25. September 2021 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Gletschermumie Ötzi als Weltstar – Nach 30 Jahren neue Ideen

Das Schicksal von Ötzi hat weltweit Schlagzeilen gemacht. 30 Jahre nach dem Fund der Gletschermumie sind noch nicht alle Fragen zu seinem gewaltsamen Tod beantwortet. Eine Suche soll helfen.

ARCHIV – 30.08.2011, Bayern, Nürnberg: Die Nürnbergerin und «Ötzi»-Finderin Erika Simon zeigt das erste Bild das ihr Mann beim Fund der Gletschermumie aufgenommen hatte. Während einer Bergtour in den Ötztaler Alpen machten Erika Simon und ihr Mann Helmut eine Entdeckung, die ihr Leben veränderte. Am Tisenjoch stießen sie auf einen Toten. Es war, wie sich später herausstellte, die Gletschermumie «Ötzi» – ein Mann aus der Steinzeit. Das Gletschereis hatte seine sterblichen Überreste rund 5300 Jahre konserviert. Am 19. September 2021 jährt sich der «Ötzi»-Fund zum 30. Mal. Foto: dpa

Von Matthias Röder
Vent (dpa) – Das Areal wirkt unscheinbar: Tiefer Altschnee, der eine mehrere Meter starke Eisschicht bedeckt. Aber die Fläche in der Größe von zwei Handballfeldern könnte eine eisige Schatztruhe sein. «Wenn noch etwas zu finden ist, dann an dieser Stelle», sagt der Innsbrucker Archäologe Walter Leitner. Gleich neben dem Schneefeld starb vor 5300 Jahren Ötzi, der Mann aus dem Eis. War er wirklich allein unterwegs? Gab es ein oder zwei Täter, die ihn mit einem Pfeilschuss hinterrücks ermordeten? Sind weitere Utensilien aus der Jungsteinzeit nah am Tatort noch von Schnee und Eis bedeckt?

Der Fund vor 30 Jahren (19.9.1991) durch das Nürnberger Ehepaar Helmut und Erika Simon auf dem 3200 Meter hohen Tisenjoch an der österreichisch-italienischen Grenze wurde zur weltweiten Sensation. Eine so gut erhaltene Mumie samt Bogen und Kupferbeil sowie vielen anderen steinzeitlichen Ausrüstungsgegenständen war und ist ein Glücksfall für die Wissenschaft. Auf ähnliche Glücksfälle hoffen die Experten mehr denn je. «Der Klimawandel kommt uns entgegen, wenn es darum geht, neue Gletschermumien zu finden», sagt Leitner, der Ötzi lange wissenschaftlich begleitet hat.

Das Ehepaar Simon war beim Abstieg von der Fineilspitze auf die Mumie gestoßen, die halb aus dem Schnee ragte. Der Wirt der nahen Similaunhütte wurde über den Leichenfund alarmiert, die Polizei auch. Bergsteiger Reinhold Messner, gerade mit Hans Kammerlander in seiner Heimat auf Tour, schaute sich die Mumie an. «Mir war sofort klar, es könnte einige Tausend Jahre alt sein», erinnert er sich bei einem Ortstermin aus Anlass des Fund-Jubiläums an das genauso grausige wie interessante und berührende Objekt.

Anfangs war eine gemeinsame Einordnung noch schwierig. Die Polizei in Sölden schrieb in ihrer Anzeige: «Es handelt sich nach der Ausrüstung zu schließen um einen Alpinunfall, der schon viele Jahre zurückliegt.» Ein erster Gedanke war, dass es sich bei der Mumie um einen seit 1938 in der Gegend vermissten italienischen Musikprofessor handeln könnte.

Als der Mann aus dem Eis nach rund einer Woche im Institut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck landete, zeichnete sich die spektakuläre Dimension des Fundes ab. 4000 Jahre alt, lautete das erste Urteil der Experten, das dann noch nach oben korrigiert wurde. Ein österreichischer Journalist schuf den in jede Schlagzeile passenden Namen: Ötzi.

Das erste Problem war die Frage der richtigen Konservierung einer Mumie, die einerseits ausgetrocknet, andererseits durch den Gletscher feucht gehalten worden war. Der Anatom Othmar Gaber aus Innsbruck entwickelte für Ötzi ein Mehrschichten-System: Er ließ ihn in ein steriles OP-Tuch einwickeln, viel Crash-Eis dazugeben, dann kam eine Plastikfolie, noch mehr Eis und eine Raumtemperatur von minus 6,5 Grad Celsius – wie im Gletscher. Der 13,3 Kilogramm leichte Ötzi wurde auf eine Präzisionswaage gelegt, um bedrohlichen Gewichtsverlust zu erkennen. Bei jeder der vielen Eismann-Visiten – sei es zur Kontrolle, zur Probenentnahme oder zur Eis-Erneuerung – seien aus Angst vor der Einschleppung von Keimen operationsähnliche sterile Verhältnisse geschaffen worden, fasste Gaber in einem Bericht zusammen. 1998 wurde die Mumie an Südtirol übergeben.

Ötzi lag – entgegen ersten Annahmen – knapp auf italienischem Gebiet. 92 Meter entschieden darüber, wer den Mann aus dem Eis ausstellen durfte. Das eigens für die Mumie geschaffene Bozener Archäologie-Museum besuchen rund 300 000 Menschen im Jahr. Und es sollen deutlich mehr werden. Inzwischen gibt es politischen Konsens darüber, dass ein neuer, zeitgerechter Ausstellungsort her muss. «So, wie es ist, kann es nicht bleiben», heißt es bei den zuständigen Behörden. Wird Ötzi in der Nachbarschaft eines Einkaufszentrums liegen oder in der Innenstadt? Die Standortfrage wird wohl nächstes Jahr geklärt.

Auch die Wissenschaftsszene hat Ötzi in Bozen verändert. Es wurde ein Institut für Mumienforschung gegründet, geleitet vom Münchner Biologen Albert Zink. Der Kenner auch ägyptischer Mumien wie Tutanchamun sieht im etwa 45-jährigen Ötzi einen athletischen, trainierten Mann. Studien zu dessen Gesundheitszustand hätten zwar Laktose-Intoleranz, Zahnprobleme, Anlage zu Herz-Kreislauferkrankungen, Gallensteine und Rheuma ergeben. «Aber das verbreitete Bild vom kranken Mann würde ich nicht unterschreiben», sagt Zink. Ötzis inzwischen ebenfalls in Teilen untersuchte Darmflora zeuge von einer gesundheitlich günstigen bakteriellen Vielfalt, die heute zunehmend verloren gehe. Gerade dieser Forschungsansatz habe aktuelle Relevanz beim Verständnis der Rolle des Darms im menschlichen Immunsystem.

Zink ist wie Leitner davon überzeugt, dass es sich lohnen würde, das Schnee- und Eisfeld in der Nachbarschaft des Tatorts genau zu untersuchen. Diesmal in streng wissenschaftlicher Begleitung, die bei der Bergung von Ötzi vor 30 Jahren noch fehlte.

Experten der Kriminalpolizei München haben das Puzzle um Ötzis Tod einmal versucht zusammenzusetzen. Für die Profiler der Kripo handelt es sich eindeutig um einen Mord aus Heimtücke und nicht aus Habgier, da das damals extrem wertvolle Kupferbeil von dem oder den Tätern nicht geraubt wurde. Das Beil mache klar, dass Ötzi Teil der damaligen Elite gewesen sein muss, so der Archäologe Leitner. Möglicherweise habe er sich Feinde gemacht oder den Zeitpunkt seines Abgangs verpasst und musste in einem Hinterhalt sterben.

Ein Beispiel dafür, dass es in der Ötzi-Forschung auch nach vielen Jahren Überraschungen gibt, ist die Pfeilspitze. Erst nach zehn Jahren wurde auf neuen Röntgenbildern und einer Computertomographie erkannt, dass eine Pfeilspitze tief in Ötzis Gewebe steckte und eine wichtige Arterie verletzt hatte. Das Opfer verblutete. «Die Pfeilspitze war auch auf den ersten Röntgenbildern schwach zu sehen, aber niemand hat sie damals registriert», sagt Leitner.

Für Messner, der nur wenige Kilometer von Ötzis letztem Lagerplatz entfernt im Schloss Juval im Schnalstal lebt, ist der Fund des Eismanns ein Impuls aufzuklären. «Er gibt uns Gelegenheit, über das Leben in den Bergen nun über eine längere Zeitstrecke neu zu erzählen.» Dabei sieht der Bezwinger aller 14 Achttausender der Erde auch eine gewisse Verwandtschaft. «Ich halte ihn für einen Halbnomaden, der ich heute noch bin.»

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Sport

«Willkommen, Stefan Kuntz»: U21-Coach wird türkischer Nationaltrainer

U21-Erfolgscoach Stefan Kuntz wird neuer türkischer Nationaltrainer. Der 58-Jährige soll als Nachfolger von Senol Günes die zuletzt enttäuschende Auswahl zur WM nach Katar führen – und zur EM in Deutschland? Der DFB verkündet bald «einen Plan B» zur Nachfolge.

Von Christian Kunz, Anne Pollmann, Holger Schmidt und Miriam Schmidt
Istanbul/Frankfurt (dpa) – Der deutsche U21-Erfolgscoach Stefan Kuntz soll die türkische Nationalmannschaft zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar führen. Der 58-Jährige wurde am Sonntag als neuer Hoffnungsträger der bei der EM und in der WM-Qualifikation enttäuschenden Auswahl vorgestellt. «Willkommen, Stefan Kuntz», twitterte der türkische Verband, mit dem sich der frühere Stürmer über einen Vertrag über drei Jahre geeinigt haben soll. Das würde bedeuten, dass Kuntz mit der türkischen Nationalmannschaft auch den Weg zu EM 2024 in seiner Heimat Deutschland antreten könnte. Wer Nachfolger von Kuntz bei der deutschen U21 wird, ist offen.

Offiziell bestätigt wurde die Vertragslaufzeit von Kuntz in der Türkei zunächst nicht. Auch nicht, mit welchen Co-Trainern Kuntz das Abenteuer am Bosporus angehen wird. Die Unterschrift unter sein neues Arbeitspapier soll am Montag in der Türkei erfolgen, wo Kuntz unter Christoph Daum in der Saison 1995/96 für Besiktas Istanbul spielte. «Glückwunsch, Stefan Kuntz», lautete der erfreute Kommentar seines Ex-Clubs.

Der Deutsche Fußball-Bund verliert damit den erfolgreichsten U21-Nationaltrainer seiner Verbandsgeschichte. Kuntz führte die wichtigste deutsche Nachwuchsmannschaft in drei Endspiele, gewann 2017 und 2021 den Titel. Seit Monaten wurde über die Zukunft des bei Olympia mit dem deutschen Team früh gescheiterten Trainers spekuliert. Zwischenzeitlich galt Kuntz sogar als Kandidat für die Nachfolge von Joachim Löw. Diese trat dann aber Bayerns Sieben-Titel-Trainer Hansi Flick an, der Kuntz damals zum DFB geholt hatte.

Der Wechsel des Fußball-Europameisters von 1996 in die Türkei hatte sich seit Tagen abgezeichnet. Zwischenzeitlich wurde auch über Jürgen Klinsmann oder den Ukrainer Andrej Schewtschenko spekuliert. Kuntz sei von Anfang an der Wunschkandidat für die Nachfolge von Senol Günes gewesen, sagte der türkische Nationalmannschaftsmanager Hamit Altintop am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Kuntz ist nach Sepp Piontek Anfang der 1990er Jahre der zweite Trainer aus Deutschland bei der türkischen Nationalelf.

In der WM-Qualifikation belegt die türkische Mannschaft, die zuletzt gegen die Niederlande mit 1:6 unterging, nur den dritten Platz ihrer Gruppe. Das würde nicht für die WM im kommenden Jahr in Katar reichen. Die EM in diesem Sommer verlief für den WM-Dritten von 2002 frustrierend: Drei Niederlagen gegen den späteren Europameister Italien, Wales und die Schweiz bedeuteten das krachende Vorrunden-Aus. Es hagelte Kritik für Team und Trainer Günes, nach der Holland-Pleite war Schluss für ihn.

Als Spezialist für guten Teamgeist in Mannschaften, das rühmten die U21-Jahrgänge von Kuntz immer wieder, soll er in der Türkei für eine Aufbruchstimmung sorgen. Aus der deutschen U21-Europameister-Mannschaft von 2021, der fast keiner den Titel zu getraut hatte, formte Kuntz überraschend einen Champion. Das dürfte auch den Verantwortlichen im türkischen Verband nach dem desaströsen EM-Auftritt ihrer Auswahl Hoffnung auf bessere Zeiten machen. Kuntz muss aber die Herausforderung der fremden Sprache meistern.

Der DFB hatte Kuntz bereits die Freigabe für einen Wechsel in die Türkei erteilt. Wer auf ihn als U21-Trainer folgt, gab der Verband zunächst nicht bekannt. Im Gespräch ist eine interne Lösung, dafür wären U20-Coach Christian Wörns oder U19-Trainer Hannes Wolf mögliche Kandidaten. «Wir sind auf diese Situation vorbereitet, haben einen Plan B», sagte Meikel Schönweitz, Cheftrainer der deutschen U-Nationalmannschaften, den Zeitungen der Mediengruppe VRM am Samstag.
Für die deutsche U21 geht es in der EM-Qualifikation am 7. Oktober in Paderborn gegen Israel weiter, danach folgen in diesem Jahr noch drei weitere Spiele.

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Feuilleton

Das neue Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt öffnet seine Türen

Das neue Deutsche Romantik-Museum. Nach fast zehn Jahren Streit, Planung, Bauarbeiten und Kampf um die Finanzierung öffnete das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Frankfurt/Main (dpa) – Nach fast zehn Jahren Streit, Planung, Bauarbeiten und Kampf um die Finanzierung öffnete das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt. Direkt neben Goethes Geburtshaus gelegen, dürfte es ein internationaler Besuchermagnet werden. Es sei weltweit das erste Museum, das sich der Epoche der Romantik (etwa 1790 bis 1850) widmet. Neben einer Spiegelwand, interaktiven Landkarten und Hörinseln mit Gedichtvorträgen erwarten Besucherinnen und Besucher auf der Ausstellungsfläche stehpultartige Schaukästen. Darin sind Stücke aus der einzigartigen Sammlung zur Literatur der deutschen Romantik, die in den vergangenen 100 Jahren vom Hochstift zusammengetragen wurde: etwa Handschriften von Clemens und Bettine Brentano, Novalis, den Brüdern Schlegel und Joseph von Eichendorff. Auch andere Kunstformen sind in der Ausstellung vertreten, etwa Kompositionsentwürfe von Robert Schumann oder Werke von Caspar David Friedrich.Auf rund 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist Platz für die Dauerausstellung, weitere 400 Quadratmeter stehen für Wechselausstellungen zur Verfügung. Die Gesamtkosten belaufen sich insgesamt auf rund 18,5 Millionen Euro.

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Gesundheit

Kinderstudie: Mehr Kilos, weniger Fitness im ersten Pandemiejahr

Jugendliche nehmen am Sportunterricht des Kick-Programms, einem Abspeckprogramm für stark 
übergewichtige Jugendliche am Kinderkrankenhaus in Hannover teil.  Foto: picture alliance/dpa

Von Albert Otti
Graz (dpa) – Der Anteil der dicken Grundschulkinder ist bereits nach den ersten Corona-Maßnahmen laut einer österreichischen Studie um rund 20 Prozent gestiegen. Einen deutlichen Negativtrend fand das Forschungsteam der Universität Graz auch bei der körperlichen Ausdauer. Schulen sollten daher jetzt nicht nur Wissenslücken schließen sondern auch bei der Fitness der Kinder aufholen, schrieben sie in einem Artikel, der am Donnerstag im Journal «Jama – Network Open» erschien.

Ursprünglich wollte das Team um Gerald Jarnig am Grazer Institut für Bewegungswissenschaften den Effekt von Sportunterricht untersuchen. Dazu wurden rund 760 Mädchen und Jungen zwischen sieben und zehn Jahren im Raum Klagenfurt im September 2019 gewogen und gemessen. Außerdem wurde die Ausdauer getestet. Wegen monatelanger Schließungen und Schichtbetriebs in den Grundschulen wurde aus der Studie eine Untersuchung über Lockdowns.

Als die Tests im September 2020 wiederholt wurden, waren die Ergebnisse eindeutig: Im Herbst vor der Pandemie waren 20,3 Prozent der Kinder übergewichtig oder fettleibig gewesen. Ein Jahr später lag der Wert bei 24,1 Prozent.

Um die Ausdauer zu untersuchen, liefen die Kinder sechs Minuten lang. Vor der Pandemie kamen sie dabei im Schnitt 917 Meter weit. Im September 2020 waren die erreichten Strecken um 11 Prozent kürzer. «Man kann sagen, dass das eine sehr starke Verschlechterung ist», sagte Ko-Autor Johannes Jaunig der Deutschen Presse-Agentur.

Auch wenn bislang keine weiteren Daten zu diesen Kindern vorliegen, sei anzunehmen, dass sich diese Negativtrends während neuerlicher Lockdowns ab Herbst 2020 fortsetzten, meinte er. Den Autoren zufolge können zusätzliche Kilos und kürzere Laufstrecken nicht nur mit Bewegungsmangel zu tun haben, sondern auch mit Veränderungen der Essgewohnheiten und der psychischen Gesundheit während der Pandemie.

Weil sowohl Stadt- also auch Landkinder untersucht wurden, könnten die Ergebnisse nach Forscherangaben auf Österreich umgelegt werden. Sie seien wahrscheinlich auch mit der Situation in anderen europäischen Ländern vergleichbar, sagte Jaunig.

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Reise

Gardasee: Von den Zitronen zum Edelweiß

Beschaulich: Auf dem Ledrosee geht es deutlich ruhiger zu als auf dem Gardasee. 
Foto: Florian Sanktjohanser/dpa

Von Florian Sanktjohanser
Pieve di Ledro (dpa) – Wer die Ponale hinauf radelt, legt nur ein paar Hundert Höhenmeter zurück. Ein lockerer Halbtagesausflug, zumindest mit dem E-Bike. Doch am Ende der Strampelei, nach all den Kurven in der Steilwand mit sagenhaften Ausblicken auf den Gardasee, scheint man die unsichtbare Grenze zu einem anderen Land zu queren.

Kühler ist es in diesem Hochtal, in das man nun hinein rollt. Rund um den kleinen Ledrosee wachsen keine Pinien und Palmen, sondern Tannen und Buchen. Die Bauernhöfe haben Holzbalkone mit Geranien wie in Tirol. Und der Trubel des Urlaubsorts Riva scheint Welten entfernt.

«Von den Zitronen bis zum Edelweiß» reiche ihr Tal, sagt Natalia Pellegrini. Also von der Mündung des Ponale-Bachs bis zum 2254 Meter hohen Monte Cadria. Urlauber reisen vor allem zum Wandern und Radeln an, erklärt die 38-Jährige, die beim lokalen Tourismusbüro arbeitet. Und um in dem türkisen See zu baden, den keine Winde aufpeitschen wie den Gardasee. Ein Nachtleben gebe es hier nicht.

Auf einer kurvigen Straße hinauf ins Tal
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts kostete es einige Mühe, das Tal zu erreichen. Erst 1851 wurde die Ponale-Straße vollendet, die Ingenieure in die Felswand hoch über Riva del Garda sprengten. Für die ersten Autofahrer müssen die engen Kurven am Abgrund und die schmalen Tunnel ein Abenteuer gewesen sein.

Heute ist die Ponale eine berühmte Route für Mountainbiker und Wanderer. Auch ohne Autos wird es stellenweise eng im Gegenverkehr.

An den Wochenenden werde das Tal seit Beginn der Pandemie von Ausflüglern vom Gardasee überrannt, sagt Anna Maria Santolini, 58, die im Dörfchen Locca eine Pension betreibt. Die meisten Tagesgäste spazieren auf dem rund zehn Kilometer langen Rundweg, der dicht am Ufer um den Ledrosee führt. Oder sie fahren hoch zur Pernici-Hütte oder zum Tremalzo-Pass. Oder sie wandern zur Madonnina di Besta.

Die kurze Tour zum Fotospot – Madonnenstatue vor türkisem See – sei «so etwas wie eine Wallfahrt geworden», sagt Santolini. «Aber wo es schwieriger wird und wo man schwitzen muss, trifft man oft den ganzen Tag keinen Menschen.» Eine Seilbahn, die den Aufstieg abkürzt, gibt es im Ledrotal nicht. Der Weg zu den Gipfeln ist weit.

Eine Genusstour mit traumhaften Ausblicken
Die vielleicht schönste Wanderung verläuft auf einem luftigen Grat von Gipfel zu Gipfel. Bekannt wurde sie vor allem durch das Skyrace, bei dem vor Corona bis zu 500 Bergläufer über die Steige rannten. 19 Kilometer, gut 1600 Höhenmeter. Der Rekord: 1:48 Stunden.

Pio Pellegrini lief 2016 und 2017 mit und war nur ein Stündchen langsamer als die Profis. Er ist 65 und hat eine Herzoperation vor sich, aber ist weiterhin drahtig und fit.

Der Einheimische besteht darauf, seine Tochter Natalia bei der Wanderung über den Gratweg zu begleiten. Über viele Serpentinen kurven die Pellegrinis morgens hinauf zu einem Parkplatz nahe der Alm Malga Trat. Hier beginnt ein beliebter Pfad zum Aussichtsgipfel Cima Pari. «Weg der Kühe» nennen ihn die Einheimischen.

Durch lichten Bergwald steigen Vater und Tochter gemächlich auf. Am Wegesrand leuchten Weidenröschen, Türkenbund und Orchideen in Variationen von Rosa und Pink. «Im Mai ist hier alles weiß und violett von Narzissen und Pfingstrosen», sagt Natalia Pellegrini.

Zur Rechten öffnet sich der Blick auf das Massiv des Monte Cadria. Bald überblickt man den gesamten Kammbogen dahinter, ein Amphitheater aus Fels und Wald. «Die Krone des Val Concei», sagt Pellegrini – und ein Vorgeschmack auf die Prachtblicke, die noch kommen werden.

Spuren eines lang vergangenen Krieges
Ihr Vater hebt ein Steinchen auf. «Blei», sagt er. «Ein Granatsplitter aus dem Ersten Weltkrieg.» Genau hier verlief die österreichische Front, die Italiener saßen auf der anderen Talseite auf dem Monte Tremalzo und Monte Corno.

1915 wurden die Bewohner des Tals von den Österreichern nach Böhmen evakuiert. Aus ihren Häusern brachen Soldaten Balken und Türen, um damit ihre Baracken auf den Bergen zu bauen. Viele der damals noch strohgedeckten Häuser brannten nieder. Als die Bewohner Ende 1918 endlich zurückkehren durften, waren ihre Dörfer zerstört.

Spuren des Kriegs sind in diesen Bergen überall zu finden: Bunker, Geschützstellungen, Dellen von Granateinschlägen in den Wiesenhängen.

Hinter einem Tümpel führt Pio Pellegrini zu einer Ruine an einer Felswand. Hier war das Lazarett der Kaiserjäger. Nach Kriegsende überließ man die Ruine der Natur. Nur ein kleiner Teil wurde als Jägerhütte renoviert, Solarpaneele und ein neuer Metallkamin glänzen in der Sonne.

Durch Blaubeeren und Rhododendren geht es vom Lazarett steil hinauf zur Cima Pari. Am Himmel kreisen ein halbes Dutzend Turmfalken, fern im Süden sieht man die Halbinsel von Sirmione, und im Norden ragen die Felstürme der Brenta-Dolomiten aus den Wolken.

In der klaren Winterluft könne man vom 1988 Meter hohen Gipfel die Lagune von Venedig erkennen, sagt Natalia Pellegrini. An diesem Sommertag ist es dafür zu diesig. Auf dem Wiesengrat kommt eine Herde Schafe langsam näher. Eine feine Route haben sie gewählt. Der nun beginnende Gratweg ist das Prachtstück der Tour. Nichts hindert den Rundumblick auf Gardasee und Ledrosee, auf den 2000 Meter hohen Monte Baldo und auf die roten Dächer der Dörfer und Städte tief unten.

Mitten durchs unmarkierte Gelände
Beschwingt wandert man im leichten Auf und Ab dahin. Ein wenig sollte man allerdings auf seine Füße achten. Der Grat ist gespalten von einem Schützengraben, der längst zugewuchert ist. Prachtnelken tupfen nun Rosa ins grüne Dickicht, ein friedliches Bild.

Trotz aller Schönheit sind nur wenige Wanderer auf diesem Steig unterwegs. Die Fernwanderwege Garda Trek und Sentiero della Pace führen gleich unterhalb entlang, erklärt Pellegrini, der Pfad über den Grat sei nicht vom italienischen Alpenverein CAI markiert. Denn die markierten Wege müsse der CAI auch instand halten.

Verlaufen kann man sich trotzdem kaum auf der Wiesenschneide. Irgendwann zeigt ein windschiefes Kreuz aus Ästen an, dass man den zweiten Gipfel erreicht hat. Eigentlich. Das offizielle Stahlkreuz der Cima d‘Oro aber wurde auf eine Felsnase über einer Steilwand betoniert. Vielleicht, weil der Tiefblick aufs glitzernde Türkis des Ledrosees von hier noch bezaubernder ist.

Goldspitze heißt der Gipfel, weil er der letzte ist, den abends die Sonne anstrahlt. Das Dorf Pre dagegen, das sich tief unten ins enge Tal zwängt, erreicht drei Monate im Jahr kein Lichtstrahl. Die Rückkehr der Sonne Anfang Februar feiern die Bewohner mit einem Fest.

Das Ledrotal ist eher die Welt des Edelweißes als der Zitronen. «Alle in unserer Familie sind Mitglied im Alpenverein», sagt Anna Maria Santolini. Während der Pandemie hätten selbst die Wandermuffel damit begonnen, auf die Berge zu steigen. Früher, als Santolini Vorsitzende der Alpenvereinssektion im Ledrotal war, ist sie viel mit Botanikern gewandert. Und hat dabei viel über die Bergflora gelernt.

«Monte Tremalzo und Monte Cadria waren Nunatakker», erklärt sie. Das bedeutet, dass ihre Gipfel in der letzten Eiszeit aus dem Meer von Gletschern ragten. So konnten sich auf ihnen ungestört viele Pflanzen und Tiere entwickeln. Entsprechend groß ist die Artenvielfalt bis heute. In den Ledro-Alpen wachsen die meisten endemischen Pflanzen im Trentino. In den Hochtälern nisten Steinadler. Im Frühling dieses Jahres kam ein Bär sogar in die Dörfer. Die Forstbehörde fing ihn ein und verpasste ihm ein GPS-Halsband.

Spuren einer frühen Vergangenheit
Die Natur ist hier wild geblieben. Dabei ist das Tal seit Urzeiten besiedelt. Das zeigt eindrucksvoll die wohl berühmteste Attraktion des Ledrotals: das Pfahlbaumuseum. Zusammen mit mehr als 100 ähnlichen Fundstellen gehört es seit 2011 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Als 1929 der Wasserstand des Sees für ein Kraftwerk gesenkt wurde, wurden Wissenschaftler auf den Wald aus Pfählen aufmerksam. Am Ende hatten sie 12 000 nummeriert, erzählt Anna Maria Santolini, die regelmäßig Gäste durchs Museum führt. Mit schweren Steinen wurden die Pfähle einst in den Seeboden gehämmert. Durch viereckige Löcher schoben die Baumeister Balken, darauf legten sie einen Bretterboden. «Venedig wurde nicht viel anders gebaut», sagt Santolini.

In den Vitrinen des Museums steht eine erstaunliche Fülle an Fundstücken: Dolche und Diademe aus Bronze. Schüssel, Tassen und Amphoren, geschmückt mit Wellenlinien. Und sogar eine Bernsteinkette von der Ostsee, Zeuge schwunghaften Handels. Selbst ein versteinertes Brotstück wurde am Grund des Sees entdeckt. Und ein Gürtel aus Leinen, konserviert durch das Silizium im Schlamm. Sein Rautenmuster ist bis heute gut zu erkennen.

Vier Pfahlhäuser haben die Wissenschaftler nachgebaut, um der Vorstellungskraft der Besucher auf die Sprünge zu helfen. Bänke um eine Feuerstelle sind mit Fellen gepolstert, neben einem Webstuhl hängen gefärbte Wollschnüre. «Aber wie die Häuser wirklich aussahen, wissen wir nicht», sagt Santolini.

Im Jahr 2012 wurden erneut Feuersteinspitzen gefunden, als Wildschweine eine Wiese oben in den Bergen aufrissen. Über eine Feuerstelle waren sie datierbar: Das Jagdlager war 10 000 Jahre alt.
«Das zeigt, dass schon in der Steinzeit Jäger und Sammler auf unseren Pässen unterwegs waren», sagt Santolini. Gut möglich, dass die vom Gardasee entlang des Ponale-Bachs in das Tal herauf wanderten. Ob es ihnen auf Anhieb so gut gefiel wie den Touristen heute?

Infokasten: Ledrosee
Anreise: Mit dem Zug bis nach Rovereto, von dort fährt man mit dem Bus über Riva del Garda zum Ledrosee.
Reisezeit: Am schönsten zum Wandern sind der Frühling und Herbst. Von Mitte Mai bis Ende Juni blühen die Almwiesen, von Juni bis Mitte Juli die Wiesen auf den Kämmen und Gipfeln.
Übernachtung: Am Ledrosee gibt es viele Hotels und Pensionen, dazu stehen fünf Campingplätze bereit.
http://www.vallediledro.com

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Lässig und bequem: Oversized-Mode

Weite, fließende Stoffe machen den Oversized-Look aus.
Und eine enge Stelle zur Betonung der Figur – wie zum Beispiel
dieses Kleid von Essentiel Antwerp verdeutlicht. Foto: Essentiel Antwerp/dpa

Von Andrea Abrell
Berlin (dpa) – Lässig und bequem soll die Mode jetzt sein: Weit geschnittene Kleidung läuft körperbetonten Styles immer mehr den Rang ab. Das heißt aber nicht, dass die engen Teile eingemottet werden müssen – es braucht sie, damit der Übergroßen-Look gut wirkt.

«Denn sonst sieht man schnell so aus, als habe man über Nacht 20 Kilo zugelegt», beschreibt Inka Müller-Winkelmann, Shoppingberaterin aus Schildow bei Berlin. Die Faustregel für das Styling der Oversized-Stücke lautet daher: «weit zu eng».

Man trägt beispielsweise ein weites Shirt zu einer schmal geschnittenen Hose oder eine lässig geschnittene Hose zu einem engen Top. So ungefähr geht man auch mit Einteilern wie Oversized-Kleidern um: Sie brauchen eine enge Stelle am Körper, damit die Figur noch zu erahnen ist. Daher rät Müller-Winkelmann zu einem «Gürtel, der die Taille betont».

So holt man das Beste aus diesem Trend heraus. Ein Vorteil: «Die Oversized-Mode ist natürlich ideal für alle, die ein paar überflüssige Pfunde geschickt kaschieren möchten», erklärt die Designerin Ritchie Karkowski aus Timmendorfer Strand.

Fließende Stoffe und gute Qualität
Ein weiterer Tipp: Der Style lebt auch von den Materialien der Kleidungsstücke. Für die Shoppingberaterin Inka Müller-Winkelmann sind weich fließende Stoffe von guter Qualität daher besonders wichtig für den Look. Sie rät etwa zu einem weit geschnittenen Hemd aus einem halbtransparenten Material wie Organza.

Und die Stylistin Maria Hans aus Hamburg ergänzt: «Gekonnt sieht Oversized aus, wenn man Stoffe in verschiedenen Strukturen miteinander kombiniert, wie etwa einen weiten Pulli aus grobem Sommerstrick zu einer Hose aus glattem Material.»

Neben Organza ist für Hans Spitze ein tolles Material für diesen Trend, da er eine Portion Weiblichkeit in den Look bringe. Das gilt auch für sogenannte Cut-Outs, also geschickt vom Designer gesetzte Ausschnitte im Stoff, durch die ein Stück Haut hervorblitzt.

Tragekomfort steht im Vordergrund
Bei der Auswahl der Materialien, Schnitte und Kombi-Teile sollte man eines nicht vergessen: Bei diesem Trend geht es vor allem darum, dass er für die Trägerin bequem sein soll.

Also statt sich in eine enge Hose zu quetschen, sollte man auf Teile mit angenehmen Schnitten oder Materialien achten. Designerin Ritchie Karkowski rät zum Beispiel eine weite Bluse oder ein Hemd im Boyfriend-Style mit bequemen Leggins oder schmal geschnittenen Stretchhosen zu kombinieren. «Dazu kann man dann auffallenden Schmuck kombinieren.»

Auch die Farben hält Karkowski bei diesem Look für besonders wichtig: «Mit leuchtenden Tönen wie etwa Orange oder Grasgrün wirkt der Oversized-Trend frisch und modern.» Aber auch frische Pastellfarben wie Apricot, zartes Gelb oder Hellblau sind gerade sehr angesagt.

Übrigens: «Den Oversized-Look sieht man nicht nur bei lässiger Freizeitmode, sondern auch bei den aktuellen Business-Anzügen», berichtet Hans. «Die sind ebenfalls lässig weit geschnitten.»

Und auch hier kommt die eigene Figur am besten zur Geltung, wenn man die Grundregel für diesen Style übernimmt: Man trägt weit zu eng – also entweder Blazer oder Hose sollte an der Trägerin so wirken, als wäre das Stück eigentlich viel zu groß.

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST-Wortschatz

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Streit um mehr Schadenersatz nach Germanwings-Absturz geht weiter

Den Absturz einer Germanwings-Maschine vor mehr als sechs Jahren überlebte keiner der 150 Insassen. Sechs Jahre später kämpfen Hinterbliebene weiter um zusätzliches Schmerzensgeld. Der Rechtsstreit geht nun in die zweite Instanz.

ARCHIV – 25.03.2015, Frankreich, Le Vernet: Ein Such- und Rettungshelfer steht am Absturzsort des Germanwings Airbus A320, der am 24. März 2015 in den französischen Alpen zerschellt war. Mehr als sechs Jahre nach dem Absturz mit 150 Toten befasst sich am Dienstag ein Gericht mit einer Klage von Hinterbliebenen gegen die Lufthansa. Sie fordern zusätzlichen Schadenersatz . Foto: dpa

Von Florentine Dame
Hamm (dpa) – Mehr als sechs Jahre nach dem Germanwings-Absturz mit 150 Toten befasst sich am Dienstag ein Gericht mit einer Klage von Hinterbliebenen gegen die Lufthansa. Sie fordern zusätzlichen Schadenersatz, weil sie die bisher gezahlten Schmerzensgelder der Germanwings-Mutter nach dem Flugzeugabsturz nicht für angemessen halten – und sehen die Fluggesellschaft in der Verantwortung für das Unglück. Sie und die beauftragten Flugmediziner hätten dafür sorgen müssen, dass der psychisch kranke Co-Pilot kein Flugzeug mehr steuert, so der Vorwurf. In erster Instanz war die Klage abgewiesen worden, nun setzen die Hinterbliebenen ihre Hoffnungen in das Berufungsverfahren am Oberlandesgericht (OLG) in Hamm.

Am 24. März 2015 war Flug 4U9525 von Barcelona kommend in den französischen Alpen zerschellt. Der zeitweise wegen Depressionen behandelte Co-Pilot hatte die Maschine nach Überzeugung der Ermittler absichtlich gegen einen Berg gesteuert. Dabei kamen alle 150 Insassen ums Leben.

Die Kläger werfen der Lufthansa Versäumnisse bei den flugmedizinischen Untersuchungen des Co-Piloten vor. Wären diese gründlich erfolgt, hätte nicht übersehen werden können, dass er unter einer schwerwiegenden Erkrankung litt, fasst das Gericht in einer Ankündigung zusammen. «Er ist bei den jährlichen Untersuchungen auf Flugtauglichkeit einfach nur durchgewunken worden», bemängelt Elmar Giemulla, Anwalt der Kläger, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Warnhinweise seien missachtet worden, die eigentlich hätten aufmerken lassen sollen. So hatte der angehende Pilot demnach seine Ausbildung wegen einer Depression unterbrochen, später war ihm seine Pilotentauglichkeit aber wieder bescheinigt worden. Ein Vermerk dazu in seinen Akten sei fortan ignoriert worden. Auch sei keinem der von der Lufthansa bestellten Flugärzte aufgefallen, dass der Kopilot zuletzt unter starkem Medikamenteneinfluss gestanden habe, argumentiert Giemulla.

In erster Instanz hatte das Gericht die Frage der Haftung anders gesehen und die Klage abgewiesen. Die Lufthansa sei der falsche Adressat etwaiger Schadenersatzansprüche, weil nicht die Fluggesellschaft, sondern das Luftfahrtbundesamt zuständig für die Beauftragung der Flugärzte sei. «Niemand käme auf die Idee, den Fahrlehrer, der die Überlandfahrten begleitet hat, in die Pflicht zu nehmen, wenn ein Autofahrer Jahre später in den Gegenverkehr fährt», hatte der Vorsitzende Richter am Essener Landgericht in der mündlichen Urteilsbegründung im Juli 2020 gesagt.

Einige der enttäuschten Hinterbliebenen legten Berufung gegen die Entscheidung ein, andere warfen das Handtuch. «Sie sind müde, wollen sich nicht wieder und wieder mit dem Geschehen konfrontieren», sagt Giemulla. Ohnehin habe der Flugzeugabsturz nicht nur die Leben der Menschen an Bord gekostet, sondern auch viele Leben der Hinterbliebenen zerstört. «Jedes Schicksal ist anders, aber niemand von ihnen wird da je drüber hinwegkommen», sagt Giemulla. Eltern litten immens unter der Vorstellung, was ihr Kind in den letzten Minuten des Lebens durchmachen musste. «Diese Fragen werden sie für den Rest ihres Lebens verfolgen». Die Folgen wären in vielen Familien ganz konkret: zerbrochene Ehen, verlorene Arbeitsplätze, psychische Erkrankungen, schwer zu bewältigende Alltage.

Vor dem Hintergrund hätten die gezahlten Summen der Lufthansa seine Mandanten eher verletzt als einen Schaden gelindert: «Eine Entschädigung darf doch den Schmerz, den man hat, nicht auch noch durch eine Beleidigung krönen», sagt Giemulla. Die Lufthansa hat den Erben der Hinterbliebenen laut Urteil des Landgerichts Essen nach dem Unglück pauschal 25 000 Euro für jeden verunglückten Passagier für dessen Todesangst gezahlt. Zusätzlich bekamen unmittelbare Angehörige jeweils 10 000 Euro für ihre erlittenen Schmerzen durch den Verlust.

Die Kläger fordern nun jeweils zusätzliche 30 000 Euro an Schadenersatz – für sich selbst und teilweise andere Geschädigte, die ihre Ansprüche übertragen haben. Es geht laut einem Gerichtssprecher insgesamt um eine Summe von gut 800 000 Euro.

Ob es in dem Prozess bereits am ersten Tag eine Entscheidung gibt, ist offen: Die Richter haben für die Verhandlung, die erst am frühen Abend beginnen wird, zunächst zweieinhalb Stunden Zeit veranschlagt.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Absturz – crash
überlebte – survived
Insassen – passengers
Hinterbliebene – bereaved
zusätzliches – additional
Schmerzensgeld – punitive damages for pain and suffering
befasst sich mit – deals with
Klage – lawsuit
fordern – claim
angemessen – just; reasonable
Fluggesellschaft – airline
Unglück – disaster
Beauftragten – representative
dafür sorgen – take care that
Vorwurf – accusation
abgewiesen – turned down
Berufungsverfahren – appeal proceedings
zerschellt – crashed
absichtlich – intentionally
gesteuert – steered
werfen vor – accuse
Versäumnisse – neglect
Untersuchungen – examinations
gründlich – thoroughly
schwerwiegenden – serious
litt – suffered
fasst zusammen – summarized
Ankündigung – announcement
Flugtauglichkeit – fitness to fly
durchgewunken – waved through
Pilotentauglichkeit – pilot qualification
wieder bescheinigt – reinstitated
Vermerk – record
Haftung – liability
etwaiger – any possible
Schadenersatzansprüche – claims for damages
Luftfahrtbundesamt – federal aviation office
Richter – judge
mündlichen – oral
Urteilsbegründung – arguments that formed the basis of the verdict
enttäuschten – disappointed
Berufung – appeal
Schicksal – fate
Ehen – marriages
bewältigende – cope with
Alltage – everyday life
Mandanten – clients
eher als – rather than
verletzt – injured
Schaden – damange
gelindert – alleviated
krönen – cap
unmittelbare – direct
Angehörige – relatives
Ansprüche – claims
veranschlagt – estimated

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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