26. März 2022 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Schnittchendämmerung – Kommt der Untergang des Abendbrots?

Graubrot, Gouda, Gürkchen – erledigt vor der «Tagesschau»: das Klischee vom deutschen Dinner. Doch der Kulturwandel ist deutlich erkennbar. Stirbt das klassische Abendbrot nach hundert Jahren aus?

Ein belegtes Schwarzbrot liegt auf einem Teller. «Abendbrot» wird in Deutschland oft das Abendessen genannt. Zu sich genommen wird es zwischen 17 und 19 Uhr. So erklären es auch Deutschlandreiseführer oder Bücher über Deutsch als Fremdsprache. Der deutsche Brauch, abends kalt zu essen, stammt Kulturwissenschaftlern zufolge aus den 1920er Jahren. Foto: dpa

Von Gregor Tholl
Berlin (dpa) – «Abendbrot» wird in Deutschland oft das Abendessen genannt. Zu sich genommen wird es zwischen 17 und 19 Uhr. So erklären es auch Deutschlandreiseführer oder Bücher über Deutsch als Fremdsprache. Doch in der modernen Arbeitswelt und der globalisierten Zeit des Low-Carb-Dinners, also der Empfehlung vieler Ernährungsexperten, abends kohlenhydratarm zu essen: Da stirbt die Mahlzeit der Scheiben Brot mit Aufschnitt möglicherweise aus. Droht der Untergang des Abendbrots? Herrscht jetzt Schnittchendämmerung?

Die Wurstindustrie gibt sich jedenfalls leicht alarmiert. Allerdings löst nicht etwa – wie man denken könnte – das wachsende Angebot veganer und vegetarischer Fleischersatzprodukte Sorgen aus. «Wir können aus einer Masse an Rohstoffen eine Wurstware machen. Ob da nun Fleisch oder Erbsen drin sind, ist zweitrangig», sagte Sarah Dhem, die Präsidentin des BVWS (Bundesverband Deutscher Wurst- & Schinkenproduzenten) kürzlich der «Neuen Osnabrücker Zeitung».

Folgenreicher sei der Wandel der Essgewohnheiten insgesamt. Statt Pausen- oder Abendbrot mit Wurstbelag kämen zunehmend andere Gerichte auf die Teller. Die Wurstbranche sei dabei, sich neu aufzustellen, sagte Dhem mit Blick auf sinkenden Fleischkonsum. «Die Zeit der Völlerei ist vorbei.»

In Ländern wie Spanien und Griechenland, in denen Deutsche gerne urlauben, wird abends meistens warm gegessen – und auch später als hierzulande. Brot mit Wurst und Käse gilt dort höchstens als Vorspeise und nicht als vollwertige Mahlzeit, die man ganz teutonisch rechtzeitig zu den Abendnachrichten im Fernsehen beendet hat.

Der deutsche Brauch, abends kalt zu essen, stammt Kulturwissenschaftlern zufolge aus den 1920er Jahren. Damals dominierte mehr und mehr die Industrie den Alltag – im Gegensatz zu den landwirtschaftlicheren Strukturen in Staaten wie Italien und Frankreich. In Fabriken gab es immer öfter Kantinen. Wer dort mittags speiste, wollte abends oft kein warmes Essen mehr. Da die Arbeit dank Technisierung auch körperlich weniger anstrengend wurde, liebten es viele am Abend leichter: Brot, Wurst, Käse, bisschen Rohkost, fertig.

Das Abendbrot setzte sich dann nach dem Krieg noch stärker durch. Damals stieg auch die Zahl erwerbstätiger Frauen. Das schnell gemachte Abendbrot wurde Tradition in vielen Familien. Langweilig waren die Schnittchen am Abend dabei übrigens nie. Deutschland ist bekanntlich stolz auf Hunderte Brotsorten und Wurstwaren, gern dekoriert mit Gewürzgürkchen, Radieschen oder hart gekochtem Ei.
Dennoch führen Millionen Deutsche heute ein Leben ohne abendliche Leberwurststulle: Der Trend weg vom kalten Snack ist von Sylt im Norden bis ins Allgäu im Süden deutlich erkennbar.

Die Allensbach-Studie «So is(s)t Deutschland» für den Nahrungsmittelkonzern Nestlé förderte zutage, dass das Abendessen unter der Woche bei vielen inzwischen die wichtigste Mahlzeit geworden ist. 2019 nannten 38 Prozent das Abendessen die Hauptmahlzeit des Tages, zehn Jahre zuvor war es ein Drittel der Bevölkerung.

Die Corona-Pandemie, die Millionen monatelang zu Hause arbeiten ließ, hat vielen Familien ermöglicht, auch mitten am Tag zusammenzukommen. Doch ein echtes Revival des Mittagessens sehen Experten trotz Homeoffice nicht. Nestlé-Sprecher Alexander Antonoff sagt, alles deute darauf hin, dass der Megatrend zur warmen Hauptmahlzeit am Abend weitergehe. Das soziale Lagerfeuer abends passe mehr zum immer entstrukturierteren Alltag von Millionen Haushalten in Mitteleuropa.

Die Künstlerin und Gießener Hochschullehrerin Ingke Günther glaubt jedoch bei alledem nicht, dass das früher populäre Abendbrot in Deutschland vollends verschwindet. Es habe aber seine jahrzehntelang vorherrschende Rolle verloren: «Das liegt daran, dass die Arbeits- und Lebenswirklichkeiten diverser geworden sind. Aber bei Älteren und in Familien mit Kindern ist das Abendbrot oft noch die Regel.» Und in einigen städtischen Milieus, wo Bio-Bäckereien eine neue Brotkultur entwickelt haben, gebe es eine bewusste Rückbesinnung aufs Abendbrot.

Günther bezeichnet sich unter anderem als «Abendbrotforscherin». Sie meint: «Das Konzept, gemeinsam am Tisch zu sitzen und sich das Brot selbst zu belegen, ist einfach bestechend. Die Bilder von einem gemeinsamen Abendbrot sind in den Köpfen vieler Leute sehr lebendig – auch wenn es womöglich nur am Wochenende zelebriert wird.»

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Sport

Leclerc macht Ferrari «happy» – Verstappen-Desaster in der Wüste

Was für ein Auftakt in die Formel-1-Saison. Red Bull erlebt einen späten Komplett-Ausfall. Ferrari triumphiert – und wie: Der erste Sieg und der erste Doppelerfolg nach rund zweieinhalb Frustjahren.

Bahrain: Motorsport: Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Bahrain, Rennen. Sieger Charles Leclerc aus Monaco vom Team Ferrari mit dem Pokal. Foto: dpa

Von Martin Moravec und Jens Marx
Sakhir (dpa) – Dem verzweifelten Weltmeister Max Verstappen ging bei seinem Wüsten-Desaster der Sprit aus, Charles Leclerc warf sich nach seinem Ferrari-Bravourstück in Bahrain in die Arme seiner Crew. Mit einem Doppelerfolg durch den Monegassen und Carlos Sainz aus Spanien hat die Scuderia für einen verheißungsvollen Auftakt in die lange Formel-1-Saison gesorgt. Lautstark sangen die jubelnden Mechaniker die italienische Hymne – 910 Tage hatten sie darauf warten müssen.

«Ich bin so glücklich, die letzten zwei Jahre waren so schwer für das Team», sagte Gewinner Leclerc und genoss das ohrenbetäubende Feuerwerk über dem Nachthimmel von Sakhir. Auf dem Podium gratulierte ihm mit einem Lächeln Rekordchampion Lewis Hamilton. Von Titelform wollte der 24-Jährige noch nichts wissen. «Wir müssen schauen, wie es sich in den nächsten drei, vier Rennen entwickelt», warnte Leclerc. Teamchef Mattia Binotto zeigte sich «happy fürs Team. Sie haben so lang so viel Arbeit reingesteckt. Der Doppelsieg ist natürlich toll.»

Auch Hamilton richtete einen «Riesen-Glückwunsch» aus. «Ich freue mich, dass es ihnen wieder gut geht», sagte der geschlagene, aber alles andere als unglückliche Brite. Dritter Platz für den Rekordchampion, Rang vier für seinen neuen Teamkollegen George Russell. «So schnell ändert sich die Erwartungshaltung. Letztes Jahr wären wir tief betrübt gewesen mit Platz drei und vier», sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff beim TV-Sender Sky.

Diesmal profitierten sie vor allem auch vom späten Ausfall beider Red Bull. Verstappen klagte über Lenkprobleme und musste dann saftlos in die Garage abbiegen. Platz zwei futsch. Teamkollege Sergio Perez drehte sich kurz vor Schluss und konnte nicht weiterfahren. Platz drei futsch. «Wir haben viele Probleme gehabt», berichtete Verstappen. «Ich habe gedacht, mit so vielen Problemen wäre ein zweiter Platz gut. Dann ist aber auch kein Benzin mehr in den Motor gekommen. Es war richtig schade und schlecht am Ende, wir haben mit beiden Autos keine Punkte gesammelt.»

Mick Schumachers berechtige Hoffnungen auf die ersten Punkte seiner Karriere erfüllten sich nicht. Er fuhr im Haas nach einem unverschuldeten frühen Zwischenfall zunächst hinten im Feld, durch eine späte Safety-Car-Phase rutschte er auf Rang zehn, konnte die Position aber mit alten Reifen nicht halten und wurde Elfter. Dafür raste Rückkehrer Kevin Magnussen als Fünfter im Haas sensationell auf Anhieb unter die Top Ten.

Sebastian Vettel dürfte bei der Leistung des neuen Aston Martin daheim in der Schweiz ordentlich mitgelitten haben. Der viermalige Weltmeister befindet sich in Corona-Quarantäne. Ersatzmann Nico Hülkenberg wurde nach knapp der Hälfte der Renndistanz überrundet, wurde am Ende 17.

98 Tage nach dem Drama-Finale mit viel Diskussionen wollte es Verstappen gleich zu Beginn in Bahrain wissen. Der Champion kam aber nicht am von ganz vorn gestarteten Leclerc vorbei. Dahinter sah Sainz nach nur wenigen Metern schon den silbernen Mercedes von Hamilton im Rückspiegel.

Der siebenmalige Champion holte gleich beim Erlöschen der Roten Ampeln einen Platz auf und ließ Perez hinter sich. Auch wenn der neue Silberpfeil noch nicht weltmeisterlich abgestimmt ist, kennt Hamilton in diesem Jahr nur ein Ziel: Achter WM-Titel und das bittere Finale am 12. Dezember 2021 mit dem gefühlt beraubten WM-Triumph durch den mittlerweile abgesetzten damaligen Rennleiter Michael Masi vergessen machen. Es dürfte ein langer Weg werden in diesem Jahr.

Vorn versuchte es Verstappen mit einem früheren Reifenwechsel als Leclerc. Er kam zwar näher ran, aber es reichte nicht, um durch den Boxenstopp die Führung zu übernehmen. Dann aber: In der 17. Runde, die Funken sprühten auf der Start- und Zielgerade unterm Red Bull, Verstappen bremste spät, zog innen an Leclerc vorbei. Der Monegasse konterte umgehend, passierte Verstappen wieder. Und so ging es für einige Runden weiter. Die Reifen qualmten.

Rivale Verstappen versuchte es auch beim zweiten Reifenwechsel wieder mit einem früheren Stopp. Ferrari reagierte aber umgehend, holte Leclerc ebenfalls rein. Es reichte.

Verstappen motzte mit dem eigenen Team und klagte nach dem zweiten Reifenwechsel auch noch über Lenkprobleme. Dann die Safety-Car-Phase, weil der Alpha Tauri von Pierre Gasly brannte. Nach dem Skandal von Abu Dhabi wurden die Regeln überarbeitet, die Rennleitung ersetzt. Und alles ging glimpflich aus.

Leclerc verteidigte erneut seine Position gegen Verstappen und fuhr den ersten Sieg für Ferrari seit dem 19. September 2019 durch seinen damaligen Teamkollegen Sebastian Vettel in einer ebenso spektakulären Schlussphase ein. Leclerc war damals Zweiter geworden.

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Feuilleton

Älteste Hose der Welt in Chemnitzer Ausstellung

Die Rekonstruktion einer Hose aus der Zeit um 1000 vor Christus ist im Foyer des Staatlichen Museums für Archäologe zu sehen. Die Vorlage stammt aus einem 3000 Jahre alten Grab in Westchina und ist somit die älteste Hose der Welt. Foto: Sebastian Willnow/dpa

Chemnitz (dpa) – Nach jahrelanger Forschung eines internationalen Expertenteams wird in Chemnitz erstmals die originalgetreue Rekonstruktion der möglicherweise ältesten Hose der Welt ausgestellt. «Wir feiern mit der Ausstellung gewissermaßen die Erfindung unserer Jeans», sagte die wissenschaftliche Direktorin der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, Mayke Wagner. Das Original ist den Angaben nach rund 3000 Jahre alt und wurde in einem Grab nahe Turfan im Westen Chinas entdeckt. Eine ältere Hose sei nicht bekannt, betonte Wagner. Die Foyer-Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz zeigt nicht nur die Hose, sondern informiert über den Fundort und die aufwendige Rekonstruktion im Rahmen des deutsch-chinesischen Projekts «Silk Road Fashion». Sie ist Teil der Ausstellung «Chic! Schmuck. Macht. Leute.», die am 1. April eröffnet werden soll.

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Gesundheit/Umwelt

Täglich duschen – muss das sein?

Damit die Haut beim Duschen nicht zu stark austrocknet, sollte man rückfettende Duschgels verwenden. Auf den Verpackungen ist meist der Hinweis «für empfindliche Haut» zu finden. Foto: Christin Klose/dpa

Von Ricarda Dieckmann
Rheinbach (dpa) – Für viele Menschen gehört die tägliche Dusche einfach dazu. Doch: Muss die eigentlich sein? Nach Angaben des Umweltbundesamtes rauschen pro Minute zwölf bis 15 Liter Wasser durch eine herkömmliche Duschbrause, bei Sparmodellen noch sechs bis neun Liter. Und die müssen erhitzt werden, was ordentlich Energie verbraucht. Und auch der Haut tut zu ausgiebiges Duschen nicht immer gut.

Am 22. März war Weltwassertag, der die Verschwendung der essenziellsten Ressource allen Lebens in Erinnerung rufen sollte. Man sollte sich fragen, mit welchem Duschverhalten man Umwelt, aber auch Hautgesundheit und Hygiene gerecht wird.

Schaut man auf die Menschheitsgeschichte, ist die Haut nicht auf eine tägliche Dusche vorbereitet. Und erst recht nicht auf Shampoos und Seifen, die mit ihren Tensiden nicht nur den Schmutz von der Haut entfernen, sondern auch ihren schützenden Fettfilm. Den muss die Haut nach jeder Dusche neu herstellen. Bei gesunder Haut funktioniert das ganz gut, vor allem bei jüngeren Menschen.

Hat man aber zum Beispiel Neurodermitis, ist die tägliche Dusche für die Haut nicht unbedingt ratsam. Aber auch, wenn man gesunde Haut hat und jeden Tag sehr lange duscht, ist das für die Haut Stress. Durch den Kontakt mit Wasser trocknet sie aus – auch wenn keine Seife im Spiel ist. Was ist denn ein ratsames Duschverhalten?

Am besten kurz und knackig. Einmal einseifen reicht völlig aus, am besten mit rückfettenden Produkten. Und: Der Umwelt zuliebe sollten es Produkte ohne Mikroplastik und Flüssigkunststoffe sein. Die landen sonst im Abwasser.

Gut ist auch, für sich selbst zu hinterfragen: Was hat das Duschen für ein Ziel? Klar, auf der einen Seite macht es Spaß und tut gut. Auf der anderen Seite sind wir häufig so sozialisiert, dass wir täglich duschen. Vor allem, weil wir Körpergeruch vermeiden wollen. Dabei ist es dafür nicht immer notwendig, sich täglich unter die Dusche zu stellen.

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Reise

Weiße Pracht am Meer: De Haan ziert die belgische Nordseeküste

Die historischen Häuser im «Belle Epoque»-Viertel halten viele Details zum Entdecken bereit. Foto: B. F. Meier/dpa

Von Bernd F. Meier
De Haan (dpa) – Verspielte Erker und Türmchen, hübsch verzierte Balkongitter – wer durch De Haan streift, könnte sich in das 19. Jahrhundert versetzt fühlen. Besucher lassen sich vom Charme des Badeortes verzaubern. Ein drei Kilometer langer Rundweg – die Erfgoedwandelroute Belle Époque midden in de duinen – führt zu Geschichte und Geschichten.

Bereits der Startort des Rundweges an einer Straßenbahnhaltestelle ist reichlich ungewöhnlich. «Cocq sur mer» steht auf dem putzigen Wartehäuschen. Damals wird an der Küste französisch gesprochen. Adlige und betuchte Industrielle aus Antwerpen, Brügge und Brüssel entdecken gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Reiz der Sommerfrische an der Nordsee.

Mit der Eisenbahn reisen sie anfangs bis Oostende und müssen dort in Pferdekutschen umsteigen. Auf holprigen Pisten wird das letzte Stück der Reise in das dörfliche De Haan zurückgelegt, eine beschwerliche Tour. Doch das ändert sich ab 1885, als die Dampfstraßenbahnlinie zwischen Oostende und Blankenberge eröffnet wird. Nur ein Jahr später ist auch De Haan per Tram erreichbar und der Wandel vom unbekannten Flecken der Küstenfischer zum noblen Badeort beginnt.

Auf De Haans Strandpromenade wird im schönen Zeitalter, der Belle Époque, flaniert. Sehen und gesehen werden, das zählt. Konversation mit alten Freunden und neuen Bekanntschaften machen, Geschäfte lassen sich ebenso anbahnen wie eheliche Zweisamkeiten. Die frische Meeresluft wirkt belebend. Allerdings wagen sich damals nur Mutige in die kühlen Nordseewellen. Allenfalls bis zu den Hüften und zur Erfrischung, aber nicht zum Schwimmen.

Feudale Herbergen entstehen zwischen Strand und der Straßenbahnhaltestelle Cocq sur mer: Nur wenige Hundert Meter weiter eröffnet 1912 das Grand Hôtel Bellevue seine Pforten, 1929 folgt das Hotel Astoria mit Art-déco-Elementen an der Fassade. Beide Hotels stehen auch heute noch in der Tradition gehobener Hotellerie.

Die Erfgoedwandelroute ist ein Kulturerbe-Wanderweg, der in eben jene Vergangenheit führt. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben findige Unternehmer aus Antwerpen, Brügge und Oostende die Zeichen der Zeit erkannt: Der Badeurlaub an der Nordseeküste wird boomen.

Am 27. Mai 1889 stellt ihnen der belgische Staat als Grundbesitzer ein etwa 50 Hektar großes Dünengebiet als Konzession (flämisch: Concessie) in einem Erbpachtvertrag für 90 Jahre zur Verfügung. Privatiers können nun von den Unternehmern eine Parzelle Land pachten und dort Ferienvillen bauen. Im Jahre 1910 gestaltet der Aachener Architekt und Stadtplaner Josef Stübben – er plante auch die Kölner Neustadt – das gesamte Villenviertel.

Stübben entwirft das Concessie-Viertel nach der Idee englischer Villenparks. Zentraler Platz wird der kreisrunde «La Potinière» mit mehreren Tennisfeldern, Minigolfanlagen und Spielplätzen.

Die Häuser müssen in einer Kombination aus dem landestypischen Stil mit roten Ziegeldächern, weißen Steinfassaden und angloamerikanischem Look mit Fachwerk, Ecktürmchen und damals beliebten Art-déco-Elementen errichtet werden. Hochbauten sind streng verboten. Als Vorbild des Baustiles dient der noble französische Badeort Arcachon nahe Bordeaux.

Jedes Haus im Concessie-Viertel hat seine eigene Geschichte und strahlt bis heute den Wohlstand der Eigentümer aus. Das Dünenquartier ist vergleichbar mit einigen Vierteln auf der Insel Sylt.

Der Rundgang führt zur Shakespearelaan Nummer 5, der Villa Savoyarde. Hier lebte der jüdische Physiker Albert Einstein im Sommer 1933 sechs Monate lang mit seiner Frau und Stieftochter. Den Erzählungen nach soll er des Öfteren zur Teatime im Grand Hôtel Bellevue eingekehrt sein. Am 9. September 1933 verlässt der Nobelpreisträger De Haan auf seiner Flucht vor den Nazis. Er reist zunächst inkognito nach England und trifft am 17. Oktober 1933 in den USA ein.

Als der Erbbauvertrag 1979 ausläuft und das Concessie-Viertel in Staatsbesitz zurückfällt, scheint das Schicksal des Quartiers besiegelt. Würden Investoren sich nun das kostbare Dünenland unter den Nagel reißen? Dort betongraue Appartementhäuser hinklotzen wie in den anderen Orten ab den 1960er Jahren an dem nur 65 Kilometer langen Küstenstreifen?

Dazu kommt es nicht, denn Anwohner und Touristen protestieren. Schließlich machen die Investoren wegen des Verbots von gewinnbringenden Hochhäusern einen Bogen um De Haan. Das Concessie-Viertel, mehrere historische Bauten sowie das Wartehäuschen an der Straßenbahnhaltestelle werden in den Folgejahren schrittweise bis 1995 unter Denkmalschutz gestellt.

Dort endet auch der Rundgang durch De Haan, dessen Geschichte seit 1886 untrennbar verbunden ist mit der Küstenstraßenbahnlinie Kusttram. Die Tramlinie verbindet seit 1929 alle Badeorte an der Küste zwischen Knokke-Heist und De Panne, die gesamte Fahrtzeit beträgt heute rund zweieinhalb Stunden. Die Endstationen – De Panne im Süden, Knokke im Norden – sind per Busverkehr mit den Nachbarstaaten Frankreich und Niederlande verbunden. Ab Knokke können Reisende etwa über Sluis bis nach Breskens in den Niederlanden gelangen, von De Panne zum französischen Dunkerque.

Der zweigleisige Schienenstrang verläuft zwischen Oostende und Middelkerke sogar unmittelbar am Strand entlang. Einheimische nutzen die Tram als bewährtes Nahverkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit und zur Schule; für Touristen bietet die Bahn schnelle Verbindungen zum nächsten Badestrand. Mit 67 Haltestellen und einer Streckenlänge von ebenfalls 67 Kilometern ist die Kusttram einmalig – weltweit.
http://www.visitdehaan.be/de

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Farbtrend Color Blocking: Wenn sich Pink und Orange küssen

Die Kombination Pink/Rosa mit Orange ist in diesem Sommer angesagt. Foto: Aniston by Baur/dpa

Von Andrea Abrell
München/Köln (dpa) – Beige, Grau, Schwarz, Marineblau – das sind Farben, mit denen man nicht sonderlich viel falsch machen kann. Aber viel mehr gibt es über sie auch nicht zu sagen. Das ist beim Color Blocking ganz anders.

Eine kleine Begriffserklärung vorab: Color Blocking ist ein Mix aus verschiedenen Farben in einem Outfit. Sie kommen aber nicht in kleinen Streifen oder anderen winzigen Mustern vor, sondern es handelt sich um breite Flächen. Oft werden auch einfarbige Stücke in verschiedenen starken Farben miteinander kombiniert. Schuhe und Taschen bilden dabei eigene Farbblöcke.

Besonders angesagt: Orange zu Pink
Das kann ein grünes Shirt zum gelben Rock sein, ein strahlend pinkes Oberteil zur rosa Hose oder ein rotes Beinkleid zum sanftrosa Blazer. Eine auffällige – und ungewöhnliche – Farbkombination fällt beim Blick in die aktuellen Kollektionen am häufigsten auf: Orange zu Pink oder Rosa.

Außerdem neu ist, dass viele Kleidungsstücke schon in ihrem eigenen Muster das Color Blocking aufweisen. Das ist auch einer der Tipps von Madeline Dangmann vom Modemagazin «Glamour». Das kann zum Beispiel ein Pulli sein, der Farben in Form von dicken Streifen kombiniert. Dazu eine Jeans oder einen Rock in neutralen Tönen tragen, rät die Modejournalistin.

Die Alternative ist, selbst zu kombinieren. «Wer diesen Trend erst für sich entdeckt, sollte sich zunächst auf zwei Farben für die Kombination beschränken», rät Dangmann. «Denn drei oder vier starke Töne miteinander zu mixen, erfordert schon jede Menge modisches Fingerspitzengefühl, damit das Ergebnis auch gut aussieht.»

Zu diesem Stilgefühl gehört zum Beispiel, dass die Looks an sich – von der Farbe abgesehen – eher schlicht sind. Die Farbe als Merkmal bleibt im Vordergrund stehen und auf Rüschen, Volants oder verspielte Details wird komplett verzichtet, so die Modejournalistin.

Eine einfacher umzusetzende Variante des Color Blocking sind die monochromen Looks, die in einer Farbwelt bleiben. Man mischt also verschiedene Töne einer Farbe miteinander, etwa «zwei auffallende Rot- oder Blautöne», empfiehlt Dangmann.

Herauskommen fröhlich wirkende Outfits. Looks, zu denen man an sonnigen Tagen gerne greift. Sie eignen sich aber auch, um tristen Frühlingsregen erträglicher zu machen. Und natürlich auch den Pandemiealltag. Denn dieser hat die Farbwahl der Designer ausgelöst.

«Dieser Trend zu intensiven Farben hat zunächst mit der einschränkenden Situation zu tun, in der wir alle in den vergangenen zwei Jahren gelebt haben: Homeoffice, wenig Kontakte, keine Partys», erklärt Modeanalyst Niels Holger Wien vom Deutschen Mode-Institut in Köln. «All das hat dazu geführt, dass die modische Farbwelt eher zurückhaltend unfarbig war.»

Das ändert sich jetzt: «Die Menschen wollen rausgehen, gesehen werden, das Leben genießen, andere Menschen treffen», so Wien. «Intensive Farben im Color Blocking bekommen da Signalwirkung – und sie lösen positive Emotionen aus.» Das nennt sich «Dopamine Dressing». Der Begriff lässt sich allerdings nicht wörtlich übersetzen: «Dopamin» ist ein Hormon, das Glücksgefühle auslöst, «dressing» das Anziehen. Zusammen ergibt das Mode, die fröhlich machen soll.

Und genau dafür steht in dieser Saison die Kombi aus Pink und Orange. «Die erinnern nämlich einerseits an fremde Blüten wie Hibiskus oder Kurkuma. Andererseits sind Pink und Orange auch die Töne eines südlichen Sonnenuntergangs – und bringen Urlaubsgefühle automatisch mit», sagt Trendanalyst Niels Holger Wien.

Allerdings ist – wie es in der Mode häufig der Fall ist – der Trend zu Orange und Pink nicht wirklich neu: Ein Blick in die Modegeschichte zeigt, dass diese Kombi seit den späten 1960er Jahren immer wieder auftaucht.

«Trotzdem ist diese Form des Color Blocking kein Retro-Trend», sagt Niels Holger Wien. «War dieses besondere Pink-Orange früher eher der Haute Couture vorbehalten, ist es heute im Alltag angekommen. Dementsprechend sind auch die Looks viel lässiger und selbstverständlicher als in früheren Dekaden.» Aber: Nicht alle Color-Blocking-Kombis haben es leicht. Die Grenze zwischen Papageien-Look und mutigem Stil ist bei diesem Trend recht schmal – selbst bei den Looks der Designer. Nicht jedem gefällt es, modisch so aufzufallen.

Aber Modeberaterin Milena Georg aus Ulrichstein (Hessen) meint: Jede Frau kann diesen Look tragen. «Gerade Color-Blocking ist sogar besonders gut geeignet, um die eigene Figur in Szene zu setzen.

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST-Wortschatz

Selected Articles with helpful translations for those less comfortable with the German language

Ein Ufo? Fallermittler, übernehmen Sie!

Da am Himmel, da war doch was. Aber was? Manche Menschen fasziniert die Vorstellung von außerirdischem Leben inklusive entsprechender Flugobjekte. Dabei gibt es fast immer rationale Erklärungen.

17.10.2021, Schleswig-Holstein, Hoisdorf: Reflexionen eines Lichteffektgerätes. Manche Menschen fasziniert die Vorstellung von außerirdischem Leben inklusive entsprechender Flugobjekte. Dabei gibt es fast immer rationale Erklärungen. Foto: dpa

Von Alexandra Stober
Jena/Berlin (dpa) – Glauben Sie an Außerirdische? Danny Ammon lacht, bevor er antwortet. «Das ist die falsche Frage.» Denn er geht die Sache mit den unbekannten Objekten völlig anders an. Kontakt zu nicht-irdischen Wesen spielt dabei keine Rolle, den suchen einige Menschen besonders am World Contact Day. Dann schicken sie sich an, mit übersinnlichen Methoden Nachrichten ins All zu senden.

Dagegen sind die Methoden Ammons äußerst handfest, wenn er sich mit Meldungen von Ufo-Sichtungen beschäftigt. Der Medizininformatiker aus Jena ist in seiner Freizeit Fallermittler bei der Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens. Fallermittler – klingt nach Kripo-Arbeit. Das sei es auch ein wenig, sagt Ammon. Wenn jemand eine Sichtung meldet, folgt ein standardisierter Prozess, um die Kerndaten so objektiv wie möglich zu erfassen. Er spricht lieber von Phänomen als Objekt – das sei neutraler.

Wichtig sind Fragen wie: Wann haben Sie es genau gesehen? Wie war das Wetter? In welche Richtung haben Sie geschaut? Gibt es Fotos oder Videoaufnahmen davon? Dann heißt es, diese Angaben genau zu überprüfen und weitere Daten zu erheben. Dabei helfen Ammon beispielsweise Wetter-Datenbanken und spezielle Webseiten, auf denen man Flugbewegungen nachvollziehen kann. Aus den zusammengetragenen Informationen leitet er dann eine Arbeitshypothese ab, etwa: Es war ein Hubschrauber.

«Wir gehen immer davon aus, dass eine Sichtung herkömmlich erklärt werden kann», sagt der 42-Jährige. So bestätigten sich auch in mehr als 90 Prozent der Fälle die Arbeitshypothesen. Sehr zur Freude der meisten Zeugen: «Wir helfen ihnen dabei, das Gesehene in ihre Lebenswelt einzuordnen.» Nur in sehr wenigen Fällen merken Ammon und seine Mitstreiter, dass jemand die herkömmliche Erklärung nicht glaubt – nicht glauben will.

Das kann problematisch sein. «Wer über Ufos spekulieren möchte, soll das selbstverständlich tun. Es ist natürlich, sich über das Unbekannte Gedanken zu machen. Bedenklich ist es, wenn Ufos in größere Verschwörungserzählungen integriert werden, die oft antisemitisch sind und Hass gegen Menschen schüren», sagt der Historiker Daniel Brandau von der Freien Universität Berlin. Bei seiner Forschung zur Geschichte der Raketentechnik in Deutschland hat er sich mit diesen Aspekten beschäftigt.

Auch Ammon kennt sie alle, die Verschwörungsnarrative rund um Ufos. Er hat Dutzende Bücher gelesen und weiß, wie einfach es ist zu spekulieren, zu raunen. «Wir sehen es als unsere Kernaufgabe, dem entgegenzuwirken. Mit Fakten.» Apropos: Wofür sprechen diese in den Fällen, bei denen es am Ende keine eindeutige herkömmliche Erklärung für eine Objekt-Sichtung gibt? «Jeder Fall wird umfassend dokumentiert und veröffentlicht. Das, was vorläufig nicht erklärbar ist, bleibt so stehen.»

Also vielleicht doch..? Ammon lacht erneut. Als Teenager, am Anfang seiner Ufo-Karriere, da habe er an Außerirdische geglaubt. Mit der Erfahrung und dem Blick des Analytikers sagt er heute: «In manchen Fällen fehlt schlicht ein Puzzleteil. Oder es war eventuell ein Phänomen, das wir derzeit noch nicht wissenschaftlich erklären können.»

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

entsprechender – corresponding
Außerirdische – aliens
Wesen – beings
schicken an – proceed
übersinnlichen – supernatural
ins All – into outerspace
äußerst – extremely
handfest – concrete
Meldungen – reports
Ufo-Sichtungen – UFO sightings
Erforschung – exploration
n.b. Kripo– Kriminalpolizei
Kerndaten – core data
erfassen – record
Videoaufnahmen – video footage
Angaben – statements
überprüfen – verify
erheben – consider
Flugbewegungen – flight patterns
nachvollziehen – simulate
leitet ab – derives
Arbeitshypothese – working hypothesis
gehen davon aus, dass – assume that
herkömmlich – in a conventional way
Zeugen – witnesses
Gesehene – what was seen
einzuordnen – put in its proper place
Mitstreiter – fellow campaigners
s. über Gedanken zu machen – to be concerned about
bedenklich – critical
Verschwörungserzählungen – conspiracy stories
Hass – hatred
schüren – stir up
raunen – murmur
entgegezuwirken – have an impact countering
Fakten – facts
eindeutige – clear
umfassend – comprehensively
veröffentlicht – published
vorläufig – for the present
fehlt – is missing
schlicht – simply

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

*Note: Previous selections can be found in the Archives section of the site.*