20. November 2021 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Ausstellung führt von Advent bis Zoff durch Weihnachts-ABC

Berlin: Kaputte Schuhe und ein gebrauchter Schlafsack hängen in der Sonderausstellung im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem. „X wie Nix – An Weihnachten macht sich Armut besonders bemerkbar…“ steht auf dem Plakat. Die Sonderausstellung „A wie Advent, Z wie Zoff. Foto: dpa

Berlin (dpa) – Manche freuen sich auf den Advent, anderen graut bereits vor möglichem Zoff zum Weihnachtsfest. Das Museum Europäischer Kulturen in Berlin thematisiert mit der Ausstellung «A wie Advent, Z wie Zoff. Ein Weihnachts-ABC» von Sonntag an bis zum 30. Januar internationale Varianten und Auswüchse des weltweit längst religionsübergreifend gefeierten Festes.

In einem Mix aus Objekten aus der Sammlung des Museums, Fotografien, Filmen und Musik führt ein Alphabet zu Hellem und Dunklem um die Festtage. Es geht um Popkultur und Hochamt genauso wie um Protest oder Humor rund um Weihnachten.

Zu sehen ist etwa eine Krippe to go aus Peru mit Fingerpuppen in einer Eierpappe. Das Video «We Three Queens» der drei US-Dragqueens Manila Luzon, Peppermint und Alaska Thunderfuck verweist auf ihre Variante der heiligen drei Königinnen. Aus Holz geschnitzte Figuren von Rock-Musikern mit Engelsflügeln gehören zu einer «Knast-Krippe». Das K steht in der Ausstellung für Konsum, gezeigt werden dazu Stapel mit Originalverpackungen von Weihnachtskugeln. Aktuelle Bezüge zu P wie Pandemie zur Adventszeit stellt ein dem Virologen Christian Drosten nachempfundenes Räuchermännchen her.

Eine Kehrseite beleuchtet auch der Buchstabe «X wie Nix», kaputte Schuhe und ein gebrauchter Schlafsack symbolisieren den Umstand, dass sich Armut an Weihnachten oft besonders bemerkbar macht. Beim Buchstaben N geht es um Nachhaltigkeit am Beispiel der Weihnachtsproduktion in der chinesischen Großstadt Yiwu, F steht für Fernsehen als Teil der Festtagsrituale, der Buchstabe T verweist auf die sehr unterschiedlichen Traditionen der Festtage.

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Sport

Der schwierige Weg nach Katar: Zimmersuche, Top-Gegner und die Moral

Die WM-Qualifikation für Katar 2022 war sportlich nicht besonders schwer. Komplizierter könnte die logistische Vorbereitung auf den Titelversuch werden. Bundestrainer Flick und besonders DFB-Direktor Bierhoff müssen genau planen. Die Ansprüche sind wie immer speziell.

Armenien – Deutschland, Gruppenphase, Gruppe J, 10. Spieltag
im Wasken Sarkissjan Republikanisches Stadion. Bundestrainer
Hansi Flick gibt Anweisungen. Foto: dpa

Von Arne Richter und Jan Mies
Eriwan (dpa) – Eriwan ist nicht die Endstation. Für Hansi Flick und Oliver Bierhoff geht das Fußball-Jahr 2021 noch weiter. Katar ist längst in den Köpfen des Bundestrainers und des DFB-Direktors – und auch in deren Terminkalendern. Noch vor Weihnachten will Flick nach Doha reisen, um sich selbst ein Bild zu machen, was möglich ist bei der WM-Titeljagd am Golf in zwölf Monaten. Turnierlogistik und das große Thema Menschenrechte sind die Herausforderungen. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht nach dem Abschluss in der WM-Qualifikation mit dem Gastspiel in Armenien am Sonntag die Hotelsuche. Kein leichtes Unterfangen, wie Bierhoff schon berichtet.

Das Teamquartier: Der Mythos vom Campo Bahia ist mittlerweile auch eine Bürde. Das perfekte WM-Hotel am brasilianischen Atlantikstrand wurde mit dem von Bierhoff in Bau gegebenen Hüttenkomplex zum Basislager des WM-Triumphes 2014. Vier Jahre später konnte auch der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel mit diplomatischen Bemühungen Joachim Löws Wunschort Sotschi nicht mehr ermöglichen. Man landete im Moskauer Vorstadt-Wald in Watutinki statt wie gewünscht am Schwarzen Meer – mit dem frühen WM-K.o. als allseits bekanntem Ausgang.

Und in Katar? Die FIFA verschickte schon ein Hochglanzprospekt mit Hotels und Trainingsplätzen. Aber: «Das Angebot ist begrenzt», sagte Bierhoff nach ersten Inspektionen. «Gute Trainingsbedingungen, ein Hotel, wo man für sich ist», nannte Flick die Kriterien. Und vor allem kurze Wege zwischen Herberge und Trainingsplatz. Vermutlich zieht es den DFB-Tross in eine Anlage nördlich von Doha, abseits des großen WM-Rummels.

Das Länderspiel-Programm: Thomas Müller sprach die Wahrheit schonungslos aus. «Man muss immer ein bisschen relativieren, dass wir jetzt natürlich keine extrem schwierigen Gegner in unserer Gruppe haben.» Rumänien, Nordmazedonien, Armenien, Island und Liechtenstein. Diese Gegner-Kategorie wird 2022 für Flick keine Rolle spielen. Für die WM ist Deutschland nicht im besten Lostopf. Ein Kontrahent der Kategorie Brasilien, Italien, Frankreich wartet dann sicher schon in der Gruppenphase.

Das Programm Richtung Katar steht zumindest terminlich fest. Im März soll es zwei Testspiele gegen Hochkaräter geben. Benannt werden die Gegner erst nach der Auslosung der Nations League am 16. Dezember, um Dopplungen im Vorbereitungsprogramm zu vermeiden. Im Juni gibt es gleich vier Partien und im September noch weitere zwei in dem Europa-Wettbewerb. Deutschland ist in Lostopf zwei und bekommt auf jeden Fall einen starken Kontrahenten: Italien, Frankreich, Belgien, Spanien sind die Optionen aus dem besten Topf. Das ist die Kategorie, die dann auch Müller als schwierigen Gegner bezeichnen würde.

Das Personal: Leistung zählt. Dieses Flick-Dogma wird auch im WM-Jahr Gültigkeit haben. Der Bundestrainer will seinen Einfluss dabei nicht auf die nur noch drei Lehrgangsoptionen im März, Juni und September begrenzen. Hausaufgaben für die Nationalmannschaft müssen auch im Club-Alltag erledigt werden. «Es liegt in der Verantwortung der Spieler selbst. Wir wollen einen Anstoß geben», sagte Flick zu seiner ungewöhnlichen Maßnahme, die auch in die Hoheit der Club-Trainer wie Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Pep Guardiola eingreift.

Die Mehrzahl der 23 WM-Plätze von Kapitän Manuel Neuer über Antonio Rüdiger, Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Thomas Müller, Serge Gnabry, Leroy Sané, Timo Werner und einige mehr ist nach jetzigem Stand auch praktisch schon vergeben – Leistungsschwankungen oder Verletzungen natürlich ausgenommen.

Die Moral: Erst kommt das Kicken, dann die Moral. Dieser abgewandelte Spruch von Bertolt Brecht ist für die Fußball-Branche ein Grundvorwurf im WM-Jahr. Einen Turnier-Boykott fordert niemand mehr, aber der richtige Umgang mit den unzureichenden demokratischen Standards im Gastgeberland bleibt für alle WM-Akteure eine Prüfung.

Transparente, Regenbogenbinde und Kniefall waren die Aktionen 2021. Je näher die WM rückt, desto lauter werden die Rufe nach klaren Positionierungen der Fußball-Stars gegen Homophobie und Arbeiterausbeutung am Golf werden.

«Die FIFA, der DFB, alle können und müssen Druck ausüben», forderte der Vorsitzende von Human Rights Watch, Wenzel Michalsky. Der Menschenrechtsexperte bot an, Bierhoff, Flick und die Spieler nochmals zu instruieren. Bei der WM würden diese dann nämlich nur «Glanz und Gloria» präsentiert bekommen.

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Feuilleton

Kulturhauptstadt Esch will 2022 Vielfalt in Europa feiern

Esch/Alzette ist 2022 Europäische Kulturhauptstadt. In zahlreichen Gebäuden
werden dann Ausstellungen präsentiert. Foto: Harald Tittel/dpa

Esch/Alzette (dpa) – Luxemburgs zweitgrößte Stadt Esch hat knapp vier Monate vor dem Start ihr Programm als Europäische Kulturhauptstadt für 2022 vorgestellt. Geplant sind rund 160 Projekte mit mehr als 2000 Events, die im Süden Luxemburgs und im angrenzenden Frankreich grenzüberschreitend über die Bühne gehen sollen. «Wir wollen zeigen, was wir hier kulturell alles zu bieten haben», sagte Luxemburgs Kulturministerin Sam Tanson der Deutschen Presse-Agentur in der 36 000-Einwohner-Stadt.

Und das ist vor allem eine gemeinsame Geschichte, kulturelle Vielfalt und Visionen für eine grenzenloses Europa. Zu der Region, die unter dem Motto «Remix Culture» beim Kulturhauptstadtprojekt Esch2022 dabei ist, gehören neben Esch zehn umliegende Luxemburger Gemeinden und acht französische Gemeinden der Kommunalverwaltung in Audun-le-Tiche. Insgesamt leben rund 200 000 Menschen aus 120 Nationen in dem Raum.

«Mit Esch2022 wollen wir die Geschichte unserer Region von der Stahlindustrie bis ins digitale Zeitalter erzählen», sagte die Direktorin für das Kulturprogramm, Françoise Poos. Auf dem Programm stehen Theater, Festivals, Ausstellungen, Tanz, Performances, Workshops und digitale Kunst. Losgehen soll das Programm am 22. Februar 2022, die feierliche Eröffnung ist am 26. Februar 2022.

Der Bürgermeister der Stadt Esch und Präsident von Esch2022, Georges Mischo, sagte: «Die Eröffnungsfeier wird etwas sein, das Luxemburg noch nicht erlebt hat.» Das Budget für das Kulturhauptstadtjahr beläuft sich auf 56,5 Millionen Euro, wovon Luxemburg 55 Millionen Euro trägt.

Ministerin Tanson sagte, bei dem Projekt gehe es auch darum, «die Menschen mitzunehmen» und etwas Dauerhaftes zu hinterlassen. Und: «Man kann sehen, dass Luxemburg mehr ist als nur Finanzplatz.»

Wichtige Ausstellungsorte werden auch in Esch-Belval auf einem früheren Stahlhüttengelände sein, wo heute auch die Uni ist. In einer sanierten Möllerei wird es Medienkunst geben: Als erste Ausstellung steht «Hacking Identity – Dancing Diversity» vom Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM) auf dem Programm. Im französischen Micheville entsteht ein neues Kulturzentrum für digitale Künste und darstellende Kunst.

1995 und 2007 trug Luxemburgs Hauptstadt den Titel Kulturhauptstadt Europas. In 2022 sind zwei weitere Städte in Europa dabei: Kaunas in Litauen und Novi Sad in Serbien.

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Gesundheit

Weniger Atemnot, mehr Fitness: Was Lungensport bewirken kann

Asthma- oder COPD-Patienten, die alleine trainieren, sollten ihre Belastungsgrenzen
genau kennen. Foto: Christin Klose/dpa

Von Sabine Meuter
Fürth/Reutlingen (dpa) – Sport treiben tut gut. Das gilt auch für Patientinnen und Patienten mit der Lungenkrankheit COPD. Doch manche meiden aus Angst vor Atemnot körperliche Aktivitäten. Schonung ist aber der falsche Ansatz.
Zumal die Atemnot von COPD-Patienten nicht allein auf die eingeschränkte Funktion der chronisch verengten Lunge zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass der Körper nicht trainiert genug ist. Damit können alltägliche Aktivitäten wie das Einkaufen oder der Weg ins Café schon eine Atemnot auslösen. Damit es nicht soweit kommt, gibt es den sogenannten Lungensport.

Atmung an die Belastung anpassen
Der hat viele Facetten. «Wichtig ist, sich zunächst von Profis individuell anleiten zu lassen», sagt der Fürther Lungenfacharzt Prof. Heinrich Worth. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Lungensport. Ziel des speziellen Trainings ist es, die Koordination von Muskeln, Bändern und Gelenken zu verbessern.

Dabei übt man unter anderem, die Atmung an die körperliche Belastung anzupassen. «Man lernt zum Beispiel, wie man beim Treppensteigen oder Tragen von Lasten atmen muss», sagt Worth. Zudem gehe es darum, Kraft und Beweglichkeit des Brustkorbs zu erhalten – so könne der Patient oder die Patientin besser abhusten.

«Die körperliche Ertüchtigung steht im Mittelpunkt», sagt Prof. Adrian Gillissen, Direktor der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Ermstalklinik Bad Urach bei Reutlingen.

Wie ein Lungensporttraining grob abläuft
Das Training in Lungensportgruppen, die es vielerorts gibt, ist angepasst an die jeweilige Schwere der Erkrankung der Teilnehmenden. Es dauert etwa 60 bis 90 Minuten.

Das Gruppentraining beginnt mit einer Aufwärmphase. Anschließend werden Kraft, Ausdauer und Koordination geübt. Manche Trainingsleiter bieten ergänzend Atem- und Entspannungstechniken an. Diese können und sollen die Übungen von Atmungstherapeutinnen und Krankengymnasten allerdings nicht vollständig ersetzen.

Es sind übrigens nicht nur COPD-Patienten, die vom Lungensport profitieren. Auch für Patienten mit Asthma bronchiale, Lungenfibrose, Mukoviszidose oder Lungenkrebs ist das Training von Vorteil.

Lungensportgruppen treffen sich meist einmal pro Woche. «Patienten können auch daheim üben, wenn es ihr Gesundheitszustand erlaubt und sie Lust dazu haben», sagt Gillissen, der stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung ist.

Die AG Lungensport zum Beispiel bietet einmal pro Woche übers Internet eine Einheit Lungensport an, für die Patienten sich anmelden können. Das virtuelle Training erfolgt in Eigenverantwortung. Die AG stellt online auch Übungsvideos bereit, die man sich jederzeit anschauen kann (lungensport.org/videos).

Wichtig ist die Kontinuität. «Es kommt nicht darauf an, immer neue Höchstleistungen zu erbringen, sondern sich regelmäßig körperlich zu betätigen», sagt Worth. Häufig ist das in einer Gruppe motivierender als alleine. Zudem hilft der Trainingsleiter, wenn plötzlich Probleme auftreten. Zu Hause ist das nicht möglich.

«Schon relativ wenige körperliche Aktivitäten am Tag bewirken einen enormen gesundheitlichen Zugewinn für Lungenpatienten – wenn sie denn regelmäßig erfolgen», so Gillissen. Wer zu Hause oder draußen im Park oder sonstwo im Freien alleine lungensportmäßig aktiv ist, sollte seine Grenzen kennen und sie nicht überschreiten.

Zu Hause oder draußen im Park kann es unter Umständen schwierig sein, im Notfall Hilfe zu holen oder überhaupt einen nahenden Notfall zu erkennen, gibt Gillissen zu bedenken.

Asthma- oder COPD-Patienten, die alleine trainieren, sollten immer ein Bedarfsspray griffbereit haben. Hilfreich ist außerdem, wenn sie einen aktuellen Arztbrief oder zumindest eine Medikamentenliste mit sich führen, damit sich im Ernstfall ein Notarzt schnell einen Überblick über die Krankheitsvorgeschichte machen kann.

Gillissen rät Patienten, die weniger als 50 Prozent ihrer allgemeinen Sollleistung – dieser Wert wird ärztlich ermittelt – erreichen, davon ab, alleine zu trainieren. Sie seien in ambulanten Rehasportgruppen mit speziell ausgebildeten Übungsleitern besser aufgehoben.

Was gilt in Corona-Zeiten?
«Lungensportgruppen können sich derzeit zumeist wieder ohne weiteres treffen», sagt Worth. Wichtig bei solchen Treffen ist, dass alle eine Maske tragen (außer während der Übungen) und Abstand halten.

Gemeinsames Umkleiden etwa sei pandemiebedingt aktuell in der Regel nicht möglich, so Worth. Das heißt, dass Gruppenteilnehmer oft schon im Sportdress gekleidet zum Training erscheinen müssen.

«Manche Lungensportgruppen treffen sich auch virtuell», sagt Gillissen, «so dass die Mitglieder zu Hause online ihre Übungen mit Anleitung durchführen.»

Ärztlicher Check-up
unverzichtbar
Vor einer Teilnahme am Lungensport muss ein Arzt oder eine Ärztin attestieren, dass der Patient oder die Patientin dafür fit genug ist. Dabei sind auch Begleiterkrankungen zu beachten. COPD-Patienten haben zum Beispiel durch jahrzehntelanges Zigarettenrauchen oft auch eine koronare Herzkrankheit.

«Ischämiezeichen im EKG, also Anzeichen für eine gestörte Durchblutung des Herzen, oder bedrohliche Rhythmusstörungen während der Belastung sind natürlich Ausschlusskriterien», sagt Gillissen.

Aber wenn es von ärztlicher Seite grünes Licht für die Teilnahme am Lungensport gibt, gilt laut Worth: «Das Training führt in jedem Fall zu einem Plus an Lebensqualität für die Patienten.»

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Reise

Portugal: Tropfsteinhöhlen, Dino-Spuren und glückliche Kühe

Ziegen kreuzen die Straße: Im Naturpark werden die Tiere noch so gehalten wie vor 
Hunderten von Jahren. Foto: Anika Reker/dpa

Von Anika Reker
Porto de Mós (dpa) – Von einem Hochplateau fällt unser Blick über das größte Kalksteinreservoir Portugals. Die zerklüftete, fast karge Landschaft der Serras de Aire e Candeeiros ist von Labyrinthen aus aufgetürmten Natursteinen durchzogen.

«Wahrscheinlich stehen einige dieser Mauern schon, seitdem die Menschen hier ansässig wurden», sagt Touristenführerin Adelina Ferreira, 52. Damals wurden die umherliegenden Steine genutzt, um Weideland für die Tiere und Platz für Gemüsebeete zu schaffen. Ganz ohne Zement hätten sie über Jahrhunderte hinweg Wind und Wetter standgehalten. «Wenn, dann ist es mal eine Kuh, die sich gegen die Mauern lehnt und sie so stellenweise zum Einsturz bringt.»

Dabei gibt es so viel Platz: Der Großteil der Tiere seien Freilandkühe. Um als solche zu gelten, müsse ihnen jeweils mindestens ein Hektar Land zum Grasen zur Verfügung stehen.

Das empfindliche Ökosystem des Naturparks
Auch heute begegnen uns viele Kuhherden, die sich in ihren großzügigen, steinigen Gehegen die Bäuche mit frischen Kräutern vollschlagen. Doch das sei nicht immer so gewesen, sagt Ferreira.

Anfang der 1980er Jahre habe die Europäische Union den Export von Milch auch aus dieser Region Portugals unterbunden, sodass die Kühe aus der Gegend verschwanden. Und mit ihnen die vom Aussterben bedrohten Alpenkrähen, die sich von Käfern im Kuhdung ernähren. «Sowas passiert, wenn man eine Komponente aus einem Ökosystem entfernt.» Mit der Rückkehr der Viehzucht für die Fleischproduktion erholte sich auch die Population des seltenen Vogels.

Adelina Ferreira entdeckt während unserer Wanderung wilden Thymian und Rosmarin. Sie pflückt die Blüten einer zarten, rosafarbenen Pflanze. «Das ist echtes Tausendgüldenkraut, sehr hilfreich zum Beispiel bei Magenproblemen.» Eine echte Heilpflanze.

Der Boden im Naturpark ist sehr fruchtbar. Obwohl es auf den 400 Quadratkilometern, die sich über die Distrikte Santarém und Leiria erstrecken, keinen oberirdischen See oder Fluss gibt. «Dabei ist der Park eigentlich ein riesiges Wasserreservoir. Es befindet sich allerdings 400 Meter in der Tiefe», erklärt Antonio Fael, 66, Adelinas Kollege und Ehemann. Er führt die Touren oft gemeinsam mit seiner Frau und arbeitet als Höhlenforscher für den Park.

Alle Flüsse in der näheren Umgebung würden aus dem bisher unentdeckten unterirdischen See des Parkes entspringen, sagt Antonio. «Immer wenn wir Forscher eine neue Höhle entdecken, versuchen wir dem Lauf des Wassers zu folgen, bisher leider ohne Erfolg.»

Landwirtschaft und Tierhaltung wie vor Hunderten von Jahren
Wir steigen in den Jeep des Ehepaares und fahren über Buckelpisten, durchqueren verschlafene Dörfer. Eine Bäuerin treibt ihre Ziegen über die Straße. Adelina kennt die Frau. Wir steigen aus und sie zeigt uns den Stall, in dem uns ein paar wenige Monate alte Ziegen anschauen. Wir kaufen der Frau ein paar Beutel voller Ziegenkäsetaler ab und setzen die Fahrt fort. «Eine bessere Qualität kannst du gar nicht bekommen», sagt Adelina im Auto.

Ihr gefalle es sehr, dass die Menschen hier ihr Land bewirtschafteten und Tiere halten würden – wie vor Hunderten von Jahren. Auch das gehöre zum schützenswerten Kulturgut des Parkes. Und es sei einer der Gründe, warum sie und ihr Mann sich vor einigen Jahren dazu entschlossen hätten, in der Gegend ein Haus zu kaufen. Ihre alten Jobs – Bänkerin und Ingenieur – gaben sie auf. Seitdem zeigen sie naturverbundenen Touristen ihre Wahlheimat.

Von Windrädern und lernfähigen Fledermäusen
«Mein Herz hängt an diesem Park, seit ich als Teenager mit der Höhlenkletterei begonnen habe», erzählt Antonio. Damals unterstützte er Forscher dabei, sicher in die Tiefen des Naturparks zu gelangen. Er entwickelte im Laufe der Jahre ein großes Interesse an den Fledermäusen und bildete sich weiter – etwa zu den Auswirkungen der Windräder auf die 26 im Park beheimateten Fledermausarten.

Seit 2007 werden immer mehr Windkraftanlagen am Rande des Parks gebaut. «Fledermäuse werden, im Gegensatz zu Vögeln, nicht von den Rotoren erfasst. Doch wenn sie ihnen zu nahekommen, platzen ihre Lungen durch den Luftdruck», erklärt Antonio. Immerhin seien die Tiere lernfähig. Nach etwa zwei Jahren änderten sie ihre Flugrouten.

Eine Kathedrale aus Tropfstein
Dann erreichen wir die Höhle Algar do Pena, die 1983 von Arbeitern eines Steinbruches entdeckt wurde. Antonio teilt Sicherheitshelme und Kopflampen aus. Ein Fahrstuhl bringt uns 33 Meter hinab in die Kalksteinfelsen. Unten angekommen braucht es eine Weile, bis sich unsere Nasen an den feuchten, leicht modrigen Geruch gewöhnt haben. Und die Augen an die Dunkelheit. Über eine Treppe geht es weiter in die Tiefe bis zu einer Art Aussichtsplattform.

Meterlange Stalaktiten hängen von der Decke hinab. Stalagmiten wachsen aus dem Boden empor. Wie in einer riesigen Kathedrale. «Aber noch beeindruckender, denn die Natur hat sie geformt und nicht der Mensch», sagt Adelina. Die Höhle misst fast 100 Meter von der Decke bis zu ihrem tiefsten bisher erreichten Punkt. Antonio hat sich auf der Suche nach dem Lauf des Wassers bereits bis dorthin abgeseilt.

In dem Ökosystem unter der Erde leben unter anderem Käfer ohne Augen, die sich nur anhand von Antennen orientierten. Der Mensch ist hier in der Unterzahl: Maximal 12 Personen am Tag ist der Zugang erlaubt, damit Temperatur, CO2-Gehalt und Luftfeuchtigkeit im Gleichgewicht bleiben. Ein Besuch ist nur mit vorheriger Buchung und etwas Glück möglich. Die Höhle ist sonst Forscherinnen und Forschern vorbehalten.

Fledermäuse gebe es in dieser Höhle allerdings nicht, sagt Antonio. «Sie leben in Kolonien und ziehen gemeinsam drei Mal im Jahr um, von der Winter- in die Brut- und schließlich in eine Sommerhöhle.» Darum ändere sich auch ständig, welche Höhlen für Touristen zugänglich seien.

175 Millionen Jahre alte Spuren der Vergangenheit
Wir treffen Adelina und Antonio am nächsten Tag in der Gemeinde Porto de Mós ganz im Norden des Naturparks wieder. Mit dem Auto geht es nach Westen, durch ein Tal, das sich durch seine saftig grüne Vegetation vom Rest der Gegend abhebt. «Wenn es viel regnet, entsteht hier ein See, der einige Tage bleibt, bis das Wasser im Boden versickert. Die Bäume, die ihr jetzt seht, stehen dann bis zu den Kronen im Wasser», sagt Adelina.

Gegen Mittag erreichen wir eines der Ziele des Tages: den Steinbruch Pedreira do Galinha. Der wurde stillgelegt, als Arbeiter hier 1994 beim Schürfen Spuren aus einer längst vergangenen Zeit freilegten.

Rund zehn Minuten läuft man über das ehemalige Werksgelände bis zu einer Anhöhe. Von dort kann man die längste bekannte und zusammenhängende Sauropodenspur der Welt bewundern. Über fast 150 Meter erstrecken sich die Fußabdrücke der riesigen Echsen, die vor ungefähr 175 Millionen Jahren lebten. Amerika und Europa waren damals noch ein zusammenhängender Kontinent.

Wie haben diese Spuren all die Jahre überdauert? «Dinosaurier wiegen Tonnen und die Fußabdrücke, die sie in diesem ehemaligen Sumpfgebiet hinterließen, waren sehr, sehr tief», erklärt Antonio. «Irgendwas muss an dem Tag passiert sein, was dazu führte, dass die Spuren bedeckt und konserviert wurden, möglicherweise ein Vulkanausbruch.»

Der Weg führt nach unten. Es ist erlaubt, auf abgesteckten Pfaden zwischen den Dinosaurierspuren umher zu wandeln. Aus nächster Nähe sind sie von gewöhnlichen Schlaglöchern nur schwer zu unterscheiden.

«Seit der Freilegung vor über 25 Jahren haben Sonne und Wetter den Spuren, die so viele Millionen Jahre unter den Kalksteinschichten bedeckt waren, leider ziemlich zugesetzt», sagt Adelina. Für ein großes Dach habe jedoch bisher das Geld gefehlt.

Salzgewinnung wie im 12. Jahrhundert
Wir verabschieden uns von unseren Guides. Es geht nun an einen ebenfalls historisch bedeutenden Ort – auch wenn seine Geschichte nur schlappe 844 Jahre zurückreicht: Am südlichsten Zipfel des Parks befinden sich die Salinas da Fonte de Bica. Sie gehören zu den wenigen Salinen auf der iberischen Halbinsel, in denen Salz aus einer Solequelle und nicht aus Meerwasser gewonnen wird.

Die ersten Aufzeichnungen über die Förderung von Salz gehen hier auf das Jahr 1177 zurück. Einer Legende zufolge trank eine junge Hirtin aus einer Quelle und erzählte vom unangenehmen Geschmack des Wassers. Die Dorfbewohner vertieften die Stelle zu einem Brunnen, so nahm die Geschichte der Salzgewinnung ihren Anfang. Heute ist die Marinhas de Sal de Rio Maior – so wird die Mine auch bezeichnet – die einzige in Portugal, die noch auf diese Weise betrieben wird.

Alte Holzhütten umsäumen die Freiluftsalinen. Sie dienen heute überwiegend als Restaurants, Souvenirshops und vor allem als Verkaufsfläche für allerlei Salzprodukte. Eines der kleinen Häuschen am Rande der Salzmine beherbergt eine Touristen-Information.

Die Mine wird von einer Kooperative geführt, die insgesamt 20 «Salmineros» beschäftigt. Touristen dürfen zwischen den kleinen Salzbecken spazieren und den Arbeitern über die Schulter schauen.

Einer von ihnen ist Fernando Machado Lopes, 60. «Die Arbeit ist zwar hart, aber macht Spaß und es ist auch nicht mehr ganz so anstrengend wie früher», erzählt er, während er mit seinen Kollegen das Salz in eine Wanne schippt. Bis in die 1980er Jahre wurde die Sole per Hand mit Schwingbäumen aus dem Boden gefördert. Mittlerweile wurde das System durch motorisierte Pumpen ersetzt. Fast alle Mitglieder aus Machado Lopes Familie haben in der Mine gearbeitet. Einen anderen Job, sagt er, könne er sich gar nicht vorstellen.

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Olivenöl ist Andalusiens flüssiges Gold

Bald reif für die Presse: Oliven bei Cordoba in Andalusien, Spanien. Foto: Andreas Drouve/dpa

Von Andreas Drouve
Montoro (dpa) – Im Leben von Ana María Romero vergeht kein Tag ohne Olivenöl. Sie beträufelt ihr Toastbrot damit, badet regelrecht Salat oder Spiegeleier darin, nutzt es zum Backen. «Manchmal trage ich es auch gegen trockene Lippen und bei kleinen Verletzungen auf», sagt sie und greift aufs Neue zur Ölflasche.

Romeros Blick fällt von der Taverne Casa José in Montoro hinab in die Tiefe auf den Fluss Guadalquivir. Oliven begleiten die 50-Jährige seit ihrer Kindheit. Der Vater war Landwirt, die nächste Ölmühle nicht weit. Wenn sie als Mädchen bei der Ernte im November mithalf, erfroren ihr am Morgen fast die Finger, wie sie erzählt.

Heute ist Romero Bürgermeisterin ihres Heimatstädtchens Montoro und Vorsitzende der Spanischen Vereinigung der Olivenanbau-Gemeinden. Sie schätzt, dass etwa ein Viertel der weltweiten Produktion aus den andalusischen Provinzen Córdoba und Jaén stammt.

Die Monokulturen bestimmen die Landschaft fernab der Urlaubszentren an der Küste: Meere aus Ölbäumen, die sich über die Hügel ziehen, in Täler absacken, verstreute Gehöfte und Dörfer umzingeln.

Olivenöl ist Detox pur
Roger Schläpfer ist weit weg von Oliven aufgewachsen. Er eignete sich die Kenntnisse darüber später über Fachbücher und Kontakte zu den Einheimischen an. Der 57-Jährige war einmal Banker und Head Hunter in der Schweiz. Dann baute er im Osten der Provinz Córdoba bei Montoro mit seiner Frau Brigitte eine historische Olivenmühle zum Landhotel «Olivetum Colina» um. Seither ist er Herr über 300 knorrige Bäume.

«Der Olivenbaum ist unglaublich resistent», sagt Schläpfer bei einem Spaziergang durch die Haine. «Er kann, wenn es nicht gut läuft, von März bis Ende Oktober keinen Tropfen Regen bekommen. Die Gluthitze des Sommers überlebt sonst niemand ohne Wasser – aber der überlebt. Ich kann mir das nicht erklären. Das ist ein Wunder.»

Seinen Gästen zeigt Schlöpfer die Haine gerne und erklärt ihnen vieles. Kenner wie er wissen: Je höher der Stressfaktor durch das Klima, desto besser das Resultat. «Dann ist am Ende das Olivenöl ein Selbstläufer, wenn man keine Fehler macht.» Natürlich spiele die Sauberkeit eine Rolle, das Tempo, die Menge, der Zeitpunkt der Ernte. «Das sind wenige Faktoren, und man hat ein brillantes Produkt.»

Gesundheitstipp: ein Löffel Olivenöl am Morgen
Zur Erntezeit beschnüffelt Schläpfer die Oliven gerne auf ihre Fruchtigkeit. «Wenn es riecht wie Gras, das du gerade im Garten frisch gemäht hast, dann ist das ein sehr gutes Zeichen.» Außerdem gebe es noch Tomaten-, Bananen- und viele andere Aromen.
Seine Frau Brigitte ist diplomierte Diätistin und definiert Olivenöl als «Heil- und Wundermittel erster Güteklasse». Bei der Kostprobe hebt die 55-Jährige hervor, wie sehr das Öl Cholesterin reduziert und als Entzündungshemmer und Fettverbrenner wirkt. «Detox pur.»

Ihr Tipp ist ein Esslöffel Olivenöl am Morgen, auch wenn das eine gewisse Überwindung erfordert – als «Kanalreinigung für unseren Stoffwechsel». «So tut man sich etwas Gutes ohne viel Aufwand.»

Kleinproduzenten wie die Schläpfers lassen ihr Öl bei den Brüdern Javier und José Manuel Prieto pressen. Der Familienbetrieb Pago las Monjas nahe Montoro besteht seit 1754 und arbeitet heute auf Höhe der Zeit. Die archaischen Pressen, zu denen vormals säckebeladene Maultiere trotteten, sind von modernen Gerätschaften aus Edelstahl abgelöst worden: Tanks, Zentrifugen, Filter- und Abfüllmaschinen.

Ein Naturprodukt für den Haarglanz
Dass Olive nicht gleich Olive ist, lernt man spätestens hier. Picual und Nevadillo Negro heißen die verbreitetsten Sorten, die auf Schiefer- und Sandsteinböden gedeihen. «Das Öl ist fünf, sechs Monate nach der Pressung an seinem idealen Punkt», erklärt José Manuel Prieto. Lagern könne man das Naturprodukt über eineinhalb Jahre.

Javier Prieto schwört auf Olivenöl auch für kosmetische Zwecke, er vertraut den Aussagen seiner Freundin Patricia. «Es hilft ihr gegen Ekzeme, da hatte sie vorher schon alles Mögliche ausprobiert. Und sie streicht sich das in die Haare, die werden dann superglänzend.»

Neue Geschmackswege beschreitet die Olivenfabrik Torrent bei Aguilar de la Frontera in der Provinz Córdoba. Hier gibt es Oliven mit Ananas-, Curry, Dattel- und Schokoladenaroma. «Oder für Kinder mit Pizzageschmack», sagt Betriebsleiter Álvaro Morillo-Velarde.

Dass der 50-Jährige Spanier keine Oliven mag, ist eine kuriose Randnotiz. Bei den innovativen Kreationen in Kleindosen hofft er auf neue Absatzmärkte im arabischen Raum und Fernen Osten.

Noch weiter reichen die Gedankenspiele von Öl-Enthusiastin Ana María Romero. Sie plädiert dafür, die Landschaften des traditionellen Olivenanbaus zum Unesco-Weltkulturerbe zu erklären.

Reisezeit: Frühjahr und Herbst sind für Reisen am besten geeignet, im Sommer kann die Temperatur auf über 40 Grad steigen.
Einreise und Corona-Lage: Reisende ab zwölf Jahren müssen einen Impf- oder Genesungsnachweis oder einen negativen PCR- oder Antigentest vorlegen. Nötig ist auch eine Einreiseanmeldung. Die Corona-Zahlen in Spanien sind derzeit niedriger als in Deutschland.
http://www.andalucia.org/de

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST-Wortschatz

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Immer nur «Last Christmas»? Warum Weihnachts-Pop berührt und nervt

Mariah Carey hat es schon wieder getan, auch die wiederbelebte Pop-Band Abba liefert ein neues Lied zum Fest. Popmusik speziell für Weihnachten ist ein lukratives Geschäft. Viele lieben die seichten Songs, manche sind genervt davon. Aber es gibt Alternativen.

Auf dem Display eines Smartphones, das an einem Motorrad befestigt ist, ist die britische Gruppe Wham und der Schriftzug «Last Christmas» zu sehen. Foto: dpa

Von Werner Herpell
Berlin (dpa) – Ob Bing Crosbys «White Christmas», Wham! oder Mariah Carey: Manche finden typische Weihnachts-Popsongs zum Davonlaufen und blicken deswegen schon der Adventszeit mit ihrer Dauerberieselung schaudernd entgegen – für die meisten gehören die Lieder aber einfach dazu wie Tannenbaum, Plätzchen und Gänsebraten. Nun gibt es zwei neue sentimentale Stücke, die uns das Fest versüßen sollen, noch dazu von wahren Großmeistern der musikalischen Zuckerbäckerkunst. Anlass für einige Gedanken über ein traditionsreiches Pop-Produkt.

Für viele ist es eine erlösende Nachricht der «Queen of Christmas»: Mariah Carey lässt ihre Fans nicht länger mit dem 27 Jahre alten Weihnachts-Superhit «All I Want For Christmas Is You» darben. Jetzt ist auch der Gospel-Soul-Song «Fall In Love At Christmas» da, den die 52-Jährige mit ihren US-Kollegen Khalid und Kirk Franklin im festlich geschmückten Ambiente präsentiert. Weder Klingglöckchen und Winterwind-Geräusche noch Careys berühmt-berüchtigter Power-Gesang dürfen fehlen – und fertig ist der nächste Welterfolg vom Reißbrett, wie riesige Abrufzahlen bei Spotify und Youtube sofort zeigen.

Doch damit nicht genug: Auch das neue Album von Abba enthält einen Song fürs Fest. Zu Spieluhrenmelodie und Kinderchor-Gesang geht es um eine Weihnachtsmorgen-Idylle – und niemand sollte sich wundern, wenn das Lied in Kürze als nächste Single der nach 40 Jahren zurückgekehrten schwedischen Pop-Legenden ausgekoppelt wird. «Little Things» sei aber auch «eine Klasse für sich», schwärmt Alain Barthel, Geschäftsführer der Fan-Webseite ABBA.de. Ein Weihnachtslied von Abba sei seit langem ein großer Wunsch der Fangemeinde gewesen. Skål! – das Sensations-Comeback mit dem Album «Voyage» macht’s nun möglich.

Für Abba ist es eine Premiere, für Mariah Carey schon Routine – in jedem Fall sind Weihnachts-Songs für Popmusiker oft eine lukrative Sache, die meisten versuchen es daher irgendwann mal. Das Internet fördert viele nahe liegende Beispiele zutage, aber auch weniger Erwartbares und Schräges – von Tom Waits und Bob Dylan bis zu den US-Punks Ramones oder den Elektro-Fricklern Radiohead. Kommerzielles Kalkül, Sentimentalität, religiöse Gründe – was steckt dahinter?

«Diese Dinge spielen alle eine Rolle», sagt Professor Udo Dahmen (70), künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der renommierten Popakademie Baden-Württemberg, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Zunächst mal sind ja mit Weihnachten meist positive Dinge verbunden, gar nicht unbedingt nur in christlichen Zusammenhängen. Zum anderen ist es manchmal so, dass man als Musiker für die eigene Fangruppe auch etwas Weihnachtliches veröffentlichen möchte. Oder man will sich damit breiter aufstellen, um Zielgruppen zu erreichen, die man sonst nicht unbedingt erreichen würde.»

Ein Ende der auf Weihnachten zielenden Veröffentlichungspolitik sei daher nicht in Sicht, sagt Dahmen. «Natürlich hört das nie auf – ähnlich wie beim Sommerhit. Beides zieht jedes Jahr so viele Käufer an, dass keine Tonträgerfirma daran vorbeigehen kann.» Manches Lied sei durchaus berechnend komponiert, etwa mit den fast unvermeidlichen Jingle Bells im Hintergrund: «Bestimmte Bestandteile müssen in diesen Songs vorkommen, damit sie ein großes Publikum erreichen», so der Mannheimer Pop-Experte. Damit werde «ein melancholisch-romantisches Gefühl für Weihnachten» bedient.

Liegen «Christmas-Pop» und Kitsch also stets nah beieinander? «Natürlich kann man das auch anders machen», sagt Dahmen. Er nennt den wohltätigen Song «Do They Know It’s Christmas» (1984) von Band Aid für Hungernde in Afrika. Oder «Fairytale Of New York» (1988) von der Folk-Punk-Band The Pogues, ein hymnisches Säufer-Melodram ohne Klischees und wohl eines der schönsten modernen Weihnachtslieder überhaupt. «Aber in der Tat, um eine große Breite zu erzielen, sind halt diese typischen Elemente wichtig – selbst in Australien, wo eigentlich Sommer ist, hört man dann diese Winter-Songs.»

Wenn man ihm in jeder Advents- und Weihnachtszeit nur oft genug ausgesetzt war, nervt allerdings wohl jeder weihnachtliche Popsong. Ein bekanntes Beispiel: «Last Christmas» (1984) von Wham!, für viele ein Hassobjekt, aber dennoch zuverlässig ein großer Charts-Hit. «Viele Dinge entwickeln sich zu einer Art Selbstläufer, weil sie mit Weihnachten assoziiert werden», so erklärt sich Pop-Prof Dahmen den Dauerbrenner. Dabei gebe es als Alternative «eine große Bandbreite von unterschiedlichsten Veröffentlichungen, die für jeden Geschmack etwas bereithalten, um sich an Weihnachten in Stimmung zu bringen».

So haben Weihnachtspop-Fans auch ganz aktuell wieder beachtliche Auswahl: Neben den neuen Songs von Mariah Carey und Abba gibt es diverse frische Festtagsalben – von Künstlern wie Till Brönner (Jazz), Norah Jones (Folkpop), Roland Kaiser (Schlager), Pentatonix (A-Cappella), Lucinda Williams (Countryrock) oder Broilers (Punk). Und was hört der Professor selbst am liebsten? «Schwieriges Thema», sagt Udo Dahmen lachend. «Aber Becks “The Little Drum Machine Boy” finde ich schon ganz spannend.» Gut gemeinte Warnung: Für konservative Weihnachtsmusik-Konsumenten ist das Stück eher nichts.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Weihnnachts – Christmas
berührt – are relaxing
nervt – get on your nerves
seichten – shallow
genervt – annoyed
Davonlaufen – something to escape
Dauerberieselung – constant bombardment
schaudernd – shudder
versüßen – sweeten
Zuckerbäckerkunst – confectionary art
erlösende – relief
darben – starving (for something new)
berüchtigter – infamous
Reißbrett – drawing board
riesige – gigantic
Abrufzahlen – number of hits
Spieluhrenmelodie – music box tune
ausgekoppelt – knocked out
schwärmt – raves
Fangemeinde – fan base
zutage – reveals
weniger Erwartbares – those less expected
Schräges – oblique
Kalkül – calculation
verbunden – tied
Tonträgerfirma – recording company
zieht an – attract
berechnend – calculating
unvermeidlichen – inevitable
Bestandteile – components
wohltätigen – charitable
Säufer – drunkard
Klischees – clichés
Hassobjekt – object of hatred
zuverlässig – dependable
Selbstläufer – sure-fire success
Dauerbrenner – long-running hits
Geschmack – taste
bereithalten – at the ready
Festtagsalben – holiday albums
eher nichts – just the opposite

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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