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Aus Aller Welt

Weihnachtspostämter in Niedersachsen
beantworten Kinderbriefe

Ob Kuscheltier, Lego oder Spielkonsole – viele Kinder haben ihre Wunschliste an den Weihnachtsmann oder das Christkind geschickt. In Niedersachsen ist eine Antwort garantiert.

Himmelpforten: Wolfgang Dipper, Leiter des Christkindpostamts, holt die Briefe aus einem Briefkasten. In den drei Weihnachtspostämtern in Niedersachsen haben die ehrenamtlichen Helfer diese Woche mit dem Beantworten der Briefe begonnen. Foto: dpa

Himmelpforten (dpa) – In den drei Weihnachtspostämtern in Niedersachsen haben die ehrenamtlichen Helfer diese Woche mit dem Beantworten der Briefe begonnen. Nach Angaben der Deutschen Post sind bisher um die 5800 Botschaften in Himmelpforten, Nikolausdorf und Himmelsthür angekommen. Insgesamt rechne man mit einer ähnlich hohen Anzahl wie im vergangenen Jahr – rund 86 000 Sendungen hätten die Ämter 2020 erreicht. «Ein paar schreiben schon im Sommer, der große Teil kommt jetzt noch», sagte eine Sprecherin.

Die meisten Briefe kämen von Kindern, die noch nicht zur Schule gingen und noch an den Weihnachtsmann, das Christkind oder den Nikolaus glaubten. In den Briefen formulierten sie ihre Wünsche, Grüße, aber auch Sorgen und Bitten. Manchmal verfassten auch Großeltern oder Eltern eine Nachricht, um die Kinder mit einem Antwortbrief vom Weihnachtsmann zu überraschen. Die meisten Kinder wünschten sich Spielsachen. Bei Jüngeren seien Stofftiere beliebt, wie die Post-Sprecherin berichtete.

Unter Zehntausenden Briefen erhielten die drei Weihnachtspostämter jedes Jahr auch viele aus dem Ausland, vor allem aus Asien. In etwa 50 Ehrenamtliche und sechs Festangestellte der Post seien an den drei Standorten tätig und beantworteten jeden Brief. Damit dies gelingt, sollten die Briefeschreiber ihre Post noch vor dem 15. Dezember verschicken. In Himmelpforten helfen viele Freiwillige schon seit Jahrzehnten mit großem Engagement, hieß es in einer Mitteilung.

Neben Himmelsthür, Nikolausdorf und Himmelpforten gibt es deutschlandweit noch vier weitere Weihnachtspostämter.

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Sport

Aber bitte mit Maske – Bundesliga mittendrin in der Corona-Debatte

Wieder einmal ist die Bundesliga ein Spiegelbild der Corona-Debatte. In Köln feiern 50 000 Fans im Stadion – passt das zur Stimmungslage? Die Liga kritisiert, zum Spielball der Politik gemacht zu werden.

RheinEnergieStadion. Eine Zuschauerin auf der Tribüne
trägt eine FFP2-Maske mit dem Logo des 1. FC Köln. Foto: dpa

Berlin (dpa) – Im Überschwang der Gefühle war es Mark Uth zu verzeihen, einmal nicht an die bedrohliche Corona-Lage gedacht zu haben. Wenn die Südtribüne «singt, tanzt, lacht, trinkt», sagte der Kölner Stürmer nach dem Derbysieg gegen Mönchengladbach, ja, da gebe es kein «schöneres Gefühl». Die Bilder von 50 000 feiernden Menschen dicht an dicht und entgegen der fast lächerlich späten Anweisung des Gesundheitsamtes oftmals ohne Masken verursachten bei Experten wie Kritikern dagegen genau das Gegenteil. In der Fußball-Bundesliga verdichtet sich wieder einmal der lähmende Streit über den richtigen Umgang mit der Pandemie.

«Volle Fußballstadien. Ich frage mich, was die, die auf Intensiv arbeiten, von diesem Land denken, wenn sie das übermüdet und am Ende der Kraft sehen», twitterte die Co-Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, am Samstag ungefähr zu der Zeit, als sich in Köln der Derbyrausch vom Stadion in die Straßenbahnen und Kneipen verlagerte. In der Arena galt die 2G-Regel, die den Zutritt von ungeimpften Fans ausschließt.

«Ich finde es hochproblematisch, was wir beim Fußball sehen», sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der «Bild am Sonntag». «Die Menschen infizieren sich nicht im Stadion, aber die Anreise und die Feiern nach dem Spiel sind die Infektionsherde. Daher sind Spiele im vollen Stadion aktuell nicht akzeptabel.»

Der erst kurz vor dem Anpfiff verschickte «wichtige Hinweis» von Stadt und Club in Köln zur doch noch erlassenen Maskenpflicht auch auf den Steh- und Sitzplätzen erreichte augenscheinlich Tausende Fans nicht mehr. Am Sonntag teilte die Stadt mit, Gesundheits- und Ordnungsamt würden auswerten, «ob die kurzfristige Anweisung» ausreichend durch den Verein durchgesetzt wurde. Bußgelder scheinen möglich.

Nordrhein-Westfalens Landeschef Hendrik Wüst (CDU) hatte sich als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz damit hervorgetan, eine mögliche Impfpflicht für Profifußballer auf höchster Politikebene ins Spiel zu bringen. Der inzwischen mit Corona infizierte Bayern-Star Joshua Kimmich gehört sicherlich zu den prominentesten Nicht-Geimpften des Landes. Doch der Vorstoß kam bei den Bundesliga-Verantwortlichen nicht gut an.

«In Deutschland hatte ich schon gelegentlich den Eindruck, dass es bei den Ministerpräsidenten-Konferenzen oftmals um die Überschriften für die nachfolgenden Pressekonferenzen ging», sagte Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, im Interview der «Süddeutschen Zeitung». Der 52-Jährige berichtete, von mehr als 1000 deutschen Vertragsspielern seien «Stand Mitte November» 86 nicht geimpft. Er frage sich, ob es im Land «nicht drängendere Probleme gibt als 86 ungeimpfte Fußballer», sagte Seifert, der weiterhin zum Impfen aufruft.

Wüst hatte vor der Partie in Köln die Entscheidung für die Vollauslastung des Stadions in einem ARD-Interview verteidigt: «Ich glaube, das ist bei der Lage in Nordrhein-Westfalen eine angemessene Entscheidung.» Die Entscheidungsgrundlage müsse aber immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Der gesundheitspolitische Sprecher der NRW-CDU, Peter Preuß, sagte derweil im Deutschlandfunk: «Ich bin mir sicher, dass eine solche Genehmigung, wie sie wohl erteilt worden ist, heute, unter den Bedingungen, die wir jetzt kennen, nicht erteilt worden wäre.»

Die Sieben-Tage-Inzidenz in NRW lag laut Robert Koch-Institut zuletzt bei 276,4. In Sachsen, wo am Sonntag die Partie zwischen RB Leipzig und Bayer Leverkusen als Geisterspiel ausgerichtet wurde, stieg der Wert auf 1205,5. «Wir dürfen die Gesundheit von vielen jetzt nicht bei sorglosen Großveranstaltungen verzocken», sagte der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen am Sonntag dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die RB-Verantwortlichen hatten zuletzt Wettbewerbsverzerrung beklagt. Und abseits der in Heimspielen sicher unterstützenden Stimmung von den Rängen hängt der Profisport stark von den Einnahmen aus Kartenverkäufen ab, andere Sportarten noch viel mehr als der Fußball. Ein selbstverordneter Zuschauerausschluss an den Standorten, wo die Politik noch Fans erlaubt, ist deshalb eher unwahrscheinlich. Flächendeckend beschließen könnte diese und andere Maßnahmen (Auswärtsfanverbot, Streichung der Stehplätze) die DFL-Mitgliederversammlung, die nächste Sitzung ist für den 14. Dezember geplant.

Die steigenden Zahlen und möglicherweise auch schon die neue Corona-Variante Omikron könnten der Liga diese Diskussion aber recht zügig abnehmen. «Wir müssen uns die nächsten Tage unterhalten. Es müssen auf jeden Fall die Zuschauerzahlen deutlich reduziert werden», sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Sky-Interview. «Es muss massiver Abstand sein.»
In Bayern dürfen die Stadien derzeit bis zu 25 Prozent der Gesamtkapazität ausgelastet werden. Für das Spitzenspiel am kommenden Samstag zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern in NRW sind nach aktuellem Stand 67 500 Fans zugelassen – noch.

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Feuilleton

Österreichischer Schriftsteller Setz mit Kleist-Preis geehrt

Der Schriftsteller Clemens J. Setz hat ein Faible für Abseitiges und Eigenartiges.
Foto: Max Zerrahn/dpa

Berlin (dpa) – Nach coronabedingt mehrfacher Verschiebung ist der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz am Sonntag in Berlin mit dem Heinrich-von-Kleist-Preises für 2020 ausgezeichnet worden. Der mit 20 000 Euro dotierte Literaturpreis wurde während einer Matinée im Deutschen Theater in Abwesenheit verliehen. Von Setz wurde eine Videobotschaft eingespielt.

Der Preis, der Setz bereits im März des vergangenen Jahres zuerkannt worden war, wird in Erinnerung an den Dramatiker, Novellisten und Essayisten Heinrich von Kleist (1777-1811) von der in Berlin und Köln agierenden Kleist-Gesellschaft verliehen.

Aus Sicht der Gesellschaft ist der in Graz lebende 39-Jährige «ein literarischer Extremist im besten Sinne, ein Erzähler und Dramatiker, der seine Leser mit anarchischer Fantasie und maliziöser Fröhlichkeit stets aufs Neue verblüfft». Sein neugieriger Blick auf die Welt verrücke die Maßstäbe der Normalität.

Setz erhielt für seinen Erzählband «Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes» 2011 den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse. Weitere bekannte Werke sind die Romane «Indigo» (2012) und «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» (2015). Anfang November wurde Setz mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet.

Der Heinrich-von-Kleist-Preis geht an Schriftstellerinnen und Autoren, die wie der Namensgeber als Vordenker für die Zukunft gelten können. Frühere Preisträgerinnen und Preisträger sind unter anderem Herta Müller, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani und Daniel Kehlmann.

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Gesundheit

Schilddrüsenfehlfunktion kann viele Gesichter haben

Müdigkeit oder Antriebslosigkeit: An die Schilddrüse 
denkt bei solchen Symptomen im ersten Moment kaum jemand.  Foto: dpa

Essen (dpa) – Müdigkeit oder Nervosität, Antriebslosigkeit oder Herzrhythmusstörungen: An die Schilddrüse denkt bei solchen Symptomen im ersten Moment kaum jemand. Doch all diese Beschwerden können auch mit einer Fehlfunktion des kleinen Organs zusammenhängen.
Weil die Bandbreite möglicher Symptome so hoch ist, werden Schilddrüsenerkrankungen zunächst oft nicht in Betracht gezogen und übersehen, wie der Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner erklärt. Das eine „typische“ Leitsymptom dafür gebe es „leider nicht“.

Viele mögliche Beschwerden
Eine Schilddrüsenunterfunktion – wenn das Organ zu wenig Hormone produziert – kann sich laut dem Verband zum Beispiel durch Müdigkeit, Gewichtszunahme, Depressionen oder Antriebslosigkeit sowie durch eine nachlassende geistige Leistungsfähigkeit äußern. Umgekehrt sind etwa unerklärlicher Gewichtsverlust, Nervosität, Schlafstörungen und Herzrhythmusstörungen mögliche Hinweise auf eine Überfunktion.

Schluckbeschwerden, anhaltende Heiserkeit oder Verdickungen am Hals können ebenfalls mit der Schilddrüse zusammenhängen.

Mehr Erkrankungen mit zunehmendem Alter
Der Rat lautet: Im Zweifel lieber zeitnah ärztlich abklären lassen, ob das kleine Organ bei solchen Symptomen als Verursacher in Betracht kommt. Schilddrüsenerkrankungen nehmen nach Angaben des Verbandes mit steigendem Alter zu, Frauen seien häufiger betroffen als Männer.

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Reise

Italien: Zum Kaffeetrinken nach Triest

Im Kaffeehaus Caffè Degli Specchi können sich Besucher dem süßen Nichtstun hingeben. 
Foto: Alexandra Stahl/dpa


Triest (dpa) — Es ist nicht so, dass man ein Lexikon braucht, um einen Kaffee in Triest zu bestellen. Wer «un caffè» ordert, kriegt auch einen – hat sich aber als Tourist bekannt.

Wer nicht auffallen will, sollte ein wenig üben: In der Hafenstadt in Italiens Nordosten ist ein Espresso «un nero», einer mit einem Schuss Milch «un capo» und einer mit einem Häubchen Milchschaum «un giocciato». Wer das Ganze im Glas statt in der Tasse möchte, fügt ein «in b» hinzu («in bicchiere» heißt «im Glas»). Alles klar soweit?

Es sei nicht einfach mit dem Kaffee, heißt es auf der Homepage des Stadtmarketings von Triest. Dort ist dem Thema ein eigener Bereich gewidmet. Erklärt wird, «wie man in Triest einen Kaffee bestellt». Ein Cappuccino, liest man, nennt sich «caffélatte». Und wer außerhalb der Stadt «un nero» bestellt, bekommt Rotwein.

In Triest gibt es ein Kaffeemuseum, eine Kaffeemesse, ja sogar eine Kaffeeschule. Und einige altehrwürdige Kaffeehäuser und Konditoreien. Kaffee gehört zur Stadt wie Kaiserin Sisi zu den Habsburgern – und Triest wiederum gehörte zu den Habsburgern, und zwar vom Jahr 1382 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Unter den österreichisch-ungarischen Herrschern stieg die Stadt an der Adria ab dem frühen 18. Jahrhundert zum bedeutenden Handelszentrum in Südosteuropa auf. Von der einstigen Macht ist nicht mehr viel übrig, von der Kaffeeindustrie schon.

Bis heute sind dem Rohstoff am Triester Hafen rund 40 000 Quadratmeter Fläche vorbehalten. Mehr Kaffee wird in Italien nur im Hafen von Genua umgeschlagen. Getrunken werden in Triest angeblich 1500 Tassen pro Kopf im Jahr, deutlich mehr als im Rest des Landes.

Haben die Triester also alle Koffein im Blut? Am besten, man schaut in den alten Kaffeehäusern nach.

Zehn Tassen am Tag sind kein Problem
Das Antico Caffè Torinese in der Nähe der Piazza della Borsa ist eines von fünf Kaffeehäusern in der Stadt, die auf der landesweit geführten Liste von «locali storici» stehen und damit zu den ältesten Lokalen Italiens zählen. Der Marmortresen und der Kronleuchter darüber sind Originale aus dem Eröffnungsjahr 1919. Dahinter wird nicht nur Kaffee zubereitet, es werden auch Cocktails gemixt.

Wie viel Kaffee sie täglich trinken, frage ich die Frauen hinter dem Tresen. «Cinque», fünf, sagt Giada Balanzin, 23, aber ihre Kollegin Adel Flores, 22, überbietet sie: «Sei», sechs also. Und ihr Chef – das sagen sie beide – der schaffe sogar «dieci»: zehn.

Kaffee sei in Triest ein Ort, an dem die Seele wohne, zitiert das Triester Stadtmarketing dann auch Roberto Morelli, der sich wiederum als Marketingchef von Illy entpuppt. Der Kaffeekonzern wurde 1933 in Triest gegründet. Der heutige Chef Andrea Illy soll bei seiner ersten Tasse Kaffee angeblich vier Jahre alt gewesen sein.

Sicher ist: Sein Bruder Riccardo war lange Bürgermeister der Stadt, später Präsident der Region Friaul-Julisch Venetien, deren Hauptstadt Triest ist. Sicher ist auch: Der Großvater – Francesco Illy – entwickelte den Vorläufer der heutigen Espressomaschine.

Kaffee wird schnell im Stehen getrunken
Dass Kaffee in Triest bis heute vor allem ein Geschäft ist, wird spätestens am nächsten Morgen klar. Fortsetzung der Kaffeehaus-Tour, und zwar im Caffè Stella Polare, noch eines der fünf traditionellen Häuser. Getrunken wird am am Tresen, schnell und im Stehen, wie man es aus Italien kennt.

«Buongiorno, caffè?», ruft der Baristo, sobald einer das Café betritt. «Un capo in b, per favore», sage ich zum ersten Mal und bekomme ein Glas mit Espresso und einem Schuss Milch. In Deutschland würde man das Espresso Macchiato nennen und aus der Tasse trinken. Hier, in dem kleinen Glas, sieht es aus wie ein Baby-Latte-Macchiato.

Draußen am Canal Grande steht James Joyce (1882-1941), jedenfalls sein Denkmal. Der irische Schriftsteller lebte von 1905 bis 1915 in Triest. Es gibt kaum ein Café, das nicht damit wirbt, dass der Mann einmal dort gewesen wäre. Weitere Namen, die immer zu hören sind: Italo Svevo (1861-1928), Umberto Saba (1883-1957), Claudio Magris, alles Schriftsteller. Frauennamen fallen nie.

In der 1900 eröffneten Konditorei Pirona soll Joyce sein Meisterwerk «Ulysses» begonnen haben. Andere sagen: seinen Wälzer.

Die Zeit scheint immer knapp zu sein
An diesem Morgen blickt Joyce nur noch von einem Foto auf die klassischen Triester Backwaren, die es auch in jedem Supermarkt gibt. Sie nennen sich Pinza, Presnitz oder Putizza. Fast meint man, wieder ein Lexikon zu brauchen. Um es kurz zu machen: Es sind diverse Kuchen, mal mit Hefe, mal aus Blätterteig.

Man kann einfach bestellen, was am besten aussieht, zum Beispiel ein Kipfel mit «noci», Walnüssen. Der Baristo bringt dazu «giocciato», Espresso mit Milchschaum, diesmal in der Tasse. «Non ho tempo!» ruft er allerdings auch: Ich habe keine Zeit!

Der Baristo wirbelt zwischen Espressomaschine, Geschirrspüler und Kasse umher, nimmt Bestellungen entgegen, macht neue Tabletts fertig. Aus der Küche bringen Kollegen frische Torten für die Glasvitrinen. In den drei Sekunden, in denen er mal nichts zu tun hat, verrät er, dass er am Tag moderate drei Tassen Kaffee trinke und Massimo heiße. Zu seinem Nachnamen kommen wir nicht, der nächste Kunde spaziert herein. «Buongiorno, prego?», ruft Massimo.

Schlange stehen für einen «deca»
Weiter zur Piazza dell‘Unità d‘Italia, angeblich Europas größter Platz mit offenem Blick aufs Meer. Dort residiert das Caffè degli Specchi, das größte Kaffeehaus Triests. Es wurde 1839 eröffnet und war einst Treffpunkt der Irredentisten, der Befürworter der italienischen Einheit, später dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, Quartier der britischen Marine. Laut dem Betreiber werden hier 900 000 Tassen Kaffee im Jahr ausgeschenkt. Wie bitte, fast eine Million?

Aber ja, man glaubt es beinahe. Wer rein will, muss schon mal Schlange stehen. Eine Art Platzwärter bringt mich zu einem Tisch in letzter Reihe, guter Ausblick auf das Treiben, eine entspannte Mischung aus Touristen und Einheimischen: alte Damen mit kleinen Hunden, junge Pärchen mit großen Koffern, Zeitungsleser, Weißweinfrühstücker. Hier könne man sich ein bisschen wie Sisi fühlen, schreibt die Stadt auf ihrer Homepage.

Die beiden bisherigen Kaffee wirken inzwischen. Also bestelle ich «capo deca in b» wie ein einheimischer Vollprofi. Das «deca» steht für «decaffeinato», entkoffeiniert. Ein verkabelter Kellner mit Knopf im Ohr bringt ihn zusammen mit einem kleinen Glas flüssiger Schokolade, wohl als Ersatz für den Keks zum Kaffee.

Kaffee mit Ginseng oder Schnaps
Gemächlicher geht es nebenan im Caffè Tommaseo zu, Triests ältestem Kaffeehaus, 1830 eröffnet und das erste Café Italiens, in dem es Eiscreme gab. Vor dem Eingang hängt eine Liste mit den Kaffeespezialitäten: Neben «capo» und «nero» gibt es Kreationen mit Ginseng oder Schnaps wie in den anderen Häusern auch.

Die Kellner tragen weiße Jacketts und Stoffhandschuhe, sind aber nicht so steif wie ihre Kleidung vermuten lässt. Einer macht bereitwillig ein Gruppenfoto von drei älteren Damen, sein Kollege stellt sich als Dino Stolfa vor und verrät, dass er 30 ist, Physik studiert und keinen Kaffee trinkt – nur Tee. Das Interieur ist gediegen: Holzparkett, Stuck, gläserne Theke. Leise Klaviermusik.

Ähnlich schick ist es in der Via Cesare Battisti im 1914 eröffneten Antico Caffè San Marco, dem letzten der fünf historischen Kaffeehäuser. Oder in Triests ältester Konditorei La Bomboniera. Die öffnete 1836 ihre Türen und steht wie die Feinbäckerei Pirona auch auf Italiens Liste der «locali storici».

Erinnerungen an bessere Tage
Quer durch die Stadt finden sich immer wieder Schaufenster mit historischen Kaffeewaagen, Mühlen oder Espressokochern – nur die Läden dazu gibt es nicht mehr. Viele Geschäfte stehen leer. Staubige Fensterrahmen, verrammelte Türen. Triest hat seine besten Zeiten wohl hinter sich, die Exponate sind eher eine blasse Erinnerung daran.

«Die Stadt wirkt auf den ersten Blick schnell und geschäftig, aber darunter ist alles sehr langsam», sagt Alberto Polojac.

Er gibt an, mehr als zehn Tassen Kaffee am Tag zu trinken, und hat sich eine Kaffeebohne mit Schnurrbart und Hut ausgedacht: Mr. Bloom, das gleichnamige Logo seiner Kaffeeschule, der Bloom Coffee School in der Nähe des Triester Bahnhofs. Dort bietet Polojac, der in dritter Generation die Kaffeefirma Imperator leitet, Schulungen für Geschäftsleute an, aber auch für Laien.

Mr. Bloom ist nach Leopold Bloom benannt, dem Protagonisten in «Ulysses». Joyce, Kaffee, Triest, das gehöre doch alles zusammen, sagt Polojac. Immerhin sei seine Heimatstadt die einzige in Südeuropa, die jeden Juni den Bloomsday feiere. Eine Hommage an Joyce, dessen «Ulysses» an einem einzigen Tag im Juni 1914 spielt.

Aufgewachsen ist Polojac mit dem Geruch von Kaffeebohnen. Nicht mit den gemahlenen, sondern mit den ganzen, mit denen schon sein Großvater handelte. Die meisten Leute, sagt der 44-Jährige, wüssten nicht mal, dass Kaffee eine Frucht sei, sie würden nur das Endprodukt aus dem Supermarkt kennen. Für Triest wünscht er sich wieder mehr traditionelle Röstereien wie zu Zeiten seines Großvaters. Und dass die Stadt mehr aus ihrem Erbe macht – es sei ja alles da.

Ein Leben mit und für den Kaffee
So ähnlich sieht das auch Gianni Pistrini, der das Kaffeemuseum der Stadt betreut, aber derzeit nur einen Teil der Objekte in einem winzigen Ladengeschäft in einem Wohnviertel zeigen kann. Eigentlich ist das Museum Teil des Handelsmuseums im Palazzo Dreher in der Innenstadt, aber der wird gerade renoviert.

Pistrini ist 62 und hatte sein ganzes Leben mit der schwarzen Bohne zu tun. Einst am Hafen für eine Firma, die es nicht mehr gibt, später als Journalist und Kaffeetester und nun – europaweit – als Experte. Dabei trinkt er selbst nur noch selten eine Tasse. Und schon gar nicht in einem der Triester Kaffeehäuser. Wer so viel über Kaffee wisse wie er, werde wählerisch, sagt er und lächelt.

Info-Kasten: Triest
Anreise: Mit dem Zug ist Triest am besten vom Münchner Hauptbahnhof zu erreichen, Verbindungen entweder über Verona Porta Nuova und Venedig Mestre oder über Villach und Udine. Dauer je nach Verbindung zwischen sieben und neun Stunden, ab 70 Euro einfache Fahrt. Direktflüge zum Triester Flughafen gibt es derzeit nur mit Lufthansa von Frankfurt am Main aus, ab 120 Euro hin und zurück.
Historische Kaffeehäuser und Konditoreien: Antico Caffè Torinese, Corso Italia 2, Antico Caffè San Marco, Via Cesare Battisti 18, Caffè Degli Specchi, Piazza dell’Unità d’Italia 7, Caffè Tommaseo, Piazza Nicolò Tommaseo 4, Caffè Stella Polare, Via Dante Alighieri 14, Konditorei Pirona, Largo della Barriera Vecchia 12, Konditorei La Bomboniera, Via Trenta Ottobre 3, Kaffeemuseum Triest: Handelsmuseum, Via San Nicolò 7, derzeit geschlossen. Provisorisches Museum in der Via Aldo Manuzio 10B, Öffnung nach Anmeldung (pistrinig@hotmail.com).

Einreise und Corona-Lage: Bei der Einreise müssen Erwachsene und Kinder ab sechs Jahr eine Online-Anmeldung ausfüllen und eine Impfung, Genesung oder negativen Corona-Test nachweisen. Vor Ort wird der «Grüne Pass» benötigt, um zum Beispiel Museen und Restaurants besuchen zu können. Es gilt das in Deutschland gängige EU-Zertifikat.

Internet-
Informationen: http://www.discover-trieste.it

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Filigranes aus Glas: Die thüringische Heimat der Christbaumkugel

Dieser Baumschmuck von Veit Hartleb zeigt den Weihnachtsmann mit weißem Rauschebart.
Foto: Alexandra Frank/dpa

Von Alexandra Frank
Lauscha (dpa) – In Lauscha wird Weihnachten gefeiert. Die Lichter am Tannenbaum brennen, glänzende Kugeln hängen über hübsch drapierten Geschenken und ein kniehoher Weihnachtsmann begrüßt Gäste mit Rute und Sack. Für die Adventszeit ein vertrauter Anblick. Aber hier, im Thüringer Wald, wird nicht nur im Dezember an Weihnachten gedacht, sondern auch an Ostern, zum Sommeranfang und beim Erntedankfest.

So auch bei Helmut Bartholmes, Inhaber der Glasbläserei Thüringer Weihnacht. «Schon im Januar beginnen wir mit der Planung für das nächste Weihnachtsfest», sagt er und wirft einen Brenner an. Sachte führt der 61-Jährige einen Glaskolben in den fauchenden Feuerstrahl und dreht ihn am anderen Ende, bis das Glas flüssig wird.

Dann ist Erik an der Reihe, sein siebenjähriger Enkel, der auf seinem Schoß sitzt. Vorsichtig beginnt das Kind zu pusten, bis sich – wie bei einer Seifenblase – eine Kugel aus Glas bildet. Eine Weihnachtskugel. Vom Großvater zum Enkel, vom Vater zum Sohn und später auch zur Tochter, so wird in der Region rund um Lauscha im Thüringer Wald schon seit dem 19. Jahrhundert die Glasblastradition von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Christbaumkugel aus der Not erfunden
«Mit Erik bläst in unserer Familie schon die sechste Generation Glas», sagt Bartholmes und betrachtet das zierliche Gebilde in seiner Hand. Schon um 1755 wurden am Rennsteig im südlichen Thüringer Wald hohle Glasperlen produziert, die als Schmuck oder Spielzeug dienten. Ab 1820, nach der Einführung des Blasebalgs, gelang es Handwerkern, größere Teile zu blasen.

Einer Legende nach war es einige Zeit später ein armer Glasbläser, der die Christbaumkugel erfand: Weil er kein Geld für teure Nüsse und Äpfel hatte, dekorierte er seinen Weihnachtsbaum aus der Not heraus mit selbstgeblasenen Kugeln und anderem Glasschmuck.

«Hier wurde die Weihnachtskugel erfunden», sagt Gerhard Greiner-Bär. Er forscht zur Geschichte dieser Tradition und trug dazu bei, dass die Handwerkskunst aus Lauscha seit März 2021 zum Immateriellen Kulturerbe gehört. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in den Werkstätten der Region Kugeln geblasen, anderer Christbaumschmuck wie Vögel, Baumspitzen, Glocken, gläsernes Obst oder Tropfen kamen dazu.

«Die Formen und Dekore gingen mit der Zeit», sagt Greiner-Bär. «Je nach Kunstepoche und Mode waren sie mal schlichter, mal opulenter oder auch mal kitschiger.» 1880 war ein entscheidendes Jahr: Der amerikanische Handelskonzern Woolworth stieg in das Weihnachtsschmuckgeschäft ein und lieferte riesige Mengen filigraner Werke von Thüringen nach Übersee. Später, zu DDR-Zeiten, produzierten 1300 Mitarbeiter für den «VEB Thüringer Glasschmuck» Baumschmuck fürs In- und Ausland.

Spezialitäten aus dem Familienbetrieb
Bis heute wird der Lauschaer Christbaumschmuck von familiengeführten Handwerksbetrieben in der Region zwischen Masserberg und Sonneberg weiter produziert, auch wenn der Konkurrenzkampf gegen Billigmassenware aus China und anderen Teilen der Welt dem Handwerk zugesetzt hat. «Heute gibt es noch rund 15 bis 20 Familienbetriebe, die Baumschmuck blasen», schätzt Greiner-Bär. «Und jeder braucht seine eigene Nische, um mithalten zu können.»

Der 59-jährige Veit Hartleb verkauft hauptsächlich über das Internet. Seine Spezialität ist nicht die klassische Christbaumkugel, sondern nostalgischer Schmuck und ungewöhnliche Unikate. Bei seinen Entwürfen setzt er auf eine Mischung aus Jung und Alt. «Oft schaue ich in Kinderbüchern oder auch im Internet bei Pinterest nach Inspiration», sagt er. Doch genauso häufig benutzt er alte Keramikformen seines Großvaters, die neben anderen handtellergroßen Vorlagen im Regal seiner Werkstatt stehen.

Seine Kunden schätzen besonders freigeformte, zusammengesetzte Stücke: Einhörner und Puppen, feuerspeiende Drachen und Weihnachtsmänner mit Rauschebart, ganze Waldlandschaften mit rot-weißen Fliegenpilzen oder auch mal ein Teufelchen. Wenn er keine Formvorlage benutzt, bläst Hartleb zunächst einzelne Körperteile, zieht sie zurecht und setzt sie aneinander.

Nach der Versilberung der Stücke greift er traditionell zum Eichhörnchenhaarpinsel, um ihnen Leben einzuhauchen. «Standardformen sind schnell produziert», sagt er. «Aber für ein Unikat können auch schon mal anderthalb Stunden draufgehen.»

Filigrane Vögelchen aus Glas
Auch Helmut Bartholmes hat neben den klassischen Kugeln Besonderheiten in seinem mehr als 3000 verschiedene Artikel umfassenden Sortiment. Sein Zehn-Mann-Betrieb ist eine der größten und ältesten Werkstätten der Region. In dem tannengrünen Schieferhaus, wo die Schmuckstücke geblasen und bemalt werden, befinden sich auch große Verkaufsräume voller Kugeln, Tannenspitzen, Weihnachtsmännern und Glastierchen, die die Firma bis nach Australien verschickt.

Besonders beliebt sind handtellergroße Vögelchen, ein Produkt, das sein Sohn vor rund zehn Jahren eingeführt hat. Die zierlichen, hauchdünnen Silberfasane, Feldsperlinge, Singdrosseln, Rotkehlchen und Dompfaffen werden von Liebhabern in aller Welt gesammelt. «Die zieren oftmals nicht nur die Weihnachtsbäume», sagt Bartholmes, «sondern auch so manchen Osterstrauß oder sommerlichen Dekozweig.»

Aber auch Kugel ist nicht gleich Kugel. Manche werden mit einer Vertiefung – einem sogenannten Reflex – versehen, die Bartholmes mit einem Keramikstempel ins heiße Glas drückt. Andere bekommen im weiteren Verarbeitungsprozess das gewisse Extra: Airbrushpistolen sorgen für fließende Farbübergänge, liebevolle Details entstehen in gewissenhafter Handarbeit mit feinen Pinseln. Und bei manchen Exemplaren sorgt ein spezieller Lack für einen Eisblumeneffekt.

«Bei uns vor der Tür steht das ganze Jahr über ein riesiger, bunt geschmückter Weihnachtsbaum», sagt Bartholmes. «Aber natürlich kommen die meisten Besucher tatsächlich in der Adventszeit.» Dann, wenn nicht nur die Region um Lauscha, sondern ganz Deutschland dem Weihnachtsfest entgegenfiebert.

Informationen:
http://www.thueringer-wald.com

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