25. April 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Ischgls Leid: Vom Aprés-Ski-Mekka zur Corona-Keimzelle

Virenschleuder, Keimzelle – der sonst so beliebte Wintersportort Ischgl wird derzeit mehr gescholten als gefeiert. Die Kritik lastet schwer. Doch hätte die Ausbreitung des Coronavirus im Après-Ski-Hotspot überhaupt verhindert werden können?

Ein Ortsschild steht am Ausgang der Ortschaft Ischgl. Foto: dpa

Von Claudia Thaler und Fabian Nitschmann
Ischgl (dpa) – Ischgl, das steht eigentlich für Pisten, Schnee, Party. Auf rund 1600 Einwohner kommen mehr als 10 000 Gästebetten und 239 Kilometer Skipiste. «Relax, if you can» lautet der Marketing-Slogan des kleinen österreichischen Ortes. Die entspannte Stimmung aber ist verflogen. In Ischgl und dem Paznauntal ist zwar Ruhe eingekehrt – doch geredet wird viel.

Die internationalen Schlagzeilen, in denen Ischgl etwa als «Virenschleuder Europas» bezeichnet wird, beschäftigen die Menschen. «Viele haben Angst», sagt eine Frau, die lieber anonym bleiben möchte. Einige könnten nicht mehr schlafen, andere seien verzweifelt. Es gehe um Existenzen, denn die wichtigste Einkommensquelle im Tal, im gesamten Bundesland Tirol, sei nun mal der Tourismus. «Wir sind vom Gefühl her auf dem Tiefpunkt.» Nun sei man bald der Sündenbock der Welt. Das schmerze sehr.

Andreas Walser lebt sein ganzes Leben schon in Ischgl. Im Dorf kennt ihn jeder als Arzt mit markantem Schnurrbart. Er kümmert sich bei Krankheiten und Unfällen um die Bewohner, das Personal in den Hotels und die Touristen. Auch bei Infektionen ist er die erste Anlaufstelle. Am 7. März führt Walser bei einem Mann in seiner Praxis einen Corona-Test durch. Der Mann ist Barkeeper in einem der angesagtesten Après-Ski-Lokale des Ortes. Dort versammeln sich jeden Abend die Touristen, trinken Bier und feiern ausgelassen. Der Test fällt positiv aus – der Barkeeper ist der erste bestätigte Corona-Fall in Ischgl, laut Recherchen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit aber nicht der erste Virusträger im Ort.


«Dieser erste Patient ist zu uns gekommen mit einem schweren grippalen Infekt», erinnert sich Dorfarzt Walser. Er habe den Test «aufgrund der Symptomatik und der Anamnese vorgenommen». Später habe der Mann angegeben, «dass es Rückmeldungen über nach Hause gereiste Gäste gibt, die zu Hause positiv auf Covid-19 getestet wurden». Vor dem 7. März, erklärt Walser im medizinischen Fachjargon, habe es keinen einzigen mit dieser dem Virus typischen Lungenbeteiligung gegeben. «Weder bei uns, noch im Krankenhaus, noch in der Klinik Innsbruck», sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

Doch schon am 5. März erreichte die österreichischen Behörden eine Meldung aus Island. 15 Menschen seien positiv auf das Coronavirus getestet worden, ihre Rückreise liege bereits einige Tage zurück. Island erklärt Ischgl zum Risikogebiet, die Tiroler Behörden aber nehmen an, dass es im Flugzeug und nicht im Land zur Ansteckung kam. In den Skigebieten wird tagelang weiter gefeiert. Dann, am 13. März, wird über Ischgl und dem Paznauntal eine Quarantäne verhängt, allerdings mit der Möglichkeit für Touristen – und damit auch für das Virus – das Tal zu verlassen. Die Lifte stehen ab dem 16. März still.

Dem österreichischen Verbraucherschützer Peter Kolba liegen inzwischen mehr als 4000 Meldungen von Menschen vor, die angeben, sich im März in Tirol mit dem Coronavirus infiziert zu haben. Mehr als 70 Prozent dieser Meldungen kämen aus Deutschland. Und die Mehrzahl der Menschen gebe an, in Ischgl gewesen zu sein. «Unser Hauptfokus liegt auf den Behörden, die – so unser Verdacht – langsam gehandelt haben. Wir unterstellen, dass das aus kommerziellen Überlegungen so war», sagt Kolba kürzlich dem «Standard».

«Ich glaube, dass es dringend notwendig ist, zum richtigen Zeitpunkt das Ganze unabhängig aufzuarbeiten», sagt Ingrid Felipe (Grüne). Sie ist stellvertretende Landeschefin in Tirol und stört sich am Pauschalurteil, dem das Land derzeit ausgesetzt sei. «Es kann sein, dass es Einzelne gibt, die diese Kritik verdient haben. Aber man erwischt auch viele, die das nicht verursacht haben können.»

Bei Dorfarzt Walser kommen die Anschuldigungen, dass Ischgl für die Ausbreitung des Coronavirus und damit das Leid vieler Menschen verantwortlich sei, ebenfalls immer wieder an. «Auch wir haben das Virus geerbt, und auch uns hat dieses Virus getroffen wie aus heiterem Himmel», meint er. «Das ist uns einfach passiert und wir haben dann versucht, mit allen Mittel darauf zu reagieren unter den Vorgaben der Behörden.» In Ischgl sei es wie in anderen Touristenhochburgen: viele internationale Besucher, reger Verkehr auf sehr kleinen Raum. Im kleinen Tiroler Bezirk Landeck, zu dem auch das Paznauntal zählt, gibt es rund 800 Corona-Fälle – im Verhältnis zur Einwohnerzahl ein trauriger Spitzenwert in Österreich.

«Die Neuinfektionen (in Ischgl) reduzieren sich zunehmend», erklärt Walser. «Man spürt in Tirol ein dezentes Aufatmen», sagt Landespolitikerin Felipe. Die Quarantäne für alle Tiroler Gemeinden wurde daher aufgehoben – mit Ausnahme von St. Anton, Sölden und dem Paznauntal, allesamt bekannte Wintersport-Gebiete.

Doch wie kann die Zukunft für das Land Tirol und den Tourismus aussehen? Landespolitikerin Felipe hofft auf einen Lerneffekt für den Tourismus. «Ich glaube schon länger, dass der Tiroler Tourismus sich viel stärker in Richtung eines klimafreundlichen, naturnahen, weniger auf Hüttengaudi und Après Ski und Pistenkilometer ausgelegten Tourismus entwickeln sollte.» Der Krise nun mit großen Bauprojekten begegnen, um im nächsten Winter mit noch mehr Pistenkilometern werben zu können, hält sie nicht für zielführend. «Ich weiß nicht, ob man jetzt, nach so einem Ereignis, dafür Reserven locker machen kann.»

Darüber hinaus hofft sie auf eine etwas rücksichtsvollere Gesellschaft. Es sei jetzt sehr bewusst geworden, dass Menschen, die Husten haben oder verkühlt sind, sich auch wirklich zurückziehen sollten. «Das geht ja in die Selbstausbeutung, dass viele von uns nicht zu Hause bleiben, selbst wenn sie erkältet sind.»

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Sport

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Feuilleton

Weltberühmtes Bolschoi Theater zeigt mehr Ballett und Oper online

Eine Szene der Oper «Sadko» von Nikolai Rimski-Korsakow ist auf der Bühne im Bolschoi Theater zu sehen. Das weltberühmte Bolschoi Theater in Moskau zeigt im Internet bis 11. Mai 2020 noch mehr seiner oft ausverkauften Ballett- und Opernaufführungen.
Foto: Damir Yusupov/Bolschoi Theater /dp
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Von Ulf Mauder
Moskau (dpa) – Das weltberühmte Bolschoi Theater in Moskau zeigt im Internet bis 11. Mai noch mehr seiner oft ausverkauften Ballett- und Opernaufführungen. Das legendäre Staatstheater bringt auf seinem Youtube-Kanal von Mittwoch an Spitzenballette wie «Le Corsaire» und «Don Quichotte» sowie die bisher letzte Premiere der Oper «Sadko» von Nikolai Rimski-Korsakow. Die Aufführungen sind jeweils nur 24 Stunden online abrufbar – Start ist 18.00 Uhr MESZ wie bei einem richtigen Theaterabend in Moskau.

Das größte russische Theater hatte zuletzt erstmals überhaupt seine Kassenschlager im Internet kostenlos gezeigt, darunter auch die Spitzenballette «Schwanensee» und «Dornröschen». Dafür sind sonst kaum Tickets zu bekommen. Die ersten sechs Übertragungen hätten 6,5 Millionen Aufrufe in den zwei Wochen gehabt und Zuschauer in 134 Ländern erfreut, teilte das Theater am Dienstag mit.

Wie viele Kultureinrichtungen weltweit ist das Bolschoi wegen der Corona-Krise voraussichtlich bis Ende dieser Spielzeit geschlossen. «Unsere lieben Besucher sind zur Selbstisolation verdammt», sagte Bolschoi-Generaldirektor Wladimir Urin. «Deshalb haben wir entschieden, die Übertragung unserer Aufführungen im Internet fortzusetzen. Zumal das den Leuten offenkundig viel Freude bringt.»

Das Ballett «Spartakus» ist demnach am 18. April zu sehen – zu Ehren des früheren Bolschoi-Stars Wladimir Wassiljew, der an dem Tag 80 Jahre alt wird. «Wir wollten ihm einen Ehrenabend im Theater bereiten, aber das Leben ändert Pläne», sagte Urin. Die Oper «Sadko» des Regiestars Dmitri Tschernjakow wiederum wird am 11. Mai zu sehen sein, wenn der Künstler 50 Jahre alt wird.

Theaterchef Urin hatte zuletzt in einem Interview gesagt, dass das Bolschoi mit viel Glück wohl erst im Herbst zur neuen Spielzeit wieder öffnen könne. Die Einnahmeverluste beliefen sich auf neun Millionen Rubel am Tag (112 000 Euro).

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Gesundheit

Frühjahrsputz gewinnt in Corona-Krise an Bedeutung

Mit Die Tradition des Frühjahrsputzes hat auch heute noch ihren Sinn – besonders angesichts der Corona-Krise. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Dessau-Roßlau (dpa) – Die Tradition des Frühjahrsputzes hat auch heute noch ihren Sinn – besonders angesichts der Corona-Krise. «Ein sauberes Heim ist immer wichtig, für Allergiker und abwehrgeschwächte Personen sowieso, aber auch für Gesunde», sagt Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. An den Staub können sich seinen Angaben nach Giftstoffe und Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien heften. Wegen der Corona-Pandemie sei es zurzeit besonders wichtig, Türgriffe und häufig angefasste Oberflächen regelmäßig abzuwischen und täglich zu lüften. Alles flächendeckend mit Desinfektionsmitteln zu reinigen, sei dagegen nicht nötig. Es sei sogar schädlich für Mensch und Umwelt, warnt Experte Moriske.

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Reise

Freiheit: Balkonien statt Ballermann

Er ist in diesen Zeiten mindestens so begehrt wie Toilettenpapier. Aber hamstern lässt er sich nicht. Entweder man hat ihn schon – oder muss nun mit einem geöffneten Fenster als Ersatz vorliebnehmen.

Bunte Sonnenschirme leuchten in der Mittagssonne auf Balkonen eines Mehrfamilienhauses. Foto: Patrick Pleul/dpa

Von Sophia-Caroline Kosel
Berlin (dpa) – Mal reicht der Platz nur für einen kleinen Stuhl, mal für ein Open-Air-Wohnzimmer. Doch jeder Quadratmeter ist in diesen Zeiten Gold wert. Wer einen Balkon hat, kann sich glücklich schätzen, denn die Corona-Epidemie bringt starke Einschnitte im Alltag mit sich. Für Menschen in Quarantäne oder mit Ausgangssperre wird er zum einzigen Stück Freiheit außerhalb der vier Wände. Und auch für viele andere ist der Balkon in der Krise ein besonderer Ort. Er hat nun viele Funktionen:

MUSIK UND APPLAUS
Erst zwischen Mailand und Sizilien, inzwischen auch in Deutschland: Seit Beginn der Corona-Epidemie erklingt Musik von Balkonen und aus Fenstern. Menschen singen und musizieren gegen die Krise. Profimusiker und Hobbyspieler greifen zeitgleich zum Instrument, stimmen etwa Ludwig van Beethovens «Ode an die Freude» an. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ruft dazu auf, täglich um 19 Uhr auf dem Balkon, am Fenster oder im Garten «Der Mond ist aufgegangen» zu singen. Oder Menschen stehen auf ihrem Balkon, um gemeinsam symbolisch dem Pflegepersonal zu applaudieren. Und wie erfährt man von den Aktionen? Via Facebook, Instagram, WhatsApp oder – ganz klassisch – per Zettel im Hausflur.

BALKONIEN STATT BALLERMANN
Ein Balkon mit Sonnenschirm, die Sonnenbrille auf der Nase und die Frühlingssonne gut zu erkennen – auf vielen Fotos oder Videos, die dieser Tage auf Facebook und Co. auftauchen, scheinen die Sorgen in den Hintergrund gerückt. Balkonien ist nun auch der Ort, an dem freie Tage oder gar Urlaube verbracht werden. Für Auslandsreisen hat die Bundesregierung bis mindestens Ende April eine Warnung ausgesprochen. Und ob Sylt, Rügen oder Föhr: Auch die beliebten deutschen Inseln sind für Urlauber gesperrt.

ERGOMETER STATT ELBE
Joachim Franke, erfolgreichster deutscher Eisschnelllauf-Trainer, wollte seinen 80. Geburtstag im März eigentlich mit einem Dresden-Trip feiern. Doch daraus wurde nichts – wegen des Reiseverbots in Corona-Zeiten. «Jetzt werde ich wohl auf dem Ergometer sitzen und mich fit halten. Wenn das Wetter mitspielt, auf dem Balkon», sagte der Jubilar der dpa wenige Tage vor seinem Jubiläum.

MINI-RENNSTRECKE
Trotz Ausgangssperre einen Marathon laufen? Elisha Nochomovitz aus Toulouse fand eine Lösung: Sein Balkon wurde zur Laufstrecke. Sieben Meter lang, gut einen Meter breit – knapp sieben Stunden lief der Franzose beim «Marathon de mon balcon» auf und ab, wie er auf Instagram dokumentierte. «Der beste Weg, nicht betrübt zu werden ist, Sport zu treiben.» Der Ausdauersportler räumte aber auch ein: «Alles dreht sich in meinem Kopf und ich möchte mich übergeben.» – Wer wegen Corona viel Zeit auf dem Balkon verbringt, sieht eine neue Welt.

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Aus Allen Staaten

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