WOCHENPOST – Wortschatz

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Computer, Corona, Carpe Diem: Das «tote» Latein ist quicklebendig

Latein gilt als Schülerschreck, tote Sprache, verstaubt. Weit gefehlt, sagen Experten. Das Lateinische sei quasi unsere DNA und europäische Muttersprache. Wir alle verwenden es Tag für Tag – oft unbewusst.

Nordrhein-Westfalen, Lichtenau-Dalheim: Ein lateinischer Text („Silentium Strictum“), auf einer Tafel geschrieben, ist Teil der Ausstellung «Tot oder lebendig?» im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur. Ob Magnum und Duplo aus dem Supermarkt oder «Carpe Diem» als Lebensmotto – noch immer steckt viel Latein in unserem Alltag. Foto: Friso Gentsch/dpa

Von Yuriko Wahl-Immel
Dalheim (dpa) – Den «Computer» und die «Digitalisierung» verdanken wir eigentlich den alten Römern. Auch das Coronavirus, der Käse oder die Nivea-Creme sind schon viele Jahrhunderte alt – sprachlich gesehen. Denn sie stammen vom Lateinischen ab, das eine mehr als 2000 Jahre alte Geschichte hat und doch nach wie vor unseren Alltag prägt, oft unwissentlich, wie Ingo Grabowsky sagt. Der Direktor des LWL-Landesmuseums für Klosterkultur ist überzeugt: Das Lateinische ist «quicklebendig».  

Im westfälischen Lichtenau startet am Freitag die Sonderausstellung «Latein. Tot oder lebendig?» im Kloster Dalheim. Man kann hier auch beim römischen Kassierer Venditor Henricus simuliert shoppen. Und lernt dabei: Mit Markennamen wie Alete, Labello, Duplo oder Magnum bedient sich auch die Werbebranche kräftig aus dem Latein-Fundus.

Relikte des Lateinischen lauern eigentlich überall, nicht nur beim Einkaufen, wie die Schau unterhaltsam veranschaulicht. Im Gerichtssaal heißt es «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten), als allgemeingültiges Prinzip gilt «manus manum lavat» – also eine Hand wäscht die andere.

Und: «Fast jedes Wort, was wir aus dem Englischen importieren, kommt aus dem Lateinischen», erläutert Grabowsky. Denn Englisch bestehe zu 70 Prozent aus lateinischen Vokabeln. Beispiel: Der Computer (computare = rechnen). Auch «digital» hat eine antike lateinische Wurzel (digitus = der Finger).
   
Es gebe eine Bewegung, in der sich Leute zum Plaudern auf Lateinisch am Stammtisch treffen, schildert Grabowsky. Aber Latein sei einerseits schon eine «tote» Sprache, weil sie fast nicht gesprochen werde. Zugleich aber auch «sehr lebendig» in ihrem Einfluss und als «gemeinsame Muttersprache Europas». Latein schaffe Zugang zur europäischen Geistesgeschichte, habe prägend eingewirkt auf Geschichte, Kultur und Bildung bis heute. Nicht zu vergessen: Die weltweit genutzte lateinische Schrift.

Um Entwicklung und Bedeutung zu demonstrieren, stehen elf wichtige Lateinerinnen und Lateiner parat, um in der Schau durch eine rund 2100-jährige lateinische Sprachgeschichte zu führen. Da ist der römische Redner Cicero (106-43 vor Christus), dessen Texte noch heute zur Standardlektüre für Latein-Schüler gehört. Oder Karl der Große (747-814), der Latein aus der Krise holte: «Er hat die Sprache gerettet, Latein wieder als verpflichtendes Fach für die höhere Schulbildung eingeführt.» Denn für sein Vielvölkerreich brauchte es eine gemeinsame Sprache.
Äbtissin Hildegard von Bingen (um 1098-1179), 2012 heilig gesprochen, soll ihre Visionen sogar auf Lateinisch gehört haben, lernt man. 
 
Besucherinnen und Besucher begegnen auch dem widerspenstigen ComicGallier Asterix. Die mehr als 200 Exponate zeigen, dass es sogar Kinder- und Jugendbücher wie «Grecs Tagebuch» oder «Die drei Fragezeichen» in lateinischer Übersetzung gibt, zudem lateinische Brett– oder Kartenspiele. Wie es vor Jahrhunderten mit dem Latein-Unterricht ausgesehen haben mag, wird ebenfalls anschaulich – ein Vokabelheft aus dem 9. Jahrhundert lässt auf außerordentliche Schülerdisziplin schließen.

Die Kulturdezernentin des Landschaftsverbands LWL, Barbara Rüschoff-Parzinger, betont am Mittwoch, wenige Tage vor Eröffnung: «Die lateinische Sprache ist die DNA für viele andere nationale Sprachen.» Sie stecke in vielen Begriffen und sei aus vielen Bereichen wie der Medizin gar nicht wegzudenken. Latein werde als dritthäufigste Fremdsprache in deutschen Klassenzimmern unterrichtet und sei zudem Voraussetzung für viele Studiengänge.

Parallel zu der Schau hat das Museum eine Podcast-Serie «Hocus, locus, jocus» entwickelt. Alle Texte der Ausstellung sind zweisprachig Latein-Deutsch. Noch bis 8. Januar ist die spannende wie amüsante Ausstellung zu sehen – also: «carpe diem!»

Wochenpost – STICHWÖRTER– TRANSLATION

Trans: Barbara Weidendorf, B.A., M.A.

Schülerschreck – students’ torture
verstaubt – dusty
verwenden – use
verdanken – owe
Römern – Romans
stammen ab – derived
nach wie vor – as before
prägt – stamps
unwissentlich – unwittingly
überzeugt – convinced
quicklebendig – very much alive
Sonderausstellung – special exhibition
Kassierer – cashier
bedient – served by
kräftig – powerfully
Fundus – base
Relikte – relics
lauern – lurk
unterhaltsam – entertainingly
veranschaulicht – illustrates
Gerichtssaal – courtroom
Zweifel – doubt
Angeklagten – accused
allgemeingültiges – generally valid
Prinzip – principal
Wurzel – root
Plaudern – chat
n.b. Stammtisch – table reserved for those who regularly meet at a set day and time
schildert – described
Einfluss – influence
Geistesgeschichte – history of ideas
eingewirkt auf – effect upon
Bildung – education
Schrift – lettering
Entwicklung – development
parat – ready
Krise – crisis
gerettet – saved
verpflichtendes – required
Fach – subject
eingeführt – introduced
Vielvölkerreich – multi-cultural empire
gemeinsame – common
Äbtissin – abbess
begegnen – encounter
widerspenstigen – stubborn
Comic-Gallier – comic book resident of Gaul
n.b. Gaul – ancient name of France
Exponate – exhibits
Brett – board
anschaulich – graphic
außerordentliche – extraordinary
schließen – judge
Kulturdezernentin – head of the cultural department
betont – emphasized
Begriffen – terms
Bereichen – fields
dritthäufigste – third most frequent
Voraussetzung – prerequisite
Studiengänge – courses of study
spannende – gripping
n.b. carpe diem (Latin): seize the day

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