31. Oktober 2020 Selected Articles

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Aus Aller Welt

Mit Knoblauch gegen Dracula? Halloween-Grusel durchgecheckt

Clowns sind vielen Menschen nicht ganz geheuer. Zombies verhalten sich komisch. Und gegen Vampire hilft angeblich ein Knöllchen. Stimmt das denn? Forscher haben genau hingeschaut.

Verkleidete Personen als ein missglücktes Opfer von Dr. Frankenstein (l-r), eine grausame Krankenschwester und der Clown «Pennywise» (aus Stephen Kings Roman «Es») begrüßen vor der Kulisse der Burg Frankenstein die Besucher. Foto: dpa

Von Sebastian Fischer
Berlin (dpa) – An Halloween kommen sie aus ihren Verstecken: Vampire, Zombies, Gespenster und Hexen. Dass dieses Jahr der Schreck-Abstand coronabedingt etwas größer ausfallen muss, hält Monster womöglich nicht von einem Angriff ab. Gut, wer bei einem Vampir-Angriff mit Knoblauch ausgerüstet ist – oder etwa doch nicht? Diese und andere Grusel-Mythen auf dem Prüfstand:

Kann man sich Vampire mit Knoblauch vom Hals halten?
Es könnte sich als verhängnisvoller Irrtum herausstellen: Von der weißen Knolle zu naschen in der Hoffnung, damit einen nächtlichen Besuch Draculas abwehren zu können. Denn das Gewächs ist gerade dafür bekannt, das menschliche Blut gesünder und dünner machen zu können. Für Vampire wäre es womöglich der reinste Festschmaus.

Zwei norwegische Forscher haben vor Jahren das Verhalten von Blutsaugern gegenüber der duftenden Knolle untersucht. «Aufgrund des Mangels an Vampiren verwendeten wir stattdessen Blutegel», schreiben Hogne Sandvik und Anders Baerheim in ihrer Untersuchung von 1994. Die kleinen Tiere mussten sich zwischen einer mit Knoblauch beschmierten und einer sauberen Hand entscheiden. Das Ergebnis: zwei von drei wählten die Stinkepranke. Zudem brauchten sie an der Knoblauch-Hand nur knapp 15 Sekunden, um sich festzusaugen, dreimal länger an der sauberen.

Bei einer anderen Blutsauger-Spezies, der Mücke, haben Laborstudien dagegen überhaupt keinen Einfluss des Knoblauchs feststellen können, wie die American Mosquito Control Association schreibt: weder als Abwehr- noch als Lockmittel. Ob sich Vampire am Ende doch anders als Blutegel oder Mücken verhalten? Abwarten.

Warum wirken Clowns auf manche Menschen gruselig?
Es gibt Horrorclowns wie Pennywise in Stephen Kings «Es» oder den fiesen Batman-Gegenspieler «Joker». Diese Figuren wurden eigens erdacht, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Doch auch die vermeintlich netten Spaßmacher, die Luftballonfiguren zurechtdröseln und tollpatschig über die eigenen Quadratlatschen stolpern, treiben dem einen oder der anderen Angstschweiß auf die Stirn. Die krankhafte Furcht vor Clowns hat sogar einen eigenen Namen: Coulrophobie.

Die US-Psychologen Francis T. McAndrew und Sara S. Koehnke fanden 2015 in ihrer Untersuchung über das Wesen des Gruselns («On the Nature of Creepiness») heraus: Viele haben ein mulmiges Gefühl bei Eigenschaften, die häufig Clowns zugeschrieben werden – etwa wenn das Verhalten eines Gegenüber nicht vorherzusagen ist oder Mimik und Gestik nicht richtig gedeutet werden können.

Zwar hätten bei der Befragung ungewöhnliche Merkmale wie übermäßig lange Finger, hervortretende Augen oder ein eigenartiges Lächeln an und für sich das Gruselempfinden nicht erhöht, schreibt McAndrew. «Doch können seltsame körperliche Merkmale alle anderen unheimlichen Tendenzen verstärken.» Die Probanden fanden Clowns am schaurigsten – vor Tierpräparatoren, Sexshop-Besitzern und Bestattern.

Doch das ist nur die eine Seite: Studien belegen andererseits, dass sich Clowns zum Beispiel bei kranken Kindern positiv auf die Genesung auswirken können. Und auch Horror-Altmeister Stephen King schrieb einmal: «Die meisten von ihnen sind gut, muntern die Kiddies auf, bringen die Leute zum Lachen.»

Warum laufen Zombies so komisch?
Im Kino werden Zombies meist als langsam trottende, steife Wünschelruten gezeigt, die getrieben vom Drang nach Frischfleisch ihren Opfern mit ausgestreckten Armen und abgehackten Schritten hinterherlaufen. Die Opfer segneten in Filmen wie «Dawn of the Dead» (1978) meist erst dann das Zeitliche, wenn sie von einer ganzen Horde umzingelt waren.
Was nur ist nur los im Hirn der Untoten? Dieser Frage sind die beiden US-Neurowissenschaftler Timothy Verstynen und Bradley Voytek 2014 in ihrem Buch «Do Zombies Dream of Undead Sheep?» («Träumen Zombies von untoten Schafen?») nachgegangen.

Weil die Monster zielgerichtet auf ihre Opfer zusteuern, sind nach Meinung der beiden Forscher zwar die für Bewegungsabläufe wichtigen Bereiche in der Großhirnrinde – der Motorcortex – weitestgehend intakt. Doch aus dem schwerfälligen Schritt und den starren Bewegungen schließen sie, dass möglicherweise die sogenannten Basalganglien oder das Kleinhirn nicht mehr richtig funktionieren – so wie etwa auch Parkinson-Patienten, Menschen mit Tics oder Ataxie-Kranken, bei denen das flüssige Zusammenspiel von Bewegungsabläufen gestört ist.

Forscher Voytek machte aber klar: «Keine Art von Hirnschaden könnte so etwas wie einen Zombie ermöglichen.»

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Sport

«Gesegneter Tag»: Lewis Hamilton mit 92. Sieg jetzt vor Schumacher

Lewis Hamilton liefert in Portugal einen weiteren Beweis für sein Ausnahmetalent. Beim Formel-1-Debüt an der Algarve lässt sich der Weltmeister auch vom aufregenden Start nicht beirren und holt sich den Rekordsieg.

Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Portugal, Rennen auf dem Algarve International Circuit: Lewis Hamilton aus Großbritannien vom Team Mercedes winkt nach seinem Sieg. Foto: dpa

Von Jens Marx und Christian Hollmann
Portimão (dpa) – Lewis Hamilton tanzte nach seinem Rekordsieg wie entfesselt vor seinem Team und sank dann in eine innige Umarmung mit seinem Vater. Auf der Algarve-Achterbahn von Portimão hatte der Mercedes-Star trotz eines Wadenkrampfs auf den Schlussrunden Formel-1-Geschichte geschrieben. Der sechsmalige Weltmeister raste am Sonntag bei der Premiere der Königsklasse auf dem hügeligen Kurs zu seinem 92. Karriere-Erfolg und ist jetzt alleiniger Rekordhalter mit den meisten Grand-Prix-Siegen vor Michael Schumacher (91).

Hamilton verwies in einem anfangs nervösen Großen Preis von Portugal seinen Teamkollegen Valtteri Bottas mit riesigem Vorsprung von 25,5 Sekunden auf den zweiten Platz. «Es ist das Unglaublichste, in so einer Umgebung zu arbeiten», lobte Hamilton sein Erfolgsteam und schwärmte: «Ich hätte mir nicht erträumen lassen, wo ich heute bin. Es ist ein sehr gesegneter Tag.»

Papa Anthony hielt mit der Tablet-Kamera die Jubelszenen fest. Auf dem Podium drückte Hamilton seinen champagner-getränkten Renningenieur Peter Bonnington an sich. «Als wir das Projekt vor acht Jahren gestartet haben, hätten wir uns nicht träumen lassen, dass wir Michaels Rekord brechen könnten», sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff und nannte Hamilton «den Besten aller Zeiten».

Abgeschlagener Dritter wurde der Niederländer Max Verstappen im Red Bull. Für Sebastian Vettel war auch der Ausflug an die Algarve wenig erfreulich, der Ferrari-Star rettete als Zehnter gerade noch einen WM-Punkt. «Natürlich bin ich nicht zufrieden, ich bin ja nicht hier, um Zehnter zu werden», sagte der viermalige Weltmeister und meinte: «Das Gefühl im Auto ist schon das ganze Jahr ein bisschen Murks.»

Hamilton indes dürfte nach seinem achten Sieg im zwölften Saisonlauf bald auch die nächste Schumacher-Bestmarke erreichen, der siebte WM-Titel ist fünf Rennen vor Schluss greifbar. 77 Punkte Vorsprung hat der 35-Jährige bereits auf den WM-Zweiten Bottas, dem im Endspurt nur noch ein Motorsportwunder hilft. Hamilton gewann nach seinen Erfolgen in Mugello und auf dem Nürburgring auch auf der dritten Strecke, die nur wegen der Corona-Pandemie und der Absage vieler Rennen auf anderen Kontinenten in den Kalender gerutscht war.

Das Autodromo do Algarve im Süden Portugals, das erstmals die Formel 1 zu Gast hatte, bot zum Start das erhoffte Spektakel. Ein kleiner Regenguss hatte den ohnehin glatten Asphalt angefeuchtet, das sorgte für reichlich Durcheinander auf den ersten Kilometern.

Der als Dritter gestartete Verstappen zog zunächst an Bottas vorbei, kollidierte dann aber mit dem Racing Point von Sergio Perez. Kurz darauf überholte Bottas den führenden Hamilton, ehe urplötzlich McLaren-Pilot Carlos Sainz den Vorteil seiner weicheren Reifen nutzte und die Spitze übernahm.

Doch nach sechs Runden kam allmählich die gewohnte Ordnung ins Tohuwabohu. Die mittelharten Reifen der Mercedes kamen auf Betriebstemperatur, die Silberpfeil-Piloten konnten wieder die Überlegenheit ihrer Autos ausspielen. Erst schnappte sich Bottas den strauchelnden Sainz, dann kam auch Hamilton vorbei. Verstappen holte sich Platz drei zurück, konnte dem Mercedes-Duo aber nicht folgen.

Dahinter führte Charles Leclerc den Rest des Feldes an. Der Monegasse holte wieder einmal deutlich mehr aus dem anscheinend verbesserten Ferrari heraus als Teamkollege Vettel. Der von Rang 15 gestartete Hesse profitierte immerhin von den Boxenstopps und einigen kleinen Zwischenfällen bei der Konkurrenz und arbeitete sich noch in die Punkteränge vor.

An der Spitze machte der WM-Führende Hamilton nach 20 Runden ernst. Binnen kurzer Zeit saugte sich der Brite an Stallrivale Bottas heran und setzte sich auf der Zielgeraden locker an die Spitze. Schnell fuhr der Titelverteidiger ein beruhigendes Polster heraus und deklassierte den Finnen dabei phasenweise.

Sorgen bereiteten den Strategen an den Kommandoständen indes weiter die schweren Regenwolken, aus denen hin und wieder Tropfen fielen. Wohl auch deshalb zögerten die führenden Mercedes-Piloten lange mit dem Reifenwechsel. Schon zur Hälfte des Rennens hatte Hamilton daher seinen alten Rivalen Vettel überrundet, der in Runde 28 an der Garage frische Pneus abgeholt hatte.

Nach 40 Runden beorderte Mercedes dann endlich auch Hamilton an die Box, längst waren die Verfolger aus seinem Rückspiegel verschwunden. Auch Bottas hatte seinen Widerstand frühzeitig eingestellt. So dämmerte das Rennen nach der so aufregenden Startphase einem eher müden Schluss entgegen. Hamilton war das gleich, er hatte schließlich einen weiteren meisterlichen Beweis seines Ausnahmetalents geliefert

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Feuilleton

Friedenspreis für Amartya Sen

Er ist ein Verfechter von Freiheit und Gerechtigkeit und ein Anwalt der Armen und Schwachen: Amartya Sen wurde am Sonntag mit dem Friedenspreis geehrt – bei einer ungewöhnlichen Verleihung.

Karin Schmidt-Friderichs (l), Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zeichnet die Autorin Anne Weber im Kaisersaal des Römers mit dem Deutschen Buchpreis 2020 aus.
Foto: Arne Dedert/dpa

Frankfurt/Main (dpa) – Der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen ist bei einer coronabedingt außergewöhnlichen Verleihung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Sen habe sich «als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandergesetzt», heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Seine Arbeiten trügen zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit bei und seien heute so relevant wie nie zuvor.

Der in den USA lebende Wissenschaftler und Philosoph konnte 18.10.wegen der Pandemie nicht persönlich in die Frankfurter Paulskirche kommen, stattdessen wurde der 86-Jährige aus Boston zugeschaltet – für ihn war es sehr früher Morgen. Auch die Teilnahme von Laudator, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wurde am Wochenende kurzfristig abgesagt. Nach dem positiven Corona-Test eines Personenschützers befindet sich das Staatsoberhaupt weiterhin in Quarantäne. Seine Laudatio wurde vom Schauspieler Burghart Klaußner in einer ziemlich leeren Paulskirche verlesen. Das Publikum war, ebenfalls wegen Corona, ausgeladen worden.

«Sen schreibt an gegen die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten dieser Welt. Sein Human Development Index betrachtet nicht nur das Bruttoinlandsprodukt, er schaut auf das Wohlergehen der Menschen», hieß es in Steinmeiers Rede. «Wer hätte diese Auszeichnung also mehr verdient als jemand, dessen Werk bei aller intellektuellen Brillanz vor allem eines auszeichnet: Menschlichkeit». Und: In seinem Kampf für Gerechtigkeit gehe es ihm im Kern immer um Demokratie.

Sen wurde 1933 in Shantiniketan (Westbengalen) geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften in Kolkata (früherer Name Kalkutta) und England und ist seit 2004 Professor in Harvard. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaft. In seiner Dankesrede sprach er sich gegen Autokratie, Benachteiligung und Ungerechtigkeit aus, die er in Indien aber auch in seiner Wahlheimat, den USA, sowie in vielen anderen Ländern beobachte. «Heute ist gesellschaftlich kaum etwas dringlicher geboten als globaler Widerstand gegen den zunehmenden Autoritarismus überall auf der Welt.»

Der in Frankfurt ansässige Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergibt den Friedenspreis seit 70 Jahren. Die Auszeichnung ist mit 25 000 Euro dotiert. Geehrt werden Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. 2019 war der Preis an den brasilianischen Fotografen und Umweltschützer Sebastião Salgado gegangen.

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Gesundheit

Warum die zweite Quarantäne-Woche so schwer fällt

Quarantänen schlagen irgendwann aufs Gemüt. Warum ist das so, und was hilft dann?

Eine verordnete Quarantäne kann irgendwann aufs Gemüt schlagen – nach wie 
vielen Tagen so ein Koller anfängt, ist jedoch sehr individuell. 
Foto: Bodo Marks/dpa

Von Claudia Wittke-Gaida
Essen (dpa) – In vielen Pflegeeinrichtungen gehört es seit Beginn der Corona-Pandemie zur Praxis, dass Bewohner nach Klinik- oder Arztbesuchen für volle zwei Wochen ihr Zimmer nicht mehr verlassen dürfen. Sie und auch andere Menschen, die für 14 Tage in häusliche Quarantäne müssen, halten besonders die zweite Woche nur schwer aus.

«Das liegt daran, dass es bestimmte Grundbedürfnisse nach Nähe, Austausch oder Kommunikation gibt. Solche Bedürfnisse kann man eine Zeitlang aufschieben oder einschränken. Das ist aber begrenzt», erklärt Prof. Björn Enno Hermans, Diplom-Psychologe und systemischer Therapeut aus Essen. Wenn einem immer präsenter wird, dass diese Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, erlebe man das als Mangel und es wird schwerer, die Isolation auszuhalten.

Man kann zwar versuchen, diese Bedürfnisse auf eine andere Art zu kompensieren, vor allem mit Dingen, die Freude bereiten. Etwa mit Lesen, wenn man gerne liest, mit Malen, wenn man gerne malt oder mit Fernsehen schauen. «Allerdings ist auch das irgendwie endlich. Man kennt das ja, wenn man mal länger krank zu Hause ist», weiß Hermans.

Für soziale Interaktion sorgen
Dann heißt es, sich Gedanken zu machen, ob es nicht noch andere Dinge gibt, zu denen man sonst nicht kommt oder die einem früher mal Freude bereitet haben. «Man könnte auch schauen, welche sozialen Kontakte, welche soziale Interaktion denn noch möglich ist», so der Therapeut.
Er denkt dabei an digitale Medien. So kamen in einer Essener Caritas-Einrichtung junge Sozialarbeiter zum Einsatz, die mit Tablets für Live-Verbindungen zwischen isolierten Bewohnern und deren Familie oder Mitbewohnern von Zimmer zu Zimmer gesorgt haben. «Das hat erstaunlich gut funktioniert», sagt Hermans.

Koller-Beginn sehr individuell
Nach wie vielen Tagen so ein Koller anfängt, ist aus seiner Sicht jedoch sehr individuell. «Es gibt Menschen, die suchen für sich Einsamkeit. Und es gibt Menschen, die können das schon über eine kurze Zeit nur schwer aushalten.»

Hermans plädiert allerdings dafür, dass man im Sinne besonders verletzlicher Gruppen die Quarantänezeit so kurz wie möglich hält. Positiv sieht er die anstehenden Corona-Schnelltests für Personal und Bewohner von Pflegeeinrichtungen – damit Quarantänezeiten nach Klinik- oder Arzt-Besuchen schnell wieder aufgehoben werden können.

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Reise

Baltikum: Estlands Inselwelt im Herbst erleben

Einsame Strände, Wiesen und Wälder in buntem Farbkleid: Estlands Inselwelt ist gerade im Herbst eine Reise wert. Die besondere Natur spielt auch für die Einheimischen eine wichtige Rolle.

Unterwegs auf Saaremaa – hier am Strand Ninase mit Steinmännchen.              
Foto: Andreas Drouve/dpa
                

Von Andreas Drouve
Muhu (dpa) – Die Mücken des Sommers sind weg. Ebenso die meisten Besucher. Im Herbst kehrt das zurück, was Eveli Jürisson «den größten Schatz unserer Natur» nennt: die Stille.

Die 38-jährige Biologin lebt mit ihrer Familie auf Muhu, arbeitet aber auf Saaremaa, der größten Insel Estlands. Eine Dammstraße führt hinüber, flankiert von reichlich Reet und Habitaten für Seevögel. Estland im Herbst, das ist ein Vergnügen für Naturliebhaber.

Eveli begeistert sich wie alle wind- und wetterfesten Inselbewohner an der Heimat, einer dünn besiedelten Wildnis aus Wäldern, Seen, Klippen, Stränden und Meer. Nur Berge gibt es nicht. Wenn sie auf Saaremaa die Wanderschuhe schnürt, dann am liebsten im Moorgebiet Koigi. Knapp fünf Kilometer lang ist der Trail dort. Moorbirken, Moose und ein Aussichtsturm aus Holz stimmen ein.

Oben auf der Aussichtsplattform kommt der See Naistejärv in Sicht. Eveli kennt dazu eine Sage. Sie erzählt von der Riesin Piret, der Frau des Großen Töll, die sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Sauna zu bauen – in Estland ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Dazu schleppte sie Steine heran, von denen ihr einer derart schmerzvoll auf den Fuß fiel, dass sie aufschrie und ihr die Tränen hervorschossen. «Aus den Tränen von Piret entstand dieser See», endet Evelis Geschichte aus dem Mythenschatz.

Wie magisch zieht einen auch der schwarze See Pikkjärv an. Rundherum führt der Moorwanderweg teils über schmale, archaische Metallplanken. Blaubeeren wachsen hier, dann erklingen Schreie von Wildgänsen.
Im estnischen Herbst sind die Tage noch lang und die Temperaturen erträglich genug, bevor das Klima den Bewohnern zusetzt: mit harten, düsteren Wintern, Eis und Schnee. Dann flüchten auch Birgit und Thomas Laleicke in die deutsche Zweitheimat bei Lemgo und kehren erst im April zurück. Saaremaa ist den Mittsechzigern ans Herz gewachsen. Im Hinterland des Hafens von Soela vermieten sie Baumhäuser.

«Auf Saaremaa kann man sich fallen lassen, die Natur fühlen, ganz bewusst aufnehmen mit allen Sinnen», schwärmt der pensionierte Betriebswirt Thomas. Er spricht von Waldbaden und Kraftorten. «Wenn man hier durch die Wälder geht, spürt man die positive Energie, die uns geschenkt wird.» Bliebe zu ergänzen: Nicht nur in den urwüchsigen Wäldern. Blickt man an der Küste hinaus auf die Baltische See, geht einem das Herz auf, da weitet sich die Seele.

Der einsame Strand Tuhkana im Norden der Insel bietet sich dafür besonders gut an. Während des kurzen Marsches vom Parkplatz aus riecht es nach Kiefern. Die Bäume versperren die Sicht, ihre Äste und Zweige sieben das Licht der Sonne.

Dann öffnet sich das Panorama unter einem dramatischen Himmel voller zerfetzter Wolken: In den Dünen wiegen sich Gräser im Wind, der Sand beschreibt einen weiten Bogen, winzige Felsen ragen in Ufernähe aus dem Wasser. Gierig saugt man die glasklare Luft ein, den Salzhauch. Das Wasser hat zu dieser Jahreszeit keine Schwimmtemperatur mehr, aber das ist nun mal der Preis der Nebensaison.

Indian Summer auf Estnisch

Saaremaa ist knapp dreimal so groß wie Rügen, frei von Ampeln und gespickt mit kleinen Attraktionen: der Meteoritenkrater von Kaali, mittelalterliche Kirchen und der Fußballplatz von Orissaare mit einer uralten Eiche in der Mitte, um die herum gekickt wird.

Laut Volksglauben kämpfte im Flussquellgebiet Odalätsi der Große Töll gegen den Teufel, wobei des Höllenfürsten Speer zerbrach. Die Windmühlen von Angla zeigen, wie einst die ganze Insel bestückt war. Hinter der Steilküste Panga – in längst vergangenen Zeiten lag hier eine Kultstätte für Opferrituale ans Meer – stehen windschiefe Kiefern und am Strand Ninase viele Steinmännchen.

Der höchste Punkt der Insel misst 52 Meter und wird gekrönt vom Aussichtsturm Rauna. Im Herbst explodieren die Farben der Blätter rundherum in Gelb, Ocker und Rot. Indian Summer im Baltikum.

Strohhalme aus Schilfrohr
Die Mehrzahl der 33 000 Bewohner konzentriert sich im Süden um das Städtchen Kuressaare, wo die Bischofsburg aus dem Mittelalter eine Landmarke setzt. Im Restaurant am Hafen erzählt Mihkel Tamm, 31, seine Geschichte. Weil es die Sicht auf die See blockierte, schnitt er vor dem Haus immer wieder Reet weg – bis ihm und seiner Freundin Grete 2018 die Geschäftsidee kam, daraus wiederverwendbare Strohhalme zu machen. Die Prototypen entstanden in Küche und Garage, weitere Ideen in der Natur. «Da wird mein Geist immer frei», sagt Mihkel.

Was folgte, war eine Entwicklung im Zeitraffer: Erstverkäufe nach einer Facebook-Aktion, Anschaffung von Geräten, ein nationaler Designpreis, Nachfrageboom, der Umzug der Produktion aus der Garage in eine Halle nach Kuressaare. Mittlerweile beschäftigen sie fünf Angestellte und exportieren in zehn Länder. Das Paar steht für eine Gegenbewegung – denn häufig verlassen jüngere Leute mangels Perspektive oder ausreichender Gehälter Saaremaa.

Wenn die Natur zum Casino wird
Nicht so der Fischer Martin Mai, 34, der im Ort Nasva mit seinem Freund Rein gerade den Sonntagsfang von über zwei Zentnern angelandet hat. Möwen kreisen gierig über dem Boot, bekommen aber nichts ab. Die Kumpel verladen die Fischkisten auf einen Hänger, dann geht es zu Martins Mutter Tiina in die Räucherei. Die Geschäfte laufen.

Fisch gebe es genug, sagt Martin, doch «der ganze Papierkram» der EU-Bürokratie mache ihm zu schaffen. Auch über den heutigen Fang muss er akribisch Buch führen. Dabei sind Zahlen definitiv nicht seins. Er weiß nicht einmal, wie alt seine Mutter ist, die am Morgen die Räucheröfen mit ersten Ladungen gefüllt hat – und liegt bei der Schätzung glatt um fünf Jahre daneben. Allerdings zu ihren Gunsten.

«Ich kann nichts anderes sein als Fischer», entschuldigt er sich. Und Mama Tiina kommentiert: «Die Natur ruft ihn einfach nur. Das ist wie eine Abhängigkeit vom Casino.» Angesichts der kilometerlangen, selbst im Sommer recht einsamen Strände kann man das irgendwie verstehen.

Weiter nach Hiiumaa
Das herbstliche Inselhüpfen in Estland führt nun auf das zweitgrößte Eiland Hiiumaa. Die Fähre schnurrt ruhig voran. Manchmal trägt das Meer eine Färbung, als hätte jemand Seegras mit geschmolzenem Silber und Blei angerührt. Das Passagierdeck bietet zahlreiche Steckdosen für Handys und Laptops, typisch für das baltische Land.

Von den Einheimischen auf Hiiumaa schließt kaum jemand Häuser und Autos ab. Man kennt sich, man vertraut sich. Und man erinnert sich ungern an die Sowjetzeiten, die mit der Unabhängigkeit 1990/91 endeten. Hinter dem Strand Törvanina waren Spähtrupps unterwegs, an der Zufahrt zum Leuchtturm Tahkuna verfallen Haus- und Bunkerreste. Auch die Weltkriege haben ihre Spuren hinterlassen.

Am Seesaum beim Leuchtturm, der 1875 in Paris produziert und in Teilen geliefert wurde, schneidet der Wind ins Gesicht und fährt durch Sträucher mit Hagebutten. Im Hintergrund: Regenvorhänge.

Stille auf der Landzunge
Hiiumaa steckt voller Tannen, Kiefern, Eichen, Kastanien, Pilzen, Preisel- und Moosbeeren. Im Dorf Vaemla liegt die einzige Schafwollmanufaktur der Insel in Familienhand. Die Eltern von Mihkel Valdma, 44, gründeten den Betrieb gleich nach Ende der Sowjet-Ära.

Mihkel war Fotograf, nun ist er Herr über einen prähistorischen Park aus Maschinen. «Die stammen aus Polen und sind 120 Jahre alt», erklärt er. Es rattert und vibriert. Die Luft riecht nach Öl. Im T-Shirt geht Mihkel gelegentlich nach draußen, obwohl das Thermometer nur sechs Grad anzeigt. Das macht einem kernigen Esten nichts aus.

Ein Damm bringt einen südwärts auf die Insel Kassari. Die dazwischen liegende Bucht von Käina ist Lebensraum für Seeadler, Kormorane, Graureiher und Rohrweihe. Der kleine Turm Linnuvaatlustorn ermöglicht einen Rundumblick. Nächste Stationen sind der Hafenzwerg Orjaku, die Kapelle Kassari mit ihrem Reetdach und die Halbinsel Sääretirp, die wie eine verbogene Nadel ins Meer hinausragt.

Dort löst sich vom Parkplatz ein Wanderweg, vorbei an Gras und Wacholdersträuchern. Die friedliche Stimmung ist unterlegt mit Möwengekreisch. Ruhig wird der Besucher an diesem Ort und spürt die Poesie des Augenblicks, fern von Reizüberflutung.

Info-Kasten: Estland
Anreise: Es gibt von Deutschland aus gewöhnlich direkte Flugverbindungen nach Tallinn, von dort weiter im Mietwagen. Es herrscht täglicher Fährverkehr vom Festland nach Saaremaa und Hiiumaa sowie zwischen den beiden Inseln, Reservierungen sind online möglich.
Ausflugstipp: Sehenswert ist das winzige Inselchen Prangli nördlich von Tallinn: 70 Einwohner, Hafen, Dünen, ein Strand, bescheidene Unterkünfte. Die Schule für sechs Kinder gleicht dafür einer großen Villa. Vom Hafen Leppneeme geht das Boot täglich nach Prangli.
Der Fisch deckt hier häufig den Tisch: Flundern, Forellen, Kabeljau. Im Inland der Insel verbirgt sich ein Kuriosum: der Erdgasbrunnen. Darauf ist eine Metallplatte montiert, auf der eine Pfanne steht. Hier kann man Mahlzeiten zubereiten. Einfach so. Mitten im Wald. Was man braucht, ist ein Streichholz, etwas Abstand und Vorsicht.
Corona-Lage: Estland ist von Corona weniger stark betroffen als andere Länder. Die Einreise ist für Reisende aus Deutschland derzeit möglich, doch es besteht eine 14-tägige Quarantänepflicht in Selbstisolation oder alternativ die Pflicht zu einem zweimaligen Corona-Test.
Geld: In Estland wird mit Euro bezahlt.
http://www.visitestonia.com

Redaktioneller Hinweis
Bitte beachten Sie: Bei diesem Korrespondentenbericht handelt es sich um eine zeitlose Destinationsgeschichte. Solche Beiträge bringen wir, auch wenn aufgrund der aktuellen Coronavirus-Situation das Reisen gerade sehr erschwert und in großen Teilen sogar unmöglich ist. Diese Texte und Fotos sollen helfen, Leserinnen und Lesern jetzt Inspiration bieten für die Zeit, wenn das Reisen wieder möglich ist.

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Unliebsame Untermieter: Buntspechte bauen Höhlen in Hauswänden

Ein Buntspecht (Dendrocopos major), hier ein Männchen zu erkennen am roten Fleck am hinteren Kopf, kommt mit Nahrung für den Nachwuchs zurück zur Bruthöhle in einem Baum. Foto: Patrick Pleul/dpa

Von Irena Güttel
München (dpa) – Klopf, Klopf, Klopf – so klingt es, wenn Buntspechte sich eine Schlafhöhle schlagen. Auch in Städten kann man sie dabei beobachten, denn zum Ärger von so manchem Hausbesitzer haben die Vögel die Wärmedämmung von Fassaden für sich entdeckt. Jetzt im Herbst bauten diese vermehrt Schlafhöhlen für die kalte Jahreszeit, sagte Sylvia Weber vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München. Deshalb meldeten sich bei der Expertin gerade Menschen aus vielen Städten, die von Spechten an ihrer Hauswand berichteten.

«Das ist ein deutschlandweites Phänomen, das sich mit dem vermehrten Bauen von wärmegedämmten Fassaden verbreitet hat», sagte Weber. Denn diese böten den Vögeln die gleichen Möglichkeiten wie ein morscher Baum. Die raue Struktur gleicht nach LBV-Angaben der Baumrinde und das Trommeln der Spechte klingt auf Styropor ähnlich wie auf totem Holz. Sitzen dann noch Insekten auf dem Putz, fühlt sich der Specht heimisch. Mit seinem meißelförmigen Schnabel hackt er die dünne harte Schale auf und kann das weiche Dämmmaterial dann schnell aushöhlen.

Der schwarz-weiß-rote Buntspecht ist hierzulande weit verbreitet. Der Naturschutzbund Deutschland geht von 830 000 bis 1,1 Millionen Brutpaaren aus. Eigentlich sind Buntspechte auf alte Bäume mit viel Totholz angewiesen, in dem Insekten und deren Larven leben. Viele deutsche Wälder seien aber reine Wirtschaftswälder, wo kein Holz vor sich hin faulen dürfe, sagte Weber. In Städten finde der Specht deshalb zum Teil mehr Nahrung – auch dank Meisenknödel und Futterhäuschen. «In der Stadt ist aber das Problem, dass die Bäume alle supergepflegt sind, da darf nichts verrotten.»

Also weichen die Vögel auf die Hauswände aus und richten mitunter große Schäden an. «Spechte sind vorausplanend», erläuterte Weber. Deshalb hackten sie sich im Herbst nicht nur eine, sondern mehrere Schlafhöhlen, damit sie umziehen könnten, falls sie sich in einem Quartier gestört fühlten. Ähnlich sei es im Frühjahr. Da bauten die männlichen Spechte als Balzritual mehrere Höhlen, damit sich das Weibchen einen Nistplatz aussuchen könne.

Weber warnte jedoch davor, vermeintlich leerstehende Spechthöhlen ohne genaue Prüfung zu verschließen. «Diese sind heiß begehrter Wohnraum.» Mauersegler, Spatzen, Stare, Fledermäuse und Eichhörnchen zögen dort oft ein.

Deshalb müssen es die Naturschutzbehörden nach LBV-Angaben genehmigen, wenn man etwas gegen ein Spechtloch unternehmen will.

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Aus Allen Staaten

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WOCHENPOST – Wortschatz

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Zu viele Corona-Pfunde auf den Rippen – Gesundheitsexperten besorgt

So mancher Prominenter kokettiert gern mit seinem Corona-Bäuchlein. Aber auch viele Normalos sind betroffen: Statt Vereinssport und Fitnessstudio gab es Frustfuttern auf dem Sofa. Und es drohen schon wieder neue Beschränkungen. Gesundheitsexperten sind alarmiert.

Füße stehen auf einer Personenwaage. Viele Menschen in Deutschland wiegen etwas zu viel. Foto: dpa

Von Elke Richter
München (dpa) – Es gibt sie wirklich: die Corona-Plauze. Was spaßig, bei manchem gar anerkennend oder liebevoll klingt, erfüllt Ernährungsmediziner mit Sorge. Denn gut ein Viertel aller Eltern und neun Prozent der unter 14-Jährigen haben einer am Freitag veröffentlichten Umfrage zufolge im Laufe der Pandemie zugelegt. Zugleich geht schon die Angst vor dem nächsten Lockdown um – und damit die Sorge vor weiteren überflüssigen Kilos und einem Anstieg gewichtsbedingter Folgekrankheiten.

Im Fokus steht dabei besonders der Nachwuchs. «Das Risiko von Übergewicht und Fehlernährung steigt, ganz besonders bei den Schulkindern über zehn Jahren», erläutert Berthold Koletzko von der Uni-Klinik München ein Ergebnis der repräsentativen Umfrage. «Das ist eine sehr beunruhigende Beobachtung.» Denn die gesundheitlichen Folgen können gravierend sein, zumal im Kindesalter die Ernährungsgewohnheiten für’s ganze Lebens gelegt werden.

Zwar zeigt die Umfrage, dass sich in vier Fünftel aller Familien die Ernährungsgewohnheiten zwischen März und September nicht grundlegend verändert haben. 14 Prozent aßen sogar gesünder, was auch mit einem höheren Anteil selbst gekochter Mahlzeiten zusammenhängt – dies vor allem in den Familien, in denen die Eltern im Homeoffice arbeiteten.

Dass die Kinder dennoch zulegten, lag neben der Popularität von Pizza und Pasta vor allem am schnellen Griff zu Limo, Gummibärchen und Chips. Für Kinder-Ernährungsprofi Koletzko besonders erschreckend: «Wenn man dann die sozioökonomische Schichtung anschaut, sieht man, dass Kinder aus Familien mit hohem Bildungsabschluss der Eltern wenig betroffen sind, aber dass eines von vier Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss eine Zunahme des Körpergewichts hat.»

Eine Beobachtung, die Ansgar Gerhardus nicht überrascht. «Gesundheit korreliert sehr stark mit sozialer Lage.» Dementsprechend geht der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Public Health davon aus, dass auch in der Krise weniger Qualifizierte besonders leiden, auch wenn viele Studien dazu noch in Arbeit seien. Dies nicht nur, weil sich Busfahrer und Verkäuferinnen leichter mit dem Coronavirus anstecken als der Computerspezialist im Homeoffice. Sondern auch, weil sozial Benachteiligte ohnehin stärker belastet seien und weniger Ressourcen für den Umgang mit zusätzlichen Belastungen hätten.

Ein Beispiel: Kurzarbeitergeld. «Wenn Sie nur noch zwei Drittel von wenig haben, ist das fast nichts mehr», rechnet Gerhardus vor. Dies könne Existenzängste auslösen. Dennoch warnt der Fachmann vor simplen Schlussfolgerungen. «Das ist zwischen Berufsgruppen unterschiedlich, zwischen Altersgruppen, aber auch zwischen Individuen.»

So gebe es auch akademische Berufsgruppen wie Lehrer, die derzeit unter starkem Stress stünden. «Generell hat die psychische Belastung in vielen Jobs zugenommen», betont Gerhardus. «Es ist zu erwarten, dass sich diese psychischen Belastungen sowohl in psychischen wie körperlichen Beschwerden niederschlagen.»

Nicht das einzige, aber doch ein wichtiges Gegenmittel: gesundes Essen. «Es gibt keine Ernährung, die in dem Sinne direkt vor Corona schützt wie ein Medikament», betont Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Aber: «Ernährung und Immunsystem hängen zusammen, und das Immunsystem ist gut aufgestellt, wenn man sich insgesamt ausgewogen ernährt und ausreichend Vitamin C, Zink, Selen oder Vitamin D zuführt.»

Auf den Tisch gehören deshalb möglichst viel Gemüse und Obst, Getreideprodukte, regelmäßig Fisch, wenig Fleisch. «Wichtig ist, nicht immer das Gleiche zu essen, sondern zu variieren», erklärt Gahl. «Dann nimmt man das ganze Spektrum der Vitamine und Mineralstoffe auf.» Und man verhindert Zusatz-Pfunde, was in Corona-Zeiten indirekt Vorteile hat: «Krankhaftes Übergewicht ist einer der Risikofaktoren für schwere Krankheitsverläufe bei Covid-19», schildert der Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München, Hans Hauner.

Letztlich aber müsse man aus dem Essen keine Wissenschaft machen, betont Gahl – hin und wieder genossen sind auch Fischstäbchen mit Pommes kein Problem. Ein wichtiger Rat zum Gesundbleiben in Corona-Zeiten kommt daher von Beate Grossmann von der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung: «Gerade in so einer Zeit sollte man keine unrealistischen Gesundheitsregeln einhalten wollen, sondern generell etwas gütiger mit sich selbst sein und nicht so streng mit sich ins Gericht gehen.»

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Pfunde – pounds
Rippen – ribs
kokettiert – flirt
Bäuchlein – belly
Frustfuttern – eating out of frustration
Plauze – paunch
erfüllt – cause
Sorge – concern
zugelegt – added
gewichtsbedingter – caused by obesity
Folgekrankheiten – resultant illnesses
Nachwuchs – offspring
Fehlernährung – malnutrition
zumal – especially since
Anteil – percent
Schichtung – level
Bildungsabschluss – level of education
Hauptschulabschluss – only a Hauptschule diploma
Benachteiligte – those at a disadvantage
belastet – stressed out
Belastungen – burdens
Kurzarbeitergeld – workers with shortened hours due to Corona receive 60% of their net wages and 67% if the worker has 1 or more children
Existenzängste – fear of dying
auslösen – trigger
Schlussfolgerungen – conclusions
stünden – suffer
körperlichen Beschwerden – physical complaints
niederschlagen – precipitate
hängen zusammen – interdependent
gut aufgestellt – works well
ausgewogen ernährt – has healthy eating habits
Zink – zinc
Selen – selenium
zuführt – added (to the diet)
Getreideprodukte – whole grain foods
krankhaftes Übergewicht – being morbidly obese
schwere Krankheitsverläufe – serious health consequences
TU = Technische Universität – technical university
hin und wieder – now and again
genossen – enjoy
einhalten – keep
gütiger mit sich selbst – nicer to yourself

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

*Note: Previous selections can be found in the Archives section of the site.*