gefallen ist, ermuntert nur wenige dazu, jetzt noch die Koffer zu packen.

Schließlich folgt der Teil-Lockdown im November. Hotels müssen wieder schließen. Die Skisaison steht zur Disposition. Nicht die Flugscham hält die Menschen vom Reisen ab, es ist die Pandemie. Sie dauert an. Kaum jemand denkt noch an Urlaub. Und der Winter wird sehr lang.

Mancher Reisende mag sich da an den Sommer zurückerinnern, ans Ferienhaus in Dänemark und Allgäuer Bergspitzen, an Latte Macchiato am Lago Maggiore und Tapas in Spanien. Und an die unschuldigen Zeiten, als über den Ferienkorridor gestritten wurde.

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