27. Juni 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Sicher, aber weniger beliebt:
Der Führerschein mit 17

Vor 15 Jahren wurde das Gesetz angestoßen, dass 17-Jährigen den Führerschein ermöglichte. Obwohl das Fahren mit Begleitperson Risiken senkt, ist das Konzept nicht mehr so beliebt wie einst.

Ein Schild mit der Aufschrift «Fahrschule» ist auf einem Fahrschulauto befestigt. Foto: dpa

Berlin (dpa) – Immer weniger Jugendliche machen ihren Führerschein bereits mit 17 Jahren. Durften 2011 noch gut 371 000 Mädchen und Jungen unter 18 mit einer Begleitperson Auto fahren, sank die Zahl nach Information des Kraftfahrt-Bundesamtes im Jahr 2018 auf rund 298 000. Jüngere Zahlen liegen demnach nicht vor.

«Der Führerschein ist jungen Menschen nicht mehr so wichtig. Sie nutzen andere Formen der Mobilität», erklärt Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft den rückläufigen Trend des begleiteten Fahrens. Am Mittwoch jährt sich zum 15. Mal, dass der Gesetzesentwurf zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes, der das «BF 17» möglich machte, in den Bundestag eingebracht wurde.

Insgesamt lag der Anteil der allerjüngsten Fahrer an den 2018 absolvierten PKW-Führerscheinen bei 31 Prozent, 2011 bei 37 Prozent. Die Anzahl derjenigen, die eine Fahrerlaubnis machen, blieb im selben Zeitraum relativ konstant bei etwa einer Million. «Der Führerschein wird dann später nachgeholt», betont Unfallforscher Brockmann.

Auch die Zahl der Frauen und Männer, die ihre Fahrerlaubnis im Alter von 18 bis 24 Jahren machen, sinkt demnach. Stellten sie im Jahr 2011 noch 43 Prozent am Anteil aller ausgestellten Führerscheine, waren es 2018 noch 37. «Allgemein ist festzustellen, dass Fahrerlaubnisse für die Klasse B immer häufiger an Menschen über 25 Jahren vergeben werden», sagt Julia Fohmann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Dies könne neben den vielfältigen Mobilitätsangeboten in den Städten auch an den hohen Kosten für Fahrschulen liegen.

Der Führerschein mit 17 sei dennoch kein Nischenphänomen, betont die DVR-Sprecherin. «Anteilig nutzten in der jungen Altersgruppe 17-24 im Jahr 2018 mehr als 40 Prozent die Vorteile des BF17.»

DVR und Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sehen im begleiteten Fahren die bisher erfolgreichste Maßnahme, um Unfälle zu vermeiden. «Jugendliche, die am BF 17 teilnehmen, sind im ersten Jahr des Alleinefahrens rund 20 Prozent seltener an Verkehrsunfällen beteiligt und verstoßen weitaus seltener gegen Verkehrsregeln als Jugendliche, die auf das Begleitete Fahren verzichten», betont Fohmann.

Zu diesen Ergebnissen kam eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Die Behörde hatte Modellversuche in mehreren Ländern evaluiert, ehe der Führerschein mit 17 sukzessive bis 2008 in allen Ländern eingeführt wurde. Brockmann weist allerdings darauf hin, dass bislang noch nicht untersucht wurde, wie sich die Zahlen der BF 17-Fahrer in den Jahren danach fortsetzen. «Es herrscht aber die Annahme, dass sich die positive Tendenz fortsetzt.»

«Es gibt zwei Grundrisiken – das Anfänger- und das Jugendlichkeitsrisiko. Beide bekommt das begleitete Fahren gut in den Griff», urteilt der Unfallforscher. Ein positives Beispiel neben sich zu haben, senke das Gefahrenpotenzial, das von jungen Fahrern ausginge. Die Begleitperson der 17-Jährigen muss 30 Jahre oder älter sein und mindestens seit fünf Jahren einen Führerschein haben.

Es gebe viele Argumente, die für den Führerschein mit 17 sprechen, so die DVR-Sprecherin. «Entscheidend ist aber natürlich, dass die jungen Menschen auch die notwendige Fahrpraxis erhalten. Wer zwar mit 17 Jahren den Führerschein macht, dann aber nicht begleitet Auto fahren darf oder kann, weil zum Beispiel die Begleitpersonen keine Zeit finden, profitiert kaum.»

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft zeigt sich offen dafür, das begleitete Fahren bereits ab 16 einzuführen. «Die Verweildauer in diesem Programm der Fahrschulausbildung würde so gesteigert.» Bisher würden die Jugendlichen ehe sie 18 werden im Schnitt sieben Monate beim Fahren begleitet.

Der DVR wünscht sich einen regionalen Modellversuch des begleiteten Fahrens ab 16, um dessen Wirkung zu untersuchen. Die aktuelle Führerscheinrichtlinie, die Sache der EU ist, erlaube aber bislang keine Fahrerlaubnis für 16-Jährige.

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

angestoßen – initiated
ermögliche – made possible
wie einst – as it once was
Unfallforscher – accident researcher
Versicherungswirtschaft – insurance industry
jährt – is the anniversary
Gesetzesentwurf – draft bill
eingebracht – introduced
Anteil – proportion
absolvierten – completed
PKW = Personenkraftwagen – car
später nachgeholt – completed at a later date
allgemein – in general
ist festzustellen – will be determined
vergeben – awarded to
vielfältigen – multitude
Mobilitätsangeboten – mobility offerings
Nischenphänomen – niche phenomenon
anteilig – proportionately
Vorteile – advantages
begleiteten Fahren – accompanied driver
erfolgreichste – most successful
Maßnahme – measures
vermeiden – reduce
Bundesanstalt für Straßenwesen – Federal Road Research Institute
fortsetzen – continue
Annahme – assumption
Anfänger- und das Jugendlichkeitsrisiko – beginner and young (driver) hazard
bekommt gut in den Griff – get a handle on
Gefahrenpotenzial von – potential for accidents by
Begleitperson – accompanying adult
notwendige – necessary
Fahrpraxis – driving experience
kaum – hardly at all
Verweildauer – retention time
Fahrschulausbildung – driver’s ed
bisher – until now
im Schnitt – on average
Wirkung – impact
untersuchen – analyze
Führerscheinrichtlinie – driver licensing policy
Sache der EU – matter controlled by the EU

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

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Sport

Corona-Fall bei Golfturnier stellt PGA-Hygienekonzept auf die Probe

Die PGA-Tour muss nach ihrem Comeback die erste Bewährungsprobe bestehen. Der US-Golfprofi Nick Watney wird in Hilton Head Island positiv getestet. Sportlich fiel Deutschlands Routinier Bernhard Langer am dritten Tag zurück.

US-PGA-Tour – Hilton Head Island/South Carolina: Nick Watney aus den USA in Aktion. Golfprofi Watney ist beim zweiten Turnier der PGA Tour nach der Corona-Pause positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das teilte die US-Tour am Freitagabend mit. Foto: dpa

Von Marc Möller und Benjamin Siebert
Hilton Head Island (dpa) – Der positive Corona-Test des US-Golfprofis Nick Watney hat das umfangreiche Hygienekonzept der millionenschweren PGA-Tour bereits beim zweiten Turnier nach dem Comeback auf eine harte Probe gestellt. Der 39-jährige US-Amerikaner war am Freitag bei der RBC Heritage in Hilton Head Island positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Verantwortlichen der US-Tour handelten umgehend und testeten alle Personen, die engen Kontakt zu Watney hatten. Am Samstag gab die PGA-Tour Entwarnung: Alle elf Ergebnisse seien negativ. Die Golf-Show wurde fortgesetzt.

«Wir sind immer noch mitten in einer Pandemie», mahnte der Weltranglisten-Erste Rory McIlroy. Es sei bitter für Watney, dass er sich das Virus eingefangen habe. «Aber wie gesagt, es ist ein Fall. Und solange es dabei bleibt, können wir weiterspielen», sagte der viermalige Major-Sieger aus Nordirland. Auch er hatte Kontakt zu Watney. Beide plauderten eine Weile auf dem Putting-Grün – aber mit genügend Abstand.

Der Weltranglisten-Dritte Justin Thomas kritisierte, dass die Menschen im Urlaubsparadies Hilton Head Island die Corona-Gefahr «nicht sehr ernst» zu nehmen scheinen. «Es ist ein absoluter Zoo hier. Überall sind Menschen. Die Strände sind absolut voll. Jedes Restaurant, an dem ich vorbeigefahren bin, ist absolut überfüllt», sagte der 27 Jahre alte US-Amerikaner. Auch der mexikanische Profi Carlos Ortiz bemerkte, dass es auf der idyllischen Insel an der Küste von South Carolina eigentlich kein «Social Distancing» gebe. «Wir waren erstaunt, dass kaum jemand eine Maske trug.»

Watney war privat zum Turnier nach Hilton Head Island gereist und bei der Ankunft noch negativ getestet worden. Am Freitag hatte der fünfmalige PGA-Tour-Sieger dann Symptome gespürt und einen Arzt konsultiert. Nach dem positiven Test trat der Kalifornier dementsprechend nicht mehr zur zweiten Runde an. Nach den Regeln der US-Tour muss er sich mindestens zehn Tage selbst isolieren und zwei negative Testergebnisse im Abstand von mindestens 24 Stunden vorweisen.

Watney ist das erste Mitglied der PGA-Tour, das positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Insgesamt 369 Personen (Spieler, Caddies, Personal) waren vor Turnierbeginn negativ getestet worden. Die US-Tour hatte vor einer Woche in Fort Worth/Texas ihr Comeback gegeben. In der Corona-Krise sind Zuschauer auf dem Platz verboten.

Sportlich erlebte Deutschlands Golf-Routinier Bernhard Langer vor der Finalrunde in Hilton Head Island einen kleinen Rückschlag. Der 62-Jährige aus Anhausen spielte am Samstag (Ortszeit) bei dem mit 7,1 Millionen Dollar dotieren Turnier eine 71er-Runde und fiel mit insgesamt 207 Schlägen vom 28. auf den geteilten 63. Rang zurück.

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Feuilleton

Es wird wieder getanzt – Ballett nach dem Corona-Lockdown

Tänzerinnen und Tänzer des Thüringer Staatsballetts trainieren auf der Bühne des Theaters Gera. Nur je vier Tänzer dürfen gleichzeitig auf einer der beiden Bühnen des Geraer Theaters und im Ballettsaal trainieren. Weiße Linien auf dem Boden weisen jedem strikt seine Fläche zu, um genug Abstand zu wahren.
Foto: Martin Schutt/dpa

Von Andreas Hummel
Gera/Köln (dpa) – Nach wochenlanger Corona-Abstinenz sind die Tänzer des Thüringer Staatsballetts auf die Bühne zurückgekehrt. Allerdings nur für eine Stunde tägliches Training sowie erste kurze Proben. Und schon das stellt die Compagnie vor immense Herausforderungen. Nur je vier Tänzer können gleichzeitig auf einer der beiden Bühnen des Geraer Theaters und im Ballettsaal für gut eine Stunde trainieren; weiße Linien auf dem Boden weisen jedem strikt seine Fläche zu, um genug Abstand zu wahren.

Ballettdirektorin Silvana Schröder und ihre Tänzer sind dennoch froh über diesen Schritt zurück ans Theater. «Das bietet uns wieder ein Stück Annäherung», betont sie. Wegen des Lockdowns hatte von Mitte März bis Ende Mai nur jeder für sich daheim tanzen können. «Unsere Ballettmeister haben ein tägliches Online-Training angeboten.»

Die Pandemie hat vielen Bereichen der Kunst arg zugesetzt – nicht nur Chören und Orchestern. «Die darstellenden Künste sind durch Corona im Herzen getroffen, weil künstlerische Produktion Nähe erfordert», sagt der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne. Das betreffe besonders den Tanz, der «schwerst gebeutelt» sei.

In der Zeit des Lockdowns haben viele Compagnien so wie in Gera versucht, sich mit Online-Trainings zu behelfen. «Das ging wegen des fehlenden Platzes zu Hause aber nur mit angezogener Handbremse», berichtet Tänzer Vinícius Leme. Er habe kurzerhand einen Stuhl zur Ballettstange umfunktioniert, Sprünge und ausgreifende Drehungen seien in seiner kleinen Wohnung kaum möglich gewesen, berichtet der 23-jährige Brasilianer, der seit 2016 zum Thüringer Ensemble gehört.

Nun kehren inzwischen immer mehr Compagnien in den Trainings- und Probenbetrieb vor Ort zurück. Das Staatsballett Berlin etwa trainiert wieder täglich in kleinen Gruppen von sechs bis neun Tänzern über den Tag verteilt. In Hamburg gibt es seit Ende April täglich Balletttrainings in Kleingruppen. Beim Tanztheater Wuppertal finden die Einheiten dagegen weiter nur digital statt.

Denn der Aufwand zum Infektionsschutz ist immens. Fürs Ballett werden vom Verein für Tanzmedizin teils Abstände von mindestens 6 Metern empfohlen. «Training im Windschatten von Vorderfrau oder Vordermann ist zu vermeiden.» Es soll zudem in festen Gruppen abhängig von der Raumgröße stattfinden. Ballettstangen und Tanzböden müssen nach jedem Training gereinigt und die Räume regelmäßig gelüftet werden. «Auf Pirouetten und raumgreifende Sprünge (allegro, grand allegro) soll aufgrund der vermehrten Luftverwirbelung verzichtet werden.»

An ein normales Repertoire sei unter diesen Bedingungen im Ballett nicht zu denken, räumt Grandmontagne ein. Und auch Ballettdirektorin Schröder spricht von enormen Einschränkungen bei der Entwicklung neuer Choreographien: «Gruppenszenen und Pas de deux können nicht mehr stattfinden, außer die Tänzer sind ein Paar oder wohnen zusammen in einer WG.»

Dennoch bereiten die Compagnien bereits neue Aufführungen und Kleinformate unter Corona-Bedingungen vor – so auch in Thüringen. John Neumeier hat für seine Compagnie in Hamburg eine Choreographie unter dem Titel «Ghost Light» ersonnen. Es soll das Abstandsgebot nicht nur respektieren, sondern zur Grundlage der Struktur machen, heißt es. In Berlin ist das Projekt «LAB_WORKS COVID_19» entstanden und setzt das Staatsballett auf Galaabende. Deren Programm soll aus Soli oder Pas de deux von Wohngemeinschaften bestehen, erklärt eine Sprecherin. Zu sehen werden die aber erst in der neuen Spielzeit Ende August sein.

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Gesundheit

In Deutschland:

Zulassung für zweite Corona-Impfstoffstudie erteilt

Gerade ist der Bund bei CureVac eingestiegen – nun startet das Unternehmen erste klinische Tests mit seinem Impfstoff-Kandidaten. Das zuständige Bundesinstitut gibt grünes Licht dafür – mit Ergebnissen ist im Herbst zu rechnen.
Das Tübinger Unternehmen CureVac darf mit der klinischen Prüfung seines Impfstoffkandidaten gegen Corona beginnen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Von Anja Garms
Langen (dpa) – Das Tübinger Unternehmen CureVac darf mit der klinischen Prüfung seines Impfstoffkandidaten gegen Corona beginnen. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen erteilte dem Unternehmen die Zulassung, den Wirkstoff an gesunden Freiwilligen zu testen, wie das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel mitteilte. Noch im Juni sollen im Rahmen der Phase-1-Studie erste Probanden geimpft werden. Ende April hatte bereits das Mainzer Unternehmen Biontech die Genehmigung erhalten, seinen Wirkstoff an gesunden Freiwilligen zu testen.

CureVac arbeitet an sogenannten mRNA-Impfstoffen. mRNA ist eine Art Botenmolekül, in dem die Bauanleitung zur Herstellung von Proteinen steckt. Für ihren Impfstoff haben die CureVac-Forscher mRNA mit der Bauanleitung für ein Protein des Coronavirus versehen. Die menschlichen Zellen bilden nach der Impfung dieses Protein, was der Körper als fremd erkennt. Er bildet Antikörper und andere Abwehrzellen dagegen. «Die Immunantwort, die wir auslösen wollen, ist sehr ähnlich der natürlichen Immunantwort», erläuterte Mariola Fotin-Mleczek, für Technologie zuständiges Vorstandsmitglied des Unternehmens. Die vor einer klinischen Studie nötigen Voruntersuchungen seien erfolgreich verlaufen, teilte das Unternehmen auf seiner Webseite mit.

Das Unternehmen erforscht seit dem Jahr 2000 mRNA-Impfstoffe. «Wir betrachten uns als Pionier bei der Entwicklung von mRNA-Therapien», sagte Franz-Werner Haas, Vorstandsmitglied von CureVac. Seit Ende Januar arbeite man an der Entwicklung des Corona-Impfstoffkandidaten. An der Phase-1-Studie sollen insgesamt 168 gesunde erwachsene Probanden teilnehmen, von denen 144 geimpft werden. In dieser Phase wird vor allem die Sicherheit des Wirkstoffs geprüft und ob er tatsächlich eine Abwehrreaktion im Körper auslöst. Im Herbst sollen erste Daten vorliegen. Testzentren befinden sich in Tübingen, Hannover, München und im belgischen Gent.

Jetzt hatte das Wirtschaftsministerium bekanntgegeben, sich mit 300 Millionen Euro an dem Unternehmen zu beteiligen und rund 23 Prozent der Anteile zu übernehmen. Man wolle es so auch gegen eine mögliche Übernahme aus dem Ausland absichern. Auf Geschäftsentscheidungen wolle der Staat keinen Einfluss nehmen.

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Reise

Ab in den Urlaub in Europa – Bundesbürger starten nach Corona-Pause

Das Startsignal für Sommerurlaub in Europa ist gefallen. Touristen aus Deutschland machen sich auf den Weg zu beliebten Zielen. Die Normalität kehrt zurück – jedenfalls ein Stück.

Ein Hinweis-Schild an einem Check-in-Schalter am Flughafen Berlin-Tegel.    Foto: Christoph Soeder/dpa

Von Friederike Marx und Michael Fischer
Berlin (dpa) – Auf diesen Moment haben viele Menschen in Deutschland sehnsüchtig gewartet: Nach drei Monaten Corona-Pause sind am 15.6. Urlauber zu beliebten Reisezielen in Europa aufgebrochen. Am Vormittag landete erstmals auch wieder eine Maschine mit Touristen aus Deutschland auf Mallorca. Die Bundesregierung hatte die weltweite Reisewarnung teilweise aufgehoben und damit das Startsignal für den Sommerurlaub von der Adria bis zur Algarve gegeben. Gleichzeitig fielen die letzten Kontrollen an den deutschen Grenzen zu den Nachbarländern.

Auch viele andere EU-Staaten hoben jetzt noch bestehende Einreisebeschränkungen auf. Damit normalisierte sich der Reiseverkehr in Europa pünktlich zur Ferienzeit weitgehend, allerdings noch nicht ganz.

An einigen Grenzübergängen beispielsweise nach Dänemark gab es Staus. Touristen dürfen dort seit Montag wieder einreisen, sofern sie mindestens sechs Übernachtungen gebucht haben. Der Betrieb an den Flughäfen lief verglichen mit dem sonstigen Ansturm zu dieser Jahreszeit dagegen auf Sparflamme, auch weil die Reisewarnung vorerst weiter für 160 Länder außerhalb Europas gilt. So waren am Montag am größten deutschen Airport in Frankfurt insgesamt 335 Starts und Landungen geplant. Unter normalen Bedingungen seien es zu dieser Zeit etwa 1500, sagte ein Fraport-Sprecher.

Auf die beliebten Balearen-Inseln Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera dürfen seit Wochenbeginn zunächst nur Urlauber aus Deutschland reisen. In einem ersten Kontingent sind insgesamt bis zu 10 900 Reisende erlaubt. Mit dem Pilotprojekt sollen Sicherheitsmaßnahmen gegen Covid-19 getestet werden, die landesweit zum Einsatz kommen, wenn sich ganz Spanien vom 21. Juni an wieder für den Massentourismus aus den Ländern des Schengenraumes öffnet.

Seit Montag um Mitternacht warnt das Auswärtige Amt auf seiner Internetseite nicht mehr vor Reisen in 27 europäische Länder. Dazu zählen Haupturlaubsländer der Deutschen wie Italien, Österreich, Griechenland, Frankreich und Kroatien.

Griechenland öffnete am Montag seine zwei wichtigsten Flughäfen – Athen und Thessaloniki – für Touristen aus zahlreichen Ländern. Aus Düsseldorf, Frankfurt, München und Zürich waren die ersten Flüge geplant, wie der Flughafen Athen mitteilte. Von den Flughäfen in Berlin wurde von Urlaubern und Geschäftsleuten berichtet, die an den Sicherheitskontrollen Schlange standen.

Auch in Italien treffen deutsche Touristen allmählich wieder ein. «In Limone kommen wieder deutsche Urlauber an», sagte die Sprecherin der Kommune Limone sul Garda, einer Stadt am Gardasee.

Für ein EU-Land wird die Reisewarnung wegen einer noch zu großen Zahl von Neuinfektionen aufrecht erhalten: Schweden, wo es deutlich weniger Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie gab als in den anderen EU-Ländern. Unter den 27 Ländern, für die die Reisewarnung jetzt aufgehoben wurde, gibt es zudem eine Abstufung. Von Reisen nach Großbritannien, Irland und Malta wird auf der Internetseite des Auswärtigen Amts «dringend abgeraten». In diesen drei Ländern ist nach der Einreise noch eine zweiwöchige Quarantäne erforderlich.

Aber auch in den anderen 24 Ländern wird der Urlaub nicht ganz risikofrei sein. Über die Bedingungen an den einzelnen Urlaubszielen informiert das Auswärtige Amt im Internet sehr detailliert in sogenannten Reisehinweisen. Darin wird über die Infektionslage, Einreisebestimmungen, mögliche Einschränkungen der Bewegungsfreiheit im Land und Hygieneregeln informiert.

Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte die weltweite Reisewarnung für Touristen am 17. März nach Ausbruch der Corona-Pandemie verhängt. Eine Reisewarnung ermöglicht die kostenlose Stornierung gebuchter Trips. Andererseits schränkt sie aber auch den Versicherungsschutz für diejenigen ein, die trotzdem in ein solches Land aufbrechen.

Für 160 Länder außerhalb der EU gilt die Reisewarnung zunächst bis zum 31. August weiter. Es können in diesem Zeitraum aber Ausnahmen gemacht werden. «Ich würde jetzt nicht ausschließen, dass es auch weitere Länder gibt, wo wir in den nächsten Wochen die Reisewarnung aufheben und Reisehinweise aussprechen», sagte Maas im ZDF-«Morgenmagazin». Die Entscheidung werde immer von der Lage in den jeweiligen Ländern abhängen.

Allerdings müsste sich die EU wohl einig werden, weil innerhalb der Staatengemeinschaft die Grenzen ja wieder weitgehend offen sind. Dies wird nicht einfach, weil es unterschiedliche Prioritäten gibt. Für Deutschland geht es zum Beispiel vor allem um die Türkei, das drittbeliebteste Urlaubsland der Bundesbürger, Frankreich blickt dagegen eher auf die nordafrikanischen Ferienländer Tunesien und Marokko. Die Türkei hat in der zurückliegenden Woche die Einreisebeschränkungen weitgehend aufgehoben und den Flugverkehr – auch nach Deutschland – wieder aufgenommen.

Maas betonte, dass keine eigenen Flugzeuge der Bundesregierung für Rückhol-Aktionen von deutschen Urlaubern mehr eingesetzt würden. Dennoch würden deutsche Auslandsurlauber im Fall von Ausgangssperren und Einreisebeschränkungen im jeweiligen Urlaubsland auch weiterhin dabei unterstützt werden, mit normalen Flügen und auf eigene Kosten wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Die Tourismusbranche forderte eine schnelle Aufhebung der Reisewarnungen für Nicht-EU-Länder. Nach Berechnungen des Reiseverbandes DRV führen die Beschränkungen infolge der Corona-Pandemie zu Umsatzeinbußen für Reisebüros und Veranstalter von insgesamt fast 20 Milliarden Euro von Mitte März bis Ende August. Allein die Verlängerung der Reisewarnung für außereuropäische Länder bedeute für Juli und August neun Milliarden Euro Umsatzeinbuße.

Nicht alle Bundesbürger sind laut einer Umfrage des Instituts YouGov allerdings begeistert von den Lockerungen. 43 Prozent finden die Aufhebung der Reisewarnung unangemessen, 44 Prozent halten sie für angemessen.

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«Gärtnern ist das neue Kochen»:
Corona beflügelt Gartenboom

Hier ist man privat und doch draußen: Gärten haben in der Corona-Krise eine ganz neue Bedeutung bekommen. Selbst, wer «nur» einen Balkon hat, kann sich glücklich schätzen.Denn auch dort lässt sich ein Stück Natur genießen

Gärten und Balkone erleben durch Corona einen neuen Boom, Grüne Oasen sind gefragter denn je.
Foto: Sven Braun/dpa

Von Anja Sokolow
Berlin/Offenbach/Köln (dpa) – Ob bepflanzter Balkon oder Garten: In der Corona-Zeit hat das mehr oder weniger große Stück Grün für viele Menschen eine ganz neue Bedeutung bekommen. «Alle wollen plötzlich gärtnern. Gärtnern ist das neue Kochen», sagt etwa die Berliner Gartenbloggerin Carolin Engwert («Hauptstadtgarten.de»). «Vor Corona hatte mein Blog zum Beispiel rund 30 000 Leser pro Monat, jetzt sind es 120 000 Leser», erzählt sie, während sie in ihrem Berliner Schrebergarten Salat erntet. Auf ihrem Blog gibt Engwert Tipps fürs Gärtnern im Schrebergarten oder auf dem Balkon.

«Wenn man einen Garten hat, lebt es sich mit den Einschränkungen vermutlich etwas leichter», sagt die Gartenhistorikerin Anke Schmitz aus der Nähe von Offenbach in Hessen. Sie hält die besondere Bedeutung der Gärten in der Corona-Zeit in ihrem Mitmach-Blog «Gardensinthetimesofcorona.com» (Gärten in Zeiten von Corona) fest. «Das Blog ist ein virtuelles Gartendenkmal», so Schmitz, die noch weitere Berichte sucht.

Etwa 30 Gartenbegeisterte haben hier bereits ihre Erfahrungen aufgeschrieben: «In diesem Corona-Frühling haben wir unseren Garten eigentlich erst richtig kennengelernt», schreiben etwa Conny und Malte aus Eggstedt. Beide arbeiten im Homeoffice und verbringen jetzt deutlich mehr Zeit mit den drei Kindern im Garten, den die Familie seit zwei Jahren besitzt. Andreas aus Bochum berichtet, dass der von ihm mitbewirtschaftete Gemeinschaftsgarten während der Corona-Zeit auch für Nachbarn ein «Ort der Flucht vor der häuslichen Käseglocke» wurde.

Für den Gartentherapeuten Andreas Niepel aus Hattingen in Nordrhein-Westfalen sind seine Laube und der 350 Quadratmeter große Garten «so etwas wie das neue Statussymbol». «Allüberall beneidet mich plötzlich alle Welt darum. Es ist, als wenn der Besitz eines Schrebergartens zum Insel-Sylt-Aufkleber der Zwanzigerjahre geworden ist», so Niepel.

«Wir Menschen sind einfach Naturwesen mit einem Drang nach draußen», betont der Therapeut, der in der neurologischen Rehabilitation arbeitet. Schon ein minimaler Naturentzug, wie etwa jetzt in der Corona-Zeit, sei für viele Menschen schwer auszuhalten. «Untersuchungen in Nationalparks in den USA haben zudem gezeigt, dass Menschen gerade nach Katastrophen wie etwa dem 11. September nicht in die Kirchen, sondern in die Natur eilen. Auch in der Corona-Krise drängen die Menschen in die Parks und Gärten», so Niepel.

«Der Garten ist ein privater, geschützter Raum und trotzdem ist man gleichzeitig Teil des öffentlichen Lebens, kann zum Beispiel über den Zaun mit Nachbarn reden. Er ist also viel durchlässiger als ein Haus oder eine Wohnung», sagt Bloggerin Schmitz. Diese Vorteile hätten viele Menschen in der Zeit des Lockdowns zu schätzen gelernt.

«Ein Garten ist im Moment der beste Ort, an dem man sich aufhalten kann. Ein größeres Glück gibt es im Moment nicht», meinte auch der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Stefan Grundei, schon zu Beginn der Corona-Krise.

Nicht nur das Pflanzen, Säen und Jäten erlebt einen neuen Boom. Auch Planschbecken, Trampoline und Spieltürme halten verstärkt Einzug in die Gärten. «Viele Familien haben sich auf Urlaub im eigenen Garten oder auf dem heimischen Balkon eingestellt. Damit die schönste Zeit des Jahres trotzdem ein Erlebnis wird, decken sich die Menschen mit Outdoor-Spielgeräten ein», berichtet Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels.

«Für mich ist der Garten eine gute Möglichkeit gewesen, einfach auch einmal allein zu sein und runterzukommen», sagt die Berliner Bloggerin Engwert. Wie so viele andere Familien auch, musste sie mit ihrem Mann wochenlang Homeoffice, Kinderbetreuung und Homeschooling mit zwei Kindern stemmen.

Seit 2015 pachtet die Designerin ihren Garten bereits. «Früher musste man sich für einen Schrebergarten rechtfertigen», erzählt sie. Heute sei das anders. Über das erste Jahr im Schrebergarten hat sie das Buch «Abenteur Garten» geschrieben. Kleingärten seien bundesweit seit Beginn der Corona-Krise besonders gefragt, heißt es auch beim Bundesverband der Kleingärtner. Es gebe mindestens eine Verdopplung der Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr. In Berlin, Hamburg oder München habe sich die Nachfrage teilweise sogar vervierfacht.

Wer «nur» einen Balkon hat, kann auch dort viel anbauen. «Der Platz ist zwar begrenzt, aber ob Kartoffeln, Spinat, Radieschen – es geht fast alles, nur kein Walnussbaum», sagt die Berliner Balkongärtnerin, Bloggerin und Autorin Birgit Schattling («bio-balkon.de»). «Die Menschen haben mehr Zeit und wollen sich einfach auch ihr Obst, Gemüse und Kräuter selbst anbauen», so Schattling.

Auch sie habe in diesem Frühjahr ein deutlich stärkeres Interesse am Gärtnern registriert. «In meiner Facebook-Gruppe zum Bio-Balkon-Kongress herrscht so viel Aktivität wie nie», so Schattling. Auch ihr Online-Kongress zum Balkongärtnern habe mit 13 000 Teilnehmern in diesem Jahr einen neuen Rekord erreicht.

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