26. Juni 2021 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Domspatzen öffnen sich nach mehr als 1000 Jahren auch den Mädchen

Ein Jahrtausend lang war es anders gar nicht denkbar. Bei Gottesdiensten singen Knaben in der Regensburger Kathedrale. Die Domspatzen sind eine weltbekannte Institution – nun kommen ganz neue Zeiten auf sie zu.

ARCHIV – 15.05.2014, Bayern, Regensburg: Die Regensburger Domspatzen singen im Dom St. Peter. Foto: dpa

Von Ulf Vogler
Regensburg (dpa) – In Regensburg fällt eine weitere Männerbastion – zumindest eine Knabenbastion. An der Schule der weltberühmten Domspatzen werden künftig auch Mädchen unterrichtet und als Sängerinnen ausgebildet. Doch wer nun die Tradition des fast 1050 Jahre alten katholischen Knabenchors bedroht sieht, kann sich beruhigen. Seite an Seite sollen Jungen und Mädchen auch künftig im Regelfall nicht in dem Chor musizieren – vielmehr soll es nach Geschlechtern getrennte Chöre geben. Das machten die Verantwortlichen am Dienstag bei der Vorstellung des Projekts klar. 

«Die Regensburger Domspatzen an sich, so wie wir sie kennen, bleiben in der tradierten Form erhalten, nämlich als reiner Knabenchor», betont Domkapellmeister Christian Heiß. Sie blieben der Chor in der Kathedrale. Der Mädchenchor sei als «eine Erweiterung des Portfolios» gedacht, sagt der Chorchef. Gemeinsame Projekte seien aber später auch denkbar.

Die Domspatzen gelten als ältester Knabenchor der Welt und zählen zu den bekanntesten Chören überhaupt. Bei unzähligen Schallplatten- und CD-Aufnahmen haben sie mitgewirkt, regelmäßig sind sie im Fernsehen zu sehen. Tourneen führen die jungen Sänger auch immer wieder auf andere Kontinente, beispielsweise nach Japan oder in die USA.

Ihre Ausbildung findet in einem eigenem Gymnasium statt. Die Schule soll zum übernächsten Schuljahr 2022/23 nun die ersten Mädchen aufnehmen. «Unsere Schule ist neu, modern ausgestattet und bietet beste Lernbedingungen», sagt Schulleiterin Christine Lohse. Sie und Domkapellmeister Heiß betonen, dass in der Vergangenheit immer wieder Eltern gefragt hätten, ob auch Mädchen die Angebote der Einrichtung nutzen könnten.

«Das Einzigartige des Gymnasium ist, dass alle Schüler Chorsänger sind auf höchstem Niveau», erklärt die Studiendirektorin, die 2019 als erste Frau die Leitung des Gymnasiums übernommen hat. Zu dieser Zeit kam auch Heiß als musikalischer Chef zu den Domspatzen. Damals hatte der neue Domkapellmeister bereits angedeutet, dass irgendwann auch Mädchen in die katholische Institution kommen sollen.

Schulleiterin und Chorleiter wollen die Domspatzen weiterentwickeln und für die Zukunft fit machen. Künftig werden nicht nur die Jungen tägliche Gesangsproben haben, auch für die Schülerinnen soll dies von Anfang an so gelten. «Nach einer gewissen Aufbauphase wird der neue Mädchenchor höchsten musikalischen Ansprüchen genügen», verspricht Heiß. Der Chor der Mädchen und Frauen werde eine neue zusätzliche musikalische Säule der Kirchenmusik in Regensburg werden. Zudem würden die Mädchen ebenso wie die Buben auf Konzertreisen geschickt.

Auch von Seiten des Bistums wird die Schaffung eines Angebots für Mädchen unterstützt. «Wir halten diese Öffnung für sinnvoll und heißen die Mädchen am Gymnasium und als Chor bei uns im Dom herzlich willkommen», erklärt Dompropst Franz Frühmorgen.

Der Knabenchor gibt als Gründungstermin das Jahr 975 an, als der Regensburger Bischof Wolfgang eine Domschule einrichtete. «Zu den wichtigsten Aufgaben ihrer Schüler gehörte die liturgische Gestaltung der Gottesdienste in der Domkirche», beschreibt das Bistum Regensburg die Historie.

In der Vergangenheit waren die Domspatzen lange eng mit dem Namen Ratzinger verbunden. Georg Ratzinger, der Bruder des späteren Papstes Joseph Ratzinger, leitete den Chor als Domkapellmeister drei Jahrzehnte lang. Vor knapp einem Jahr starb der Bruder von Benedikt XVI. im Alter von 96 Jahren. Nun brechen für seine Domspatzen neue Zeiten an.

Bis zur Aufnahme der ersten Mädchen bleibt für die Organisatoren noch einiges zu tun. Es müssen neue liturgische Gewänder für die Sängerinnen geschaffen werden, und für die Auftritte bei weltlichen Konzerten soll es auch eine entsprechende Kleidungslinie für die Mädchen geben.
Der Name des Chores ist ebenfalls noch unklar. Sie würden jedenfalls nicht «Domnachtigallen» heißen, macht Heiß klar. Er will den Mädchenchor in irgend einer Weise mit dem Namen Regensburger Domspatzen verbinden. «Es wäre ja Unsinn, die Marke nicht zu nennen», findet der Domkapellmeister. Die Namensgebung sei aber «noch in einer gewissen Findungsphase». 

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Sport

Tokio: No Sex in the City – Japans Olympia-
Macher hoffen auf Stimmungswandel

Normalerweise sind Olympische Spiele ein ausgelassenes Sportfest, bei dem die Welt zusammenkommt und feiert. Bei den Sommerspielen in Tokio steht jedoch weniger der Spaß, sondern mehr die Sicherheit vor Corona im Fokus.

Tokio: Ein Journalist geht auf dem Village Plaza in der Nähe des Olympischen und Paralympischen Dorfes von Tokio 2020 bei einem Presserundgang. Foto: dpa

Von Lars Nicolaysen
Tokio (dpa) – Keine Kondome, kein Alkohol in der Öffentlichkeit, kein Public Viewing, dafür aber vielleicht Tausende Fans in den Stadien: Vor der Entscheidung über die Zulassung heimischer Zuschauer bei den Olympischen Spielen in Tokio versuchen Japans Organisatoren, endlich einen Stimmungswandel im eigenen Volk zu bewirken. So gaben sie am Sonntag Details zu den Corona-Maßnahmen rund ums Olympische Dorf bekannt. Doch einen Monat vor dem geplanten Beginn bleibt die Skepsis im Land groß: Einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage zufolge befürchtet eine Mehrheit der Japaner einen Wiederanstieg der Infektionen, sollten die Spiele stattfinden.

Just am selben Tag gab Japans Regierung bekannt, dass ein Mitglied der Olympia-Mannschaft aus Uganda am Vorabend bei der Ankunft am internationalen Flughafen Narita nahe Tokio positiv auf das Coronavirus getestet und die Einreise untersagt wurde – obwohl das Teammitglied geimpft und vor der Abreise negativ getestet worden sei. Es ist der erste Corona-Fall unter einreisenden Olympioniken. Vor dem Team aus Uganda war als erste ausländische Mannschaft das Softball-Frauenteam aus Australien in Japan angekommen. Am Sonntag folgten dann 14 Mitglieder der Ruder-Olympiamannschaft aus Dänemark.

Die Organisatoren der Sommerspiele in Japans Hauptstadt wollen einem Medienbericht zufolge rund 20 000 Zuschauer zur Eröffnungsfeier der Spiele zulassen. Neben Olympia-Offiziellen sollen bei der Zeremonie am 23. Juli auch Ticket-Inhaber aus Japan zum Zuge kommen, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Sonntag unter Berufung auf informierte Kreise.

Ausländischen Besuchern ist die Einreise zu Olympia verboten. Eine Entscheidung über die Zulassung einheimischer Besucher bei den Wettkämpfen wird für diesen Montag erwartet. Dann beraten die Organisatoren der Spiele mit dem Internationalen Olympischen Komitee, Japans Regierung und der Gastgeber-Stadt Tokio.

Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga hatte sich zuletzt offen dafür gezeigt, bis zu 10 000 Fans in die Arenen zu lassen, sofern nicht mehr als 50 Prozent der Plätze belegt werden. Der wichtigste Corona-Regierungsberater, der Mediziner Shigeru Omi, riet indes davon ab. Auch 40,3 Prozent der japanischen Bürger finden einer am Wochenende landesweit durchgeführten Kyodo-Umfrage zufolge, dass die Spiele ganz ohne Zuschauer abgehalten werden sollten. 30,8 Prozent der Befragten finden gar, dass die Spiele abgesagt werden sollten.

Wegen der andauernden Sorgen vor einer Verbreitung des Virus und seiner Mutationen während der Sommerspiele wurden die geplanten Public Viewings gestrichen. Stattdessen sollen einige der sechs dafür vorgesehenen Schauplätze als Impfzentren genutzt werden, wie Tokios Gouverneurin Yuriko Koike am Samstag verkündete. Der Impfprozess lief in Japan äußerst langsam an und nimmt erst seit kurzem Fahrt auf.

Auch die Athleten sind sehr strengen Hygienie- und Verhaltensregeln unterworfen. So sind sie aufgefordert, im Olympischen Dorf Abstandsregeln einzuhalten und «unnötige Formen des physischen Kontakts» zu vermeiden. Entgegen der Tradition werden sie daher diesmal keine Kondome erhalten, wie die Organisatoren am Sonntag bei der Vorstellung des Dorfes bekanntgaben. Seit den Spielen 1988 in Seoul ist es bei Olympia üblich, dass den Olympia-Athleten Kondome zur Verfügung gestellt werden. Diesmal jedoch werden sie die 160 000 eingeplanten Verhütungsmittel erst bei der Abreise bekommen.

Alkohol dürften die Sportler zwar trinken, aber nur privat in ihren Zimmern, hieß es. Außer beim Essen oder Trinken sowie dem Training müssen die Athleten stets Masken tragen, sich täglich Corona-Tests unterziehen und Abstand halten. Rund 18 000 Athleten und Offizielle werden in 21 Gebäuden innerhalb des 44 Hektar großen Olympischen Dorfes in der Bucht von Tokio wohnen. Es befindet sich rund sechs Kilometer vom neuen Olympia-Stadion entfernt und wird wegen seiner guten Erreichbarkeit und der für Para-Athleten guten Nutzbarkeit gelobt. In die Wohnungen ziehen nach den Spielen normale Bürger ein.

Wer von den Olympioniken gegen die diversen strengen Verhaltensregeln verstößt, dem drohen teils drakonische Strafen, von Geldbußen über Disqualifikation bis hin zu einer Ausweisung aus Japan. Laut IOC werden 80 Prozent der Athleten im Olympischen Dorf mit Beginn der Spiele geimpft sein. Das Event war wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben worden. Die Spiele sollen nun am 23. Juli eröffnet werden.

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Feuilleton

Kunsthaus Apolda zeigt Hundertwasser

Zwei Siebdrucke (l) mit dem Titel „Olympische Spiele 1972“ des Künstlers Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) werden in der Ausstellung „Schönheit ist ein Allheilmittel“ gezeigt. Foto: Martin Schutt/dpa

Apolda (dpa) – Architekt, Maler, Umweltaktivist: Mit Arbeiten des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) steigt das Kunsthaus Apolda nach coronabedingter Zwangspause wieder in das Ausstellungsgeschehen ein. Von Samstag an werden dort rund 80 Arbeiten Hundertwassers gezeigt, wie der Kunstverein Apolda Avantgarde am Freitag mitteilte. Darunter sind 43 Originalgrafiken, außerdem Fotografien seiner Architekturprojekte und Poster für internationale Umweltorganisationen. Hundertwasser gehört zu den bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts, berühmt ist er vor allem für seine verspielt wirkenden Häuser.

Die Corona-Pandemie hatte die ursprünglichen Ausstellungspläne des Kunsthauses kräftig durcheinandergewirbelt. Für die Hundertwasser-Schau unter dem Titel «Schönheit ist ein Allheilmittel» seien seit Dezember fünf verschiedene Ausstellungszeiträume abgesprochen worden, immer wieder mit neuen Finanzierungsplänen und Hygienekonzepten, hieß es am Freitag. So war eine Eröffnung bereits für Mitte Januar geplant, der Lockdown machte allerdings einen Strich durch die Rechnung der Organisatoren. Inzwischen erlauben die Infektionszahlen in Thüringen die Eröffnung von Museen, Galerien und Ausstellungshäusern. Die Hundertwasser-Ausstellung dürfen allerdings nur 40 Personen gleichzeitig besuchen, Führungen werden vorerst nur montags für Gruppen mit maximal zehn Personen angeboten. Die Ausstellung soll bis zum 19. Dezember gezeigt werden.

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Gesundheit

Junkfood für Kids – «Fertig-Currywurst auf die rote Liste!»

Junkfood wie Chicken Nuggets mit Pommes und Ketchup sollten Kinder nur gelegentlich essen. Foto: Tobias Hase/dpa

Von Tom Nebe
Hamburg (dpa) – Das Kind holt sich schon, was es braucht! Mit diesem Satz versuchen sich Eltern zu beruhigen, wenn ihr Nachwuchs Gemüse schmäht und stattdessen lieber täglich Buttertoast und Wurst in sich hineinschiebt. Doch auch wenn die Väter und Mütter beim Thema Ernährungserziehung nicht verkrampfen sollten – die Zügel ganz locker lassen sollten sie auch nicht.

«Die Eltern haben Vorbildfunktion», sagt der Hamburger Ernährungsmediziner Matthias Riedl. Im Interview erklärt er, warum Väter und Mütter ihr Kind beim Essen «fehlprägen» können und weshalb Heranwachsende aus seiner Sicht noch mehr vor Werbung für ungesunde Lebensmittel geschützt werden sollten.

Frage: Herr Riedl, es heißt oft: Kinder können alles essen. Stimmt das?
Matthias Riedl: Nein, weil wir in einer ernährungsfeindlichen Umgebung leben. Kinder sollten nicht alles essen und vor allem nicht früh alles essen.

Frage: Warum?
Riedl: Im Mutterbauch und in den ersten beiden Lebensjahren wird das Geschmacksempfinden des Kindes fürs Leben wesentlich geprägt. Was soll das einjährige Kind lernen, wenn man ihm etwa einen Schoko-Weihnachtsmann in die Hand drückt? Das braucht es nicht zu lernen, denn es ist in unseren Genen eingeprägt, dass Süßes ungefährlich und ein Kohlenhydrat-Träger ist.

Frage: Süßes gibt es in der Regel nur in Maßen. Wo ist der Kern des Problems bei der Ernährungsprägung?
Riedl: Wir leisten uns die Ignoranz, zu sagen, dass wir erstens keine Tiere sind, was nicht stimmt, und deshalb zweitens keine artgerechte Ernährung brauchen. Was auch nicht stimmt. Unsere artgerechte Ernährung ist pflanzenbasiert, was weder vegan noch streng vegetarisch bedeutet. Aber 500 Gramm Gemüse am Tag sollten später auf den Teller von Erwachsenen landen – und hier sind die ersten 1000 Tage des Heranwachsenden wichtig für die Prägung.

Frage: Was sollten Eltern also tun?
Riedl: Wer früh mit Gemüse experimentiert, führt die Kinder an echten Geschmack heran. Kinder müssen zum Beispiel eine Toleranz gegenüber Bitterstoffen entwickeln, die in Pflanzen vorkommen. Lernen sie das nicht, werden sie Gemüse auch später eher ablehnen. Wer früh auf Fertigprodukte setzt, gewöhnt die Kinder an deren Geschmack. Das gilt zum Beispiel auch für Wurst.

Das heißt nicht, dass ich verarbeitete Lebensmittel ablehne. Doch es ist so, dass gerade bei jugendlichen Jungs der Wurstkonsum im Schnitt zwei- bis dreimal höher als empfohlen ist. Das kann auf Dauer zum Beispiel das Darmkrebsrisiko erhöhen.

Frage: Unsere fast 3-jährige Tochter isst kein Obst, egal in welcher Darreichungsform. Aber immerhin Gemüse, zumindest in Suppen oder als Beilage von Gerichten. Ist das ein Problem?
Riedl: Nein, das ist absolut in Ordnung. Wir können auf Obst verzichten, aber nicht auf Gemüse. Umgekehrt würde der Deal also nicht funktionieren, weil Obst sehr zuckerlastig ist.

Frage: Gerade in der Vorschulzeit hört man immer wieder den Satz, dass der kindliche Körper sich schon das aus dem Essen holt, was er braucht. Wie sehen Sie das?
Riedl: Sie sprechen die Idee des intuitiven Essens an. Das funktioniert in einer natürlichen Umgebung, aber nicht in unserem ernährungsfeindlichen Umfeld. So ein Angang kann dazu führen, dass ich Hilferufe von Eltern bekomme, die sagen: Unsere 11-jährige Tochter isst nur Toast, Nudeln und Fischstäbchen. Hier haben Eltern die gesunde Ernährungsprägung verpasst und ihr Kind fehlgeprägt.

Frage: Ab wann machen sich solche schlechten Ernährungsgewohnheiten körperlich bemerkbar?
Riedl: Eine Fehlernährung wirkt sich schleichend auf die Gesundheit aus. Zu Beginn der Jugendzeit, mit zehn bis zwölf Jahren, sinkt der Energiebedarf des Kindes, zu viel aufgenommene Kohlenhydrate setzen an. Das Problem sind nicht nur zu viel Gewicht und möglicherweise steigender Bluthochdruck. Die Ernährungsweise ist quasi fürs Leben gesetzt und wirkt sich etwa auch auf die geistige Leistung aus.

Frage: Wie gefährlich ist der tägliche Konsum von Pizza und Burger für Kinder?
Riedl: Das verdirbt ganz sicher die Ernährungsprägung und hat ohne Zweifel ungünstige Auswirkungen auf die Entwicklung des Stoffwechsels. Man erhöht damit das Diabetes-Risiko und es ist auf Dauer auch nicht gut für die Blutgefäße.

Frage: Welche Dosis Junkfood und Fast Food ist aus ihrer Sicht okay?
Riedl: Ein bis zweimal im Monat ist für mich absolut in Ordnung. Alles darüber gerät zur Gewohnheit.

Mein letzter Tipp: Regelmäßigkeit ist Trumpf. Wer nur einmal im Quartal Linsensuppe auftischt, wird wohl immer wieder Gemecker ernten. Serviert man sie wohldosiert jede Woche oder aller zwei Wochen einmal, dann wird das Gemecker mit der Zeit verstummen.

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Reise

Overtourism: Promis kritisieren Kreuzfahrten in Venedig

Zum ersten Mal seit der Corona-Pandemie passiert mit der MSC Orchestra ein Kreuzfahrtschiff den Giudecca-Kanal bei Venedig.  Foto: dpa

Venedig (dpa) – Sie stören nicht nur das Stadtbild, sondern schwemmen jährlich auch Millionen Touristen an Land. Aktivisten wollen Kreuzfahrtschiffe daher aus Venedig verdammen. Nun bekommen sie prominente Unterstützung.

In einem offenen Brief an Italiens Regierung haben unter anderem Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger und andere Promis den Kreuzfahrtverkehr in Venedig kritisiert.

„Stop für den Verkehr großer Schiffe in der Lagune“, hieß es in dem Schreiben, das auf den 1. Juni datiert war und der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Die Initiatoren klagten über das „absolute Fehlen von Respekt gegenüber einem der wichtigsten Weltkulturerbe“. Es brauche ein Gesetz, damit die kulturelle Identität der Stadt gewahrt bleibe.

Die gemeinnützige Organisation Venetian Heritage hatte den Brief aufgesetzt. Neben Rocker Jagger unterstützten auch Schauspielerin Tilda Swinton und Regisseur James Ivory die zehn Punkte des Papiers. Die Promis kritisierten unter anderem auch das Ungleichgewicht in der Stadt zwischen Bewohnern und Touristen. Sie forderten, die Regeln für das Vermieten von Wohnungen an Urlauber zu verschärfen und die Massen an Touristen besser zu organisieren.

Vor der Corona-Pandemie hatte Venedig jährlich Millionen von Touristen beherbergt. Die Stadt war Ziel vieler Kreuzfahrtschiffe, über die seit Jahren gestritten wird. Die Regierung in Rom hatte Ende März grünes Licht für Pläne gegeben, um besonders die großen Pötte aus der Altstadt zu verbannen. Sie sollen in einem Hafen außerhalb der Lagune anlegen. Dazu werden Ideen gesucht.
Am Samstag soll nach gut eineinhalb Jahren wieder ein großes Kreuzfahrtschiff aus Venedig ablegen, wie der Hafen auf Nachfrage bestätigte.

Medienberichten zufolge wird es durch die Lagune und am Markusplatz entlang fahren, was für Wirbel sorgte. Die Bewegung „No Nav“, die die Kreuzfahrer aus der Lagune haben will, kündigte auf Facebook Proteste an.

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Heikles Thema: Wenn das Autofahren im Alter riskant wird

Lässt die Fahrtauglichkeit bei den Eltern oder dem Partner mit dem Alter nach, bereitet das Angehörigen ordentlich Bauchgrummeln. Doch wie spricht man das an? Viele ältere Autofahrer sind noch gut in der Lage, den Verkehr um sich herum wahrzunehmen. Doch bei manchen sorgen körperliche Probleme und das Nachlassen kognitiver Fähigkeiten für Probleme. Regelmäßige Untersuchungen für Senioren mit Führerschein sind in Deutschland in der Diskussion.

Regelmäßige Untersuchungen für Senioren mit Führerschein sind in Deutschland in der Diskussion. Foto: Wolfram Kastl/dpa

Von Ricarda Dieckmann
Stuttgart (dpa) – Zum Supermarkt oder auf einen Kaffee zur Freundin: Für viele Ältere gehört das Autofahren seit Jahrzehnten zum Alltag. Doch was, wenn der Vater immer wieder Stoppschilder ignoriert oder die Partnerin ständig erst im letzten Moment bremst?

Angehörige sorgen sich, dass der geliebte Mensch sich selbst und andere in Gefahr bringen könnte, und sind zugleich unsicher, wie sie das heikle Thema am besten zur Sprache bringen.
Wichtig zu wissen ist, dass ältere Autofahrerinnen und -fahrer nicht per se eine Gefahr im Straßenverkehr darstellen. Insgesamt sind sie seltener als andere Altersgruppen in Unfälle verwickelt.

Jedoch: «Daten zeigen, dass erst die Ab-75-Jährigen zu einer besonderen Risikogruppe für Unfälle werden», erklärt Andrea Häußler, Verkehrspsychologin und Mitglied der Geschäftsleitung der Tüv Süd Life Service GmbH. Dann kommt es oft zu schweren Unfällen, die damit zusammenhängen, dass die Fahrtauglichkeit durch Krankheit oder Leistungsabbau nachgelassen hat. Viele Menschen können im Alter nicht mehr so gut sehen oder hören. Auch die Beweglichkeit nimmt ab, was etwa den Schulterblick beim Abbiegen erschwert.

Weniger Konzentration und Aufmerksamkeit
«Zu den normalen Alterungsprozessen gehört zudem, dass Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne nachlassen», sagt die Verkehrspsychologin Claudia Happe. Dazu steigt mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten. So können etwa Demenzkranke zwar oft noch ein Auto bedienen, allerdings die Informationen des Verkehrs nicht mehr zuverlässig verarbeiten. Oft sind es auch Nebenwirkungen von Medikamenten, die es riskanter machen, sich ans Steuer zu setzen.

Viele Veränderungen setzen schleichend ein. Oft fallen sie Außenstehenden schneller auf als den Betroffenen selbst. Und doch: «Viele ältere Menschen merken selbst, wenn sie sich am Steuer nicht mehr wohlfühlen – und ziehen Konsequenzen», sagt Andrea Häußler. Andere hingegen halten am Autofahren fest, obwohl sich ihre Angehörigen das anders wünschen.

Häufen sich grobe Fehler beim Fahren oder kommt es gar zu einem Unfall, sind das klare Warnsignale. Es gibt aber auch feinere Anzeichen dafür, dass die Fahrtauglichkeit nachgelassen hat: «Zum Beispiel, wenn jemand immer wieder eine verspätete Reaktion zeigt, etwa an der Ampel oder in einer Vorfahrtsituation», sagt Claudia Happe. «Auch, wenn jemand auf einmal zögert, fremde Strecken zu fahren, kann das ein Warnzeichen sein.»

Schwindet am Steuer immer mehr die Geduld und wird häufiger über andere Autofahrer geschimpft, kann das Unsicherheit zeigen. Auch ein Blick auf den Zustand des Autos spricht manchmal Bände: Gibt es kleinere Beschädigungen, die beim Parken entstanden sein können? «Spätestens, wenn man selbst Angst hat, mit der betroffenen Person im Auto zu fahren, sollte man das Thema ansprechen», rät Andrea Häußler.

Führerschein als Symbol der Unabhängigkeit
Ein solches Gespräch ist alles andere als einfach für beide Seiten. «Für ältere Menschen, die womöglich jahrzehntelang unfallfrei gefahren sind, ist es schwierig, wenn sie gespiegelt bekommen, dass sie etwas falsch gemacht haben», sagt Claudia Happe. Der Führerschein ist für viele Menschen ein Symbol der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Das aufzugeben, ist ein schmerzhafter Schritt. Insbesondere für Menschen, die Bus oder Bahn nicht in der Nähe haben.
Deshalb sollten Angehörige das Thema behutsam ansprechen. Ein Einstieg kann sein, seine Beobachtungen zum Fahrverhalten sachlich zu beschreiben. Und Sorgen oder Befürchtungen, die damit einhergehen. «Es geht darum, das Drama aus dem Thema rauszunehmen und gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie man die Mobilität in Zukunft gestalten kann», sagt die Verkehrspsychologin Birgit Scheucher.

Die gute Nachricht: Zwischen «Alles bleibt wie gehabt» und «Der Führerschein kommt weg» liegen viele weitere Lösungen.

Es muss nicht immer der radikale Schnitt sein
So ist denkbar, dass die Person in Zukunft mehr Pausen einlegt oder auf Fahrten bei Regen oder in der Dunkelheit verzichtet. «Nimmt jemand Medikamente und weiß, dass die Nebenwirkungen morgens am schwächsten sind, kann es sinnvoll sein, nur zu dieser Tageszeit Auto zu fahren», sagt Andrea Häußler. Entscheidet man sich, das Autofahren aufzugeben, kann man den Führerschein auch erstmal behalten.

Die beste Lösung ist die, die individuell auf den Menschen zugeschnitten ist. Auf dem Weg dorthin kann eine Einschätzung von außen hilfreich sein. So kann man einen Fahrlehrer oder eine Fahrlehrerin mit dem Betroffenen eine Runde fahren lassen und um ein Urteil bitten.

Was hinter Mobilitätschecks steckt
Einen noch detaillierteren Überblick über die Fahrtauglichkeit geben Mobilitäts- beziehungsweise Fitnesschecks von verschiedenen Anbietern wie dem ADAC, den Technischen Überwachungsvereinen (Tüv) oder Dekra.

Solche Checks bestehen in der Regel aus einer verkehrsmedizinischen Untersuchung und einer Autofahrt. «Hier werden unter anderem die Konzentrationsfähigkeit oder das Reaktionsvermögen getestet», erklärt Häußler. «Am Ende steht dann eine Empfehlung, die vertraulich ist und keiner Behörde gemeldet wird. Man kann das Ergebnis also auch für sich behalten.»

Ursachen der Gegenwehr ergründen
Doch was, wenn der Betroffene weder zu Einsicht noch zu einem Check bereit ist? Und sich jedes Gespräch zum Thema festfährt?

Dann kann es sinnvoll sein, genau das zum Thema zu machen und aufzuspüren, welche Ängste hinter der Gegenwehr stecken. «Wie solche Gespräche verlaufen, hängt natürlich von der Beziehung zwischen den beiden Menschen ab», sagt Birgit Scheucher. Gab es schon zuvor Konflikte zwischen beiden Seiten, ist auch bei dem Thema eine Eskalation wahrscheinlich.

«Man kann dann darüber nachdenken, ob es vielleicht eine Person gibt, die besser geeignet ist, um die Botschaft zu überbringen», rät Scheucher. Das kann etwa die Hausärztin sein, vielleicht aber auch der gute Freund des Vaters, der schon vor zwei Jahren seinen Führerschein abgegeben hat und damit als Vorbild dient.

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST-Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

Kommt in Südafrika die «Vielmännerei»?

Ein Partner oder mehrere – in manchen Ländern ist das kein Problem. Zumindest nicht für Männer, die der Vielehe etwas abgewinnen können. Nun wird in Südafrika gleiches Recht für alle gefordert.

ARCHIV – 06.07.2017, Hamburg: Jacob Zuma (l), Präsident von Südafrika, und seine Frau Tobeka Madiba-Zuma kommen zum G20-Gipfel an. Foto: dpa

Von Ralf E. Krüger
Johannesburg (dpa) – Jacob Zuma ist ein bekennender polygamer Ehemann mit drei Ehefrauen. Südafrikas Ex-Präsident brachte mehr als einmal das Protokoll bei Staatsbesuchen ins Grübeln, wenn es um die Frage ging, welche First Lady ihn bei Auslandsreisen begleiten darf. Die Behörden am Kap haben mit Hinweis auf jahrhundertealte Traditionen keine Bedenken gegen Mehrehen oder Polygamie.

Mehrfachehen gelten in patriarchalischen Gesellschaften zudem oft als Zeichen männlichen Wohlstands – auch wenn in Südafrika nur ein Bruchteil des männlichen Teils der Gesellschaft Zweit-, Dritt- oder sogar Viertfrauen hat. Tatsache war bisher aber: Mehrfachehen sind ausschließlich Männern vorbehalten. Das könnte der Gesetzgeber am Kap nun bald ändern.

Er will nicht nur allgemein die Anliegen der Frauen stärken, sondern denkt gerade darüber nach, ihnen auch bei diesem Thema volle Gleichberechtigung gewähren. Polyandrie heißt der Fachausdruck, wenn Frauen mehrere Männer heiraten. Die Regierung hat Anfang Mai einen entsprechendes Diskussionspapier für eine Änderung des Familienrechts veröffentlicht – seitdem ist die Debatte darüber in vollem Gange. Bis Ende des Monats hat die Öffentlichkeit Zeit, sich dazu zu äußern.

«Der Entwurf zielt zunächst darauf ab, im Familienrecht auch einige religiöse Eheschließungen anzuerkennen», erklärt die Rechtsdozentin Amelia Rawhani-Mosalakae. Sie befürwortet die gesellschaftliche Debatte – auch wenn sie selbst nicht unbedingt eine Notwendigkeit für eine gesetzliche Verankerung der Polyandrie sieht.

Besonders in konservativen Gesellschaftskreisen ist die Empörung jedoch groß. Keine afrikanische Gesellschaft erlaube sowas, schnaubte der Vorsitzende der African Christian Democratic Party, Kenneth Meshoe, in einem Interview. Öffentlich warf er die Frage auf, ob Polyandrie nicht Konflikte in die Vielehe trage. Andere Gegner des Vorstoßes – darunter auch christliche Würdenträger – verwiesen auf potenzielle Verwirrung bei den Kindern des Familienverbunds durch mehrere Väter gleichzeitig.

Innenminister Aaron Motsoaledi zeigte sich frustriert über die Qualität der Debatten. «Ich bin zutiefst enttäuscht darüber, dass der nationale Dialog in Zynismus und Wortgefechte abglitt», sagte er Mitte Mai im Parlament. Er sei irreführend und wirke zerstörerisch. Der Entwurf sei eine Art Diskussionspapier, das die Ehepolitik des Landes auf den drei Stützen der Verfassung zu verankern suche: Gleichheit, Würde und Nicht-Diskriminierung. Es sei keine erklärte Regierungspolitik, sondern solle gesellschaftliche Debatten fördern.

Matriarchalische Gesellschaften existieren zwar in Afrika, sind aber selten. In Südafrika etwa geht die Herrschaft der Rain Queen auf eine lange Tradition zurück, die gerade aber unterbrochen wird durch die bevorstehende Interims-Einsetzung eines männlichen Thronfolgers. Die Rain Queen steht der Balobedu-Volksgruppe in Südafrikas Limpopo-Provinz vor.

«Ich fände es eine gute Sache, das Ganze rechtlich in verbrieften, einklagbaren Strukturen festzuhalten, denn das Gewohnheitsrecht wandelt sich ja auch mit den Jahren», sagt die deutsche Juristin Karin Pluberg, die als Beraterin am Afrikanischen Gerichtshof für Menschenrechte im tansanischen Arusha tätig war. Sie verweist auf den Fall einer Kenianerin, die vor einigen Jahren zwei Männer geheiratet hat. Sie wurden nach dortigem offiziellen Recht als Ehepartner anerkannt.

Musa Mseleku – ein bekennender Polygamist – meinte jedoch in einer TV-Debatte: «Das ist doch verrückt; ich kenne keinen Mann, der bei Verstand ist und eine Situation zulassen würde, in der er sich mit den anderen Männern um ein Kind streitet». Auch der südafrikanische Familienrechtsexperte Muhammad Abduroaf verwies in der Debatte auf viele offene legale Fragen. «Aus meiner beruflichen Sicht kann und wird es nicht funktionieren: Wir zwingen bestimmten Kulturen und Religionen westliche Prinzipien auf

Sibongile Ndashe dagegen ist anderer Ansicht. Die südafrikanische Frauenrechtlerin ist eine der Befürworterinnen des Vorschlags und meint: «In einer Gesellschaft wie der unsrigen ist es lohnenswert, dafür zu kämpfen, dass Frauen mit mehreren Partnern genauso behandelt werden wie Männer mit mehreren Frauen.» Obwohl die Feministinnen für das Recht auf Selbstbestimmung mit möglichst weniger staatlicher Intervention kämpften, sehe es im Alltag vieler Frauen bei der Frage der Gleichheit weiterhin düster aus. «Wir wollen, dass das Gesetz Männer und Frauen gleich behandelt», betont Ndashe.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Vielmännerei – polygamy / polyandry
Vielehe – polygamy
abgewinnen – gain
bekennender – confessed
Grübeln – ponder
Mehrfachehen – multiple marriages
männlichen Wohlstands – male prosperity
Bruchteil – fraction
Tatsache – fact
Anliegen – demands
Gleichberechtigung – equal rights
gewähren – grant
Fachausdruck – technical term
Eheschließungen – marriages
Rechtsdozentin – law professor
befürwortet – advocates
Notwendigkeit – necessity
Verankerung – establishment
Empörung – indignation
schnaubte – fumed
Vorsitzende – head
warf auf – raised
Vorstoßes – attempt
Würdenträger – dignitaries
verwiesen auf – refer to
Verwirrung – confusion
enttäuscht – disappointed
Zynismus – cynicism
Wortgefechte – battle of words
abglitt – lapsed
irreführend – misleading
zerstörerisch – destructive
Entwurf – draft
Stützen – pillars
Verfassung – constitution
Würde – dignity
verbrieften – documented
eingklagbaren – enforceable
Gewohnheitsrecht – customary rights
Juristin – lawyer
Gerichtshof – court
verweist auf – refers to
streitet – quarrel
zwingen auf – compel
Ansicht – point of view
Befürworterinnen – advocates
unsrigen – ours
lohnenswert – worth it
Selbstbestimmung – self-determination
düster – dismal

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

*Note: Previous selections can be found in the Archives section of the site.*